Manuel Magiera
 
Eis unter dem Regenbogen
 

Kapitel 1   Regenbogen

„Bäh!“ Angewidert von seinem Spiegelbild steckte sich Toni die Zunge aus. Fürchterlich! Das bin nicht ich, dachte er verzweifelt, während er sich kerzengerade vor dem Spiegel lang nach oben streckte und den eigens in der Stadt gekauften Hüftgürtel in Brusthöhe vor sich hielt. Er musste die Brust so flach es ging abbinden. Keine noch so geringe Wölbung durfte ihn verraten. Wie immer in Momenten wie diesen, fühlte er sich hundeelend. Er spürte wie ihn die fremde Person im Spiegel herunterzog. Starr blickte sie auf ihn herab und die Welt um ihn herum fühlte sich unwirklich an. Der Spiegel konnte nichts dafür. Er gab nur wieder, was ihm vorgesetzt wurde. Und dieses zurückgeworfene Bild trug nicht zu Tonis Erheiterung bei. Zwischen seiner inneren und äußeren Realität lag so viel Irrationales und Unverständliches, dass er sich außerstande sah, die richtigen Worte dafür zu finden.
 Der Sechzehnjährige seufzte laut auf, spreizte die Finger seiner rechten Hand und fuhr damit durch das dunkelblonde leicht gewellte Haar. Er musste in der letzten Woche einiges an Überredungskunst aufwenden um die Friseurin davon zu überzeugen, es am Nacken und an den Seiten besonders kurz zu schneiden. Nachdenklich begann er mit den Fingern Strähne für Strähne auseinander zu ziehen. Die Spitzen in der Mitte des Kopfes wurden aufrecht gestellt, die seitlich davon befindlichen übereinander gelegt. Etwas Gel sollte seine widerspenstigen Haare bändigen, was aber nur mit dem Mittelschopf gelang. Es war nicht sein Haar, das ihm Sorge bereitete, denn es passte eigentlich zu ihm, wie er selbst zugeben musste. Seine Stupsnase, umgeben von ein paar kecken vorwitzigen Sommersprossen, die sich stets zu Frühjahrsbeginn rasant vermehrten und ein sinnlicher Mund mit nicht zu großen Lippen verliehen ihm einen frechen Gesichtsausdruck. Nur die weichen Züge ließen ihn zu seinem Leidwesen etwas mädchenhaft erscheinen. Eine besondere Aura, für den Betrachter geheimnisvoll und spannend, umgab den Teenager. Wer ihn nicht kannte, begann sich bei seinem Anblick zu fragen, ob ein Junge oder ein Mädchen vor ihm stand. Sein Geschlecht gab Rätsel auf. Toni war sich dessen bewusst. Es freute ihn, doch es existierte noch eine andere Seite. Die dunkle, die ihn immer wieder in den Abgrund zog. Er wollte als Junge wahrgenommen werden und hoffte mit der ganzen Kraft seiner Seele, dass er eines Tages die Bestätigung für sein gefühltes Ich erhalten würde. Im Augenblick nahm allerdings Verzweiflung von ihm Besitz. Es hat doch alles keinen Sinn, dachte er niedergeschlagen und sank aufs Bett. Sie war also wieder da, die Melancholie, die ihn in das tiefe Loch stürzen wird, das er seit geraumer Zeit als ständigen Begleiter neben sich erdulden musste. Die folgenden Stunden waren vorprogrammiert. Er würde zu nichts mehr Lust haben und der Nachmittag langweilig und trist auf dem Bett enden. Doch soweit durfte er es nicht kommen lassen. Er begann zu kämpfen. Tonis Gedanken lehnten sich auf: Gegen die selbst provozierte innere Erniedrigung, die furchtbaren Minderwertigkeitsgefühle und gegen den, der ihm diese Missempfindung bescherte. Das war, wie immer, er selbst.

 

Wie lange willst du dich noch verstecken? Steh endlich zu dir. Er begann sich Mut zu zu sprechen. Die Stimme in seinem Kopf hörte sich eindringlich und klar an. Es klang wie ein Appell und er musste dieser Aufforderung Folge leisten, denn sonst würde er über kurz oder lang verrückt werden. Toni ahnte, dass sein Versteckspiel vor der Wahrheit keine Zukunft hatte und ihm mehr schadete als nützte. Trotzdem sollten seine Eltern und die Mitschüler in der Schule nichts von dem, was ihn seit er denken konnte bedrückte, erfahren. Toni war felsenfest davon überzeugt, dass ihn weder seine Eltern noch sonst irgendjemand in seinem Umfeld verstehen konnte. Das sichere Gefühl falsch zu sein drückte ihm die Kehle zu, ließ heiße und kalte Schauer über seinen Nacken gleiten und löste panische Ängste in ihm aus. Er wähnte sich im falschen Körper gefangen. Selbstzweifel plagten ihn. Zum Körper gehörten auch die Arme und Beine. Was war so verkehrt daran? Sein Leben erschien ihm vertrackt. Nichts passte. Er überlegte, wie er sein Dilemma beschreiben konnte. Traurig suchte er vergebens nach Erklärungen. Nach dem Eintrag in seiner Geburtsurkunde war der Junge Toni ein Mädchen und hieß Tanja. Was für ein Name! Nicht, dass er grundsätzlich etwas dagegen gehabt hätte, aber in seinem Fall war Tanja fehl am Platze, also völlig daneben. Toni war aus seiner Sicht ein Junge. Gab es überhaupt Männer, die Tanja hießen? fragte er sich. Seine Gedanken flogen davon, wie so oft, wenn er seinen Tagträumen folgte. Sicher, es gab schwule Männer, die sich wie Frauen benahmen und sich entsprechend nannten oder eben genau solche, die wie er, litten: Männer, die von Geburt Mädchen waren. Oder war er ein Mädchen, das in Wirklichkeit ein Mann war? Eigentlich war er auch das noch nicht, sondern allenthalben ein Junge. Er hatte im Internet recherchiert, sich alles durchgelesen, was er dort zum Thema finden konnte. War er vielleicht transsexuell? So nannte man sein Problem im Netz. Es schien ihm, als sei er mit dem falschen Geschlecht geboren worden. Aber wie sollte er das seinen Eltern erklären? Die hatten sich immer ein Mädchen gewünscht. Toni fühlte sich in einer Zwickmühle gefangen.

Er liebte seine Mutter Anneliese und seinen Vater Klaus. Sie schenkten ihm Aufmerksamkeit, äußerten Verständnis für seine Sorgen. Materielle Probleme hatte er keine. Er erhielt ein großzügiges Taschengeld. Seine Mutter verdiente als Krankenschwester dazu und Klaus war Dozent für Geschichte an der Hochschule.  Er hatte gerade habilitiert und sollte einen Lehrstuhl als Professor an der Uni übernehmen. Die Eltern sprachen oft von der Beförderung, wegen der sie von Bayern nach Norddeutschland umgezogen waren. Wie soll ich denen klar machen, das ihre heißgeliebte Tochter als Kerl leben will, ja leben muss? Tonis Gedanken kreisten ununterbrochen weiter. Es ging ständig um seine Geschlechtsidentität. Er hatte Angst seine Eltern damit zu überfordern. Sein Problem würde ihnen vielleicht wehtun, ihr bisheriges Familienleben auf den Kopf stellen. Es würde Auseinandersetzungen geben, dachte er. Toni hatte Angst vor endlosen Diskussionen, die ihn im Grunde nicht weiterbrachten. Bis jetzt hatte er die Schule aus allen Ängsten und Grübeleien heraushalten können, aber er war nach den Ferien in die Elfte gekommen. Das Abi rückte näher. Natürlich wünschten sich Vater und Mutter das Abitur für ihn und eigentlich hatte er mit dem Lernstoff keine nennenswerten Schwierigkeiten. Wenn bloß dieser schreckliche Mädchenkörper nicht wäre! Der Gedanke an sein falsches Geschlecht lenkte ihn oft vom Lernen ab. Toni hasste seine weiblichen Attribute, wie er die kleinen Brüste zu nennen pflegte. Ein Junge hatte keinen Busen. Ein Junge besaß einen Schwanz. Punkt. Und ich? Er sah sein nacktes Oberteil im Spiegel verächtlich an. 

Entschlossen legte er sich den engen Hüftgürtel, den er vor ein paar Tagen gekauft hatte, um. Im Internet konnte er sich das passende Modell aussuchen und alle Daten dazu auf schreiben. Als er alle Informationen besaß, fasste er sich ein Herz, fuhr nach Hamburg und ging in das Geschäft, das er im Internet gefunden hatte. Dort angekommen, brauchte er die Verkäuferin nicht mehr zu fragen. Als er sich umblickte, fielen ihm die Hüftgürtel griffbereit ins Auge. Geschickt hatte er sich einen in Größe M aus dem Stapel heraus gezogen. Die Verkäuferin an der Kasse nahm sein Geld und gab zwei Euro Wechselgeld zurück. Damit gehörte der Gürtel ihm. Es war eigentlich ganz easy gewesen. Trotzdem hatte er Angst gehabt. Toni bekam immer Angst, wenn er sich etwas kaufte, das seiner männlichen Seele entsprach. Die Sachen für Tanja besorgte schon seit langer Zeit seine Mutter. Gottseidank hatte die seinen Geschmack inzwischen verstanden. Dunkle T-Shirts, Sweatshirts und Hosen. Am liebsten Jeans. „An dir ist wirklich ein Junge verloren gegangen“, meinte sie stets kopfschüttelnd und Toni ergänzte in Gedanken: „Ja, Mutter. Genau das ist mein Problem!“

Er zog den Gürtel strammer um die Brust. Die war plötzlich flach geworden. Der Klettverschluss an der Seite hielt. Gelungen, fand er spontan und seine Laune begann sich schlagartig zu bessern, während ihm ein kleiner freudiger Schauer ein wohliges Gefühl bereitete. T-Shirt drüber. Jetzt den dünnen schwarzen Rollkragenpulli und dann noch den dicken Sweater mit Kapuze. Das war‘s.  Schnell die neuen Unterhosen an. Die gab‘s obendrauf, weil er noch etwas Geld übrig gehabt hatte. Toni grinste. Die Mädchen aus seiner Klassenstufe gaben viel für Klamotten und Schminke aus. Er kaufte sich stattdessen heimlich ein paar Knabenunterhosen.  Mit traurigem Blick besah er sich den Eingriff. Schön wäre es gewesen, wenn da etwas drin stecken würde, das zu einem richtigen Jungen gehörte. Schade, aber es gab keinen Penis in seinem Leben. Toni schaute sich suchend im Zimmer um. Wo war die Socke? Aha, ans Bettende gerutscht.  Ein Paar schwarze Socken lag dort eingerollt am Fußende. Also, Unterhose auf und rein damit. Ein zwölf- bis dreizehnjähriger Junge mit kurzen blonden Haaren blickte ihm im Spiegel entgegen. Vorne flach wie ein Brett, aber in der Unterhose eine dicke Beule. 

„Ach lieber Gott“, sagte er leise zu sich, „kannst du nicht machen, dass das echt wird? Kann ich nicht einen Unfall haben, im Krankenhaus aufwachen und erfahren, dass man männliche Organe in meinem Bauch gefunden hat? Die Ärzte erklären meinen Eltern, dass ich in Wahrheit ein Junge bin und operiert werden muss. Dann schlaf ich ein und wache endlich als richtiger Junge aus diesem Albtraum auf.“ 

Wobei, es war nicht alles furchtbar. Er übertrieb. Die vielen Reisen in fremde Länder, weil ihm Vater und Mutter die Welt zeigen wollten, hatten ihm sehr gefallen. In Bayern erhielt er als Kind tollen Eislaufunterricht. Toni vermisste vieles, was ihm in seiner alten Umgebung so vertraut gewesen war. Am neuen Wohnort gab es glücklicherweise eine Eishalle, die ihn für einige aufgegebene Gewohnheiten entschädigen sollte. Und eine wichtige Neuerung würde er heute in die Tat umsetzen. Toni wollte nicht mehr als Mädchen wahrgenommen werden. Er fühlte sich als Junge und die Eisbahn sollte für ihn der erste Ort sein, an dem er seinen Geschlechtswechsel ausprobieren würde. Es kannte ihn noch niemand in der Gemeinde. Im Sommer waren sie erst hergezogen und nun zeigte der Kalender September. Ideal für einen Neuanfang. Die Halle startete vor zwei Tagen in die Saison. Er lächelte, während er seine schwarzen Leggings anzog. Die mussten sein, es war kalt auf dem Eis. Die lange Sporthose drüber. Fertig. Das Sockenknäul zeichnete sich sichtbar ab. Seine Hose beulte, aber sie saß fest. Sie durfte nicht zu eng sein und musste im Schritt gut dehnbar bleiben. Die Arme waren weit ausgebreitet, erst wurde das linke Knie belastet, dann das rechte, immer im Wechsel. Kopf hoch, Bauch rein, nach vorne schauen. Tonis Körperspannung konnte sich sehen lassen. Die vielen Trainerstunden, die er als Kind bekommen hatte, machten sich bezahlt. 

Mit zwölf Jahren gehörte er bereits zum Landeskader der Eiskunstläufer. Seine Mutter zog ihm glitzernde Kürkleidchen an und putzte ihn mit Hingabe heraus. Seine langen Haare wurden zu Zöpfen geflochten, am Kopf angelegt und mit bunten Haarspangen und Bändern gehalten. Toni fühlte sich damals so unwohl. Was hätte er für eine lange schwarze Hose gegeben, wie die Jungen sie trugen! Irgendwann schämte er sich für seine Kleidung und wollte nicht mehr auftreten. Die Eltern fanden, dass er dann keinen teuren Einzeltrainer mehr brauchte und Toni nahm nur noch zum Spaß am  Vereinstraining teil. Sein Blick fiel erneut in den Spiegel. Schnell zog er seine schwarze Jacke über, die Schlittschuhe wurden in die Schoner geschoben und in die dreieckige Schlittschuhtasche gesteckt. Er öffnete seine Zimmertür. Horchte. Die Mutter schien oben im Elternschlafzimmer zu liegen. Sie hatte Nachtschicht gehabt. Toni konnte ihre regelmäßigen tiefen Atemzüge hören. Es war jetzt viertel vor drei Uhr. Vorsichtig schlich er sich zur hinteren Tür und schielte auf dem Weg dorthin sicherheitshalber ins Wohnzimmer. Vergewisserte sich, dass ihm das leise Schnarchen den Schlaf des Vaters verriet. Jetzt oder nie. Weit war es nicht, er brauchte gerade mal zehn Minuten zu Fuß bis zur Eishalle.

Auf der Straße wurde er von einem kühlen frischen Wind empfangen, was leichtes Frösteln auslöste. Etwas mulmig war ihm zu Mute. Würde ihn jemand ansprechen? Was sollte er sagen, wenn er nach seinem Geschlecht gefragt wurde? Oder, war das unwahrscheinlich? Aber wenn ihn jemand aus der neuen Schule erkannte? Toni versuchte sich zu beruhigen. Die hatten hier ein Kurswahlsystem, Klassenverbände, wie in Bayern gab es nicht. In jeder Stunde trafen sich andere Schüler im jeweiligen Unterricht. Er war ohnehin bemüht, keine Freundschaften aufzubauen. Das brachte nichts. Die Mädchen erschienen ihm unpassend und die Jungs sahen ihn als Mädchen an.  Er wollte ihnen Kumpel sein und in seinen Träumen ertappte er sich sogar bei erotischen Spielereien. Transsexuell und Homosexuell, ich bin ein feines Früchtchen, dachte er. Onkel Bernd, der Bruder seiner Mutter, hatte erst neulich auf deren Geburtstag über Schwuchteln hergezogen. Was er wohl über mich sagen wird?  Toni ging gedankenverloren weiter. An eine Beziehung zu einem Mädchen zu denken kam ihm nicht in den Sinn. Er war keine Lesbe. Erschrocken blickte er auf, ein kleiner Junge auf dem Fahrrad hätte ihn fast umgefahren. Toni sah nach vorn.  Da, die Kurve. Die große Eishalle erschien vor ihm. Sie hatte anscheinend noch nicht geöffnet. Etliche Leute standen herum und warteten geduldig auf den Einlass. Toni stellte sich etwas abseits. Die Schlange vor der Kasse begann sich zu bewegen. Er trat in die Reihe, zog sein Geld aus der Hosentasche heraus. Es gab anonyme Jahreskarten, auf die er seinen Namen nicht schreiben brauchte. Der Name würde ihn also nicht verraten und er brauchte nicht zu lügen. Für vierzig Euro konnte er die ganze Saison aufs Eis. Ein älterer Junge schob ihn ruppig zur Seite, nachdem Toni bezahlt hatte und die Karte umständlich in die Jackentasche steckte.  Er stand dem Jungen anscheinend im Weg. Und wieder rempelte ihn ein anderer Jugendlicher an. Ein Mädchen hätte sich vielleicht beschwert, nicht so Toni. Männer waren schließlich nicht zimperlich, dachte er bei sich.

Hinter der Kasse fiel sein Blick sofort auf die darunter liegende, von Rot bestuhlten Sitzreihen umrahmte Eishalle. Nur die ihm gegenüberliegende Einfahrt für die Eismaschine war frei geblieben und der Platz außerhalb der Eisbahn für Besucher gesperrt. Gerade hatte man frisches Eis gemacht, das hell glitzerte und dessen glatte unberührte Oberfläche eine Fröhlichkeit und Freude in Toni auslöste, wie er sie noch aus seinen frühen Kindertagen kannte.  An der Seite, an der sich die Schlittschuhausleihe befand, hatte sich bereits eine lange Menschenschlange gebildet. Toni stieg neugierig zwei schmale Stufen hinab. An der Seite gab es einen Kiosk. Für Getränke und Pommes war gesorgt. Er ging zu den Tribünen, stieg die Treppe ganz nach oben und setzte sich auf einen freien Platz neben einen der Stützpfeiler.  Einige Minuten später hatte er sich seine Schlittschuhe fertig angezogen. Schwarze Handschuhe mit Noppen gaben ihm die Sicherheit, sich nach einem Sturz gut abstützen zu können. Das Aufstehen war mit den Noppen, die sich ins Eis krallten, kein Problem. Seine schwarzen Schlittschuhe steckten in Plastikschonern. Toni stieg die Treppe wieder hinunter und stellte sich neben den Einlass der Eisfläche. Er wechselte wieder von einem Bein aufs andere. Streckte jedes nach hinten lang aus. Auch die Arme wurden über den Kopf gehoben und die Muskulatur gedehnt. Er hatte bereits als Kind im Verein gelernt, wie man sich vor dem Training aufwärmt. Die Übungen waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Viele Leute liefen noch nicht auf dem Eis. Ein kleines Mädchen fiel ihm auf. Sie trug ein hübsches grünes glitzerndes Kleidchen, grad so wie er früher und lief schnell und mit perfekter Haltung in eine Pirouette ein. Eine Frau stand neben ihr und gab Anweisungen. Toni  musste schmunzeln. Ja, so ähnlich hatte auch er die Trainingsstunden erlebt.  Etwas wehmütig dachte er an die Zeit, als er genauso alt war und sich auf Wettkämpfe vorbereitete. Er hätte viel schaffen können. Mit bereits  neun Jahren konnte er die meisten Sprünge doppelt zeigen. Wenn ich weiter gemacht hätte, wäre ich jetzt vielleicht bei den deutschen Junioren Meisterschaften oder sogar schon in der Seniorenmeisterklasse, dachte er und seufzte leise. Aber es ging nicht. Er hätte als Mädchen antreten müssen und das war ihm nicht möglich. 

Am Eingang ließ er einem kleinen Jungen den Vortritt, zog seine Schoner ab und stellte sich aufs Eis. Er sah sich um. Gegenüber befanden sich die Sitzbänke für die Eishockeyspieler. Dort konnte er seine Schoner deponieren, solange er auf dem Eis lief. Glücklich lächelnd ließ er seinen Gefühlen und Gedanken ihren Lauf. Es war herrlich sich nach der langen Sommerpause wieder auf dem Eis bewegen zu können.

Kraftvoll stieß er ab. Innenbögen, Außenbögen und das Wechseln der Kanten auf einem Bein waren kein Problem. Er hatte nichts verlernt. Alles gelang sicher und flott im Tempo. Das kleine Mädchen sah ihn verschmitzt an und sprang einen Salchow. Eislaufen war wie eine Sucht. Der Kunstlauf erforderte strenge Disziplin und Einsatz. Nur Übung machte hier den Meister, das konnte man bei diesem Sport wörtlich nehmen. Die Belohnung für die harte Arbeit war groß. Und es musste nicht die Teilnahme am Wettbewerb sein und eine Platzierung. Es reichte, wenn man nach zwei Stunden abgekämpft und müde Schluss machte und vielleicht das eine oder andere Erfolgserlebnis verbuchen konnte. Toni war in seinem Element. Ein Flieger in alle Richtungen, auf Rückwärts gedreht und dann Rückwärts übersetzen, das linke Bein vor, mit Rechts Schwung holen. Das Spielbein in die Höhe zur Waagepirouette. Es wurde langsam voll auf der Eisfläche. Viele hatten ihre eigenen Schlittschuhe dabei, doch auch ein großer Teil der Besucher holte sich Leihschlittschuhe. Toni und das kleine Mädchen waren nicht mehr allein. Kleine Kinder schoben Plastikseehunde übers Eis. Toni war so vertieft in seine Übungen, dass er fast einen Jungen im Schneeanzug mit so einer Hilfe übersehen hätte. Huch, er lachte. Vom Seehund überfahren! Hätte grad noch gefehlt. Das Kind schob mit stolzem Blick seinen orangefarbenen Spielkameraden weiter. Toni suchte sich einen freien Platz und sprang ab. Der Toeloop war nur einfach. Den Salchow als nächstes, dann den Rittberger und einen Flip. Alles sauber gestanden. Stolz richtete er sich auf, denn manchmal waren seine Sprünge unterrotiert und das mochten die Richter im Wettbewerb gar nicht. Kinder und Erwachsene liefen inzwischen durcheinander. Es wurde zu eng auf der Eisfläche. Den Lutz und den Axel riskiere ich in diesem Getümmel nicht, dachte er und übte einige Schrittfolgen. An der langen Seite, wo er seine Schoner abgelegt hatte, war das Eis noch gut. Dann bleibt’s eben bei Doppeldreiern und Pirouetten. Toni lächelte und stellte sich pustend zum Ausruhen an die Bande. „Warst du im Verein?“ Ein älterer Mann stoppte neben ihm. „Das sieht richtig gut aus. Aber es wird jetzt zu voll. Vormittags ist weniger los, wenn nicht gerade Schulklassen da sind.“ „Da muss ich leider in die Schule, aber wenn man gleich um drei Uhr schnell macht, kann man noch einiges üben und ich denke, später, gegen halb sechs Uhr, werden auch weniger Leute da sein. Dann ist nur das Eis schlechter“, antwortete Toni. „Die bereiten gegen 17 Uhr das Eis noch einmal auf. Woher kommst du? Du hörst dich süddeutsch an?“, fragte ihn der Mann. 

„Wir sind im Sommer aus München hergezogen, da gab es an allen Ecken Eisbahnen. Ich bin froh, dass diese jetzt schon auf hat. Es ist schön hier.“ Der Mann nickte ihm freundlich zu. „Dann viel Spaß, mein Junge.“ Hui, Tonis Backen nahmen eine gesunde rote Farbe an, die nicht auf die Kälte in der Eishalle zurückzuführen war. Erst das Lob für seine läuferischen Fähigkeiten und dann das! Etwas verlegen war er schon, aber sehr glücklich. Es hatte also geklappt. Man hielt ihn für einen Jungen. Jauchzend warf er die Arme nach oben über den Kopf. Dabei drehte er auf einem Bein ganz schnell herum, sprang aufs andere und drehte weiter. Ich bin für andere ein Junge, hurra! Das Glück stand ihm ins Gesicht geschrieben. Die Zeit verging. 

Seine Blase machte sich bemerkbar. Toni nahm die Kufenschoner in die Hand und wollte zum Ausgang gleiten. Plötzlich hielt er inne. Was sollte er jetzt machen? Auf die Damentoilette im Outfit eines Jungen? Nein, das ging nicht und auf das Herrenklo? Das wäre verständlicherweise die logische Folge seiner männlichen Erscheinung gewesen. Doch konnte er das wagen? Nun war guter Rat teuer. Die Unsicherheit  schnürte ihm die Luft ab. Gleichzeitig wollte zwischen seinen Beinen etwas raus. Er musste sich entscheiden. Nach Hause schaffte er es nicht mehr, so viel war sicher. Als er vom Eis gegangen war, zog er die Schoner über und machte sich zielstrebig auf den Weg zu den Toiletten. Mutig drückte er die Klinke zur Herrentoilette herunter. Das erste Mal im Leben stand er bei den Herren im Waschraum.  Ein dunkelblonder Junge, den er spontan auf dreizehn bis vierzehn Jahre schätzte, drehte sich vom Waschbecken um und starrte ihn erschrocken an. Man konnte eine Stecknadel fallen hören. Tonis Herz schlug wild. Seine Blase forderte ihn auf, weiter in den Toilettenraum zu gehen. Der Junge nahm Papier, wischte sich fahrig die Hände trocken und verließ fluchtartig, wie es Toni schien, den Raum. Links und rechts hingen Becken, die der natürlich nicht gebrauchen konnte. Er musste in die Kabine. Gerade noch rechtzeitig schlüpfte er hinein. Vorsichtig öffnete er nach vollbrachter Tat die Tür. Niemand da. Uff, das war noch einmal gut gegangen, in jeglicher Hinsicht. Schnell wusch er seine Hände und riss, wie sein Vorgänger etwas Papier zum Abtrocknen ab. Toni atmete durch, als er wieder im Getümmel der Eishalle stand. Er brauchte einige Zeit, um ruhig zu werden. Hey, das war doch gar nicht schlimm gewesen, dachte er. Solange Kabinen da sind und die gibt es auch bei den Männern fast überall, hatte er nichts zu befürchten. Keiner rechnete damit, dass ein Mädchen so mir nichts dir nichts aufs Jungs Klo geht. Warum der Junge am Waschbecken erschrocken reagierte, konnte er sich nicht erklären. Er sah auf die Stadion Uhr. 

„Bitte die Eisbahn verlassen, die Eismaschine kommt!“, dröhnte eine Stimme aus dem Lautsprecher. Toni ging zu seinen Sachen, nahm einen Schluck aus der Wasserflasche. Mit einigen Kindern stellte er sich danach an die Bande und verfolgte die Spuren der schweren Eismaschine. Die unzähligen Rillen und der überschüssige künstliche Schnee, welcher sich durch die vielen Besucher gebildet hatte, verschwanden und eine glatte klare Eisfläche kam zum Vorschein, während die große Maschine ihre Runden drehte. Er beschloss bis sechs Uhr zu bleiben und das schöne Eis auszunutzen. Wie von ihm vorhergesehen, lichteten sich die Läuferreihen, denn die Leihschlittschuhe mussten nach einer festen Zeit wieder abgegeben werden. Der Tag war super gelaufen. Toni fand, er hätte seine Feuertaufe als Junge erfolgreich bestanden. Die Rückmeldungen der Besucher zu seinem Geschlecht gaben ihm Sicherheit und Auftrieb. Sogar die Hürde des Toilettengangs hatte er mit Bravour gemeistert. Als das Eis frei gegeben wurde, sprang er als erster drauf und setzte zum Axel an. Gleich nochmal das Ganze,  aber doppelt. Es reichte auch zum doppelten Toeloop und als er weiterhin freie Bahn hatte, kamen ein doppelter Lutz mit Euler und ein doppelter Flip hinterher. Er strahlte. 

„Eh, das war geil. Wo hast du das alles gelernt?“,  hörte er eine Stimme neben sich fragen. Der Junge, den er vorhin in der Toilette gesehen hatte, sprach ihn an.   Merkwürdig, dachte Toni. Die Stimme von dem ist so hoch, aber eigentlich müsste der doch älter sein. „Als kleines Kind in Süddeutschland. Wie heißt du?“, fragte er zurück. Etwas an dem Jungen irritierte ihn und faszinierte ihn zugleich. Er schien nett zu sein. „Ich bin Ole“, antwortete der andere und blickte verschämt auf den Boden. „Schöner Name, norddeutsch, ich heiße Toni!“  Beide lächelten. „Kommst du morgen wieder?“, fragte Ole. Toni nickte. Ja, das wollte er. Zeit war genug da und er würde seine Jahreskarte ausnutzen. Es gab für ihn nichts Schöneres als Eiskunstlauf. „Dann bis morgen, ich muss zum Bus“, meinte sein Gegenüber, als sie vor der Eishalle standen und schien genauso glücklich über den neuen Kontakt wie Toni zu sein. „Bist super gesprungen, klasse!“ Ein junger Mann schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Danke.“ Er blickte sich um und sah Ole zur Bushaltestelle laufen. Auch Toni musste sich beeilen.

Während er zuhause vor der Tür die Schuhe auszog, öffnete ihm seine Mutter. Anneliese Obermöller schüttelte missbilligend den Kopf. „Kind, wie siehst du nur aus?“, rief sie sichtlich entsetzt. „So läuft doch kein junges Mädchen herum. Zieh dir bitte etwas Ordentliches an, Tanja. Du weißt, dass Vater Wert auf gepflegtes Äußeres legt.“ Tadelnd wandte sie ihren Blick ab.  Ja, so konnte es gehen, dachte Toni. Eben schwebte er noch himmelhochjauchzend über den Wolken und in der nächsten Sekunde erhielt er einen Dämpfer, dass es nur so brummte. Er schlich sich auf sein Zimmer. Und doch, der Nachmittag hätte nicht schöner sein können. Sorgfältig verstaute er seine Jungs Klamotten im Bettkasten. Toni hielt peinlich Ordnung, damit die Mutter gar nicht erst auf die Idee kommen konnte, in seinem Zimmer aufzuräumen um womöglich Sachen, die ihr nicht gefielen, weg zu werfen. Wohin mit dem Brustgürtel? Er hatte den Karton bereits in der Stadt ausgepackt und  entsorgt. Jetzt musste er ein sicheres Versteck für seine Errungenschaft finden. Dem Bettkasten traute er nicht. Er blickte sich suchend um. Zwischen dem Kopfende seines Bettes und der Wand befand sich eine schmale Spalte, auf die er sich ein Brett gelegt hatte. Sein Wecker und zwei kleine Matchboxautos aus frühen Kindertagen standen darauf, zusammen mit Bruno, seinem Stofftier. Bruno war schon ziemlich abgewetzt, aber Toni konnte den treuen Begleiter seiner ersten Lebensjahre nicht wegwerfen. So saß der Pudel in der Ecke und die dunklen Knopfaugen schienen zu lachen. Natürlich, er hob das Brett ab und packte den Gürtel in einer Tüte darunter. Die Mutter würde nie das Zimmer aufräumen, solange immer alles sauber ausschaut, hoffte er. Toni freute sich über seinen tollen Einfall. Jetzt musste er sich nur noch etwas zum Anziehen suchen, das seinen Vater nicht irritierte, aber andererseits auch Toni in seiner männlichen Rolle bestärkte. Die neue dunkelblaue Jeans konnte er tragen und die karierte Bluse dazu. Leider war sie aus der Mädchenabteilung des Kaufhauses, jedoch das Karomuster erinnerte an ein Jungenhemd. Zufrieden sah Toni in den Spiegel. Okay, wenn Vater trotzdem etwas auszusetzen hatte, war es halt nicht zu ändern. 

Er ging geradewegs in die Küche um seiner Mutter zu helfen, wie er es immer tat. Sie sagte nichts. Der Vater sprach beim Essen über die Schule und fragte beiläufig, was Toni am Nachmittag gemacht hatte. Der war froh, die Wahrheit sagen zu können. „Ich war in der Eishalle, hab mir auch gleich eine Jahreskarte gekauft. Denkt euch, ich konnte noch alles und bin zweifach gesprungen. Als nach fünf Uhr nicht mehr so viele Leute da waren und wir frisches Eis hatten, klappte sogar der Axel auf Anhieb doppelt. Ich bin morgen wieder verabredet. Ach so, die Mathearbeit war eine zwei plus und Erdkunde eine Eins“, beeilte er sich zu sagen. Der Vater nickte. „Das Abitur ist wichtig für dich, Tanja. Gerade als Mädchen brauchst du einen Beruf, der dir ein festes Einkommen sichert, damit du nie von einem Mann abhängig wirst.“ „Ja, Vater“,  Toni kannte die alte Leier. Und schmunzelte. Hach, Mädchen! Wenn Vater wüsste, als was ich in der Eishalle war!  Nach dem Essen ging er auf sein Zimmer und schaltete den Computer ein. Im Internet las er sich wieder durch Webseiten, die über Transsexualität berichteten. Es gab viele Vereine und Gruppen in beide Richtungen, also, die wie er waren, von Frau zu Mann, aber es gab natürlich auch den umgekehrten Weg. Frauen, die in einem Männerkörper steckten. Auf den Seiten fand Toni alles, was er suchte. Dort hatte er auch die Informationen über den Hüftgürtel erhalten, um erfolgreich die Brust abzubinden. Für das Geschlecht gab es sogenannte Packer. Sie sahen einem echten Glied täuschend ähnlich und wurden in die Unterhose gelegt. Toni beschloss, sich so etwas als nächstes zu besorgen. Aber es gab ein Problem, denn mit Sechzehn besaß er noch nicht die Erlaubnis im Internet einzukaufen. Außerdem müsste er das Päckchen abfangen, damit seine Mutter nichts merkte. Sein Blick fiel auf die Werbung der Website. Es gab Geschäfte, in denen man Sexartikel kaufen konnte. Er schrieb sich die Anschrift in sein Notizbuch. Während er sich auszog, zeichnete sich ein Bild mit den Aufgaben für den nächsten Tag vor seinem inneren Auge ab.

Der Zug in die Stadt hielt gegenüber seiner Schule. Die Schulkameraden nutzten ihre Freistunden bis zu den Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag um sich in der City herumzutreiben. Da durfte er getrost mitfahren. Mit dem Hüftgürtel hatte es auch geklappt. Er konnte seine Einkaufstour ohne aufzufallen zu den Erotikgeschäften ausdehnen.

 

Kapitel 2  Toni startet durch

Am Morgen kreisten seine Gedanken ununterbrochen um seine äußere Erscheinung. Es musste ein etwas schmalerer Hüftgürtel her, um die Brust noch besser und diskreter abbinden zu können. Geld besaß er genug und Zeit hatte er auch, denn die letzte Stunde fiel aus. Es war sieben Uhr, als Toni in Jeans und Sweatshirt die Küche betrat. Er war mit dem Vater allein. Seine Mutter hatte das Haus kurz zuvor zur Frühschicht verlassen, so dass er sich sein Frühstück selbst zusammenstellen musste. Klaus Obermöller rasierte sich im Bad. Toni schaltete den Wasserkocher ein. Während das Teewasser zu kochen begann, deckte er den Frühstückstisch. Er verhielt sich daheim so unauffällig wie möglich und versuchte den sozialen Erwartungen der Eltern zu entsprechen. Er glaubte dadurch mehr Privatsphäre für die Lösung seiner Probleme zu gewinnen.  „Guten Morgen, Tochter, was hab ich das gut mit deiner Fürsorge!“ Klaus hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Guten Morgen, Dad. Möchtest du Schwarzbrot oder Toast?“ „Ich nehme zwei Scheiben Toast, danke.“ Toni fühlte die Augen seines Vaters auf sich ruhen und tat alles, um das ungute Gefühl durch geschäftiges Treiben wieder loszuwerden. Er bediente den Toaster, schmierte sich Brot für die Schule und stand erneut auf, um das heiße Wasser in die Teekanne zu füllen.  Etwas irritierte Klaus Obermöller an seiner Tochter. Sie benahm sich nie wie die Mädchen und die jungen Frauen, die er aus der Schule und von der Uni kannte. Tanja trug nie Kleider und interessierte sich weder für Mode, noch fürs Schminken. Er war Lehrer und glaubte sich mit den Verhaltensweisen junger Mädchen auszukennen. Anfangs unterrichtete er Deutsch und Geschichte, bis er sich für einen Lehrstuhl entschied. Nach einigen Jahren als wissenschaftlicher Assistent, hatte es nun damit geklappt. Der Preis war der Umzug in den hohen Norden, der ihn und die gesamte Familie vor eine besondere Herausforderung stellte. Sprache und Kultur unterschieden sich. Aber das würden sie bewältigen, dachte er. Tanja bereitete ihm Sorgen. Ihre Schulleistungen boten selten Anlass zur Klage. Tanja war eine brave Tochter. Klaus dachte nach. Zu brav, schoss es ihm durch den Kopf. Verheimlichte sie ihm etwas? „Tanja, du weißt, dass du mit allen Sorgen zu mir und Mama kommen kannst. Wir sind immer für dich da, wenn du ein Problem hast.“ Oh je, Toni spürte die Gefahr deutlich. Wenn der Vater auf diese Tour kam, war Vorsicht geboten. Sich nur nicht verraten, hieß die Devise. 

„Natürlich,  Dad, deshalb habe ich euch auch sehr lieb. Ich treffe mich nach der Schule noch mit ein paar Mitschülern zum Mathelernen. Gegen zwei Uhr bin ich zuhause, wir haben sonst heute nicht viel auf. Neben Mathe steht nur Geschichte auf dem Programm. Ach so, Kunst auch noch. Ich werde dann gleich nach der Mittagsstunde in die Eisbahn verschwinden. Oh, ich muss los. Ich wünsch dir einen schönen Tag.“ Er sprang auf, stellte sein Geschirr in den Spüler, küsste seinen Vater auf die Wange und verschwand, ehe der antworten konnte. „Bye, Dad.“ Mit der Jacke in der einen und seinem Schulrucksack in der anderen Hand beeilte er sich die Wohnung zu verlassen. Uff, das war noch einmal gutgegangen. Die Windjacke zog er rasch vor der Haustür an.  Es war kurz vor halb acht Uhr und er musste sich beeilen, um den Bus rechtzeitig zu erreichen. Seine Träume flogen in das Geschäft, in dem er heute Mittag einen etwas schmaleren Gürtel zum Abbinden seines Busens kaufen wollte. Den konnte er auch in der Schule tragen, er fiel weniger auf, als der breite. Das nächste war der Gliedersatz, um den er sich kümmern wollte. In den folgenden Stunden forderte allerdings der Unterricht seine volle Aufmerksamkeit und die Einkaufspläne mussten warten. Das erlösende Klingelzeichen nach der letzten Stunde trieb ihn zur Eile an. Auf dem Bahnhof angekommen, hatte er Glück. Ein Zug stand bereit. Während der Fahrt wurde er zu seinem Leidwesen zunehmend aufgeregter. Er schallt sich, doch die Unruhe blieb. Diesmal wusste er jedoch genau, zu welchem Regal er in dem Orthopädiegeschäft gehen musste. Schnell wandte er sich den Hüftgürteln zu, bezahlte an der Kasse ohne die Verkäuferin anzusehen. Er wollte die Packung an Ort und Stelle entsorgen, nahm eilig die Ware heraus und steckte sie in seinen Schulrucksack. Die Bahnhofsuhr zeigte ein Uhr durch. Die U-Bahn hielt auf dem Rückweg zum Hauptbahnhof fahrplanmäßig an verschiedenen Haltestellen. Toni folgte seiner inneren Eingebung und stieg aus. Nachdem er die Rolltreppe hinter sich gelassen hatte, empfing ihn pulsierendes Leben. Unzählige Menschen liefen an ihm vorüber und er musste sich einen sicheren Standplatz suchen, um nicht umgerannt zu werden. Während er versuchte sich in dem Getümmel zurechtzufinden, erblickte er auf der anderen Straßenseite das Sexartikelgeschäft aus dem Internet. Er rannte wieder runter in den U-Bahntunnel. Mit klopfendem Herzen betrat er wenig später den unscheinbaren Laden. Seine Angst war unnötig, denn niemand nahm von ihm Notiz. Die vielen Regale mit bunten Kartons lösten in seinem Kopf allerdings eine Reizüberflutung aus. Völlig verwirrt starrte er auf die Waren. Dann bemerkte er, wie ein junger Mann einen Kasten von einem Bord nahm. Es war genau das, wonach Toni suchte. Sein Herz begann zu rasen. Vor seinen Augen breiteten sich die Packungen mit Kunstgliedern in etlichen Größen aus. Whow. Grenzenlose Freude erfasste ihn, die seine Wangen vor Erregung zum Glühen brachte. Die Verkäuferin sah ihn verstohlen an. „Ich gebe Ihnen einen Katalog mit, wir haben eine große Auswahl an Artikeln, die von Transsexuellen gerne gekauft werden. Viele Transmänner aus der Selbsthilfegruppe sind Kunden bei uns.“ Der Schock währte nur kurz.  „Die hat dich durchschaut“, sagte die Stimme in seinem Kopf. Einen Moment später hielt er seine Tüte in der Hand und verließ das Geschäft ungelenkig wie ein Roboter. Toni wollte so schnell wie möglich heim.

Sich ängstlich umblickend öffnete er eine gute Stunde später die Haustür. Er hatte sich etwas verspätet, aber drinnen war alles ruhig, die Eltern schienen fort zu sein. Gottseidank, sie würden also nichts merken, dachte er erleichtert. Er musste sich sputen. Die Eishalle hatte bereits geöffnet und Ole würde sicher auf ihn warten. Also Spuren verwischen, umziehen und den Packer ausprobieren. Es war ein anderes Gefühl mit dem Gliedersatz in der Unterhose, als mit dem Sockenknäul. 

Ein überglücklicher Toni betrat um halb vier Uhr die Eishalle.

„Da bist du ja, ich dachte, du kommst nicht mehr“, hörte er die vertraute Stimme neben sich. Ole lachte ihn an.

„Ich war nach der Schule noch einkaufen, sorry. Aber es geht schnell. Warmlaufen kann ich mich auch auf dem Eis.“

Toni hatte sich noch nie so leicht und happy gefühlt. Es war wie ein Befreiungsschlag für seine Seele. Er tobte mit Ole herum, übte konzentriert seine Schrittfolgen und erntete ein paar böse Blicke der Eismeister, weil er zu wild lief und dabei andere Besucher gefährdete. Mit Ole spazierte er ungeniert zur Toilette, wunderte sich allerdings, dass dieser genau wie er eine Kabine nutzte und sich nicht an eines der zahlreichen Becken stellte.

Toni wollte sich die Hände waschen. Auf dem Weg zum Waschbecken sah er einen kleinen Jungen am Urinal stehen.  Ja, der kleine Kerl hat mehr Glück gehabt, als du, sagte die Stimme in seinem Kopf. Ihm wurde seine Andersartigkeit wieder bewusst. Ole trat zu ihm.

„Was hast du?“

„Nichts.“ Es war etwas Melancholie eingezogen. Und die war nicht nur für andere Menschen sichtbar, sie erweckte in Ole ebenfalls besondere Gefühle. Er musste genauso wie Toni mit einem besonderen Problem leben.

Und sie hatten eines gemeinsam: Sie wollten beide nicht darüber sprechen. 

„Komm, ich gebe Pommes und Cola aus“, versuchte sich Ole auf andere Gedanken zu bringen. Das Angebot zeigte Wirkung. Toni legte ihm lächelnd den Arm auf die Schulter.

Wer die beiden sah, schloss auf zwei Jungen, die sich einerseits ihres Lebens freuten, lustig und aufgedreht den Augenblick genossen und doch in kurzen Momenten dem Betrachter Rätsel aufgaben. Da war etwas, dass sie auf merkwürdige Weise verband, eine Ähnlichkeit, begründet in ihrem Schicksal, unsichtbar verstrickt, verwoben und verworren, nicht greifbar, in der Tiefe ihrer beider Seelen verborgen. Sie bemerkten es selbst, jeder für sich, in jeweils eigener Art und Weise und sie nahmen es hin. Einfach so. Warum sollten sie sich Gedanken über etwas machen, dass sie nicht ändern konnten? Das gab ihnen die Sicherheit, die ihnen im Umgang mit anderen Menschen häufig fehlte. Sie waren einander Halt und Kraft. 

Die Tage vergingen. Ole besuchte die Oberstufe der Schule für Sport und Allgemeinbildung, Toni das Gymnasium Deutscher Dichtkunst. An ihrer Schule verabredeten sie sich nie. Warum, wussten sie nicht. Es war in ihrer zarten Beziehung einfach tabu.

Dann kam der Tag, an dem sie zusammen ins Kino gingen. Sie saßen in der Dunkelheit eng beieinander und jeder fühlte das Herz des anderen neben sich schlagen. Eine Tüte Chips lag auf Tonis Schoß. Ole griff danach, berührte dabei zufällig Tonis Hand und strich gedankenverloren über dessen Hosenlatz. Erschrocken hielt der inne, wagte es nicht, seine Finger abrupt wegzuziehen. Auch Toni verharrte nun in Starre, begann zu zittern und legte im Überschwang der Gefühle seine Hand in die Oles. 

So saßen sie mehrere Minuten und trauten sich nicht, einander loszulassen. Ole flüsterte, dass er zur Toilette müsste und stand auf.

In Tonis Bauch begann es derweil zu kribbeln. Er stellte sich vor, in Oles Armen zu liegen, von ihm geküsst zu werden. Hatte er sich verliebt? Die Antwort konnte nur Ja heißen. Als Ole zurückkam, sahen sie einander in die Augen und die spiegelten ihnen die tiefen Gefühle füreinander wider. Toni kämpfte mit den Tränen, so sehr wurde er von Glück überwältigt. Aber hatte es überhaupt eine Chance? Ole war ein normaler Junge und wie würde er reagieren, wenn er erfuhr, dass Toni transsexuell war? Ole durfte die Wahrheit nicht erfahren! Zu groß war Tonis Angst, ihn verlieren zu können. Und Ole? Der freute sich über die wahnsinnigen Gefühle, die ihm seine Liebesfähigkeit bestätigten. Aber es gab ein Problem bei ihm. Von alledem  durfte Toni nichts wissen, denn das würde ihn möglicherweise verschrecken. Beide bedauerten ihre Zurückhaltung insgeheim und doch, irgendwie fanden sie die Situation trotzdem nicht so schlimm.

Nach dem Kino tranken sie eine Cola, schlenderten zum Busbahnhof. Zwei Jungen, Kumpel, wie es schien und doch waren sie mehr. Ihre Berührungen erschienen Außenstehenden, die sie beobachteten, derb. Die beiden sahen jedoch Liebkosungen und einen zaghaften Ausdruck von … Liebe in ihrem Toben. Toni konnte es nicht lassen. Er lockte den Freund auf den nahegelegenen Parkplatz hinter einen Baum. Es war dunkel, niemand konnte sie sehen.

„Weißt du, wie es Schwule machen?“, fragte er Ole unvermittelt. Der schüttelte den Kopf. Toni schlang die Arme um den Hals des anderen und küsste ihn auf den Mund.

„Komm her, du kleine Schwuchtel“, hauchte Ole daraufhin und zog Tonis Kopf fest an sich. Eng umschlungen versanken die zwei und tranken von ihrer ersten großen Liebe. „Okay, dann wäre das jedenfalls geklärt“, meinte Ole, bedeckte Tonis Gesicht und Augen weiter mit Küssen. „Ja, ich liebe dich auch. Dein Bus kommt gleich. Ich bin froh, dass es raus ist. Es hat mich sehr belastet“, antwortete er.

„Mich auch. Und ich liebe dich ebenfalls. Mach’s gut. Wir sehen uns morgen auf dem Eis“, sagte Toni. Sie waren sich einig und das reichte. Beide gingen sie zur Tagesordnung über. Einen Moment später traten zwei junge Burschen aus dem Buschwerk auf die Straße hinaus, als ob nichts gewesen wäre. Sie hatten sich ihre Liebe gestanden. Doch würde es beim Küssen bleiben? Zu kompliziert und fragil war ihre junge Beziehung. Jeder sah den anderen als etwas ganz Besonderes an, etwas Wunderbares. Ein unergründlicher Zauber erfüllte ihr Leben und zwei neugeborene Seelen flogen immer höher in den Himmel. Der Ausspruch: Im siebenten Himmel sein und auf Wolken schweben, schien wahr. Tonis Bus hielt, er schlug zum Abschied die Hand an Oles und drückte dessen Arm. Kumpelhaft, wie es Jungen zu tun pflegten. 

 

Toni lag noch lange wach, an diesem Abend, der sein Leben so komplett verändert hatte. Er genoss den Augenblick seiner Verliebtheit, der ihm das intensive Gefühl von Realität gab, wie er es noch nie zuvor erleben durfte. Alle Bedenken, Sorgen und Ängste verschwanden dahinter. Seine Seele fuhr Achterbahn in den Himmel hinauf.

 

Ole war der Nachdenklichere Typ. Er hatte auch im Internet gesurft, um etwas über sein Problem zu erfahren. Anders als Toni suchte er sich Hilfe im Gespräch mit Gleichgesinnten und war auf eine Gruppe gestoßen, die sich regelmäßig traf. Wie sollte es mit ihm und Toni weitergehen? Er war total verunsichert. Irgendwann würde er mit der Wahrheit herausrücken müssen. Er wollte sich Rat holen. Eine Verabredung mit dem Gruppenleiter schien die richtige Lösung zu sein. Zwei Tage später sollte er sich mit einem älteren Mann treffen. Er konnte deshalb am kommenden Freitag nicht zur Eishalle. Aber da wird mir schon etwas einfallen, dachte er.

 ****

Toni trainierte so hart und ausdauernd, wie er es aus seiner Vereinszeit kannte. Ole hatte heute keine Zeit. Eine Verabredung mit einem Bekannten wäre sehr wichtig für ihn, mehr wollte er seinem Freund nicht erzählen. Toni fragte sich deshalb, welcher Art das Treffen der beiden wohl sein konnte. So sehr er auch grübelte, er fand keine plausible Lösung. Oles Verhalten erschien ihm merkwürdig und brachte eine geheimnisvolle Unruhe in sein Leben. Gedanken begannen zu kreisen und wollten nicht mehr aus Tonis Kopf weichen. Ob Ole einen Freund hatte? Eifersucht flackerte auf. Was, wenn sich seine Befürchtung bewahrheitete? Ein furchtbarer Schmerz zerriss seine Brust.

Das Gefühl wurde so stark, dass es ihn vom Eis ablenkte. Fast wäre er bei einer harmlosen Schrittkombination der Länge nach gestürzt. Er beschloss für heute sein Training zu beenden. Es hatte keinen Sinn mehr, weiterzumachen. Toni zog sich um, verließ die Eishalle und stand nach einer halben Stunde ziemlich unschlüssig vor dem Eingang. Was sollte er tun? Was konnte er tun?

Seine Hand fuhr wie von selbst in die Jackentasche zu seinem Handy. Er nahm es heraus, wählte Oles Nummer.

„Wo bist du?“, schrieb er in die SMS.

Die Antwort kam prompt. „Noch zuhause, in einer Stunde fahre ich.“

„Können wir uns nicht kurz sehen?“

Es dauerte. Unruhig trat Toni von einem Bein aufs andere.

„Gut, in einer viertel Stunde am Bahnhof!“

Erleichtert steckte er sein Handy weg, nahm seine Tasche und lief zur Bushaltestelle. „Sitze im Bus, ca. zwanzig Minuten!“, schrieb er wenig später zurück.

„Okay.“ Ole hatte noch einen lachenden Smiley neben seine Antwort gesetzt.

Schon von weitem sah Toni den Freund an der Haltestelle warten. Sein Herz schlug Purzelbäume. Sie lagen sich kurz in den Armen.

„Lass uns einen Burger essen“, schlug Toni vor.

„Wie war dein Training, heute?“, fragte Ole.

Tonis eben noch so glückliche Miene verdüsterte sich. „Ging so.“ Na, sehr gesprächig ist der nicht, dachte sein Gegenüber und sprach den spontanen Gedanken aus.

„Ach, ich hab irgendwie einen Durchhänger. Kannst du nicht hierbleiben und deinen Termin absagen?“

Ole stutzte, überlegte kurz. Er hatte das Treffen lange vorher geplant und viele offene Fragen. Toni würde auch ohne ihn klarkommen und mitnehmen konnte er ihn nicht. Das war ebenfalls eines seiner Probleme, denn irgendwann müsste der Freund sein Geheimnis erfahren. Wie würde er reagieren? Würde es ihrer Freundschaft schaden, sie sogar beenden? Toni blickte ängstlich zu Ole. Der schüttelte den Kopf.

 

„Na gut“, meinte sein Freund traurig. „Dann geh zu ihm, wenn ich dir so wenig bedeute.“ Die letzten Worte waren sehr leise gesprochen worden. Ole hatte sie jedoch gehört und verstand nicht.

„Was meinst du?“ Angst legte sich in seine Stimme.

„Och, nichts weiter. Aber wenn du einen anderen Freund hast, sag es, ist besser für uns.“

Ole sperrte erschrocken den Mund auf und starrte Toni an. „Bist du etwa eifersüchtig?“

Die Antwort musste warten. Der Mann am Tresen händigte den beiden Jungen zwei Cola und zwei Hamburger aus. Toni bezahlte alles, nahm das Tablett und schob Ole zu einem freien Tisch im Lokal der Bahnhofsvorhalle. 

„Nee, eigentlich nicht, aber ich mache mir Gedanken, was du wohl treibst“, versuchte er die Situation zu seinen Gunsten zu retten. Besser man spielte den Ball gleich zurück, dachte er.

Ole lächelte entspannt. „Ich kann dich beruhigen. Du bist der einzige Freund in meinem Leben. Aber ich muss etwas klären, damit unsere Freundschaft in Zukunft Bestand hat. Dazu treffe ich heute jemanden, der sich mit meinem besonderen Problem auskennt und mir einen Rat geben soll. Wir beide werden bald über uns sprechen müssen. Kannst du noch einen Tag warten?“

Ole sah Toni offen und ehrlich an. Verschämt blickte dieser nach unten. Er war sich des Fehlers bewusst. Wie Schuppen fiel die Wahrheit von seinen Augen. Eifersucht und wahre Liebe gehörten nicht zusammen. Wer Eifersucht zuließ, liebte nicht aufrichtig. Toni kämpfte kurzzeitig mit den Tränen, verzog die Mundwinkel. Sie saßen im Bahnhof, um sie herum liefen Menschen. Das war nicht der geeignete Ort um Gefühlen freien Lauf zu lassen. Toni atmete durch. Er hatte verstanden und gelernt. Liebe heißt Vertrauen. Wer wirklich liebt, weiß, dass der Partner nie das Vertrauen des anderen missbrauchen wird. Auch wenn eine Trennung unausweichlich ist, werden sie rechtzeitig darüber sprechen. Toni hob den Kopf, blickte Ole ebenso klar ins Gesicht.

„Entschuldige. Ich glaube, ich muss noch viel lernen. Ich liebe dich, Ole. Aber, was immer es ist, ich werde es aushalten. Lass uns jetzt essen und dann fährst du zu deinem Termin.“

Auch in Oles Augen begannen nach dieser Antwort Tränen zu schimmern. Er hielt sich gefasst zurück. „Morgen weiß ich mehr. Vielleicht brauche ich mich danach nicht weiter zu verstecken.“

Toni nickte, setzte sein Glas an den Mund und trank. Das Essen begann ihm zu schmecken. Wenig später standen zwei junge Männer von ihren Stühlen auf. 

Es war in den vorangegangenen Minuten etwas mit ihnen geschehen, das fühlten sie deutlich. Sie hatten für ihre Liebe einen Teil ihrer Kindheit aufgegeben. Verständnisfähigkeit und Reife waren an die Stelle von kindlichem Egoismus getreten. 

Nicht nur das Essen hatte sie gestärkt, auch zwei gekräftigte Seelen, die den Zauber der bedingungslosen Liebe erfahren durften, verließen zufrieden die Bahnhofshalle.  Toni winkte Ole hinterher, als dessen Zug abfuhr. Ohne Groll und Angst im Bauch wartete er auf seinen Bus.

Am Abend surfte er wieder im Internet. Es gab eine Selbsthilfegruppe in der Nähe. Er las sich die Berichte der Website durch. Ob das etwas für ihn war? Peter Petersen hieß der Leiter der Gruppe. Toni grinste. Norddeutscher Name und nicht sehr einfallsreich. Vielleicht sollte er ihn anschreiben. Fragen kostet bekanntlich nichts und vielleicht hatte der eine Idee. So wie Ole ein Problem mit sich herumschleppte, so musste sich nun auch Toni etwas ausdenken. Möglicherweise war der Zeitpunkt gekommen, um sich Hilfe zu holen. Irgendwann musste er es seinen Eltern sagen. Toni verstand plötzlich, dass es um sein eigenes Leben ging und er selbst die wichtigen Entscheidungen dazu treffen sollte. Und wenn sich dadurch unliebsame Veränderungen einstellen, waren die ein Teil seines Lebens und er würde einen Weg finden, damit um zugehen. Unter Kontakt fand er die Mailadresse. Seine Gedanken verwirrten ihn. Was sollte er schreiben? Einfach die Wahrheit, fiel ihm ein.

„Hallo Peter, ich bin sechzehn Jahre alt und Frau zu Mann transsexuell. Auf der Eisbahn bin ich erfolgreich als Junge aufgetreten, habe auch einen Freund gefunden, der aber nichts von mir weiß. Meine Eltern wissen auch nichts. Kannst du mir helfen?“

Enter.

Er zog sich aus, duschte und als er im Bett lag, wusste er, er hatte das Richtige getan. Vielleicht würden seine Eltern gar nicht so panisch reagieren. Sein Vater hatte erst neulich von zwei transsexuellen Frauen in seiner Vorlesung erzählt und sprach mit Achtung und Respekt von ihnen. Seine Mutter pflichtete ihrem Mann bei. Einzig Onkel Bernd würde wahrscheinlich wieder die Nase rümpfen. Aber dem konnte man es nie recht machen. Das sagte auch Tonis Mutter. Hauptsache Ole hält zu mir, dachte er an diesem bedeutungsvollen Abend. 

Am nächsten Nachmittag lief er mit einem mulmigen Gefühl zur Eishalle. Als hätte er es befürchtet, wartete er vergebens auf Ole. Seine Laune verschlechterte sich von Minute zu Minute. Toni trainierte lustlos, blickte immer wieder zum Eingang. Aber seine Hoffnung, Ole zu treffen, erfüllte sich nicht. Er zog sich die Schlittschuhe aus und nahm sein Handy.

„Was ist los? Wo bleibst du?“, schrieb er voller Angst.

„Ich brauche noch Zeit. Ich melde mich wieder bei dir.“

Die wenigen Worte warfen ihn buchstäblich zu Boden und Tränen schossen in seine Augen. Es ist vorbei, dachte er verstört. Alle positiven Erkenntnisse des letzten Abends im Bahnhof waren vergessen. Liebe war nur ein Wort. 

Das Gesprächsangebot Peter Petersens blinkte in seinem E-Mail- Postfach. Er schrieb zurück und verabredete sich für nächsten Freitag um 17 Uhr gegenüber dem Lokal, in dem sich die Gruppe traf. Verzweifelt packte er seine Sachen. Der kurze Weg nach Hause kam ihm wie eine Ewigkeit vor.

 

Toni schlief erst spät am Abend erschöpft ein. Er konnte seine immer wiederkehrenden Weinkrämpfe gerade noch vor seiner Mutter verbergen. Aber sich selbst zu belügen war nicht möglich. Der vermeintliche Verlust Oles hatte ihn zutiefst erschüttert. Er fühlte sich unendlich hilflos.

Am nächsten Morgen verrieten ihn seine verweinten Augen. Seine Mutter hatte dienstfrei, strich ihm wortlos übers Haar.

„Wenn du reden willst, ich bin immer für dich da“, versicherte sie ihm und gab ihrem Mann ein Zeichen, er möge sich heraushalten.

Die Tochter litt unter Liebeskummer und sie als Mutter hatte es sofort erkannt. Das war nun Frauensache. Toni bemerkte die Fehldeutung seiner Mutter und kurzzeitig munterte sie ihn dadurch wieder auf. Es amüsierte ihn. 

Auch heute fehlte Ole in der Eishalle. Stattdessen kam die Trainerin der kleinen Mädchen, die er in der Halle gesehen hatte, auf ihn zu und fragte nach seiner eisläuferischen Vorgeschichte. Toni antwortete zögerlich. Er lief nicht mehr in Wettbewerben. Sie fragte, ob er Lust hätte, einigen Kindern beim Lernen zu helfen. Sie wollte ihm die Aufgaben vorgeben. Er könnte ihr assistieren. Spontan sagte er zu. Das Vertrauen der älteren Frau in ihn und die erwartungsvollen Augen der drei Mädchen stärkten sein angeschlagenes Selbstbewusstsein.

Fröhlich berichtete er am Abend seiner Mutter davon.

„Ich freue mich für dich. Dann waren die teuren Trainerstunden vielleicht doch nicht umsonst“, meinte sie. „Und, Tanja, kein Mann ist es wert, dass man sich die Augen ausheult. Das Leben geht weiter. Der Richtige wird auch für dich schon kommen.“

Fast hätte Toni aufgelacht. Wieder hatte sie Recht und Unrecht. Trotzdem, was für Mädchen galt, musste für Männer ebenso gelten. Warum nicht auch für schwule Transmänner?

„Ist schon okay, Mama. Ich soll nächste Woche Freitag zu einer Freundin nach Hamburg kommen. Wir treffen uns um fünf Uhr beim Jahrmarkt. Ich fahre um 9 Uhr am Abend heim.“

„Oh, die Kirmes hier ist zwar nicht so groß wie bei uns, aber sie soll sehr schön sein. Amüsiert euch gut.“

Das war geklärt. Mit der kleinen Notlüge hatte er Zeit genug für das Treffen und den Jahrmarkt gab es tatsächlich. Vielleicht konnte er ihn auf einen Sprung besuchen.

 

Schade, seine Gedanken wanderten in den folgenden Tagen immer wieder zu Ole. Wie schön wäre es gewesen, wenn sie zusammen über den Markt hätten schlendern können. In der Nähe befand sich auch eine wunderschöne offene Eisbahn. Toni versuchte verzweifelt den Freund aus seinem Kopf zu schütteln. Aber es wollte ihm nur kurzzeitig gelingen. Ole hatte sich nicht wieder gemeldet. Toni war sich sicher, dass er ein Gespräch über das Ende ihrer Beziehung wohl nicht überleben würde. Ole war seine erste große Liebe gewesen und gleichzeitig die erste Enttäuschung geworden. Sein Name geisterte weiterhin wie ein kleines Teufelchen in Tonis Gehirn umher, aber der Schmerz in seiner Brust ließ in den nächsten Tagen langsam etwas nach. Die Woche verging. Für den Termin am Freitag musste er die Trainingsstunde mit den Kindern absagen. Er hatte die Kleinen inzwischen in sein Herz geschlossen und die Trainerin hielt große Stücke auf ihn. 

****

Pünktlich wartete er am Abend am vereinbarten Treffpunkt auf Peter Petersen. Dieser war selbst Frau zu Mann transsexuell und wusste, mit welchen Problemen es die Betroffenen zu tun bekamen. Jugendliche taten sich oft schwer die Eltern einzuweihen. Unermüdlich führte er Gespräche und versuchte die Mauer aus Angst und unnötigen Vorurteilen in den Köpfen der Menschen zu durchbrechen. Nicht alle Erwachsenen, die in die Gruppe kamen, wollten sich operieren lassen. Einige lebten am Tage ihr körperliches Geschlecht aus und zogen sich am Abend für das Treffen um. Peter schätzte die Erfahrung und das Verständnis, das viele seiner Mitglieder mitbrachten. Wer ganz am Anfang stand, brauchte besonders Hilfe. Durch das Internet stießen viele Jugendliche auf die Gruppe. Peter vereinbarte grundsätzlich ein vorheriges Kennenlernen mit den Minderjährigen und setzte sich mit ihnen in ein nahegelegenes Café.  Meistens wussten die Eltern nichts von den Gefühlen ihrer Kinder und somit entbehrten diese auch der Zustimmung ihrer Erziehungsberechtigten zu einem solchen Gespräch. Andererseits arbeitete Peter für die Stadt als Sozialarbeiter. Keine staatliche Stelle durfte einem Kind oder Jugendlichen Hilfe verwehren. Neugierig wartete der studierte Soziologe auf den Neuzugang. Es war der zweite transsexuelle Junge innerhalb von drei Wochen, der sich bei ihm gemeldet hatte. 

Toni musterte den durchtrainierten dunkelblonden Mann, der lässig in Jeans und blauer Blousonjacke vor dem vereinbarten Café stand, als er auf ihn zu trat. Peters Erscheinung erweckte sein Vertrauen. Die Begrüßung war herzlich. Peter empfing ihn mit fröhlichem Lächeln und freundlichem Händedruck. „Hallo, du bist Toni? Ich bin Peter. Lass uns gleich ins Café gehen. Die Jugendlichen treffe ich anfangs immer allein an öffentlichen unverfänglichen Orten. Ich muss mir ein Bild von dir und deiner Lebenssituation machen.“

 „Ja, ist o.k. Ich bin froh, dass ich endlich den Mut gefunden habe, Rat zu suchen. Im Internet kann man sich einiges anlesen und Informationen holen. Aber es ist besser mit jemandem zu reden, der alles kennt und selbst durchgemacht hat.“ Das Café bestach im Sommer durch seine herrliche Lage am Wasser. Jetzt im Winter waren die Stühle und Tische zusammengestellt und eingepackt und die Terrasse lag verwaist im Hinterhof. Peter ließ seinem jungen Gast den Vortritt in die warme Gaststube und folgte ihm zu einem kleinen Ecktisch, von dem sie einen schönen Blick aufs Wasser genießen konnten. Als die Bedienung kam, bestellte er ein Kännchen Kaffee und fragte Toni, was er trinken wollte. „Eine Cola, bitte“, sagte der Junge zur Serviererin. „Du weißt, dass ich Sozialarbeiter bin und mein Geschlecht vor zwanzig Jahren gewechselt habe?“ Peter wollte mit diesem Hinweis Vertrauen herstellen. „Ja, ich habe mir deinen Lebenslauf im Internet durchgelesen. Soll ich von mir erzählen?“ Sein Gegenüber nickte. „Schieß los.“  

Etwas stockend begann Toni und berichtete ausführlich über sich und sein Elternhaus. Es folgten seine komischen Gefühle eigentlich ein Junge zu sein, die ihn seit seiner frühesten Kindheit begleiteten. Die Mutter hatte seinen Wünschen entsprochen und ihm anfangs Jungenkleidung und Spielsachen für Jungs gekauft. Nach einem kleinen Streit mit dem Vater ließ sie es. Toni erzählte von der Auseinandersetzung seiner Eltern, während der sich sein Vater beschwerte und meinte, seine Frau sollte dem Treiben ein Ende bereiten. Tanja wäre ein Mädchen und müsste auch mit Kleidung und Spielzeug so behandelt werden. „Verstehst du, was ich fühle?“, fragte Toni. Peter lächelte verständnisvoll und trank einen Schluck  Kaffee. „Natürlich, es ging mir ähnlich und ich treffe oft Jugendliche wie dich. Allerdings leben die meisten in weit schlimmeren Konstellationen. Dein Problem bekommen wir in den Griff. Wenn du möchtest, spreche ich mit deinen Eltern. Mach dir keine zu großen Sorgen. Wir sollten uns aber bald mit ihnen treffen. Es ist wichtig, dass sich deine Eltern nicht hintergangen fühlen und du offen mit ihnen reden kannst. Sie können dich nur unterstützen, wenn sie wissen, was mit dir los ist. Und ich möchte, dass du andere Jugendliche aus der Gruppe kennenlernst. Ihr müsst Erfahrungen, Wissen und Gefühle austauschen. Es wird dir helfen, zu wissen, dass du nicht allein bist. Auch deine Eltern finden auf diese Weise Ansprechpartner.“ 

Tonis anfängliche Unruhe legte sich. Peters ruhige und sachliche Art wirkte und gab ihm Sicherheit. Zufrieden trank er seine Cola. Dankbarkeit war in seinen Augen zu lesen. Er fühlte sich gut aufgehoben. Peter besaß eine exzellente Menschenkenntnis und dazu sehr viel Empathie. Er konnte aus einem eigenen großen Erfahrungsschatz schöpfen. 

Vielfach machten sich die jungen Leute viel zu viele Gedanken über ihr Comingout. „Weißt du, Transidentität wird inzwischen wesentlich offener in der Bevölkerung diskutiert, als es noch vor zwanzig Jahren der Fall war. Frauen sind leider häufiger von Diskriminierung betroffen und haben zudem Angst, dass sich die Partnerin trennt und sie ihre Kinder verlieren. Ich habe in vielen Fällen vermitteln können. Wenn man Toleranz einfordert, muss man allerdings selbst auch Toleranz üben können. Es gehört zum Selbstfindungsprozess dazu, sich in den anderen hineinzuversetzen. Auch die Transfrau muss bereit sein, ihre Partnerin zu verstehen, denn jeder hat ein Recht auf ein eigenes Leben. Eine Trennung muss nicht zwangsläufig als Katastrophe angesehen werden. Manchmal ist sie notwendig, um etwas Neues und Besseres entstehen zu lassen. Es kommt auf die Herangehensweise und die innere Einstellung an. Die Ehefrau hatte einen Mann geheiratet. Hätte sie eine lesbische Beziehung gewollt, wäre ihr Partner weiblich gewesen. Das muss sich die Transfrau vor Augen halten. Das Leben hat Tücken. Ob man sich mit einem transidentischen Partner oder Elternteil auseinandersetzen muss oder mit Abhängigkeiten von Alkohol oder Drogen konfrontiert wird, ein Partner oder Elternteil ins Gefängnis kommt, arbeitslos oder anderweitig krank wird, es bleibt einem nichts anders übrig, als sich der jeweiligen Herausforderung zu stellen. Und je selbstbewusster und sachlicher man an die Sache herangeht, umso einfacher fällt der Umgang damit. Es gibt für alles eine Lösung. Bei Kindern oder Jugendlichen wie dir, ist es wichtig, so schnell wie möglich die Eltern mit ins Boot zu holen. Wir haben heute Möglichkeiten, Kindern zu helfen, ohne bereits eine endgültige medizinische Entscheidung der Geschlechtszugehörigkeit herbeizuführen.“ 

Toni erzählte, dass er davon gelesen hätte. „Die Spritzen, die die Pubertät hinaus zögern, kommen zu spät für mich. Mein Körper ist voll entwickelt. Ich habe mir für die Brust einen Hüftgürtel gekauft, um sie abzubinden. Deshalb sieht es bei mir vorne flach aus. In der Unterhose trage ich einen künstlichen Gliedersatz. Das Schlimmste ist die Regel. Sie ist sehr schmerzhaft und hindert mich oft am durchgängigen Schulbesuch. Von Sport ganz zu schweigen. Ich wäre froh, wenn ich sie nicht mehr bekäme.“ Peter sah auf die Uhr. „Das klärst du sofort mit einem Frauenarzt. Es gibt Medikamente dagegen. Später setzt die Blutung von selbst aus, wenn du mit der Hormonbehandlung begonnen hast. Das Treffen beginnt gleich. Willst du mit rüber kommen? Du brauchst nichts zu sagen. Wir haben einen Ehrenkodex. Alles, was in der Gruppe besprochen wird, bleibt auch dort. Vor allem über die Mitglieder darf ohne deren Zustimmung nichts nach außen dringen. Es beißt keiner. Über deine Eltern sprechen wir später. Ich hab da eine Idee.“ Toni überlegte kurz. Eigentlich war er ja hergefahren, um andere Transsexuelle zu treffen und sich Informationen zu beschaffen. Das Gespräch mit Peter beflügelte ihn. Er wähnte sich bei ihm in den richtigen Händen. „Ja, gerne. Ich bin sehr gespannt auf die anderen.“ „Gut, trink aus. Es ist jemand Neues in deinem Alter da. Ich habe ihn vor einer Woche getroffen. Ihr werdet gut zueinander passen.“

Kapitel 3     Comingout

Der Verkehr nahm mit Einsetzen des Feierabends zu. Die beiden mussten einige Zeit warten, bis sie die Straße überqueren konnten. Toni strotzte voller Neugier und Erwartung. Mit seinem Begleiter betrat er wenige Minuten später ein hellerleuchtetes Lokal auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wärme und ein angenehmer Geruch von Essen vermischten sich, lösten Wohlbehangen in Toni aus. Peter begann seinen Schal vom Hals zu wickeln, schob währenddessen seinen jungen Gast zielstrebig zu einem langen Tisch in einer der zahlreichen Fensternischen. Toni ließ es geschehen. Sein Blick schweifte über die Köpfe der zwölf Anwesenden. Er erstarrte. In der gegenüberliegenden Fensterbank stand ein Kaktus. Ein mittelgroßer grüner Kaktus mit zur Seite ausladenden Armen und unzähligen kleinen Stacheln darauf. Der steckte in einem weißen Übertopf mit kleinen goldenen Henkeln an den Seiten. Toni konnte seine Augen nicht von der relativunscheinbaren Pflanze in dem hübschen Friesentopf abwenden, denn genau vor dem Kaktus saß jemand, den er nur zu gut kannte. In seinem Kopf schwirrten Gedanken. Sollte er auf der Stelle kehrt machen und verschwinden? Er durfte nicht hier sein. Wie sah das aus? Wie nachspionieren! Warum bin ich nicht als Maus auf die Welt gekommen? , fragte er sich entsetzt. Doch es war zu spät. Der andere hatte bereits aufgeschaut. Toni begann zu zittern. Was tat Ole hier? Angst kroch in ihm hoch, er bekam kein Wort mehr heraus. Peter bemerkte nichts von den Qualen seines jüngsten Besuchers. Er begrüßte seine Freundin Janine wie üblich mit einem Kuss, zog die Jacke aus und setzte sich neben sie. Toni stand noch immer verwirrt, wie vom Blitz getroffen vor dem Tisch. Inzwischen hatten sich seine und Oles Augen getroffen. „Was ist los? Such dir einen freien Platz!“, forderte ihn Peter auf. „Wir haben wieder einen jungen Gast und ich bitte euch, ihm Zeit zu lassen. Was gibt es Neues, Clarissa? Hat sich die Krankenkasse endlich gemeldet?“ Peter glaubte, Toni wäre schüchtern und wollte ihn der Aufmerksamkeit der anderen entziehen. Die hatten verstanden und taten so, als wäre er gar nicht da. Der Platz neben Ole war frei. Die beiden ließen sich nicht aus den Augen. Fahrig ging Toni um den Tisch herum, blickte sprachlos den Freund an und setzte sich. Eine Ewigkeit verging. Während sich alle anderen Peter zu wandten und in angeregte Gespräche vertieften, verfolgte eine der Frauen die beiden Jungen, die nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten. Die Situation hatte etwas Groteskes an sich. Ole erholte sich langsam.

„Spionierst du mir etwa nach?“ Er verlieh seiner Stimme einen verärgerten Ton. Das konnte Toni nicht auf sich sitzen lassen. Der erste Schock war vergessen. „Nein, natürlich nicht. Aber was machst du hier? Das sind Transsexuelle!“ Die Worte klangen vorwurfsvoll und abwertend, was gar nicht beabsichtigt gewesen war. Die junge Frau, die bisher amüsiert das kleine Schauspiel an ihrer Seite beobachtet hatte, meldete sich zu Wort. „Was heißt denn hier Transsexuelle? Das klingt ja wie eine Diskriminierung. Mäßige dich mal, Bürschchen!“ Ihre Empörung wirkte nicht gespielt. „Äh, nein, so war das doch nicht gemeint. Ich bin ja selbst so. Aber, … ich verstehe nicht, was mein Freund hier macht“, stammelte Toni schuldbewusst. Und setzte nach: „Du bist doch noch mein Freund, oder?“ Ole, der verschämt nach unten geblickt hatte, hob den Kopf. „Ja, ja, natürlich. Aber, was willst du! hier?“ Tonis Wangen nahmen derweil einen rötlichen Schimmer an. „Ich habe im Internet nach Selbsthilfegruppen geschaut und fand Peters Mailadresse. Es ist das erste Mal, dass ich hier bin.“ Peter Petersen sah interessiert auf, als er seinen Namen hörte.  „Was ist mit euch beiden? Kennt ihr euch? “, fragte er mit ruhiger Stimme. Toni atmete hörbar aus. „Das kann man wohl sagen. Wir haben uns auf der Eisbahn vor ein paar Wochen kennen gelernt. Ich dachte, er wäre ein völlig normaler Junge. Und dann war es plötzlich aus!“ Jetzt lag die Verlegenheit bei Ole. „Nein, es ist nicht aus. Im Gegenteil. Aber ich hatte Angst, dass du Schluss machst, wenn du die Wahrheit über mich erfährst. Bitte, Toni, glaube mir. Ich liebe dich doch!“ Die letzten Worte sprach er kaum hörbar, aber sie verfehlten ihr Ziel nicht. 

Die zwei hatten die Aufmerksamkeit der anderen am Tisch erregt. Alle blickten zu ihnen. Eva, deren kleiner Einspruch auf fruchtbaren Boden gefallen war, schmunzelte. „Das ist ja niedlich. Ihr sprecht wie ein altes Ehepaar. Ihr seid also zusammen?“ Es war weniger eine Frage, als eine Feststellung. Eva zählte eins zu eins zusammen. Und das taten die anderen auch. „So einen Fall hatten wir hier noch nicht“, meinte Peter sichtlich überrascht. Eine rothaarige Frau sprach in die Runde. „Also, ich würde sagen, wir stellen uns einander vor. Ich bin Roswitha, fünfunddreißig Jahre jung und fühle mich seit frühester Kindheit nicht als Junge. Inzwischen habe ich beim Amtsgericht meine Anträge auf Vornamen-und  Personenstandänderung eingereicht, mir zwei Gutachter gesucht und bei jedem bereits Termine gehabt. Zeitgleich bin ich bei einer Gynäkologin in Behandlung und erhalte weibliche Hormone. Ich möchte so bald als möglich operiert werden und bin dabei, einen passenden Chirurgen zu finden.“ Nach und nach begannen die „Alteingesessenen“ von sich zu erzählen. Als der letzte fertig war, bedankte sich Peter bei seiner Gruppe. Nun war es an der Zeit für Toni und Ole. Während der Vorträge hatten sie einander unter dem Tisch an die Hand genommen. Sie sahen sich verliebt an. Den beiden stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Toni begann, erzählte von seinen komischen Gefühlen während der frühen Kindheit, welche sich wie ein roter Faden durch sein Leben zogen. „Das Hauptproblem sind meine Eltern. Die wissen noch nichts. Ich will sie nicht verletzen. Sie haben sich ja ein Mädchen gewünscht.“ Roswitha hatte ihm aufmerksam zugehört. „Ich denke, dein Problem bist du selbst. Deine Eltern sind nicht bildungsfern und sollten sich schon aus beruflichen Gründen aufgeschlossen verhalten. Und sie wollen sicher, dass du glücklich bist. Du solltest es ihnen bald erzählen. Peter ist Sozialarbeiter und arbeitet mit dem Jugendamt zusammen. Er kann dir helfen.“ Sie blickte zu Ole. „Das wird bei dir ähnlich sein, oder?“ Ole nickte. Die Überleitung war geglückt. Er hatte Angst vor dem Outing gehabt, aber dank Roswithas freundlicher Art und Direktheit, begann auch er frei und ungezwungen zu sprechen. 

„Meine Eltern denken ziemlich altmodisch. Alles, was nicht ganz normal erscheint lehnen sie ab. Und mein Problem gehört mit Sicherheit dazu. Mein Vater ist leitender Angestellter beim Bauamt. Meine Mutter ehemalige russische Tänzerin. Sie trainiert junge Mädchen. Wenn meine Eltern herausfinden, dass ich Trans bin, zerstöre ich ihre heile Welt.“ Es war sehr ruhig am Tisch geworden. Peter brach die Stille. „Ole, auch für dich gilt, was Roswitha gerade anmerkte: Deine Eltern sind nicht bildungsfern und stehen mitten im Leben.“ Ole nickte verhalten. „Ich bin tatsächlich gerne bereit, mit euren Eltern zu sprechen. Aber ihr solltet vorher den Anfang gemacht und sie vorbereitet haben. Ihr seid, was ihr seid. In kurzer Zeit habt ihr euer Abitur und seid Volljährig. Ihr entscheidet selbst, was richtig für euch ist. Wenn eure Eltern euch nicht verlieren wollen, kommen sie gar nicht umhin zu erkennen, dass sie sich mit eurer Problematik auseinander setzen müssen. Niemand braucht sich wegen seiner Transsexualität zu schämen. Es ist wichtig, dass ihr regelmäßig in eine Selbsthilfegruppe geht. Dort könnt ihr euch informieren und erleben, was bei einem Geschlechtswechsel zu beachten ist. Dort könnt ihr euch ausprobieren und mit allen sprechen, die schon weiter sind. Das müssen nicht wir sein, aber es bietet sich natürlich entfernungstechnisch an.“ Janine, die seit einigen Jahren eng mit Peter befreundet war und ihn unterstützte meinte, Informationen und Kontakte zu transsexuellen Männern, die bereits durch sind, wären für die beiden unerlässlich. 

„Es ist nicht allein das Outing. Ihr müsst wissen, was ihr wollt und euer Leben planen. Für die gerichtliche Vornamen-und Personenstandänderung müssen bis jetzt noch Anträge ans Amtsgericht gestellt werden, dazu könnt ihr die beiden Gutachter selbst benennen. Das setzt natürlich voraus, dass ihr sie bereits kennen gelernt habt und mit ihnen zurechtkommt. Ein Psychotherapeut muss euch eure Diagnose bescheinigen, damit ihr zum Endokrinologen gehen könnt. Da sind Blutuntersuchungen notwendig und mit dem Attest dürft ihr euch Hormone vom Arzt geben lassen. Auch das ist eine Wissenschaft für sich. Solange ihr noch minderjährig seid, sollten eure Eltern einverstanden sein. Nun ja, und dann steht ihr vor der Frage, was wird wann und in welchen Schritten wo operiert. Eventuell gibt es hinsichtlich der für euch geeigneten Operationsmethode Probleme mit der jeweiligen Krankenversicherung. Ihr wollt ja sicher nach dem Abi studieren und nicht zu lange mit der OP warten. Also, es gibt einiges für euch zu tun. 

Im Augenblick haben wir noch ein anderes Problem. Das Bundesverfassungsgericht hat Teile des alten Transsexuellen Gesetzes von 1980 für verfassungswidrig erklärt. Das war 2011! Es sind Anhörungen im Bundestag über eine Neufassung des Gesetzes im Sinne einer Änderung des Melderechts geplant. Wir sitzen derzeit zwischen den Stühlen und selbst, wenn der Verwaltungsakt der Vornamen- und Personenstandänderung endlich einfacher geregelt wird, bleibt die Frage nach dem Umgang mit den Krankenkassen, denn die haben für medizinische Maßnahmen zu zahlen.“ 

Den beiden war bei den vielen Informationen schwindelig geworden. Peter lachte und beruhigte. „Bleibt ganz cool. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Immer der Reihe nach. Wobei es im Laufe der Zeit auch mehrere parallel laufende Schritte geben wird. Ihr wachst hinein und ich denke, wenn euch eure Eltern unterstützen, habt ihr bald alles im Griff.“ Toni überlegte. „Was sollen wir als erstes tun, Peter?“ „Runter kommen und in aller Ruhe darüber nachdenken, wie ihr es euren Eltern erklären wollt. Ihr seid beide Siebzehn, oder du, Toni, warst du nicht erst Sechzehn?“ „Ich werde Ende des Jahres im Dezember siebzehn Jahre alt.“ Peter nickte. „Ihr solltet ohne das Wissen eurer Eltern nicht herkommen. Es ist unsere vorderste Aufgabe sie mit ins Boot zu holen. Danach rate ich einen Psychotherapeuten aufzusuchen.“ Ole und Toni blickten sich verliebt in die Augen. Ein junger Mann stand auf und ging zu ihnen. Eva lächelte und rückte einen Platz weiter. „Ich habe schon darauf gewartet, dass du dich der beiden endlich annimmst, Stefan“, sagte sie. Stefan setzte sich neben Toni.

 „Ich hab noch nichts zu mir gesagt. Ich bekomme seit einem halben Jahr Hormone. Im Augenblick suche ich alle in Frage kommenden Chirurgen auf, denn ich möchte möglichst schnell operiert werden. Für meine Brust habe ich im März einen Termin hier im Krankenhaus. Das ging mit dem medizinischen Dienst recht unproblematisch. Allerdings will ich die Genital- OP auf einmal machen lassen und der Arzt operiert in einer Privatklinik. Die OP ist teuer. Ich habe noch einige Diskussionen mit meiner Krankenkasse vor mir. Aber die Ergebnisse sind hervorragend. Ein halbes Jahr später werden aus den Schamlippen die Hoden gebaut und eine Pumpe eingesetzt, damit der Penis stehen kann. Ich bin nicht allein. Mark und Frank gehören ebenfalls zum Transmann- Kreis der Gruppe, sie sind heute nicht hier. Ihr könnt euch uns anschließen. Wir werden euch auf eurem Weg helfen. Natürlich nur, wenn ihr wollt!“

Ole und Tonis Augen waren während der kurzen Vorträge immer größer geworden. Beide nickten fast zur selben Zeit. „Ja, gerne. Das ist super nett. Wir haben hinsichtlich OP und Hormone überhaupt keinen Plan. Aber Janine hat Recht. Wir wollen nach dem Abi studieren und uns nicht mehr mit unseren Geschlechtsproblemen auseinander setzen müssen“,  erklärte Toni. Ihm fiel eine schwere Last von der Seele. Hier war er richtig. Die Freude über die Anteilnahme der anderen hellte seine Miene auf und bewegte ihn zutiefst. Ole legte den Arm um ihn. Seine Gefühle katapultierten ihn geradewegs in den Himmel hinauf. Einen Moment lang waren alle Sorgen um die Eltern und das Comingout vergessen. Die Freude und Dankbarkeit lösten bei Ole Entspannung aus. Stefan lächelte verständnisvoll. Es ging nahezu allen so, die viele Jahre mit ihrem Problem alleingelassen leben mussten und nun von einer Sekunde zur nächsten Zuwendung und Hilfsbereitschaft erlebten. Im falschen Körper war man als Transident nicht. Zum Körper gehören noch mehr Teile als nur das Geschlecht. Aber man war mit dem falschen körperlichen Geschlecht geboren worden. Einige störte das nicht. Sie arrangierten sich, lebten mal als Mann und mal als Frau. Oder sie sahen sich als androgyn an, also irgendetwas in der Mitte zwischen Frau und Mann. Wiederum andere fanden ihren eigenen Lebensstil, brauchten oder wollten keine Operationen oder Hormone.  

 „Wenn eure Eltern Bescheid wissen, gibt euch Peter die Anschrift einer Psychologin. Die braucht eure Krankenkassenkarte und muss feststellen, ob ihr Trans seid. Es gibt geistige Erkrankungen, die sie ausschließen soll. Wenn ihr es wollt und alles okay ist, schreibt sie euch ein Attest für die Krankenkasse, das ihr dem Endokrinologen vorlegen könnt. Der wird Blut abnehmen und euch irgendwann in der Folge die ersten männlichen Hormone verabreichen. Ihr müsst entscheiden, wann ihr euch operieren lassen wollt. Wenn ihr Hormone erhaltet, müssen die Eierstöcke innerhalb einiger Jahre raus, sonst können sich Tumore bilden. Danach seid ihr auf Testosteron angewiesen. Rechtlich müssen die Papiere umgeschrieben werden. Ihr benötigt eine neue Geburtsurkunde und den Personalausweis auf die neuen Namen. Dazu braucht ihr bis jetzt noch den Beschluss vom Amtsgericht. Das ist ein Kapitel für sich. Ihr müsst zwei Gutachten haben, die euch die Transsexualität bescheinigen. Das kostet alles Geld und ihr braucht die Hilfe eurer Eltern in jedem Fall dafür. Die denken oft, sie haben bei der Erziehung etwas falsch gemacht oder ihre Gene sind schuld. Das ist Quatsch. Peter wird ihnen alles einfühlend erklären.“ Peter, der interessiert und schmunzelnd zugehört hatte, sprach mit Janine, die aufstand und nach einigen Minuten mit zwei Heftchen wiederkam. „Ich gebe euch eine Broschüre mit. Die ist kurz gehalten und erklärt alles Wesentliche zum Thema. Gebt euren Eltern das Heft und bittet sie, es zu lesen. Danach möchtet ihr mit ihnen darüber sprechen. Erzählt von der Gruppe und von mir. Ich bin gerne bereit mit ihnen zu reden und versuche ihnen Vorbehalte und Ängste zu nehmen.“ Ole und Toni sahen einander an. Die Idee war gut. Janine schob zwei grüne Heftchen über den Tisch. Junge oder Mädchen stand in weißer Schrift auf grünem Untergrund. Darunter: Für alle Eltern, die plötzlich umdenken müssen.

 „Was kostet das?“, fragte Ole. „Ein freundliches Lächeln“, antwortete Janine. „Die Broschüren sollen Eltern helfen, die Problematik besser zu verstehen“, erklärte Peter. Toni blickte auf seine Armbanduhr. Es war zehn Uhr durch. Auf den Dom würden sie es nicht mehr schaffen. Er schob den Arm mit der Uhr zu Ole. „Wir sollten los, unsere Bahn fährt gleich. Wann ist das nächste Treffen hier?“ Janine antwortete vor Peter: „In drei Wochen, bis dahin solltet ihr mit euren Eltern gesprochen haben.“ „Ihr könnt mich jederzeit kontaktieren“, warf Peter ein. „Gut, dann sagen wir ganz herzlichen Dank und freuen uns aufs Wiedersehen.“ „Tschüss, ihr Helden! “ Eva  sah den beiden schmunzelnd, aber auch sorgenvoll nach. Sie hatten noch einiges vor sich, dass wussten alle am Tisch. Janine runzelte die Stirn. „Was hast du?“, fragte Peter. „Ich weiß nicht, ob es ratsam ist, wenn die beiden bei der Psychologin und vor allem bei den Gutachtern von ihrem Verhältnis sprechen. Es kann der Eindruck entstehen, sie wollten sich nicht als Lesben outen. Zumindest unser alter Freund Alfons wird sich in diese Richtung ereifern.“ „Ja, sicher, aber ich hatte nicht vor, ihn den beiden als Gutachter vorzuschlagen. Alfons ist so ziemlich der Letzte, den ich empfehle“, bemerkte Stefan. Janine atmete hörbar aus. „Dann ist ja gut. Wir werden hören, auf wen Dr. Stefan Kortinos‘ Wahl fällt.“ Der lustige Einwand löste großes Gelächter am Tisch aus.

Alfons hieß einer der Gutachter mit Vornamen. Er war bei der Gruppe unbeliebt, denn er pflegte seine transsexuellen Klienten zu provozieren und stellte ihnen negative Gutachten in Aussicht, wenn sie sich seinen Ideen widersetzten. Die Begutachtung bei ihm zog sich über viele Jahre hinweg, weil er für seine eigenen Vorträge und Expertisen Forschungsergebnisse suchte. In der Zwischenzeit hatten die Stammtischbesucher Ausweichmöglichkeiten gefunden. Es gab freundlichere Ärzte in der Stadt, die sich mit der Thematik gut auskannten. 

Die Bahnstation befand sich nicht weit weg. Hand in Hand überquerten Ole und Toni die Straße. Außenstehende hielten sie für ein schwules Jungenpaar. Niemand nahm Notiz. Nur ein älterer Mann, der mit roter Nase auf dem Boden saß und ziemlich abgerissen zu sein schien, sprach sie an. Toni hatte gerade seine Seltersflasche in einem Zug geleert. „Hey, Kumpel, tust du ein gutes Werk und überlässt mir das Pfand?“ Toni blickte nach unten zu dem Alten. Mitgefühl und Wärme durchfluteten sein Herz. „Klar!“ Er reichte ihm nicht nur die Flasche, sondern zog sein Portemonnaie heraus und gab ihm zwei Euro. Ole nahm ebenfalls einige Geldstücke aus seiner Jackentasche. Der Mann strahlte. „Alles Gute und Gottes Segen für euch!“ Sie nickten dem Alten freundlich zu. Den konnten sie gut gebrauchen. „Treffen wir uns morgen in der Eisbahn?“, unterbrach Toni die Stille. Ole sah ihn an. „Natürlich, ich bin um halb elf Uhr da. Hab noch Hausaufgaben zu machen und ich glaube, ich lege meinen Eltern das Heft auf den Frühstückstisch. Sie stehen spät auf und können sich damit befassen, wenn ich weg bin.“ „Das könnte ich auch tun, ich schreib ihnen noch einen Zettel und verabrede mich für den Abend mit ihnen. Am besten, ich ermutige sie zu einem Glas Wein. Die beiden genießen abends oft eine Flasche Rotwein und kuscheln auf der Couch.“ Ole konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „In dem Alter kuscheln die noch? Das habe ich bei meinen alten Herrschaften noch nie gesehen!“ „Doch“, antwortete Toni, während sie in den Zug einstiegen. „Die benehmen sich manchmal wie Teenager.“ 

Während der Fahrt blätterte Ole in der Broschüre. Toni tat es ihm neugierig gleich. Die beiden waren so in ihre Lektüre vertieft, dass sie fast den Ausstieg verpasst hätten. Ein Jugendlicher in Lederjacke tippte Toni an die Schulter. „Eh, Tanja, nicht lesen, aufpassen! Wir sind da!“ Toni schreckte auf. Auch Ole hob seinen Kopf und schloss augenblicklich das Heft. Ein verschmitztes Lächeln umspielte seinen Mund. „Aha, Tanja. Eigentlich ein hübscher Name für ein Mädchen!“ Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Toni sah ihn bitterböse von der Seite an. „Und wie heißt du?“, fragte er knurrend. „Olga“, antwortete sein Freund leise. „Auch nett!“ Toni legte spöttisch grinsend seinen Arm um Oles Schulter. „Danke, aber Ole klingt und passt besser. Lass uns das andere schnell vergessen. Der Abend war toll und ich hoffe, wir finden in unseren Eltern rasch Helfer.“ „Bis morgen, Ole!“  „Bis morgen, Toni. Und viel Erfolg.“ Toni wollte nicht so weit von der S-Bahnhaltestelle laufen und nahm den Bus, der gerade um die Ecke kam. Sorgenvoll sah er auf sein Handy. Schreck lass nach! Es war fast halb zwölf Uhr. 

Leise trat er in den Hausflur. Seine Eltern saßen im Wohnzimmer und tranken gerade den letzten Rest Wein. Ein wenig Schuldbewusstsein konnte nicht schaden, dachte Toni.  „Hallo Mum, hallo Dad, entschuldigt, ich hab die Bahn verpasst.“ „Keine Ursache, mein Schatz. Wir haben uns so etwas schon gedacht. Wie war es auf dem Jahrmarkt? Wo sind die Zuckerstangen? Papa und ich warten schon den ganzen Abend darauf!“ Toni lächelte. „Ich hab leider keine dabei, denn ich war nicht dort. Ich muss mit euch reden.“ Klaus und Anneliese Obermöller sahen einander an. „Ja, immer, mein Kind. Das hatte ich dir doch vor einigen Tagen schon beim Frühstück gesagt. Tanja, wir sind deine Eltern. Gibt es etwas, das wir wissen müssen? Wir beißen nicht und schimpfen auch nicht. Komm, setz dich und dann raus mit der Sprache.“ Klaus Obermöller holte ein Glas und schenkte seiner Tochter Cola ein. Irgendetwas hatte das Mädel, das fühlte er deutlich und erfuhr gerade vor einer Stunde im Gespräch mit seiner Frau Bestätigung für seine Annahme. Liebeskummer, Probleme mit den neuen Mitschülern, der Umzug, die neue Umgebung? Spürte seine Tanja am Ende Heimweh nach München? Die beiden rätselten bereits den ganzen Abend. Da lag etwas in der Luft mit ihrem Kind, dass sie nicht fassen konnten.  Aber Tanja hatte den Weg von selbst zu ihnen gefunden. Darauf konnten und durften sie stolz sein. Es gab oft Kinder, die ihren Eltern während der Pubertät nicht mehr vertrauten. Bei ihrer Tochter schien das nicht der Fall zu sein. 

Dankbar nahm Toni das Glas. Er hatte Durst. Ihm war jetzt alles egal. Der Abend war blendend verlaufen. Die Selbsthilfegruppe hatte ihm Mut gemacht und Zuversicht gegeben. Ole und dessen Liebe komplettierten sein Glück. Die Broschüre lag im nächsten Moment auf dem Wohnzimmertisch. Klaus Obermöller las neugierig den Titel. Seine Frau tat es ihm gleich. Was soll das, fragte sich Klaus und gestand sich eine leichte Irritation ein. Anneliese war weniger überrascht als ihr Mann. Sie ahnte sofort, was das Heftchen für Sexualaufklärung zu bedeuten hatte. Tonis Kindheit lief vor dem geistigen Auge seiner Mutter ab. Sie hatte schon gemerkt, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmen konnte und nun las sie es schwarz auf weiß. Ein Junge! Tanja war kein Mädchen, an ihr war auch kein Junge verloren gegangen, wie sie stets dachte. Sie war einer. Ihre Tochter war eigentlich ein Sohn. Die examinierte Krankenschwester schluckte. Ihr Mann hatte sich inzwischen gefangen. In seiner Vorlesung gab es zwei transsexuelle Studentinnen. Im Kollegenkreis unterhielt man sich offen und interessiert über die Problematik. Jetzt war er selbst betroffen. Seine vermeintliche Tochter war keine. Er dachte an ihre Kinderzeit und wie froh er über die Geburt seines Mädchens gewesen war. Klaus spürte wie eine riesige Welle über seinem Kopf zusammenschlug und sein ganzes Familienleben einmal von oben nach unten und zurück durchschüttelte. Da kam einiges auf sie zu. Anneliese wischte sich eine Träne aus dem Auge, was ihr Mann völlig falsch deutete. „Liebling, ich bitte dich. Du bist als Krankenschwester in einem medizinischen Beruf tätig und überdies nicht von gestern. Ebenso wenig wie ich. Transsexualität ist weder ansteckend, noch etwas, für das man sich schämen muss. Es kommt in allen Gesellschaftsschichten vor und in Deutschland ist das nur halb so schlimm. Außerdem leben wir in einer weltoffenen Stadt. Aber selbst zuhause hätten wir kaum Probleme bekommen. Tanja, erzähl, Kind.“ Anneliese wies ihren Mann empört zurecht. „Was du immer gleich denkst. Ich habe doch nichts gegen Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität. Klaus! Mir tut es so leid, weil ich anscheinend blind gewesen bin. Ich hätte das gerade durch meinen Beruf bemerken müssen!“ 

Toni sah seine Eltern verblüfft an. Er spürte Erleichterung. Hatten die beiden etwa bereits begriffen, um was es ging? Seine Wangen glühten. „Ich war in der Stadt, das stimmt. Aber ich hatte einen Termin mit einem Sozialarbeiter, der mich zum Treffen in eine Selbsthilfegruppe für Transsexuelle mitnahm.“ Aus Toni sprudelten die Worte nun wie ein Wasserfall heraus. Seine Gefühle aus der Kindheit kamen zur Sprache. Er ließ nichts aus. Seine Mutter nickte, immer wieder liefen Tränen über ihr Gesicht. Toni berichtete vom Umzug, von der Eisbahn und von Ole. Er schloss mit den Ereignissen vor wenigen Stunden in der Selbsthilfegruppe. 

„Peter Petersen ist Sozialarbeiter und leitet die Gruppe. Die Leute sind unterschiedlich weit mit ihrer Angleichung. Es heißt Geschlechtsangleichung und nicht Umwandlung, weil Körper und Seele nicht übereinstimmen. Es gibt viele Möglichkeiten, Transidentität auszuleben. Er will gerne mit euch sprechen und euch etwaige Ängste nehmen. Ich brauche wohl noch eure Erlaubnis, wenn ich einen Psychologen aufsuchen will und auch für die Gruppentreffen möchte Peter euer Einverständnis.“ Klaus breitete seine Arme aus. „Komm mal her, mein Mädchen. Ich liebe dich. In meinen Vorlesungen gibt es zwei transsexuelle Frauen. Ich wäre ein ganz schlechter Lehrer, wenn ich damit nicht umgehen könnte.“ Anneliese schluchzte. „Und ich bin anscheinend eine total bescheuerte Mutter. Ich hätte das als Krankenschwester erkennen müssen. Ach, Schatz, wie hast du gelitten.“ Toni konnte vor so viel Zuwendung nicht an sich halten. Er heulte plötzlich wie ein Schlosshund. In wenigen Sekunden brachen die vergangenen sechzehn Jahre im falschen Geschlecht aus ihm heraus, entluden sich Angst und Unsicherheit, die ihn während seiner gesamten Kindheit und Jugend gequält hatten. „Danke, ich hatte solche Angst davor, es euch zu sagen, weil ich euch nicht enttäuschen wollte.“ Der Vater löste sich, stand auf und nahm eine Flasche Obstler aus dem Schrank. Er sah seine Frau an und schenkte gleich zwei Gläser ein. Anneliese konnte jetzt ebenfalls einen Schnaps auf den Schrecken gebrauchen, glaubte er und sollte recht behalten. Sie nahm das Glas und trank es in einem Zug leer, um sich danach fürchterlich zu schütteln. Klaus genoss seinen doppelten sichtlich. Das tat gut. Wie ging es jetzt weiter? Er stellte die Frage seiner Tochter.

 „Ich weiß noch nicht. Ich muss erst mit Ole darüber reden. Aber in drei Wochen ist wieder Gruppentreffen und es wäre schön, wenn wenigstens einer von euch mitkäme. Vielleicht kann Peter uns vorher besuchen. Er weiß viel. Ich muss zum Psychologen und zur Krankenkasse. Die Geburtsurkunde muss umgeschrieben werden, dazu sind Gutachten für das Amtsgericht nötig.“ Anneliese stutzte. „Wieso, was hat denn deine Geburtsurkunde damit zu tun?“ „Na, ich bin sechzehn Jahre alt, werde Siebzehn und brauche einen Personalausweis für Erwachsene. Darauf würde jetzt noch der Mädchenname stehen. Ohne Geburtsurkunde kann man das nicht ändern, ist eigentlich logisch“, klärte Toni seine Mutter auf. Die blieb begriffsstutzig. „Warum willst du deinen Namen ändern, Tanja ist doch hübsch? Papa und ich haben uns damals so viel Mühe damit gegeben, dir einen schönen Namen auszusuchen und du heißt Tanja Maria Sophie Charlotte, nach deinen beiden Omas. Die wären aber sehr enttäuscht, wenn sich daran etwas ändert.“ Klaus hatte wortlos zugehört und seine Blicke hingen gebannt an Toni. Er versuchte klar zu denken und das Bild in seinem Kopf einzuordnen. Die beiden Studentinnen in seiner Vorlesung kamen weiblich gekleidet in die Uni, sprachen beide mit einer dunkleren Stimme als es die anderen Frauen taten. Sie sahen herber aus und Klaus musste sich mit Beginn des neuen Semesters von diesen Äußerlichkeiten lösen. Sie waren Frauen, obwohl sie noch nicht operiert waren. Beide benutzten die Damentoilette und auch er sprach sie mit „Frau“ an, wie alle anderen Dozenten. Mit kühlem Sachverstand hatte er die Situation analysiert. Das war kein Mädchen mehr vor ihm. Da saß ein männlicher Jugendlicher, ein Junge, zu dem der Name Tanja nicht passte. Als ihn die Erkenntnis traf, kullerten dem gestandenen Mann, den nichts so leicht erschüttern konnte, Tränen über die Wangen. 

Toni hatte seinen Vater noch nie weinen sehen. Doch, er erinnerte sich. Einmal, als Opa Georg starb, da weinte Papa auf dem Friedhof. Aber das war schon lange her. Er schlang erschrocken die Arme um seinen Vater. Toni fühlte sich schuldig. Oh je, was hatte er nur angerichtet? Es war Mitternacht vorbei und seine ganze Familie saß im Wohnzimmer und heulte. „Es ist gut, mein Junge“, sagte Klaus und schob die Arme seines Sohnes zur Seite. Mit einer Tochter schmuste der Vater, mit dem Sohn nicht. So einfach war das für ihn. Annelieses Augen vergrößerten sich stetig, während sie auf die Reaktion ihres Mannes achtete. Langsam wurde auch ihr die Tragweite des Augenblicks bewusst. Ihre kleine Tanja war soeben hier im Wohnzimmer auf der Couch vor ihren Augen gestorben. So schien es ihr. Ihr Mädchen lebte nicht mehr. Dort saß ein Junge. Ein fremder Junge, von dem sie bisher noch nie etwas gehört hatte. Wer war er? Wie hieß er? Aber er war trotzdem ihr Kind. Sie hatte ihn vor sechzehn Jahren geboren. Sechzehn Jahre, die auf einmal allesamt verschwunden waren. Ihre kleine Tanja lebte nur noch in der Erinnerung. Und sie konnte sich noch nicht einmal von ihr verabschieden! Anneliese wimmerte fassungslos. Toni nahm seine Mutter in die Arme, küsste sie. „Es ist ok, Mama, ich bin bei dir, alles ist ok.“ 

Er drehte sich zu Klaus. Die beiden sahen einander in die Augen. Etwas vollkommen Neues war im Begriff zu entstehen. Ich bin doch sein Mädchen, warum sieht er mich so komisch an? , dachte Toni. Mädchen? „Papa?“ „Da kommt einiges auf uns zu, Anneliese. Und auch für dich wird sich eine Menge ändern, mein Sohn. Stell dir das nicht so einfach vor. Wir müssen uns komplett neu orientieren. Du bekommst einen anderen Namen und ein völlig neues Leben!“ Toni blickte von einem Elternteil zum anderen. Er hatte sich Toni genannt, weil das an Tanja erinnerte, zumindest blieben damit seine Initialen erhalten. Toni hatte ihn all die Jahre über treu begleitet. Der Name war so etwas wie ein Freund für ihn geworden, aber er hatte ihn bisher nur mit Ole geteilt. Und in der Gruppe, mit Peter und den anderen. Das hier aber war anders. Hier saßen seine Eltern, die nun statt einer Tochter einen Sohn bekamen. Das muss entsetzlich für sie sein, schoss es ihm durch den Kopf. Und wie heiße ich denn nun wirklich? Darf ich mich Toni nennen, will ich mich so nennen? Es ist nichts Heimliches mehr. Der neue Name wird in der Geburtsurkunde stehen und ich werde als Junge leben. In seinem Kopf ratterten die Gedanken.

Klaus genehmigte sich noch einen Schnaps und sah belustigt zu seinem künftigen Sohn. Anneliese wehrte ab, bevor er sie fragen konnte. Ein Glas von dem schrecklichen Zeug reichte ihr. „Das Leben verlangt einer Frau etwas anderes ab, als einem Mann. Daran ändert sich auch bei Transsexuellen nichts. So, wie ich die beiden Frauen in meiner Vorlesung als Frauen behandle, behandle ich die jungen Männer entsprechend anders. Wir werden das Schmusen einstellen. Dafür hast du jetzt deine Mutter.  Wir werden uns an ein neues Wir-Gefühl gewöhnen müssen. Ein Vater schmust mit seinem Sohn nur, solange der ein Kleinkind ist. Später spielen sie Fußball oder Eishockey zusammen und es kommt der Tag, an dem der Vater mit seinem Sohn das erste Bier trinkt.“ Klaus wollte aufstehen und besann sich. „Geh mal in die Küche und hole zwei Flaschen Pils. Du hast jüngere Beine!“ Toni tat völlig verstört, was der Vater wollte. Ihm dämmerte es. Ob sich Ole bewusst war, was sie als Männer in der Gesellschaft erwartete? Als die Flaschen auf dem Tisch standen, öffnete  Klaus die seine und reichte den Öffner an Toni weiter, schenkte sich ein. „Prost, mein Sohn! Das wird natürlich nicht jeden Tag passieren, du wirst offiziell weiter Cola trinken, zumindest bist du Achtzehn bist. Danach kann ich dir nichts mehr vorschreiben. Heute zur Feier der Nacht, werden wir unsere Beziehung neu definieren. Hast du dir einen passenden Vornamen ausgesucht oder haben deine alten Eltern ein Mitspracherecht?“ Toni hatte schon oft Bier getrunken. Es schmeckte ihm und wenn sie es zum Dom geschafft hätten, wäre dort mit Ole eines fällig gewesen. 

Er war noch etwas unsicher in seiner neuen Rolle: „Prost, Papa. Es ist nicht das erste Bier für mich, aber das erste mit dir. Und ich muss mich in der Tat daran gewöhnen, nicht mehr deine Tochter zu sein. Es ist ein Unterschied von etwas zu träumen und in Gedanken durchzuspielen, als es in der Realität zu erleben. Ich hatte mir den Namen Toni gegeben, weil die Initialen blieben. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt und Ole, sowie die Gruppe sprechen mich so an.  Aber wenn es euch nicht gefällt, können wir darüber reden.“ Anneliese setzte sich auf. „Papa heißt auch Toni. Klaus, Georg, Toni Obermöller. Ich weiß das noch ganz genau, weil der Pfarrer alle Vornamen bei unserer Trauung in der Kirche vorlas. Also, ich finde Toni nett. Georg hieß dein Opa und Florian heißt dein anderer Opa. Toni, Georg, Florian Obermöller, das klingt gut. Dann haben wir jetzt auch einen Stammhalter. Allerdings, wie ist das überhaupt? Wenn du operiert bist, kannst du doch nicht richtig Vater werden? Aber man kann heute Eizellen einfrieren. Darüber müssen wir später mit dem Arzt sprechen. Ich möchte ein Enkelkind von dir haben! Ob du Vater oder Mutter bist, ist mir egal. Hauptsache gesund! Klaus, ich nehme doch noch einen Schnaps, aber nicht so viel, wie beim letzten Mal, bitte!“ Ihr Mann griff sich die Flasche. „Toni gefällt mir. Wir dürfen auch vier Vornamen wählen. Wenn du von Anfang an ein Junge gewesen wärst, hätte ich dich Martin genannt.“ „Schön, Toni, Georg, Florian, Martin Obermöller. Das passt zur Familie. Da hab ich doch glatt heute Nacht ein Kind geboren, allerdings ohne Geburtsschmerz. Das war lange nicht so anstrengend, wie beim ersten Mal. Prost, meine Herren!“, meinte Anneliese, die den Schnaps inzwischen spüren konnte.

Ihr frischgebackener Sohn wurde müde. Das ungewohnte Bier und die aufregenden letzten Stunden zeigten Wirkung. Er gähnte. Klaus goss seiner Frau ein weiteres Betthupferl ein, genehmigte sich selbst einen doppelten Obstler und meinte lakonisch: „Es ist spät geworden. Morgen ist Samstag. Mama hat frei, ich habe frei und das Wochenende ist zum Pläne schmieden lang genug. Ab ins Bett, Familie Obermöller! Lass alles stehen Anneliese und komm. Aufräumen können wir morgen.“ Toni drückte seinen Vater und gab der Mutter einen Kuss auf die Wange. „Gute Nacht, ich hab euch beide sehr lieb. Danke für alles.“ 

Die Familie genoss das Wochenende. Toni schlug um halb acht Uhr die Augen auf und dachte an den vergangenen Abend. Freude und ein leichtes Unbehagen vermischten sich. Freude darüber, dass es die Eltern so gut aufgenommen hatten und auch Ole zu ihm gehörte. Unbehagen, weil  ihm die vielen Informationen  einfielen, die er in der Selbsthilfegruppe erfahren hatte. Er war bisher selten krank gewesen. Und wenn, dann nur erkältet oder er musste sich von kleinen Verletzungen, die er sich beim Eislauf zugezogen hatte, kurieren. Der Hausarzt und ein Orthopäde waren die Ärzte, die er bislang aufsuchen musste. Psychotherapeut? Er schüttelte sich. Was machte so jemand? Ich bin ein Junge, dachte er. Ich lasse mich nicht umpolen. Eine diffuse Angst hatte sich eingeschlichen. Gutachter und das Amtsgericht hörte sich nicht spaßig an. Er stand auf, ging ins Bad um sich zu duschen. Danach zog er sich an und trug bereits seine Trainingskleidung, als er auf einem Bein abwechselnd die Treppe hinunter hüpfte. Anneliese deckte den Frühstückstisch. „Papa ist zum Bäcker unterwegs. Gleich gibt es frische Brötchen, meine Süße.“ Toni küsste seine Mutter. Die besann sich. „Oh, ich muss wohl mein Süßer sagen. Ach, Tanja, Toni, ich werde sicher eine Zeitlang brauchen, um mich umzustellen. Bitte hab etwas Geduld mit deiner alten Mutter. Der Umzug und die neue Arbeitsstelle, die fremden Menschen und nun deine Sache! Dass muss ich erst einmal verkraften. Ich bin gespannt, was dein Onkel Bernd von sich gibt. Aber vielleicht erzählen wir es ihm noch gar nicht. Ich würde gerne mit dem Sozialarbeiter sprechen.“ Anneliese hatte sich hingesetzt. Toni öffnete den Kühlschrank, stellte Aufschnitt und Käse auf den Tisch. Er sah auf die Uhr. Die Eier kochten bereits. „Nimm sie ruhig raus, Papa mag sie weich“, meinte die Mutter. „Mir geht auch viel im Kopf herum, Mum, mache dir keine Sorgen. Wir schaffen alles!“ Anneliese begann zu lachen. Die Tür wurde aufgestoßen. Klaus kam prustend herein. „Ich muss dringend wieder Sport treiben“, ächzte er. „So weit ist es gar nicht bis zum Bäcker. Aber ich bin einfach zu faul geworden. Guten Morgen, Mäuschen.“ Klaus wollte Toni wie üblich einen Kuss auf die Wange geben. Er hielt inne. „Ne, da steht, wenn ich das richtig betrachte, eher ein Mäuserich. Ich nehme den Kuss zurück. Hier sind die Brötchen. Wir können mal zusammen joggen. Also, guten Morgen, mein Sohn!“ Toni packte die Tüte aus und verteilte die Brötchen. „Alles, okay, Dad. Es ist auch für mich ungewohnt. Ich treffe nachher Ole, bin gespannt, was er sagt. Er musste es seinen Eltern ebenfalls beichten.“ „Was machen die beruflich?“, fragte Anneliese routinemäßig. Klaus schmierte sich Butter auf seine Körnerbrötchen und spitzte interessiert die Ohren.

 „Sein Vater ist beim Bauamt und seine Mutter ist Tänzerin. Sie kommt aus Russland und trainiert Kinder in Ballett“, erzählte Toni. „Mehr weiß ich auch nicht.“ Anneliese schenkte ihrem Mann Kaffee ein. „Vielleicht sind es nette Leute und wir lernen einander kennen. Die wird es sicher genauso überrumpeln wie uns. Geteiltes Leid ist halbes Leid, meinte Oma immer.“ Toni nickte. Es war sein erstes Frühstück in der neuen Rolle als Junge, wurde ihm grad bewusst. Er war neugierig, wie es Ole anstellen wollte, die Eltern aufzuklären. „Du darfst Ole gerne mit zu uns bringen, Tan…Toni“, sagte Klaus und schlug genüsslich sein Ei auf. „Das tue ich. Wir treffen uns um halb elf Uhr in der Eishalle.“ 

Die Gesprächsthemen wechselten. Die Familie hörte Nachrichten im Radio, während die Zeit verging. Um halb zehn Uhr war der Morgenkaffee bei Obermöllers beendet. Toni half seiner Mutter den Tisch abzuräumen. Danach ging er nach oben in sein Zimmer und legte sich einen Moment aufs Bett. Die Augen fielen ihm zu. Seine Mutter stand im Zimmer, als er erwachte. „Es ist gleich halb elf Uhr. Wann wolltest du auf dem Eis sein?“ „Oje, ich habe verpennt. Danke.“ Toni sprang auf und nahm seine Schlittschuhtasche in die Hand. Er joggte die zehn Minuten Fußweg zur Eishalle und machte sich auf diese Weise warm. Gottseidank, Ole war noch nicht da und er somit noch nicht zu spät gekommen. Die kleinen Mädchen aus seiner Trainingsgruppe begrüßten ihn lachend. Toni dachte an nichts mehr. Kaum, dass er seine Schlittschuhe angezogen hatte, begann er sich mit langgestreckten Beinen zu dehnen, legte die Füße auf die hohe Bande und schob die Arme weit nach vorne. Er sprang danach aufs Eis, lief sich wie die anderen ein. So früh war die Eisbahn selbst am Samstag noch nicht voll besucht. Toni trieb die Kinder an, zeigte ihnen Übungen zum warm laufen.

Ihre Trainerin war Lehrerin in einer Umlandgemeinde und hieß Cornelia.  Sie kam immer etwas später und überließ den Trainingsbeginn gerne Toni, auf den sie große Stücke hielt. Er besaß Disziplin und Ausdauer, Mut und Durchhaltevermögen. Alles Tugenden, die ein Eisläufer brauchte, um erfolgreich zu sein. Die drei Mädchen waren noch jung und sollten sich auf ihre Wettbewerbe gut vorbereiten. Toni vertiefte sich in sein Training. Die Zeit verging. Dass sein Freund Ole noch nicht eingetroffen war, bemerkte er in der folgenden Stunde nicht. Cornelia stand in der Zwischenzeit ebenfalls auf dem Eis und lenkte das Training zielgerichtet. Auch Toni gehörte nun zu ihrer Gruppe und sie ließ ihn immer wieder den Rittberger und den Salchow springen. Sie korrigierte mit strenger Hand. Toni fühlte sich in seine Kinderzeit zurückversetzt. Er kannte nichts anderes, als dem Trainer zu gehorchen und die Übungen ständig zu wiederholen, bis jede seiner Bewegungen wie im Schlaf funktionierte. Den doppelten Axel sprang er sicher und Conni hatte ihn mit dem Handy gefilmt um den Kindern die wichtigsten Grundlagen dazu zu zeigen. Sie erkannte schnell Tonis Talent. Er war für den Einzelwettkampf nun zu alt geworden, denn als Einzelläufer würde er die für das internationale Parkett notwendigen vierfachen Sprünge nicht mehr schaffen. Und doch sollte er den Rittberger und den Lutz noch dreifach trainieren. Den Toeloop konnte er dreifach und den Salchow ebenfalls. Als Übungspartner für die kleinen Mädchen war Toni für den Paarlauf ideal. Sie wollte ihren Schützlingen einige wichtige Figuren beibringen und eines ihrer älteren Mädchen dazu holen. Julia schien mit ihren dreizehn Jahren eine hervorragende Partnerin für Toni zu sein. Sie nahm ihn nach dem Training zur Seite und erzählte, was sie vorhatte. 

„Das ist eine große Chance für dich, Toni. Im Paarlauf musst du nur ein-oder zweimal dreifach springen. Die Wurfsprünge und Hebungen lernst du mit Julia. Sie ist genauso fleißig und eifrig wie du. Ihr werdet euch gut ergänzen. Ich möchte, dass du in den Verein eintrittst, damit ich euch zu Wettbewerben anmelden kann. Wenn ihr die erforderlichen Sicherheiten und Qualifikationen habt, geht es mit den nationalen Meisterschaften weiter. Was sagst du?“ Uff. Toni kämpfte mit seiner Kondition. Die kleinen Mädchen waren leicht. Er konnte sie problemlos heben. Aber eine Dreizehnjährige? „Wie schwer ist sie? Sie darf weder Gummibärchen noch Schokolade essen, das krieg alles ich. Ich brauche mehr Kraft!“, meinte er und senkte verlegen den Kopf. Cornelia atmete zufrieden aus. „Für dich gilt Laufen, Leichtathletik und Muckibude, weder Schokolade noch sonst irgendwelche Naschis und Julias Gewicht überwache ich“, erklärte die resolute achtundvierzigjährige Eislauftrainerin. Toni war nicht abgeneigt. Er liebte das Eis so sehr und die Vorstellung wieder Wettbewerbe bestreiten zu können, erfreute und beflügelte ihn. Aber da gab es ein gewaltiges Problem, das seine Rückkehr in den Leistungssport erschwerte, wenn nicht sogar verhinderte. 

„Conni, ich ziehe mich um und dann gehen wir rüber ins Bistro. Ich muss etwas sehr wichtiges mit dir besprechen.“ Toni musste Farbe bekennen. Ole war immer noch nicht da. Vielleicht hatte der gerade ein Gespräch mit seinen Eltern, dachte Toni. Er wird mich anrufen. Conni ist jetzt wichtiger. Ich muss mich outen. Darf ich eigentlich ohne OP als Mann laufen? Er war neugierig, wie seine Trainerin die transsexuelle Problematik aufnahm. Als sie die Eishalle verließen, kam Ole angerannt. Die beiden Jungen lagen sich kurz in den Armen. „Sorry, aber ich hatte ein ziemlich heftiges Meeting mit meinen Eltern!“ Toni hob die Hand und wischte dem Freund erleichtert über den Haarschopf. „Das hatte ich bereits gestern Nacht und das erste Bier mit meinem Dad getrunken. Ich muss mit Cornelia reden. Kommst du ohne mich klar?“ Ole grinste. „Gerade noch!“

 

Kapitel 4     Eine zweite Karriere

Cornelia Endru verdiente sich ihre Brötchen als Deutsch und Sportlehrerin. Eiskunstlauf betrieb sie von Kindesbeinen an und hatte es zu beachtlichen Leistungen, wie die mehrfache Teilnahme an den nationalen und einem achten Platz bei internationalen Meisterschaften der Paarläufer gebracht. Nach und nach erwarb sie alle wichtigen Trainerlizenzen. Sie betrachtete lächelnd die beiden Jungs. Toni zeichneten weiche Züge im Gesicht aus und auch Oles Erscheinung erinnerte mehr an einen Knaben, als an einen siebzehnjährigen Jugendlichen. Sie dachte sich nichts Besonderes dabei, sah nach links und rechts, um mit ihrem Schützling die Straße gefahrlos überqueren zu können. Gegenüber der Eishalle hatte vor längerer Zeit ein Bistro eröffnet, welches sich bei Sportlern und Besuchern großer Beliebtheit erfreute. Dort konnte man sich in angenehmer Atmosphäre unterhalten. Cornelia kannte die derzeitigen Kunstläufer der Meisterklasse. Ihre Trainingseinsätze führten sie oft in die Leistungszentren. Pubertätsprobleme der jugendlichen Läufer gehörten zum täglichen Brot. Mädchen brauchten oft länger um sich körperlich zu entwickeln, denn Leistungssport konnte sich bei ihnen gravierend auf die Pubertät auswirken. Regelblutung und Brustwachstum verzögerten sich. Die Mädchen beherrschten recht schnell alle Sprünge und brachten im frühen jugendlichen Alter im technischen Bereich hervorragende Leistungen. Setzte dann die Entwicklung ein, kam es nicht selten zu einem Einbruch, weil Wachstum und weibliche Rundungen Körperschwerpunkt und Kräfteverhältnisse auf den Kopf stellten. Als Folge wurden die einst gut beherrschten Sprünge unsicher.  

Nicht wenige hoffnungsvolle Mädchen fühlten sich den Anforderungen im internationalen Sport nicht mehr gewachsen und wollten wieder aufhören. Jungen blieben etwas weiblicher in ihren Bewegungen. Es kam ja nicht nur auf Sprünge an, sondern obendrein auf den künstlerischen Eindruck. Tanzen und Ballett gehörten zur Ausbildung eines Kunstläufers dazu. Die Pubertät brachte auch die Männer durch das Wachstum durcheinander, konnte aber als positiven Effekt mit dem Muskelaufbau punkten. Sprünge wurden von den Jungs naturgemäß höher und leichter ausgeführt. Der dreifache Axel gehörte bei den Herren seit langem zum Standard und viele Jungen beherrschten vierfache Sprünge. Die Beziehung zwischen Toni und Ole war unübersehbar. Cornelia vermutete eine homosexuelle Veranlagung. Das war bei diesem Sport nichts Ungewöhnliches. Die meisten Läufer konnten sich tänzerisch ausleben, wenn sie ihre gleichgeschlechtlichen Freundschaften geheim hielten. Sie bestellte Kaffee, als sich die zwei an einem abseits gelegenen Tisch zusammensetzten. Toni freute sich auf eine heiße Schokolade und konnte zwei zusätzlichen Eiskugeln nicht widerstehen. Leise begann er zu erzählen und sah seine Trainerin dabei an. Überraschenderweise fiel ihm das Outing bei Conni nicht schwer. Die lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und staunte. Damit hatte sie nicht gerechnet.  Die Verkäuferin hätte mit ihrem Tablett voller Leckereien keinen günstigeren Zeitpunkt wählen können. Der Kaffee kam gerade richtig. Cornelia fragte sich, ob es vergleichbare Fälle im Sport gab. Ihr fiel schnell jemand ein. Der junge Mann war nach der Geschlechtsangleichung jedoch nicht wieder in den Leistungssport zurückgekehrt. Ihr Gehirn begann fieberhaft an zu arbeiten. „Also, als ich dich mit Ole sah, hatte ich etwas Schwules im Sinn. Das ist im Grunde kein Problem und kommt in allen Staaten in unserem Sport vor. Es gibt schwule Einzelläufer und einer der Paarläufer outete sich vor einiger Zeit. Es gibt aktuell einen weiteren Fall in der queeren Szene.“ Toni wusste davon. „Ich weiß, aber ich wechsle mein Geschlecht und will als Mann weiter laufen. Das ist etwas anderes.“ Er hatte Recht. Eine weibliche Sportlerin trat in diesem Fall in den Männerkader über. Ein Mann braucht männliche Hormone, der Dopingvorwurf konnte bei einem transidentischen Mann eigentlich keinen Bestand haben, dachte Conni. „Umgekehrt wäre es problematischer. Weibliche Sportler passten ihr Geschlecht oft an. Allerdings wurden die in ihren Ländern mit Testosteron behandelt und konnten als Frauen nicht mehr weiter leben. Das waren tragische Fälle und es gab überall massive Dopingvorwürfe in etlichen Sportarten. Bei dir ist das nicht so. Du bist psychisch ein Mann und dein Körper wird aus gesundheitlichen Gründen vermännlicht. Wir verheimlichen nichts. Ich regle das mit dem Eisverband. Es wird ohnehin noch Monate dauern, bis ihr bei Wettbewerben starten könnt. Ich werde mich sofort schlau machen. Du hast so großes Potenzial und Talent. Ich will dich mit Julia zusammenbringen. Auf gutes Gelingen, Toni!“ 

Cornelia hob die Tasse und prostete ihrem Schüler zu. Sie war guter Dinge. „Auf guten Sport, Conni!“ Mit Kakao stieß Toni mit seiner Trainerin an. „Ich muss zuerst zum Psychologen und mir ein Attest für die Hormonbehandlung holen. Danach brauche ich zwei Gutachter für den Antrag auf Vornamen-und Personenstandänderung beim Amtsgericht. Erst, wenn die Gutachten fertig sind, bekomme ich einen Beschluss vom Gericht und darf damit meine Geburtsurkunde ändern lassen und einen Erwachsenenausweis bestellen. Da gibt es demnächst auch Erleichterungen durch die Regierung. Vielleicht schaffen wir alles in einem Jahr und ich darf mir bald die Brust operieren lassen. Im Dezember bin ich siebzehn Jahre alt. Die Altersgrenze für den Paarlauf bei den Junioren liegt für Jungs bei zwanzig Jahre, oder?“ Cornelia nickte. „Ihr müsst die drei Paarlauftechnikklassen 3-1 absolvieren, die 3 gilt für die Nachwuchsklasse. Da sind Altersgrenzen zu beachten. Du warst also in Kürklasse 3 beim Nachwuchs?“ Toni nickte. „Ich hatte alles bestanden, bis KK3 und hab dann mit 12 Jahren beim Nachwuchs aufgehört.“ „Es ist jetzt nur die 5 vorgeschrieben, das erfüllst du locker und Julia hat schon die 2. Ich bringe euch alle Paarlaufelemente bei, für die Nachwuchsklasse müsst ihr die Paarlauftechnikklasse 3 haben und Julia darf nicht älter als Vierzehn sein, du nicht älter als Siebzehn. Das können wir bis nächstes Jahr schaffen. Bei den Junioren müsst ihr in die Paarlaufklasse 2 und danach, wenn du über Zwanzig bist, geht’s in die Klasse 1. So weit wollen wir nicht denken. Die Teilnahme an Wettbewerben beim Nachwuchs, bevor du 18 Jahre wirst, wäre ein großartiger Erfolg.  Julia ist eine gute Läuferin und besitzt für ihr Alter immensen Ehrgeiz. Sie wird dich antreiben. In der Technikklasse 3 ist der Twist nur einfach, der Wurf und der Solosprung doppelt. Die Hebungen, Paarlaufpirouette und Todesspirale sind neu für euch. Ihr müsst hart trainieren. Wenn du von der Psychologin eine Bescheinigung hast, dass deine Geschlechtsangleichung zum Mann beantragt ist, kann ich euch vielleicht schon vor dem rechtskräftigen Bescheid anmelden. Ich habe gute Beziehungen zum Verband und zu den Verantwortlichen der Internationalen Union. Du startest als Mann, umgekehrt wären die Bedenken größer. Ich werde einen Freund anrufen. Der kennt sich aus und verfügt auch über Einfluss. Im schlimmsten Fall müssen wir vor das Sportgericht ziehen, aber ich denke, dass wird nicht notwendig sein. Heute Abend sehe ich Julia und werde mit ihr eure Trainingseinheiten besprechen. Es kommen zusätzliche Gymnastik mit Ballett- Tanzübungen auf euch zu. Ihr müsst Hebungen und Griffe erst off-ice sicher beherrschen. Julia darf natürlich nicht ständig aufs Eis fallen. Du musst sie korrekt halten können.“ 

Tonis Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit als er noch in München lebte. Er sah als Kind den Paarläufern und Eistänzern zu. Vieles, was er erinnerte, grenzte an Zirkusakrobatik. „Ich spreche mit meinen Eltern und hole mir die Anmeldung zum Krafttraining drüben im Sportstudio. Es ist nur ein Katzensprung zu uns nach Hause. Vielleicht macht mein Vater mit. Dann kann ich mit ihm abends dort trainieren. Peter von der Selbsthilfegruppe soll uns sobald als möglich besuchen, damit wir den richtigen Weg einschlagen. Ich denke, in ein paar Wochen weiß ich mehr.“ Cornelia war mit diesen Aussagen mehr als zufrieden.  Es lief gut und die vermeintlichen Hürden können sie nehmen.  Julia und Toni passten nicht nur von der Körpergröße zueinander, sondern auch von der inneren Einstellung. Julia liebte den Paarlauf. Cornelia hatte ihr versprochen, einen passenden Partner für sie zu suchen. Toni musste nur genügend Kraft aufbauen, um die Hebungen durchführen zu können. Sie zog ihr Handy aus der Tasche. „Schau mich mal an, ich mache ein Foto von dir, damit sich deine Partnerin auf dich einstellen kann. Ihr werdet ein hübsches Paar werden. Wir sehen uns morgen früh um zehn Uhr. Wenn’s klappt, bringe ich Julia mit.“ 

Toni lächelte verlegen. Das Fotografieren war ihm unangenehm, aber er mochte nichts sagen. Wie wird Julia auf ihn reagieren? Wird sie ihn mögen? Was ist, wenn sie seine Transsexualität ablehnt? Seine Hände wurden feucht, ihm war mulmig zu Mute. Was war los? Er wollte doch gar nichts von ihr und schon gar keine Freundin. Er hatte Ole. Auweh, die Gefühle schlugen Purzelbaum. Er schalt sich. Eine geheimnisvolle Unruhe nahm von ihm Besitz. Sie hielt ihn hartnäckig gefangen, so sehr er sich auch bemühte, cool zu bleiben. Cornelia rief die Kellnerin herbei und bezahlte. „Ich lad dich ein“, meinte sie frohgelaunt. „Danke.“ Nachdem sich Toni Prospekte aus dem Fitnessstudio besorgt hatte, kehrte er in die Eishalle zurück. Er musste unbedingt Ole sehen und ihm von den Neuigkeiten erzählen.

Wie erwartet tobte sich der Freund auf der Eisbahn aus. Mit einem großen Satz war Toni die Stufen zur Halle hinunter gesprungen, um Ausschau zu halten. Oles Hobby war nicht der Kunstlauf, sondern Eishockey. Dementsprechend trug er auch andere Schlittschuhe als Toni. Eishockeykufen waren robuster und schärfer geschliffen als die der Kunstläufer. Beim Hockey kam es darauf an, möglichst schnell vor dem gegnerischen Tor zu sein, um den Puck darin zu versenken und als Torschütze siegreich aus dem Match zu gehen. Kunstläufer sollten elegant aussehen, graziöse Pirouetten drehen und natürlich springen können. Ole hingegen trainierte Schnelligkeit und Ausdauer. Manchmal wurde das Ganze zu wild, vor allem, wie just in diesem Augenblick. Ole lieferte sich ein Rennen mit zwei jüngeren Jungen, was dem sehr geduldigen leicht adipösen Eismeister nicht besonders gefiel. Die Halle war gut besucht. Neben kleinen Kindern versuchten sich auch ältere Menschen und Anfänger auf der glatten Fläche. Die meisten liefen äußerst vorsichtig. Rowdys waren nicht willkommen. Toni grinste, als er bemerkte, wie sich die Hallenaufsicht die drei jungen Herren zur Brust nahm. Etwas zerknirscht begaben die sich im Anschluss an die Standpauke wieder auf die Eisfläche. Toni ging um die Eisbahn herum. „Na, Männer, gab es ‘ne Strafrunde?“ „Ach wo, der wollte uns nur etwas erklären“, meinte einer der zwei Dreikäsehochs keck. Toni schätzte die beiden auf zwölf Jahre. „Trainiert weiter, aber passt etwas mehr auf“, sagte Ole. „Ich bin jetzt ihr Privattrainer, die spielen am Wochenende Eishockey.“ „Was haben deine Eltern gesagt?“ Toni schüttelte den Kopf. „Komm vom Eis, wir trinken eine Cola am Kiosk, dann erzähl ich es dir. Ich bin auch auf deinen Bericht gespannt.“ 

Ole nickte und fuhr zum Ausgang, während er sich ständig von vorn auf rückwärts und umgekehrt drehte. Er beherrschte seinen Laufstil sicher. Aber das war auch kein Wunder, hatte er doch mit drei Jahren bereits bei den Kleinstschülern angefangen. Damals war es egal, welches Geschlecht man war. Ole spielte sich im Verein durch alle Klassen und fiel bei einer Punktrunde einem Landestrainer auf. Als dieser hörte, dass Ole ein Mädchen war, wehrte er ab. Natürlich konnte Ole bis zum vollendeten sechzehnten Lebensjahr bei den Jungen weiter spielen, aber danach musste er in eine Damenmannschaft wechseln. Das wollte der auf gar keinen Fall. Er weinte sich heimlich in die Kissen, aber eines Morgens war die Entscheidung für ihn gefallen. Der Verein war Vergangenheit, er nahm an den Spielen nicht mehr teil und lief nur noch zum Spaß.  Einen Teil seines Schicksals kannte Toni bereits, aber nicht alles. Ole beschloss, ihm in der nächsten Zeit sein komplettes Leid zu klagen. Nach dem gestrigen Treffen in der Selbsthilfegruppe brauchten sie nicht mehr voreinander Versteck zu spielen. 

Die Schlittschuhschoner wurden rasch übergezogen. „Zwei Cola, bitte“, rief Toni der Verkäuferin im Kiosk zu und wandte sich um. Ole stand inzwischen an einem der drei Tische, stützte sich mit beiden Händen darauf. „Willst du auch etwas essen?“ „Eine Currywurst mit Pommes.“ Ole nickte, als die nette Frau Meier, die im Kiosk verkaufte, von ihm wissen wollte, ob er auch Mayo benötigte. Die beiden Flaschen Cola standen auf dem Tisch. Toni zahlte schnell. „Du bist nächstes Mal dran, das Essen ist in Arbeit und nun los, erzähle, ich platze gleich“. Seine Augen leuchteten. Haltung und Worte verrieten Neugierde und Aufregung. Toni war gespannt wie ein Flitzebogen, wie Oles Eltern die Botschaft aufgenommen hatten. Sein Kumpel ließ sich indessen Zeit. Er setzte umständlich die Flasche an den Mund, atmete tief ein und aus, lächelte vielsagend.  „Wenn du nicht gleich redest, werde ich zum Mörder“, zischte Toni und trat vor Ungeduld von einem Bein aufs andere, während seine Finger begannen, auf dem Tisch wahre Trommelsalven aufzuführen. Ole kostete den bedeutungsvollen Moment, in dem er im Mittelpunkt stand, sichtlich aus.  „Als ich gestern nach Hause kam, saßen meine alten Herrschaften noch vor dem Fernseher. Ich sagte ihnen, dass ich sie sprechen wollte. Es brauchte aber nicht mehr gleich zu sein, sondern hätte bis morgen Zeit. Es wäre schön, wenn sie sich das Heftchen durchlesen würden.“ „Und?“, fragte Toni mit großen Augen. „Sie sagten erst gar nix und ich bekam Schiss, weil ich so frech mit der Tür ins Haus gefallen war. Aber dann meinte meine Mutter, ich solle zu ihr kommen und sie nahm mich ganz fest in die Arme, wie sie es nur früher als ich noch klein war, gemacht hatte. Vater sagte, sie hatten sich so etwas bereits gedacht. Entweder ich war eine Lesbe oder Trans. Nun hätten sie endlich Klarheit. Ich hab von der Gruppe und von Peter erzählt und von dir natürlich auch. Sie wollen dich kennenlernen und am besten auch deine Eltern. Vater meinte, unsere Liebe sei nur der Anfang, das wird sich später ändern, wenn wir mit allem durch sind. Wahrscheinlich werden wir auf Mädchen stehen.“ Toni hörte mit halb offenen Mund zu. Die letzten Worte lösten Verunsicherung aus, denn er erinnerte sich an das komische Gefühl, das er nicht einordnen konnte, nachdem ihn Cornelia fotografiert hatte um das Bild Julia zu zeigen. „Schon möglich, ich hatte so ein merkwürdiges Empfinden vorhin“. Er erzählte von Conni und der Aussicht wieder Wettkämpfe bestreiten zu können. 

Ole schluckte. „Super, ich freu mich für dich. Die Julia schau ich mir gleich morgen an, wenn Conni sie herbringt.“ Er wollte fröhlich klingen und freute sich wirklich und ehrlich für Toni, doch etwas in seiner Stimme verriet Traurigkeit. Toni besaß eine bemerkenswerte Empathie für sein Alter. Natürlich hatte er die Veränderung in Oles Stimmung bemerkte. Er zögerte nicht und fragte nach. Die Trauer um den Verlust seiner Mannschaft, mit der er sich bis weit nach oben in die Tabelle gekämpft hatte und die Frustration nicht mehr Eishockey spielen zu können, sprudelte aus Ole heraus. In der Zwischenzeit wurden sie kurz unterbrochen, als Frau Meier Currywurst und Pommes für fertig erklärte. Der resoluten Rentnerin entging auf der Eisbahn nichts. Sie kannte ihre Pappenheimer und hatte mit Zufriedenheit bemerkt, wie sich Ole, der von klein auf bei ihr einkaufte, mit dem neuen Jungen, der einen bayerischen Dialekt sprach, angefreundet hatte. Freundschaften waren wichtig, wusste Frau Meier. Toni hörte Ole fassungslos zu und ihm stiegen beinahe die Tränen in die Augen. Auch Ole hatte also seinen Lieblingssport aufgeben müssen! Sie waren sich so ähnlich. „Wenn du operiert bist und deinen neuen Ausweis hast, kannst du doch wieder in einer Mannschaft spielen. Wir bekommen Hormone und müssen in die Muckibude. Wenn wir hart trainieren, werden wir genauso kräftig und stark wie die anderen Jungs“, beeilte sich Toni zu sagen und hoffte, den Freund damit aufmuntern zu können. Die Rechnung ging auf. 

Ein hoffnungsvolles Lächeln huschte über Oles Gesicht. „Jetzt du“, meinte er. Toni besann sich. Nein, Ole hatte ihn schmoren lassen, jetzt wollte er den Spieß umdrehen. Genüsslich tauchte er eine Fritte in die Currysoße, führte sie an den Mund und begann an dem Kartoffelstück zu lecken. Das war für Ole zu viel des Guten. Er hielt dem Kumpel die Faust unter die Nase. „Diese Faust, dein Friedhof!“ Aber der ließ sich nicht stören. Erst, als er sich auch noch ein Stück Wurst in den Mund schieben wollte, hielt er kurz inne. Oles Hand hatte nach der Gabel gegriffen und war kurz davor, ihm die Currywurst zu klauen. Schnell biss Toni zu. Er begann zu erzählen, nachdem er das Essen heruntergeschluckt hatte. Ole stützte sich auf den Arm und hielt die Hand vor seinen Kopf. „Oh, was waren wir blöd! Wir hätten schon viel früher mit unseren Eltern sprechen sollen.“ Toni dachte dasselbe. Er wollte gleich eine Mail an Peter schreiben. „Du, ich frage meine Eltern, ob wir Peter einladen wollen und deine alten Herrschaften dazu bitten. Er braucht nicht alles zweimal erklären und wir können gemeinsam überlegen, was wir machen. Da ist wohl zunächst die Psychologin dran, bei der wir uns Termine holen müssen.“ Während sein Freund sprach, bemerkte Ole als erster, dass das Essen inzwischen kalt wurde. Er nickte und schaufelte die lauwarmen Pommes in sich hinein. Toni tat es ihm gleich und konnte, als er fertig war, einen Rülpser nicht unterdrücken. Am Nachbartisch stand eine ältere Frau und trank Kaffee. Sie zog die Nase hoch.  „Ferkel“, kam es wie aus der Pistole geschossen aus ihrem Mund. Toni freute sich, als ob das Wort das höchstmögliche Lob der Welt darstellte. Ole grinste. Das ungebührliche Verhalten steckte an. 

Zwei jüngere Burschen rülpsten laut auf, was die Frau sichtlich ärgerte. Sie nahm ihren Kaffee und suchte sich einen anderen Tisch. Die beiden wollten weitermachen, wurden aber von Frau Meier jäh gestoppt. „So, meine Herren, benehmt euch, sonst fliegt ihr raus. Und das gilt für die älteren Semester auch!“ Ihr Tonfall duldete kein Aufbegehren. Toni hatte sich in seine Mails gewählt und schrieb eifrig an Peter. Er bat ihn, ihm freie Termine mitzuteilen, damit sie ein Treffen mit seinen Eltern und Oles Familie organisieren konnten. „Geschafft, Peter wird sich melden“, verkündete er zufrieden. „Gut, ich zieh mich um und mach mich auf den Heimweg“, meinte Ole. „Kannst ja schreiben, wenn du Nachricht von Peter hast. Ich bereite meine alten Herrschaften vor.“ 

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Etwas zerknirscht empfing Tonis Mutter wenig später ihren Sohn an der Haustür. Sie hatte es nicht lassen können und ihrem Bruder Bernd alles erzählt. Dessen Reaktion ließ nicht auf sich warten. Ob sie verrückt wären, so etwas Perverses zuzulassen! Das Mädchen braucht einen anständigen Freund, der ihm beibringt, was es ist. Bernd war außer sich. Klaus hatte das Gespräch mitbekommen und sich eingebracht. Er beschimpfte den Schwager als intoleranten widerlichen Menschen und verbot ihm den Umgang mit Anneliese, wenn er sich nicht auf der Stelle mäßigte. Beide Männer stritten eine Weile, bis Klaus entnervt den Hörer auflegte. Toni kam, als sich seine Eltern über die schrecklichen Ansichten des Onkels ausließen. „Du rufst da bitte nicht wieder an. Der soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Mit so einem Menschen will ich nichts zu tun haben. Es ist dein Bruder, Anneliese, aber du musst selbst zugeben, dass er nicht zu uns und zu unserer Lebenseinstellung passt.“ 

Anneliese war blass geworden, nahm den Wasserkocher in die Hand und füllte ihn. Sie musste sich dringend einen Beruhigungstee aufbrühen. Als sie die Tassen auf den Küchentisch gestellt hatte, setzte sie sich niedergeschlagen auf ihren Stuhl. „Ja, du hast wohl Recht. Ich hab mir nichts dabei gedacht. Aber, es ist vielleicht gut so. Damit sind die Fronten geklärt und ich stimme dir zu. Es ist wirklich besser, diesen Kontakt abzubrechen. Ich weiß nicht, was mit Bernd los ist, Petra ist auch ratlos. Sie weiß manchmal nicht, ob sie bei ihm bleiben soll. Er ist ein lausiger Ehemann, schreit ständig herum und verpestet die Atmosphäre mit seinen Ansichten. Sie haben kaum noch echte Freunde.“ Toni legte liebevoll den Arm um seine Mutter und setzte sich zu den Eltern. „Danke, dass ihr zu mir haltet. Onkel Bernd ist weit weg. Dad, hier ist ein Prospekt vom Sportstudio für deine Kondition. Ich muss meine Muskeln trainieren. Eine Familienkarte wird günstiger. Mum kann ihre Rückengymnastik weiterführen. Vielleicht trifft sie andere Frauen und findet Freundinnen. Cornelia will mich im Paarlauf trainieren. Ich bekomme eine dreizehnjährige Partnerin, die ich bei den Wurfsprüngen und Hebungen halten muss. Sie sagt, wenn meine Geschlechtsangleichung läuft und ich bereits eine Bescheinigung vom Arzt darüber habe, kann sie das Problem mit dem Verband regeln. Ich muss in den Verein eintreten und sie wird sonst alle Kosten privat bezahlen und niedrig halten. Geld will sie von euch nicht. Vielleicht werden wir vom Verband gefördert, wenn wir gut sind und Erfolge aufweisen können.“ 

Seine Mutter goss ihrem Mann und sich selbst Wasser in die Tassen und legte in jede Tasse einen Teebeutel ihres Antistresstees. Toni holte sich eine Cola aus der Speisekammer und erzählte weiter. „Ole hat ebenfalls mit seinen Eltern gesprochen und wir dachten, wir treffen uns hier zusammen mit Peter. Er kann euch alles erklären und wir schmieden Pläne.“ Eine großartige Idee. Die Elternpaare sollten sich wirklich schnellstens kennenlernen, meinte Klaus.  „Was haltet ihr von nächstem Dienstag?“ Toni blickte auf sein Handy. Die Rückmeldung von Peter war schon da. Das passte.  „Ich rufe Ole gleich an.“ Als der abnahm, sprudelte Toni die Neuigkeiten heraus. „Du, wir sitzen in der Küche. Meine Eltern sind einverstanden, sie freuen sich. Also, am Dienstagabend um 19 Uhr bei euch. Super. Wann musst du morgen aufs Eis?“ „Um zehn Uhr. Treffen wir uns um halb zehn Uhr? „Alles klar, schlaf‘ gut. Ich bin auf Julia gespannt“, meinte Ole. Er dachte an die Worte seines Vaters. Gedanken an Mädchen hatte er genauso wie Toni bisher verdrängt. Er war nicht lesbisch. Aber wenn er als Junge lebte? Merkwürdige unbekannte Gefühle begannen ihn aufzuwühlen.   

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Toni sah seinen Freund von weitem vor der Eishalle warten. Es war erst kurz nach neun Uhr, aber seine Aufregung Julia kennen zu lernen trieb ihn an, so hatte er das Haus früher als üblich verlassen. Die Halle war bereits geöffnet. Die beiden Jungs schlugen die Hände aneinander und machten sich schweigend für das Training fertig. Toni betrat das Eis und vertiefte sich in seine Übungen. Das junge Mädchen, das ihn aufmerksam am Rand der Eishalle beobachtete, bemerkte er nicht. Julia fuhr mit ihrer rechten Hand sinnlich über ihre dunklen langen Haare, während sie jede Bewegung Tonis aufmerksam verfolgte. Ihr Mund öffnete sich und ihre Zunge benetzte die mit rotem Lipgloss sorgfältig geschminkten Lippen.

„Komm, wärm dich auf, Liebes. Du darfst gleich zu ihm aufs Eis. Gefällt er dir?“, fragte Cornelia und schmunzelte. „Mal sehen, du sagtest, er ist noch kein richtiger Junge? Aber er sieht aus wie einer. Das ist schon ein Pluspunkt.“ Julia zog ihren warmen Anorak aus und schlüpfte in eine rote Sportanzugjacke. Zarte Finger, deren saubere glatte Nägel mit rosa glitzerndem Nagellack überzogen im fahlen Licht der Eishalle funkelten, schickten sich an, den ebenfalls rosa farbigen Eislaufkoffer zu öffnen. Julia griff zielstrebig nach einer Haarklemme. Geschickt legte sie ihr Haar zusammen und befestigte es mit einem zusätzlichen Band am Hinterkopf. Sie begann mit beiden Beinen zu hüpfen und lief danach die Treppe zu den Tribünenplätzen rauf und runter. Nach fünf Minuten ließ sie ihre Arme kreisen, setzte sich in die Hocke und begann danach Dreiersprünge und Sprünge mit einer Umdrehung auf dem Vorplatz zum Kiosk zu üben. Sie wurde von einer Mauer und dem Speiseeisautomaten etwas verdeckt. Toni, der sie noch immer nicht gesehen hatte, versuchte sich an einem doppelten Toeloop, der zu seiner Freude hervorragend glückte. Ein doppelter Flip und ein doppelter Lutz bescherten ihm ein enormes Plus an Selbstwertgefühl. Euphorisch setzte er zum Axel an und… fand sich mit dem Hintern auf dem Boden der Tatsachen, also auf dem kalten Eis, wieder. Da fehlte eine halbe Umdrehung und seine Arme hatten viel zu früh aufgemacht. Erst jetzt sah er sich peinlich berührt um. Conni, die eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit besaß, suchte Blickkontakt zu ihm. Ihre Erscheinung war trotz ihrer geringen Körpergröße nicht zu übersehen. Neben ihr stand ein junges Mädchen, deren Schönheit Toni spontan den Atem raubte. Das musste Julia sein! Hoffentlich hat sie mein Missgeschick eben nicht gesehen, dachte er, rappelte sich auf und lief zu Conni an den Rand der Eisbahn. Die reagierte sachlich wie immer.

„Alles Gut, du weißt selbst, was du falsch gemacht hast. Den Axel darfst du gleich noch einmal üben. Aber erst begrüßt du deine Partnerin. Julia, das ist Toni. Toni, deine Julia!“ Cornelia schaute stolz auf ihr frisch gebackenes Paarlauf Team. Vielleicht werden die zwei in ein bis zwei Jahren als Geheimtipp auf der Liste der deutschen Traumpaare stehen. Sie schalt sich sofort für diesen Gedanken. Vor den Erfolg hatte der liebe Gott die Arbeit gesetzt. Obgleich die beiden hervorragend zusammen passten. Conni trieb sie an. Sie sollten sich einlaufen und danach üben, sich während der Schrittfolgen an die Hände zu fassen. Nicht jeder Eisläufer konnte etwas mit einem Partner auf dem Eis anfangen. Am Nachmittag wollte sie mit den beiden nebenan in die Schulsporthalle gehen und ihnen die ersten einfachen Hebungen zeigen. Julia spürte Tonis Verlegenheit. „Das war gar nicht schlecht. Ich fall auch oft beim Axel. Du darfst nicht zu früh aufmachen. Bei den anderen Sprüngen kann man mogeln, beim Axel ist das tödlich.“ Sie lächelte gewinnend und löste bei Toni genau das Gegenteil von dem aus, was sie mit ihrer lockeren Aussage eigentlich bewirken wollte. Er sollte sich entspannen. Toni bekam jedoch keinen vernünftigen Ton mehr zustande, meinte nur: „Okay“ und schwieg.  Conni half ihm unbewusst. Sie übernahm das Training und auch das Wort. Er brauchte sich nicht mehr kommunikativ anzustrengen und atmete erleichtert auf. Julia war ein bezauberndes Mädchen und schon sehr fraulich in ihrer Erscheinung. Sie wirkte erwachsener als er. Fasziniert und irritiert reichte er ihr die Hand, als sie ihre Schlittschuhe angezogen hatte und half ihr aufs Eis. Conni registrierte die Situation mit Wohlwollen. Toni war als Mädchen sozialisiert worden und würde Julia immer mit Achtung und Respekt begegnen. Jetzt kam es darauf an, wie schnell er seine Rolle als Mann lernte. Sie sagte nichts und nickte den beiden zu. Julia begann sich einzulaufen und kurze Zeit später reichte sie Toni die linke Hand. Das gemeinsame Rückwärtsübersetzen und die Schrittfolgen als Paar ließen Connis Herz Purzelbäume schlagen. Da hatten sich zwei gefunden, die zusammengehörten. Neben ihr stand Ole und starrte Julia an. Alle inneren Verbote lösten sich auf. Ole fühlte sich als Mann und betrachtete seinen besten Freund augenblicklich als Konkurrenten in der Gunst um das schönste Mädchen der Welt, wie ihm schien. „Vergiss es und beweg dich, damit du nicht kalt wirst“, meinte Conni und lächelte. 

„Ich hab noch mehr Mädels in meiner Gruppe. Für dich werden wir auch etwas Passendes finden. Die zwei dort werden eines Tages für ihr Land starten.“ 

Sie ließ Ole stehen und klatschte in die Hände. Die beiden Eisläufer verstanden, liefen zu ihrer Trainerin an die Bande. Um dreizehn Uhr endete die erste gemeinsame Trainingseinheit. Am Nachmittag sollten sie sich in der Sporthalle der nahegelegenen Schule treffen. Cornelia hatte sich Schlüssel und Erlaubnis vom Schulleiter geholt, damit sie in der Turnhalle off-ice Training durchführen konnte. Ihr Traumpaar würde dort nicht alleine sein. Fünf andere Mädchen aus ihrer Gruppe sollten gemeinsam Eisgymnastik betreiben. Ole und Toni blickten Julia und ihrer Trainerin hinterher, als diese ins Auto stiegen. „Krasse Braut“, meinte Ole anerkennend. „Hey, bist du eifersüchtig?“, neckte ihn Toni. Sein Handy summte. Peter hatte ihm eine SMS gesandt. „Die ist von Peter. Mit Dienstagabend geht alles klar. Er freut sich für uns.“ Ole blickte verträumt drein. „Julia ist nichts für mich, meinte Conni.  Aber sie will mir ein nettes Mädel aus ihrer Gruppe bringen. Ich werde heute Nachmittag zur Turnhalle kommen. Ein wenig Abwechslung kann nicht schaden.“ „Dann wollen wir das Beste für dich hoffen!“ Toni zwinkerte mit den Augen. „Ich glaube, die sind alle noch unter zehn Jahre und das willst du doch sicher nicht, oder?“ „Ha, ha, ha. Bis nachher. Und sei dir bei Julia nicht so sicher. Eislaufpartnerin kann sie ja sein, aber vielleicht liebt sie mich, anstatt dich.“ Sie drückten einander. „Bis später“, meinte Toni. Sein Herz machte Freudensprünge. 

Kurz vor vier Uhr stand er vor dem Eingang zur Schulsporthalle. Fünf kleine Mädchen in Turnanzügen warteten bereits. Ole kam mit seinem Fahrrad und bemerkte die Bescherung schon von weitem. Die waren wirklich noch zu jung für ihn. Aber er wollte die Flinte nicht gleich ins Korn werfen und umarmte den Freund zur Begrüßung. „Seid ihr alle bei Conni?“, begann er ein Gespräch mit den Kleinen. „Ja, sie kommt gleich mit Julia und Amelie. Die sind schon groß. Julia hat jetzt einen Partner, sie soll Paarlaufen üben“, erzählten die Kinder. Aha. Ole atmete aus. Es gab noch Hoffnung für ihn und die hieß womöglich Amelie. Seine Überraschung konnte nicht größer sein, als Connis Auto auf dem Parkplatz anhielt. Julia stieg aus, nahm grazil ihre Sporttasche aus dem Kofferraum und ging lächelnd auf Toni zu. Sie trug einen zu engen pinkfarbenen Pullover unter ihrem weißen Anorak, den sie wohlweislich offen ließ, damit sich ihre kleinen festen Brüste deutlich darunter abzeichnen konnten.  Ein zweites Mädchen stieg aus dem Wagen. Sie schüttelte ihre hellblonden glatten Haare aus, legte den Kopf zur Seite und tat so, als ob die beiden Jungen an der Tür gar nicht vorhanden waren. Amelie war mit ihren vierzehn Jahren nicht weniger kokett als ihre Freundin Julia. Und sie konnte ihr beileibe äußerlich das Wasser reichen. Sie wollte sich Ole ansehen. Cornelia hatte ihr von Tonis Freund berichtet und starke Zweifel an der angeblich endgültigen schwulen Ausrichtung der beiden Jungen geäußert. Sie meinte, es müsse nur das richtige Mädel kommen, dann würden die zwei Herren sicherlich aufhören, sich ausschließlich füreinander zu interessieren. Amelie wollte allzu gern mitspielen. Die Jungen aus der Schule gefielen ihr nicht besonders. Amelie liebte Romantik und Gefühle. Liebesromane standen derzeit hoch im Kurs bei ihr. Selbstbewusst sah sie auf, strich ihre Haare aus dem Gesicht und begann amüsiert mit Ole zu flirten. Der erhielt einen derben Schubs von seinem Freund. Er verstand den Wink sofort. Eilte auf Amelie zu, nahm ihr charmant lächelnd aber ungeschickt die Sporttasche aus der Hand. Julia nutzte den Augenblick für sich aus und hing ihre Tasche ebenfalls über Oles Schulter. Frau sollte freiwillige Diener nicht von sich weisen. Sie hakte sich mit einem fröhlichen „Hallo“ bei Toni unter und betrat ohne Ole eines Blickes zu würdigen die Sporthalle. Cornelia lachte in sich hinein. Sie kannte ihre Mädchen. Ole besaß nur noch Augen für Amelie, die ihre Chance ergriff. Handynummern und Mailadressen wurden nach dem Training ausgetauscht und als Toni den Vorschlag machte, noch einen Moment im Café zusammenzusitzen war das Eis endgültig gebrochen. Cornelia erlaubte ihnen den Besuch unter der Bedingung, dass die Jungen die Mädchen um spätestens 19 Uhr zur Bushaltestelle bringen und die Mädchen ihre Eltern benachrichtigen, wann sie zu Hause sein werden. Toni und Ole fühlten sich wie Ritter aus vergangener Zeit. Natürlich konnte sich Conni auf sie verlassen, versprachen sie. Ein paar Minuten später wurde die gerade erst begonnene homosexuelle Beziehung zwischen Toni und Ole auf wundersame Weise ausgesetzt. Beide fieberten dem Dienstagabend entgegen. Sie wollten so schnell wie möglich ihre körperliche Entwicklung vorantreiben.

Kapitel 5    Pläne

Anneliese Obermöller trat einen Schritt hinter den Küchentisch, strich ihren Rock glatt und besah sich zufrieden den frisch gebackenen Käsekuchen, den sie gerade mit Schlagsahne verziert hatte. Sie nahm die Tortenplatte in beide Hände und brachte das süße Backwerk ins Wohnzimmer, wo sie es in die Mitte des Esstisches platzierte. Liebevoll war dort für sieben Personen gedeckt worden. Das Blümchenmuster des Kaffeeservices stimmte farblich mit den rosafarbenen Servietten überein. Sie hörte in der Küche den Kaffee blubbern, der durch die Maschine lief. Die Zeiger der Wohnzimmeruhr standen auf sieben Uhr abends. Sie warf einen kurzen Blick darauf. Im selben Moment, wie auf Bestellung, läutete es. Ihr Besuch erschien pünktlich auf die Minute. Toni eilte zur Tür. Er öffnete noch bevor seine Mutter auf den Flur laufen konnte. Ole gab ihm fünf. „Kommt rein“, meinte Toni und bat Oles Mutter galant wie ein Gentleman um ihre Jacke. Klaus stieg die Treppe vom Keller herauf. Die beiden Jungs waren abgemeldet. 

„Guten Abend, ich freu mich euch kennenzulernen. Ich bin Klaus und das hier ist meine treue Gattin Anneliese. Ich weiß nicht, was ich ohne sie täte!“ Er lachte seinen nahezu gleichaltrigen Besuch an. „Dann sagen wir gleich du, oder? Und meine bessere Hälfte hier ist Tamara. Ich hab sie seinerzeit direkt aus Russland einfliegen lassen. Ich bin der Rolf, Nachname Baumhard und ich arbeite beim Bauamt.“ Klaus schmunzelte, die beiden waren ihm auf Anhieb sympathisch und die Stimmung konnte nicht lockerer sein. Die Paare gaben einander die Hand. „Das hat uns Toni schon erzählt. Aber legt erst mal ab und kommt rein. Es gibt Kaffee und Kuchen. Anneliese hat auch Tee gekocht.“ Klaus wies mit der Hand den Weg ins Wohnzimmer. „Oh, nett habt ihr es. Ist das euer eigenes Haus oder gemietet?“, fragte Tamara, die sich aufmerksam umschaute. „Das ist unser Eigenheim. Aber gebraucht erworben. Wir wohnen erst seit einem guten halben Jahr hier. Wir kommen aus München und haben unser Haus verkauft“, plauderte Klaus.  „Es stand nicht einmal zwei Tage in der Zeitung. Der Wohnungsmarkt dort unten ist katastrophal. Für uns natürlich gut, wir haben mehr bekommen, als wir dafür bezahlt haben.“ Ole und Toni atmeten laut aus. Die Elternpaare interessierten sich für alles, nur nicht für ihre Kinder. Das konnte ja heiter werden. Schweigend setzten sie sich an den Tisch. Anneliese holte die Kaffeekanne aus der Küche und begann einzuschenken. Toni und Ole tranken Tee, nahmen jeder ein Stück Apfelkuchen mit Sahne in Empfang. Tamara fiel ein, warum sie eigentlich bei den Obermöllers waren. „Ich glaube, wir vergessen gerade die Hauptpersonen, um die es geht. Du bist also Toni. Olga hat uns schon viel von dir erzählt.“ „Mama!“ Oles Augen funkelten. War das peinlich! Sie hatte ihn mit dem weiblichen Vornamen angesprochen. Auch Rolf sah seine Frau vorwurfsvoll an. „Ach, bitte, das ist alles so neu für mich. Ich habe siebzehn Jahre lang eine Tochter gehabt und nun steht plötzlich ein Junge in der Tür. Das kann eine alte Mutter nicht so schnell lernen“, verteidigte sich die Ballettlehrerin. Anneliese pflichtete ihr sofort bei. „Ich hab erst vor ein paar Tagen mein kleines Mädchen begraben. Es ist wie der Tod, nur ohne das Sterben und ohne Friedhof. Wir behalten unsere Kinder ja, aber sie sind plötzlich jemand ganz anderes. Ihr Jungen müsst Geduld mit uns haben.“ 

Rolf nickte. „Wir haben uns auf Oleg geeinigt, Ole ist dann Spitzname, der ganz gut zu Norddeutschland passt. Er hat gottseidank nur einen deutschen Pass. Russische junge Männer müssen, auch wenn sie im Ausland leben und zwei Staatsbürgerschaften haben, in Russland Wehrdienst leisten. Ich weiß, du machst dir nichts daraus, Junior. Aber glaube mir, das ist nicht so einfach. Ihr werdet trotz Hormonbehandlung und Operation immer im Hintertreffen zu normal geborenen Männern sein.“ „Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht“, erklärte Klaus. „Hier gibt es keine Wehrpflicht mehr. Sprichst du denn Russisch, Ole?“ Der antwortete in perfektem Russisch und entschuldigte sich zweisprachig bei seiner Mutter. „Das bleibt nicht aus. Als Mutter spricht man mit seinem Kind automatisch in der eigenen Muttersprache und ich habe ihm die Schrift gleich mit beigebracht. Ich denke, es ist nie von Nachtteil Sprachen zu können und Englisch lernen sie ja in der Schule sowieso. Oleg!“ Tamara küsste ihren Sohn auf die Wange. Seine Augen verdrehten sich. „Ich glaube, es wäre ihm lieber, Sie wären Amelie“, frotzelte Toni. Augenblicklich waren die neuen Freundinnen Thema Nummer eins. Rolf lachte laut auf. „Ich wusste es. Wenn das richtige Mädchen da ist und die zwei sich ihrer weiblichen Hülle entledigen, werden die männlichen Gefühle wach. Und sogar ohne Hormone!“ „Wann kommt denn Herr Petersen? Wir haben schon mit dem Kaffee angefangen. Das ist eigentlich sehr unhöflich!“, bemerkte Anneliese erschrocken. An Peter hatte niemand mehr gedacht. „Ja, der ist tatsächlich überfällig“, meinte Ole und warf einen fragenden Blick auf seinen Freund. „Ich klär das mal.“ Toni nahm sein Handy. Er hatte die SMS noch gar nicht abgeschickt, als es erneut an der Tür klingelte. „Wenn man vom…spricht!“ Fröhlich sprang er auf, um zu öffnen. „Einen schönen guten Abend, ich stand eine halbe Stunde im Stau. Es tut mir leid“, entschuldigte sich der verspätete Besuch. Klaus und Anneliese, die ihm entgegengeeilt waren, wehrten sofort ab. „Machen Sie sich keine Gedanken, Herr Petersen, kommen sie bitte herein. Die Baustellen sind fürchterlich. Ich hab mich schon mehr als einmal verfahren“, erzählte Klaus. „Es gibt Kuchen. Trinken Sie Kaffee oder Tee?“, fragte Anneliese. „Kaffee, danke.“ Im Wohnzimmer begann ein Begrüßungs- und Erzählmarathon. Alle sprachen durcheinander. Peter genoss seinen Apfelkuchen, schob gleich noch ein Stück herrlichen Käsekuchen hinterher. Alles selbst gebacken, wie ihm versichert wurde. Jeder aß, es wurde ruhiger in der guten Stube der Obermöllers. Als die Kuchengabeln wieder auf den Tellern lagen, breitete sich Gemütlichkeit aus. Und wieder war es Tamara, die sich zu Wort meldete.

„Herr Petersen, wir hatten bereits bemerkt, dass unser Oleg Probleme mit seinem Geschlecht hat, als er noch sehr klein war. Er kümmerte sich nicht um seine Puppen, sondern tobte ständig mit den Jungen beim Eishockeyspielen herum. Auch wollte er nur Hosen tragen und bettelte darum, ich möge ihm die Haare kurzschneiden lassen. Wir dachten uns aber nicht viel dabei. Jetzt sind mein Mann und ich völlig verunsichert und wir fragen uns, was wir falsch gemacht haben.“ Sie sah ernst und verängstigt aus. Peter war auf diese Frage vorbereitet. Immer wieder musste er Eltern beruhigen, die sich an der transsexuellen Prägung ihrer Kinder die Schuld gaben. Er lächelte. „Gar nichts haben Sie verkehrt gemacht. Die meisten Transidenten werden so geboren. Wie Transsexualität entsteht, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen ist unerforscht und ich denke, es wird auch nie richtig geklärt werden. Sehen Sie, die Schöpfung hat so viele verschiedene Lebensformen hervorgebracht, dass wir gar nicht ergründen können, woher die unzähligen Lebensentwürfe der Menschen stammen. Wir sollten das einfach so hinnehmen. Wer die Strafgesetze dieses Landes beachtet, kann und darf im Grunde alles tun, was er möchte. Seien Sie bitte unbesorgt.“ Er nahm einen Schluck Kaffee und sprach weiter. „Ja, prima. Dann sind wir mittendrin. Ich beantworte gerne erst mal Ihre Fragen, wenn Sie mögen. Oder ich fange kurz an und erzähle Ihnen etwas zum Thema.“ „Bitte, erzählen Sie, oft erledigt sich dabei schon einiges von selbst“, bat Klaus und erhielt Zustimmung.

„Nun, denn. Ich kann es nicht oft genug sagen. Transsexualität ist weder ansteckend noch gefährlich für andere und nichts, wofür man sich schämen muss. Das alte Gesetz von 1980 wurde vom Verfassungsgericht in Teilen für überholt angesehen und soll nun von der Bundesregierung nachgebessert werden. Was ist Transsexualität? Im Grunde das Gefühl mit dem falschen Geschlecht geboren zu sein. Je nachdem ergibt sich aus der Diskrepanz zwischen äußerlichem und gefühltem Geschlecht ein Leidensdruck für die Betroffenen. Für diejenigen, die einen Anpassungswunsch haben, gibt es das Gesetz zur Vornamen-und Personenstandänderung und die medizinische Angleichung. Wer sich mit seinem Empfinden arrangieren kann, lebt so, wie er/sie es möchte. Erst, wenn jemand sein Geschlecht  wechseln will, brauchen wir eine gesetzliche Grundlage, die Vornamen-und Personenstandänderung regelt und hilft, medizinische Behandlungsschritte einzuleiten. Zunächst ist die Vorstellung bei einem Arzt mit Zusatzausbildung Psychotherapie oder bei einem Psychologen nötig. Keine Angst, es tut weder weh, noch soll man auf sein Geburtsgeschlecht zurückgeführt werden. Das geht bei genuiner Transsexualität auch gar nicht, weil das tiefe Gefühl dem somatischen Gegengeschlecht anzugehören einfach da ist. Transsexualität ist mit Psychotherapie nicht behandelbar. Es gibt Psychosen und andere geistige Erkrankungen, die mit dem Wunsch nach Geschlechtswechsel einhergehen können und das muss ein Psychologe gegenüber echter Transsexualität abgrenzen. Daneben gilt es während des Angleichungsweges viele Hürden zu nehmen und eine fachkundige Begleitung wird von den meisten als hilfreich empfunden. Ich kenne eine nette Ärztin mit Zusatzausbildung Psychotherapie, die sich auch mit Kindern und Jugendlichen befasst. Sie hat früher die Gutachten für das Gericht geschrieben. Ich war damals bei ihr und habe ihre Art und Behandlung als sehr angenehm und fördernd empfunden.

Leider schafft es unsere Bundesregierung nicht, neue Regelungen in Kraft zu setzen, so dass im Augenblick die Rechtssicherheit auf der Strecke bleibt. Ein neuer Gesetzentwurf, der das Melderecht vereinfachen soll, wird noch diskutiert. Das beinhaltet aber nur Ausweise und Geburtsurkunde. Die medizinische Behandlung wird nach wie vor ärztliche Atteste und Gutachten benötigen, was auch richtig ist, denn bereits Hormonbehandlungen sind oft irreversibel. Natürlich steht jedem frei, von wem er /sie sich die transsexuelle Prägung bescheinigen lassen will. Frau Dr. Krausermann ist bei den meisten aus der Gruppe beliebt. Das heißt nicht, dass sie alles tut, was der Patient will. Sie hinterfragt direkt und stößt dabei gerne auch ins Wespennest. Ihr Statement ist für die weiteren Behandlungsschritte leider unerlässlich. Sie muss wie bereits gesagt geistige Erkrankungen ausschließen. Für den folgenden medizinischen Weg steht sie danach zur Verfügung und begleitet ihre Patienten durch die Angleichung, sofern die es wünschen. Es schließt sich bei uns Männern die Hormonbehandlung mit Testosteron an, die lebenslang weiter geführt werden muss, wenn die Eierstöcke entfernt wurden. Das sollte ein bis zwei Jahre später geschehen, weil es andernfalls zur Tumorbildung kommen kann. 

Wer also seiner Männlichkeit mit Hormonen nachhelfen möchte, sollte sich über operative Maßnahmen informieren. Jeder muss sich selbst ein Bild machen, in Frage kommende Chirurgen aufsuchen und eigene Entscheidungen hinsichtlich seiner Angleichung treffen. Viele lassen sich erst die Brust entfernen und danach die Eierstöcke und die Gebärmutter herausnehmen. Die Scheide wird verschlossen. Einen Penoidaufbau bieten inzwischen mehrere Ärzte in Deutschland an. Man kann im Stehen pinkeln und nachdem eine Erektionshilfe eingesetzt wurde, auch üblichen Geschlechtsverkehr haben. Einige Transidenten lassen alles nacheinander in kleinen Einzelschritten operieren oder sie unterziehen sich einem größeren Eingriff, an den sich nach einer halbjährlichen Erholungsphase der Hodenaufbau und die Erektionshilfe anschließen. Dabei ist die jeweilige Krankenversicherung von Bedeutung, denn der große Eingriff ist sehr teuer. Andererseits kosten die einzelnen Operationen ebenfalls und in der Summe muss man auch die Komplikationsraten bedenken, die in dieser Klinik äußerst niedrig sind. Arbeitgeber möchten natürlich, dass der Arbeitnehmer nicht so lange ausfällt. Die Frage nach dem richtigen Operateur kann einem keiner abnehmen. Das hat etwas mit Vertrauen zu tun. Deshalb geben wir in der Gruppe möglichst viele Adressen heraus und bitten unsere Besucher sich umfänglich zu informieren. Ich habe bei finanziellen Problemen mit einigen Kassen gesprochen. Meistens lassen sich Kompromisse finden und wer meine Hilfe möchte, darf zu mir kommen.

Zu den Gutachten ist zu sagen, dass diese hauptsächlich für das Gericht notwendig sind. Die Geburtsurkunde muss geändert werden und der Amtsrichter schreibt seinen Beschluss erst, wenn zwei unabhängig voneinander tätige Gutachter die transsexuelle Prägung festgestellt haben. Auch hier gibt es Unterschiede in Arbeitsweise und Gestaltung der Sitzungen und Gutachten. Ihr solltet jeweils eine Probesitzung machen, um zu sehen, ob euch der Arzt oder die Ärztin sympathisch ist. Wenn er/sie einwilligt, könnt ihr ihn/sie dem Gericht im Antrag benennen. Das erleichtert dem Richter die Arbeit und ihr seid vor Überraschungen sicher.  Wenn die Gutachten beim Gericht liegen, geht es relativ schnell. Den Beschluss über die Vornamen- und Personenstandänderung erhaltet ihr zugeschickt, zusammen mit einer Kopie der Gutachten. Die Kosten müsst ihr selbst tragen, es können mehr als tausend Euro dabei herauskommen. Mit dem Beschluss wird die Geburtsurkunde geändert und danach können Ausweise neu erstellt und Zeugnisse umgeschrieben werden. Dieses Procedere könnte sich bald ändern, wenn die Regierungsmehrheit im Parlament das Aus für das alte TSG und ein neues Meldegesetz beschließt. Wir müssen jetzt abwarten.

Zu einem wichtigen Punkt: Wenn ihr euch zum Geschlechtswechsel entschließt, müsst ihr euch outen. Das fällt manchen Leuten schwer, weil sie fürchten, Freunde oder Lebenspartner zu verlieren. Bei euch ist in dieser Hinsicht ja alles ziemlich paletti, denn eure Eltern unterstützen euch. Ihr müsst allerdings in eurer Schule Bescheid sagen. Die Gutachter schreiben dafür auf Wunsch sogenannte Alltagstestbescheinigungen aus, so dass ihr den Schuldirektor und eure Lehrer informieren könnt. Probleme treten manchmal beim Sport auf.  Es muss die Frage des Umziehens und Duschens geklärt werden. Zeugnisse sind auf den neuen Namen umzuschreiben, wenn der Gerichtsbeschluss eingegangen ist. Es gibt aber auch die Möglichkeit, sie bereits vorher auf den neuen Namen auszustellen. Das ist rechtlich kein Problem. Wenn die Schulleitung Bedenken hat, könnt ihr euch bei mir melden. Ich spreche dort gerne vor. Wie gesagt, es ist seitens der Bundesregierung einiges auf den Weg gebracht worden und ich hoffe, dass die Änderungen spätestens im nächsten Sommer durch sind. Teure Gutachten für einen Verwaltungsakt sind wirklich unnötig. Für medizinische Behandlungen muss auf jeden Fall eine Indikation von Seiten eines Arztes gestellt werden. Daran wird und darf sich nichts ändern. Es ist natürlich wichtig, dass keine voreiligen irreversiblen Maßnahmen ergriffen werden. Man muss sich schon sehr sicher sein, was man will und sich die Konsequenzen bewusst machen.

Ein Problem könnte Mobbing in der Schule sein. Es kommt darauf an, wie selbstbewusst und selbstverständlich ihr auftretet. Häufig ist das Outing nicht nur ein Befreiungsschlag für die eigene Seele, sondern wird zum Aha-Erlebnis für Schulkameraden und Freunde, die immer schon wussten, dass irgendetwas mit Freund/Freundin nicht stimmen konnte. Es gibt aber leider auch Leute, die sich schlecht verhalten. Ich habe bereits Kontakte zu mehreren Schulen aufgebaut und dort referiert. Da müssen dann die Lehrer erklärend und fördernd eingreifen. Wenn etwas Außergewöhnliches auftritt, bitte meldet euch unbedingt bei mir. Das hat mit Petzen nichts zu tun, das gehört in den Bereich Aufklärung. Ja, das war es erst mal grob. Wer hat Fragen?“ 

Anneliese nahm die Kaffeekanne in die Hand. „Wer möchte noch?“ Rolf beeilte sich und hielt ihr seine Tasse entgegen. Auch seine Frau nickte.  „Gerne, alles ist vorzüglich, Anneliese. Ich möchte etwas fragen, Herr Petersen, aber ich trau mich irgendwie nicht.“ „Es gibt keine dummen Fragen, bitte, dafür bin ich hergekommen.“ „Also, wenn Oleg operiert ist, kann er keine Babys mehr bekommen und als Mann wird er ja sicher keine zeugen können. Ich möchte so gerne Enkelkinder und ich glaube, ihr beide wollt doch auch irgendwann einmal Kinder haben?“ Peter lächelte. Der Abend war nach seinem Geschmack. Er brauchte keine Überzeugungskraft aufzuwenden und diese beiden Familien strahlten etwas ganz Besonderes aus. Die Eltern standen voll hinter ihren Kindern. Klaus lehnte sich im Sessel zurück. „Kann man nicht Eizellen einfrieren?“ Peter lächelte noch immer. „Ja, das ist heute in Absprache mit fast allen Operateuren möglich. Und es ist in Deutschland nicht verboten. Sollten die beiden eines Tages mit Frauen liiert sein, könnten diese sich die befruchteten Eizellen einsetzen lassen. Sie wären zwar in jedem Fall nach geltendem Recht die Mütter, obwohl die Eizellen nicht von ihnen stammen, aber das ist in einer derartigen Konstellation natürlich kein Problem. Die Jungs müssten sich einen Samenspender suchen, wären offiziell Väter. Nur eine Leihmutterschaft ist in Deutschland noch verboten. Das kommt in Frage, wenn sich die zwei entschließen, als schwules Paar zu leben. Es gibt die Möglichkeit der Einlagerung von Eizellen im Nachbarland und dort ist man auch hinsichtlich nicht kommerzieller Leihmutterschaft weiter. Das Problem kann mit dem Endokrinologen besprochen werden. Die bisherige Rechtsprechung in diesem Bereich ist in Europa völlig unterschiedlich und wird sich durch den medizinischen und gesellschaftlichen Fortschritt sicher bald ändern müssen. Es gibt auch Berichte, wonach Transmänner noch nach der Testosterongabe schwanger wurden. Dazu müssen kurzzeitig wieder weibliche Hormone eingenommen werden und weil niemand weiß, wie sich Testosteron im mütterlichen Körper auf einen weiblichen Fötus auswirkt, sollte man die Finger davon lassen. Also, Kinderwunsch entweder vor der Hormonbehandlung erfüllen, oder Eizellen einfrieren lassen. Das ist meine persönliche Meinung, besprecht euch mit den Ärzten.“ Ole sah Toni an. „Peter, was sollen wir mit der Schule machen? Können unsere Eltern mit dem Direktor sprechen, oder dem Klassenlehrer?“ 

„Ich würde euch jetzt raten, noch gar nichts zu sagen. Besorgt euch erst Termine bei Frau Dr. Krausermann. Wenn sie von euch überzeugt ist, bittet ihr sie um ein kurzes Schreiben zur Vorlage in der Schule. Zeitgleich trefft ihr eure Gutachter und bittet auch dort um eine Alltagstestbescheinigung. Ihr könnt jetzt bereits anfangen eure Lebensläufe zu fertigen. Vor allem eure transsexuellen Wünsche und Gefühle solltet ihr aufschreiben. Erzählt, seit wann ihr den Wunsch hegt, als Jungen zu leben. Frau Dr. Krausermann wird euch stärken und wir in der Gruppe natürlich auch. Am besten wäre es, wenn eure Eltern sich um einen Termin beim jeweiligen Schulleiter bemühen und ihm Kopien der Alltagstestbescheinigungen vorlegen. Ich habe mit einem Gymnasialdirektor einmal für ein vierzehnjähriges Mädchen eine Strategie erarbeitet, die hervorragend in der Klasse angekommen war. Der Biologielehrer sprach das Thema im Unterricht an und fragte die Schüler, wie sie mit einem Kameraden umgehen würden, wenn sich dieser als Trans outete. Im Laufe der Stunde ging einer der Jungen raus und kam nach fünfzehn Minuten als Mädchen wieder in die Klasse zurück. Sie sagte nur: „Ich bin Aileen und ich bin Trans. Es wäre nett, wenn ihr mich in Zukunft als Mädchen betrachtet. Jetzt könnt ihr zeigen, wie cool ihr seid!“ Das Ganze war ein voller Erfolg. Das Thema wurde im Biounterricht in allen anderen Klassen ebenfalls kurz durchgenommen und Aileen gehörte sofort zu den Mädchen, die mit Argusaugen darauf achteten, dass sie nicht mehr auf die Jungstoilette ging. Sie zog sich bei den Mädchen zum Sport um und als sie die ersten Hormone mit siebzehn Jahren bekam, duschte sie auch mit ihnen. Sie war schon sehr früh in Behandlung, so dass mittels einer Spritze die ursprüngliche Pubertät unterdrückt wurde und sie eine hohe Stimme behielt. Ich hab sie vor einiger Zeit getroffen und fast nicht wieder erkannt. Sie studiert Medizin und setzt sich für Transsexuelle im Internetblog ein.“ Klaus hörte aufmerksam zu.

 „Ich bin Dozent. In meinen Vorlesungen gibt es zwei transsexuelle Frauen. Wir sprachen vor ein paar Tagen über Toni. Eine erzählte, sie kommt öfter in Ihre Gruppe. Sie heißt Sandra Wikertsen.“ Peter musste lachen. „Oh, die Welt ist klein und unsere Stadt ein Dorf. Aber das ist gut, dann haben Sie eine Ansprechpartnerin, obgleich sich der Weg der Angleichung bei den Frauen natürlich anders gestaltet. Wenn Toni und Ole regelmäßig in die Gruppe kommen, werden sie Sandra sicher kennen lernen. Sie durchläuft grad das Gutachterverfahren und bemüht sich um Operationsmöglichkeiten.“ Rolf war nachdenklich geworden. Er hatte anfangs Bedenken gehabt, als er von Oles Problem erfuhr. Gesetze und das tatsächliche Leben waren zweierlei. Es gab nach wie vor Mobbing und Ablehnung gegenüber Homosexuellen und Transsexuelle bildeten keine Ausnahme. Er kämpfte mit der Angst, Ole könnte Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen und mit der Gesellschaft bekommen. Seine Frau war ausgewandert, weil ihre Familie wegen der homosexuellen Veranlagung ihres Bruders Probleme hatte. Sein Schwager verbrachte sogar einige Jahre in einem Gefängnis. Als Tamara, die im Ballett auftrat, ein Engagement in Deutschland erhielt, nahm sie es erleichtert an. Er hatte seine Frau durch einen Freund kennen-und lieben gelernt. Sein Schwager lebte noch bei den kranken Eltern, die Hilfe benötigten. Rolf und Tamara sprachen oft darüber, wie frei und ungezwungen das Leben in Deutschland war. Während Peter einen Schluck aus seiner Kaffeetasse nahm, begann Rolf von seinem Schwager und den Problemen zu erzählen. Es wurde sehr ruhig im Wohnzimmer. Anneliese nahm spontan Tamaras Hand, die dies zuließ und ihre neue Freundin dankbar ansah. Jeder war überwältigt von Mitgefühl. Peter setzte seine Tasse ab. „Ich habe einige Kontakte. In einigen überwiegend östlichen Ländern sieht die Situation derzeit nicht gut aus. Es ist schade, dass es in Staaten, die eigentlich aufgeschlossen und modern am Weltgeschehen teilhaben wollen, so menschenfeindliche und antiquierte Vorurteile gibt. Mit der Kirche ist das allein nicht zu erklären. Es kommt auf die Staatsführung an. Man kann nur hoffen, dass bald jüngere und fortschrittlich denkende Leute an die Regierungen kommen. Ich gebe euch die Anschrift von Frau Dr. Krausermann und den beiden möglichen Gutachtern. Einer ist sogar von hier, so dass ihr ihn fuß läufig erreichen könnt. Die andere ist eine Professorin, die in der Psychiatrie arbeitet. Beide sind versiert und den Amtsrichtern bekannt. Wir haben bislang gute Erfahrungen mit Ihnen gemacht. Es ist wichtig, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen Gutachter und Patient entsteht. Das kann nur wachsen, wenn man konstruktiv und ehrlich miteinander umgeht. Ihr solltet euch die Termine getrennt holen und auch allein dort hingehen. Erst wenn es gewünscht wird, können eure Eltern dazukommen. Ihr seid keine kleinen Kinder mehr. Es geht um euer Leben, für das ihr selbst verantwortlich seid. Es kann natürlich auch sein, dass sie die Begutachtungen im Hinblick auf das neue Gesetz bereits ablehnen. Ich bin gespannt, was Frau Dr. Krausermann dazu sagt. Nächste Woche Freitag findet das nächste Gruppentreffen bei uns statt. Vielleicht wisst ihr bis dahin schon mehr und eure Eltern begleiten euch. Wir wollen und dürfen nichts überstürzen. Deshalb ist die Stellungnahme von ihr wichtig. Sie hat einen Blick für ihre Patienten und hinterfragt euch. Das tun die Gutachter übrigens ebenfalls. Doch es bleibt im Rahmen. Intelligenztests und entwürdigende Fragen nach sexuellen Vorlieben entfallen dort. Die arbeiten äußerst professionell. Die Begutachtung dauert die notwendige Zeit, aber auch nicht unverhältnismäßig länger.“ Peter nahm zwei Zettel aus seiner Aktenmappe, die er an Toni und Ole gab. Als Anneliese ihm noch einen weiteren Kaffee einschenken wollte, wehrte er freundlich ab. „Wenn im Augenblick keine wichtigen Fragen mehr anstehen, würde ich mich gerne verabschieden wollen. Ich hab noch eine weitere Verabredung und muss morgen früh wieder zur Arbeit.“ „Ich glaube, das war eine ganze Menge Neues, das wir verarbeiten müssen. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Herr Petersen, wir bedanken uns ganz herzlich für Ihren Besuch. Wir werden auf jeden Fall zur nächsten Gruppensitzung mit Toni mitkommen und freuen uns schon darauf.“ Klaus erhob sich. „Bitte bleibt noch“, sagte er zu Rolf und Tamara gewandt. Auch die Baumhards verabschiedeten sich von Peter, bekräftigten ihre Vorfreude auf den Besuch in der Gruppe zusammen mit Ole am Freitag in einer Woche. Anneliese und Klaus brachten ihren Besuch zur Tür. 

Dies war erst der Anfang. Das ahnten alle. Sie werden noch viele Gespräche miteinander führen. Aber der Weg für ihre Kinder in ein neues Leben lag vor ihnen. Wie er verläuft und was er bringen wird, ob er sich als richtig oder falsch herausstellt, das würde die Zukunft zeigen. Als Peter das Haus der Familie Obermöller verlassen hatte, ließ er sechs Menschen mit gemischten Gefühlen am Kaffeetisch zurück.  

Toni und Ole beschlossen am nächsten Tag bei der Psychotherapeutin anzurufen. Sie wurden von ihren Eltern darin bestärkt. Anneliese schenkte nach und schickte einen Teller mit Keksen herum. Es war halb zehn Uhr durch. Rolf sah auf die Wanduhr. „Ja, das war sehr interessant. Wir sind ein ganzes Stück weiter und ihr zwei“, er blickte lächelnd zu Toni und Ole, „geht eure Schritte in eurem eigenen Tempo. Wir werden euch begleiten und ich freu mich auf die Bekanntschaften in der Gruppe. Es ist spät. Ole, morgen ist Unterricht. Anneliese, Klaus, wir bedanken uns herzlich für die Einladung. Es hätte nicht besser laufen können.“ „Ja, und ich melde mich demnächst mit der Gegeneinladung, damit ihr auch unser bescheidenes Heim kennenlernen könnt“, erklärte Tamara, während sie aufstand. Irgendwann tummelten sich alle Baumhards angezogen in der Tür. „Bis die Tage, man sieht sich morgen Nachmittag in der Eishalle“, meinte Ole. Toni grinste. „Schöne Träume von Amelie.“ Er löste damit bei Ole ein neckisches Schmunzeln aus. „Du wirst dich noch über Julia wundern. Die hat nämlich die Hosen an.“ 

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Tonis Gedanken am Mittwochvormittag verließen die Deutschstunde. Dabei handelte es sich nicht um den von ihm sehr geliebten Roman. Toni saß im Deutsch Leistungskurs. Seine kleinen grauen Gehirnzellen befassten sich mit dem ersten Gespräch bei Frau Dr. Krausermann, das so schnell wie möglich stattfinden sollte. Angestrengt überlegte er sich einen Text, mit dem er seine Lebensbeschreibung beginnen konnte. Tonis Gehirn konzentrierte sich auf die ersten Worte des Aufsatzes, mit dem er die Psychologin beeindrucken wollte, um ihr detailliert Einblicke in sein tief empfundenes männliches Innenleben, in seine Seele, zu geben. Goethe kam darin nicht vor. Anders in der Welt des Marius Springertson. Der fünfundfünfzigjährige Oberstudiendirektor war Deutsch- und Lateinlehrer mit Leib und Seele. Seit zehn Jahren leitete der Goethe Fan seine Schule. Iphigenie auf Tauris gehörte zu seiner Lieblingslektüre. Verzückt stand er am Fenster im Unterrichtsraum der 11b, ließ seinen Blick hin und wieder über den verwaisten Schulhof und die mächtige Kastanie  in der Mitte schweifen, betrachtete missbilligend das Chaos zweirädriger Fortbewegungsmittel an den beiden Fahrradständern, welches seine Schüler an jedem Vormittag hinterließen, bevor sie in ihren Klassenräumen verschwanden. Es musste dringend ein dritter her, um dort halbwegs etwas wie Ordnung schaffen zu können!  Die Klasse las aus seinem Lieblingswerk und Marius freute sich wie ein kleines Kind, mit welcher Hingabe der Deutschleistungskurs das Schicksal der jungen Priesterin Iphigenie verfolgte. Dass das Interesse hauptsächlich bei ihm selbst lag, bemerkte er nicht, oder er wollte es nicht bemerken. 

Marius Springertson hob seinen Kopf, der bereits eine ausgeprägte Halbglatze aufwies. Das weiße Haar am Kranz seines Hinterhauptes schimmerte im Sonnenlicht, es schien, als umgab ihn in ungefähr zwei bis drei Zentimeter Höhe eine Corona. Toni bekam nichts davon mit. Seine Banknachbarin Eva starrte ihren Direktor an, suchte Blickkontakt zu Heike, die ihr gegenüber saß. Erstaunt und mit großen Augen erkannte die den vermeintlichen Heiligenschein über dem Kopf des Direx ebenfalls, der nicht ahnte, welche Ehre ihm durch das einzigartige Lichtschauspiel zuteilwurde. Er deutete die Blicke der beiden Mädchen falsch, führte sie auf die Anteilnahme am Los und Schicksal der Protagonistin zurück und wunderte sich, warum Toni ausgesprochen abwesend auf sein Textbuch schaute. Marius wollte es genau wissen. Er musste es einfach wissen. War seine Lieblingsschülerin so tief in das Drama vor ihr eingetaucht, dass sie ihre Umgebung nicht mehr wahr nahm? „Worin besteht der Unterschied zwischen einer Personenbeschreibung und einer Charakterisierung? Und was bedeutet das für unsere“, ja er sagte „unsere“ „Iphigenie?“ Tanja, was meinen Sie?“ Fast liebevoll ruhte sein Blick auf Toni, als erwarte Marius eine Antwort, die den Gedanken Johann Wolfgangs in nichts nachstand und dessen Dichtkunst ins magische, göttliche erheben würde. Eine erneute Eins Plus für mündliche Leistungen waren Toni sicher. Sofern er Bedeutung und Größe des Augenblicks erkannte und im Sinne Marius‘ reagierte. „Tanja?“ Die Stimme wurde eindringlicher. Nachbarin Eva ahnte, dass ihre Stunde gekommen war. Unter dem Tisch schob sie ihre Hand in Richtung Tonis rechten Oberschenkel und krallte ihre spitzen messerscharfen rot lackierten Fingernägel in eben diesen. Toni schrie auf. Starrte Eva an, bemerkte dunkel, was sie ihm mitteilen wollte und erblickte… die Corona auf dem Haupte des Direktors. „Ääh, Sie …Sie haben da was? Oder…was ist los?“ „Was habe ich? Tanja, es geht um das Schicksal Iphigenies! Goethe, sein Werk, wir befinden uns auf den Schwingen höchster deutscher Dichtkunst!“ Marius fühlte sich zutiefst verletzt. Er schluckte. Was war mit Tanja los? War sie etwa krank? So teilnahmslos kannte er sie nicht. Die Verantwortung als Lehrkörper kehrte langsam in ihn zurück. „Tanja, kommen Sie bitte nach der Stunde zu mir!“ Er bewegte sich in Richtung des Lehrertisches, die Corona verschwand. „Wer kann die Frage beantworten?“ Die Schüler beeilten sich angestrengt in ihre Lektüre zu sehen. Die Klingel wurde für alle zur Erlösung. Marius schritt zur Tafel, die es trotz modernster Technik noch gab, nahm ein ordinäres Stück Kreide und wiederholte seine Frage schriftlich, mit dem Vermerk: Hausaufgabe. Toni saß etwas zerknittert auf seinem Stuhl. Auch das noch! Deutsch war eines seiner Lieblingsfächer und er hatte eigentlich nichts gegen Goethe. Nur nicht heute. Er wollte seine Lebensbeschreibung anfangen, denn am Nachmittag sollte das Telefonat mit der Psychologin stattfinden. Toni hoffte auf einen raschen Termin. Im Internet stand, dass es Kriseninterventionen gab, die einen schnellen zeitnahen Termin ermöglichten. Er packte seine Sachen ein und machte sich auf den Weg ins Direktorat. Die Schüler durften ohne den Umweg über die Sekretärin an die Tür klopfen, wenn sie etwas vom Direx wollten oder von diesem zu einer Audienz geladen waren.

„Herein.“ „Sie wollten mich sprechen, Herr Dr. Springertson?“ „Nehmen Sie Platz, Tanja. Ich mach mir Sorgen um Sie. Sie sind mit Abstand eine meiner besten Schülerinnen und ich schätze Ihren Vater sehr! Doch bevor ich ihn anrufe, möchte ich mit Ihnen selbst sprechen. Haben Sie Probleme, kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Marius meinte es ernst. Toni atmete ein. Vielleicht sollte er die Gunst der Stunde nutzen? Selbst wenn ihm die Alltagstestbescheinigung noch fehlte, war es möglicherweise an der Zeit, den Direx einzuweihen. Was konnte ihm passieren? Peter hatte gesagt, Trans ist weder ansteckend noch gefährlich und nichts, wofür man sich schämen musste. Er entschloss sich zum Angriff.

„In der Tat,  Herr Direktor. Es gibt da etwas. Ich bin Frau zu Mann Transsexuell. Meine Eltern wissen Bescheid und wollen mir beim anstehenden Geschlechtswechsel helfen. Ich bekomme Sitzungen bei einer Psychologin und muss Gutachtertermine wahrnehmen, damit ich bei Gericht meinen Vornamen- und meinen Personenstand ändern kann. Ich brauche neue Papiere. Mit spätestens achtzehn Jahren darf ich männliche Hormone einnehmen und mich operieren lassen. Ich heiße zuhause nicht mehr Tanja, sondern Toni. Wir hatten gestern Besuch von einem Sozialarbeiter, der eine Selbsthilfegruppe leitet und mich begleiten wird. Ja, ich war heute unaufmerksam im Unterricht, weil ich für die Psychologin eine Lebensbeschreibung fertigen will. Eigentlich mag ich Goethe sehr und ich finde Iphigenies Ehrlichkeit toll, aber das wissen Sie ja. Entschuldigung, ich werde mich bemühen, besser aufzupassen.“  Boar! Toni staunte über sich. Alles kam klar und deutlich aus ihm heraus. Besser konnte er sich nicht erklären. Marius Springer saß sprachlos im Sessel. Sein Gehirn arbeitete. Vor ein paar Jahren gab es einen ähnlichen Fall an einer Schule. Da wurde aus einem Jungen ein Mädchen. Oder war der Junge von Anfang an ein Mädchen gewesen und sah nur wie ein Junge aus? Marius erholte sich. „Tanja, das konnte ich nicht wissen. Aber ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um Ihnen zu helfen. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre Eltern anrufe? Wir sollten uns absprechen. Ich weiß wenig über das Problem, vor allem, weiß ich nicht, wie so etwas in den Schulen gehandhabt wird. Es gab vor ein paar Jahren in einer Schule einen Jungen, der zum Mädchen wurde. Ich werde den Direktor dort fragen, was zu tun ist. Bitte, vergessen Sie nicht Ihre Ausbildung und den Lernstoff. Sie sind sehr begabt und haben das Zeug zu einem guten Studium.“ Marius war bei den letzten Worten aufgestanden und auf Toni zugegangen, der sich sichtlich erleichtert von seinem Stuhl erhob. Es läutete zur nächsten Stunde. Er musste sich beeilen. Der Biologiesaal lag im anderen Gebäudekomplex. „Danke, Herr Direktor, ich hab jetzt Bio! Ich werde mich weiterhin in der Schule anstrengen. Vielleicht können Sie sich ja an Toni gewöhnen. Ich muss es auch den Mitschülern und Lehrern erzählen.“ „Das mache ich, Toni. Aber ich werde erst mit Ihrem Vater telefonieren. Wir kennen uns aus einer seiner Vortragsreihen gut. Seien Sie unbesorgt und jetzt laufen Sie, damit Sie nicht zu spät kommen.“ Uff! Toni nahm die Beine in die Hand und schaffte es gerade noch vor Frau Dr. Haineckens in den Bioraum. Es ging viel in seinem Kopf herum. So sehr er sich auch bemühte, ganz bei der Sache blieb er nicht. Im Biokurs waren andere Mitschüler dabei, als im Deutschunterricht. Nur Heike gehörte noch dazu und hatte Toni einen Platz neben sich frei gehalten. Nach der Stunde hielt sie ihn am Ärmel fest. „Hey, was ist mit dir? Du bist sonst wesentlich besser drauf. Hast du Probleme, kann ich dir helfen? Ich hab schon mit Eva gesprochen. Wir sind für dich da. Ich weiß, wie es ist, wenn man mit den Eltern umziehen muss. Ich hab das auch ein paarmal erlebt.“ Jetzt schien alles auf den armen Toni einzustürzen. Das erste Comingout beim Direktor und es sah so aus, als ob das nächste bei den Mädchen folgen sollte. „Ja, du kannst Eva dazu holen. Wir treffen uns unterm Fahrradständer nach der letzten Stunde, okay?“ Heike nickte. „Kein Problem, Eva und ich können dicht halten. Das ist nicht bei allen der Fall!“   

 

 

Kapitel 6         Toni wechselt die Seite

Es ebbt, hieß das Thema, welches das künstlerische Talent der Schüler fordern sollte. Zwei Stunden Kunstunterricht waren relativ schnell vergangen. Toni, der erst ein einziges Mal ein Wochenende an der Küste verbracht und angestrengt versucht hatte, sich an die Besonderheiten des Wattenmeeres zu erinnern, schaute nicht ganz unzufrieden auf sein Werk. Wobei, viel war für den Betrachter auf dem Din A3 Blatt Papier nicht zu erkennen. Es brauchte einiges an Phantasie, um aus den ineinander gelaufenen Farbklecksen etwas wie Wattboden heraus zusehen. Verstohlen blickte er zur Seite und betrachtete Marios Zeichnung. Der bemerkte den neugierigen Blick seines Nachbarn. Eine hervorragende Möglichkeit um sich zu profilieren tat sich auf. „Was sagst du? Dort gräbt gerade ein Wattwurm und das Weiße ist eine Muschel. Ich bin doch ein genialer Künstler, oder Tanja?“ Mario erwartete tatsächlich ein anerkennendes Wort. Toni grinste. „Ich würde sagen, der Wurm ist eine Scholle und das Weiße, na, Muschel? Ich weiß nicht recht. Aber Picassos Bilder sind ja auch erst nach seinem Tod richtig teuer geworden!“ „Wie findest du hingegen meinen Monet?“ Mario atmete tief aus. Das war gemein, er hatte sich solche Mühe gegeben. „Du solltest nicht daran denken, als Maler deine Brötchen zu verdienen. Du würdest elendig verhungern.“ Die Revanche kam auf dem Fuß. Toni fühlte sich allerdings nicht beleidigt. Mit einem lächelnden ‚Danke für die Blumen‘ nahm er sein Bild und legte es zum Trocknen in die Fensterbank. Heike und Eva fielen ihm abrupt ein. Er musste Farbe bekennen. Lustig, nach dem Zeichenunterricht, an Farbe zu denken. Einen Plan hatte er noch nicht. Der Kunstlehrer entließ seine Klasse mit freundlichen Worten, nachdem das Pausenzeichen gleichzeitig auch das Ende des Unterrichts eingeläutet hatte. Der Boden im oberen Stockwerk des altehrwürdigen Gymnasiums knarrte, als die zwölf Jugendlichen den Zeichensaal verließen. Tonis Ziel war allerdings nicht die Treppe, die in drei Etagen nach unten führte, sondern erst einmal die Toilette. Er musste sich die Hände waschen. Im Zeichensaal gab es nur ein einziges Waschbecken, welches natürlich nach dem Tuschen von allen Schülern gleichzeitig belagert wurde. Gewohnheitsmäßig stieß Toni die Mädchentoilette auf. Eigentlich gehöre ich hier gar nicht hin, fiel ihm ein. Er versuchte die aufkommende Unruhe zu übersehen, indem er sich konzentriert an der Seife zu schaffen machte. Warmes Wasser war Fehlanzeige, aber er bekam das meiste von seinen Fingern ab. Mit beiden Händen fuhr er sich durchs Haar. Die nassen Finger formten kleine Strähnchen aufrecht über den Mittelscheitel. Es war gar nicht so leicht gewesen, die Friseurin davon zu überzeugen, ihm einen Jungenhaarschnitt zu verpassen. Aber sie hatte gute Arbeit geleistet. Wären die Haare länger gewesen und er hätte Gel gehabt, könnte er sich nun mit einem Irokesenschnitt zeigen. So war es immerhin ein kleiner Irokese geworden. Kleinvieh macht auch Mist, dachte er und schloss die Klotür hinter sich.  

Ruhe lag über dem Schulgebäude. Das beschwingte Gefühl alles richtig zu machen, gab Toni Zuversicht. Die Stufen knarrten, als er die hohe Treppe hinabstieg. Das Gebäude war bereits im neunzehnten Jahrhundert gebaut worden und diente Generationen von Schülern als Lehranstalt. Anfangs als reine Mädchenschule. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden ebenfalls nur Mädchen dort unterrichtet, bis eine Kultusministerkonferenz ein gemischtes Gymnasium für Mädchen und Jungen daraus machte. Er verzog routinemäßig das Gesicht, als er auf der unteren Stufe ankam und den Musikraum passierte. Meistens übte dort das Orchester und es drangen ständig Töne ins Treppenhaus. Heute schien sich niemand mit Mozart und Bach zu beschäftigen. Auch die nächste Treppe knarrte gehörig, während Toni versuchte die Füße so vorsichtig wie möglich auf zusetzen um geräuschlos die Schule zu verlassen. Nach der letzten Etage hatte er es geschafft.  Er war an der Hoftür angekommen, spähte mit einem Seitenblick auf den Kakaoautomaten in der Ecke. Für fünfzig Cent gab es dort kalten und warmen Kakao, Tee und warme Brühe. Toni liebte den Geschmack des billigen Brühwürfels, der eine Hühnersuppe suggerieren sollte. Er nahm sich ein Geldstück aus der Hosentasche und wartete geduldig darauf, dass das Getränk in den Becher lief. 

Mit diesem in der Hand, stieß sein Arm die Tür auf, er atmete die frische Luft ein und setzte sich auf die nebenstehende Bank. Appetitlicher Weise hatte sie der Hausmeister gleich neben den Müllcontainer platziert, was der Bank den passenden Beinamen einbrachte. Man traf sich vorne am Müll. Nun, die Verabredung heute mit Heike und Eva fand auf der anderen Seite der Schule statt. Die dort auf ihn wartenden Mädchen konnten ihn nicht sehen und das gab ihm einen Moment der Einkehr und des Sammelns. Der Genuss der Brühe blieb auf der Strecke. Wie würden die Mädchen seine Transsexualität aufnehmen? Würden sie ihn auslachen, vielleicht mobben? Toni war sich nicht sicher. Er kannte beide Schulkameradinnen noch nicht lange genug, obgleich sie in der Vergangenheit stets einen guten Eindruck auf ihn gemacht hatten. Sie gehörten wie er zu den besseren Schülern und hielten sich während der Pausen von den oftmals derben Bemerkungen der anderen zurück. Heike und Eva waren wie Toni mehr am Schulstoff interessiert und strebten gute Noten an. Wohlan, Toni gab sich einen Ruck, warf den leeren Becher in den Papierkorb. Lässig hob er seinen grauen Schulrucksack über die Schulter und überquerte langsam den Schulhof. Nach exakt 75 Metern endete die Laufstrecke an den Stufen, die zum Nachbargebäude hinauf führten. Die Sportlehrer hatten alles genau ausgemessen. Generationen von Schülern sprangen nach dem Wettlauf die Treppe hoch, um sich auszulaufen. Toni passierte danach die am oberen Ende gelegene Gymnastikhalle. Die war ihm nie ganz geheuer, denn er gehörte zu den Mädchen, und die Gymnastikhalle mit dem kleinen Klavier, auf dem er sich zum Ärger der Sportlehrerin stets am Flohwalzer versuchte, war deren Domäne. Nur selten ließen die Jungen ihre Schulkameradinnen in die Turnhalle. Meistens beließ es die Sportlehrerin bei Reifen oder Keulen. Auch blaue platte Gymnastikbälle, welche sich wohl danach sehnten, mal wieder aufgepumpt zu werden, gehörten zu ihren Sportgeräten. Manchmal, wenn die Jungs draußen auf dem Sportplatz Fußball spielten, durften sie in die große Halle. Die Lehrerin war Volleyballfan und hatte ihre Mädels mit den Kniffen der Sportart vertraut gemacht. Selbst Toni konnte dem Spiel etwas abgewinnen, es war eine Mischung aus Technik und kämpferischem Einsatz. 

Das Gebäude der ehemaligen Realschule, die schon lange dem Gymnasium angeschlossen worden war, lag vor ihm. Die Realschüler bekamen vor etlichen Jahren einen piekfeinen Neubau am anderen Ende der Stadt. Die neuen Fahrradständer befanden sich rechts. Toni blickte in die Richtung, aus der Stimmen schallten. „Da bist du ja!“, rief Heike aus. Neben Eva stand auch Mario. Toni mochte den dunkelhaarigen sechzehnjährigen Jungen eigentlich ganz gern. Auch er glänzte mehr durch gute Leistungen und Zurückhaltung als durch aufschneiderisches Benehmen. In diesem Moment war sich Toni nicht sicher, ob Marios Gegenwart eine so gute Idee sein würde. Aber er konnte es nicht ändern. „Lasst uns runter in die Teeküche gehen und eine Cola trinken. Dort quatscht es sich gemütlicher!“, meinte Eva. Toni nickte. Die Teeküche war ihre Schülerkneipe geworden und befand sich in der City in einer kleinen Seitengasse. Die Jugendlichen der Oberstufe trafen sich dort gern nach dem Unterricht oder in Freistunden. Der Besitzer hatte die Preise für Cola und die Spezialität des Hauses, Tee, moderat gehalten, so dass der Aufenthalt für die Schüler erschwinglich blieb. Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Es war kühl an diesem ersten Novembertag, aber trocken. Der alte Friedhof lag friedlich vor ihnen und im Gegensatz zum Frühjahr piepsten und tschilpten im Winter keine Vögel mehr aus den alten Baumwipfeln.

Mario konnte es nicht lassen und zog Toni mit seinem Prachtwerk aus der Zeichenstunde auf. Heike und Eva pflichteten ihm bei und ergossen ihr Fachwissen über Monet und die anderen impressionistischen Maler. Es ebbt würde sicher auf der Auktion einen hohen Preis erzielen, frotzelten sie. Toni sagte nichts. Ihn beschäftigte sein Comingout mehr. Danach würde er wissen, wie es die Klasse aufnahm. Die drei konnten seine Geschichte gut verkaufen. Sie waren alle auf ihre besondere Weise beliebt bei den anderen Mitschülern, die sich nicht so Leistungsstark präsentieren konnten. Eva wurde überdies zur Klassenstufensprecherin gewählt und ihr Wort hatte Gewicht. Wenn er diese drei auf seine Seite bringen konnte, war das bereits die halbe Miete. Ständig Querelen und Mobbing ausgesetzt zu sein, darauf hatte Toni keine Lust. Seine Ruhe fiel auf.

Die Mädchen sahen sich an, sagten aber nichts mehr. Mario spazierte zufrieden neben ihnen. Er war in Eva verknallt, ließ es sich jedoch nicht anmerken und wagte nicht, ihr Avancen zu machen. Toni wäre ein guter Kumpel für ihn, dachte er, wenn es den kleinen Schönheitsfehler nicht gäbe. Toni war leider ein Mädchen. Trotzdem, vielleicht konnte er mal mit ihr über seine Gefühle Eva gegenüber reden. Die Truppe suchte sich einen gemütlichen Platz am hinteren Ende der Teeküche. Die Bänke und Stühle hatte der Eigentümer dunkelrot anmalen lassen, blaue Auflagen zierten die Sitzgelegenheiten. Alles war schlicht und einfach gehalten und wies trotzdem einen gewissen Pfiff auf. Viel los war noch nicht im Lokal. Die Kellnerin fragte nach ihren Wünschen. Wie gebannt hingen nach der Getränkebestellung drei Augenpaare an Tonis Lippen. Nun, es musste irgendwann ohnehin sein. Peter hatte ihm zwar geraten, erst die Gespräche mit der Psychologin abzuwarten, doch Toni war sich seiner transsexuellen Problematik bewusst und hegte keinen Zweifel daran, dass die Ärztin zum selben Ergebnis kommen würde.

„Wisst ihr, was Transsexualität ist?“, fragte er in die Runde. Heike nickte. „Das sind Leute, die mit ihrem Geschlecht nicht klarkommen. Tanja!“ Sie hielt sich die Hand nach dem kleinen Aufschrei vor den Mund. „Du wirkst auf mich nicht wie ein Mädchen. Wir haben schon öfter über dich gesprochen, Eva, sag auch was!“ Die blickte mit großen Augen auf ihre Schulfreundin. „Das stimmt. Du kommst wirklich wie ein Junge ‘rüber. Willst du dich operieren lassen?“ Toni lächelte. Man sah ihm die Erleichterung an. Jetzt war es endlich ‘raus. „Ich habe Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufgenommen und will heute Nachmittag bei einer Psychologin anrufen. Mein Freund hat dasselbe Problem, wir gehen den Weg gemeinsam. Im Augenblick müssen wir uns in der Schule outen. Eigentlich sollte ich die Stellungnahme der Ärztin abwarten. Sie gibt uns eine Bescheinigung für den Alltagstest. Neben der Psychotherapie müssen zwei unabhängig voneinander arbeitende Gutachter die Transsexualität bestätigen, damit wir unsere Papiere ändern können. Die Geburtsurkunde muss umgeschrieben werden und das Abizeugnis wird dann auch auf den neuen Namen lauten. Danach oder auch nebenher beginnt die Hormonbehandlung mit Testosteron und es folgt die OP. Es ist alles etwas kompliziert, aber ich bin froh, dass es jetzt anfängt. Ich habe einiges im Sport vor und das geht erst, wenn ich die Geschlechtsanpassung hinter mir habe. Hoffentlich können alle in der Schule damit umgehen. Ich möchte mich nicht auch noch gegen Mobbing wehren müssen!“ 

Die Gruppe war während Tonis Bericht verstummt. Die Bedienung kam an den Tisch und stellte Getränke ab. Mario runzelte etwas die Stirn. „Was hast du?“, fragte Eva. „Wir sind junge moderne aufgeklärte Menschen. Transidentität ist nichts Unnormales. Und bei den Jungs fällt der Wechsel viel weniger auf. Tanja ist kein Mädchen.“ Mario schüttelte abwehrend den Kopf und bewegte in derselben Weise seine rechte Hand. „Das meine ich nicht.  Unter den Schülern wird es nur wenige Probleme geben. Das ist allein schon dem Kurswahlsystem geschuldet. Wir haben keine normalen Klassenverbände. Wie heißt du denn jetzt?“ „Toni“, antwortete dieser. „Okay, Toni. Für mich ist das auch kein Problem, ich muss mich nur an den neuen Namen gewöhnen. Du hast viel vor dir. Und alles läuft neben der Schule her. Wie nimmt es der Direx auf? Was passiert mit dem Sportunterricht? Ich denke, dass weniger die Schüler mobben, als der Lehrkörper. Von denen kommen nicht alle damit zurecht.“ Heike trank einen Schluck Tee. Sie begann zu kichern. „Ja, du hast Recht. Ich denke grad an das Gesicht von Madame. Die wird dich wohl nie mit männlichem Vornamen ansprechen.“ Alle lachten. Madame hieß eigentlich Courvet, stand kurz vor der Pension und gab Französisch. Toni hatte Unterricht bei ihr und wollte Französisch im Abitur schreiben. Sie wurde von den Schülern nur Madame genannt, weil sie mit ihrem Dutt und ihrer ganzen Art etwas schrullig herüberkam. „Ich bin ganz gut in Französisch. Sie kann mir keine schlechtere Note geben, wenn es nicht gerechtfertigt ist. Und es sind noch knapp drei Schuljahre, das kann ich wohl verschmerzen.“  „Wann bekommst du Hormone? Deine Stimme wird sich doch dann verändern?“, fragte Eva und ergänzte nicht ganz ohne Schadenfreude: „Stellt euch nur vor, sie spricht Toni mit Tanja an und der antwortet mit tiefem Bass. Das wirkt doch lächerlich. Außerdem ist Marius der Direx und was er anordnet, wird gemacht!“  Toni  schmunzelte und trank seine Cola. „Ich habe vorhin mit ihm gesprochen. Er hat es ganz weltmännisch aufgenommen und will mit meinem Vater telefonieren. Er hält viel von ihm, glaub ich. Meine Eltern und auch Oles, haben sich großartig benommen. Sie unterstützen uns. Wir hatten den Leiter der Selbsthilfegruppe zu uns zum Kaffee eingeladen, damit er die Elternpaare beruhigen konnte. Aber das war gar nicht nötig. Die ahnten sowieso, dass irgendetwas mit uns nicht stimmt. Ich hoffe nur, Cornelia, meine Trainerin, kommt mit positiven Nachrichten vom Eislaufverband. Ich soll Paarlauf trainieren. Meine Partnerin Julia geht in die UIII. Ich hab sie heute in der Pause gesehen. Wir träumen schon von der Teilnahme an den Meisterschaften. Aber ob das etwas wird, hängt natürlich von unserem Talent und unserem Lernfortschritt ab. Wir müssen ganz viele Paarlaufelemente üben.“

Mario sah auf sein Handy. „Leute, ich muss los. Wann trainiert ihr? Ich komme mal in die Eishalle. War lange nicht mehr Schlittschuhlaufen.“ „Das kannst du gerne, wir trainieren jeden Tag um drei Uhr am Nachmittag. Oh je, ich muss auch los “, rief Toni erschrocken aus. Heike und Eva packten ihre Sachen und nahmen ihre Geldbörsen heraus. Heike hielt inne. „Du, hör mal. Wenn Marius bereits Bescheid weiß, können wir es doch auch über unsere App verbreiten. Das spart die einzelnen Aushänge. Und Frau Dr. Haineckens könnte das Thema in Bio behandeln. Da gehört es auf jeden Fall hin. Vielleicht machen wir uns wegen Madame viel zu viele Gedanken. Eva hat Recht. Was der Direx sagt ist Gesetz. Darf ich etwas schreiben, Toni? Ich schicke es dir und dann kannst du es in den Verteiler geben.“ Das klang gut für Toni. Er musste noch bei Frau Dr. Krausermann anrufen, Hausaufgaben hatte er auf und um drei Uhr sollte er in der Eishalle sein. Es wurde knapp mit der Zeit. „Super, ja, so machen wir es. Ich spreche nachher mit Ole. Vielleicht können wir den Text auch für ihn verwenden. Ich danke euch jedenfalls für eure Hilfe. Lasst mich bezahlen.“ Er wandte sich an die Bedienung am Tresen. „Das geht alles auf mich.“ Mario bedankte sich und klopfte Toni auf die Schulter. „Bis die Tage, ich komme zur Eisbahn.“ Toni gab der Bedienung einen 10 Euro Schein. „Das stimmt so“, meinte er und schob die beiden Mädchen aus der Tür. Eva und er mussten zur Bushaltestelle. Sie schafften ihre Busse gerade noch rechtzeitig. Als Toni die Wohnungstür aufschloss, legte er zufrieden seinen Schulrucksack in der Diele ab. Die Eltern waren noch nicht zuhause. Er nahm sich sein Essen aus dem Kühlschrank und schob den Teller in die Mikrowelle. Es war besser gelaufen als er gedacht hatte. Heike war bereits eine junge Schriftstellerin. Sie schrieb Geschichten auf einem Internet Forum und konnte hervorragend mit Sprache und Text umgehen. Sie wird bestimmt etwas Nettes zu Wege bringen. Da war er sich sicher. Nachdem er gegessen und das Geschirr in den Spüler gestellt hatte, holte er sein Handy. Bei Frau Dr. Krausermann schaltete sich der Anrufbeantworter ein. Sie nahm nur in den letzten zehn Minuten vor der vollen Stunde selbst ab. Als Therapeutin saß sie die übrige Zeit mit ihren Patienten zusammen. Toni meldete sich und sprach seinen vorgefertigten Text, in dem er um einen Termin bat, auf das Band. Er bezog sich dabei auch auf Peter. Das hatte ihm dieser ausdrücklich geraten. Er schaute auf die Uhr. In einer Stunde begann das Training. Rasch beeilte er sich, die Deutschhausaufgabe einer Inspektion zu unterziehen. Er wurde schnell fündig und schrieb konzentriert seine Gedanken auf.  Als er sich fürs Training umgezogen hatte, summte sein Handy. Der Termin war bereits da. Nächste Woche Montag um 17 Uhr sollte er zur Sitzung kommen.  Damit hatte er das ganze Wochenende Zeit, an seiner Lebensbeschreibung zu arbeiten. Das müsste reichen, dachte er. 

Seine drei  kleinen Schützlinge standen kichernd am Eingang und warteten auf den Einlass, als er die Eishalle betrat. „Julia und Amelie sind verliebt in euch!“, riefen sie aus und gackerten weiter. „Ruhe, die Damen, warm machen und Schlittschuhe an. Damit ihr fit seid, wenn die Chefin kommt!“ Er versuchte seine Stimme etwas ernster klingen zu lassen. Aber die lustige und heitere Atmosphäre im Kassenraum der Eishalle steckte auch ihn an. Natürlich merkten die Mädchen, dass er nicht ernsthaft böse war. Sie wechselten plappernd das Thema. Als der Uhrzeiger auf drei Uhr stand, öffnete die Kassenaufsicht ihr kleines Fenster. Die meisten Kinder und Jugendlichen zeigten nur kurz Jahreskarten vor. Einige Mütter hielten die Nachhut auf, weil sie bezahlen mussten. Toni schob seine Mädchen an der Kasse vorbei und lächelte die Kassiererin an. Wenn Conni kam, mussten sie alle warm und eingelaufen auf dem Eis stehen. Toni ermahnte die Kinder zur Eile. Vor allem profitierten sie von dem sauberen Eis. Es galt, je schneller man fertig war, umso besser war die Qualität. Heute hielt sich das Publikum in Grenzen. Mario fiel ihm ein. Er wird sicher noch an seinen Hausaufgaben sitzen, dachte er. Ole hatte sich ebenfalls noch nicht sehen lassen. Auch er wollte bei der Psychologin wegen eines Termins anrufen. Annalena und Sylvia sprangen aufs Eis. Die sechsjährige Anita jammerte. Sie konnte ihre Schlittschuhe nicht zubinden. „Ruhe, komm, ich helfe dir“, meinte Toni und schnürte ihr sorgfältig die weißen Stiefelchen. Die Mädchen trugen bunte Kürkleider. Anitas lange Haare waren mit einer grünen Schleife zusammengehalten. Sie sah süß aus und erinnerte Toni an die eigene Kinderzeit. Es war lange her und kam ihm wie eine kleine Ewigkeit vor. Als Cornelia mit Julia und Amelie erschien, hatte Toni seine Truppe fest in der Hand. Julia legte ihm von hinten ihre Hände vor die Augen. Die Mädchen kicherten, als sie sie fortnahm und ihm einen Kuss auf die Wange hauchte. Cornelia klatschte in die Hände. Amelie schaute sich suchend um. „Er ist noch nicht da, aber er wird sicher bald kommen“, meinte Toni tröstend. „Das hoffe ich für ihn.“  Amelie zog eine Schnute, was Toni zum Schmunzeln brachte. Typisch Frau, dachte er. Die zwei haben uns bereits gewaltig im Griff. 

Er nahm Julias Hand und begann sich zusammen mit ihr in Paarlaufhaltung einzulaufen. Es war auch für ihn ein ungewohntes Gefühl, sich mit einer Partnerin auf dem Eis zu bewegen. Ihre Hände mussten sich immer wieder finden, er durfte sie nie richtig loslassen und musste alle Schritte und Drehungen synchron mit ihr ausführen. Zwischenzeitlich nahm er die Hände an ihre Hüften und hob sie ein kleines Stück weiter. Später, wenn sie die Übungen in der Turnhalle off-ice beherrschten, würde er sie hochheben und mit ihr weiterlaufen, währenddessen sie über seinem Kopf turnte. Es würden die Todesspirale folgen und natürlich die Wurfsprünge. Doch soweit waren sie noch nicht. Die kleinen Mädchen sahen mit großen Augen bewundernd zu, wie Conni den beiden Großen zeigte, wie man artistische Turnübungen zu zweit ausführte. Conni beschäftigte sich danach mit den jüngeren Läuferinnen, behielt aber stets ihr Paar aus dem Augenwinkel im Blick. Ihr entging nichts. Die zwei stellten sich nicht dumm an und der Ehrgeiz hatte sie gepackt. Trotzdem, Conni musste streng sein. Von nichts kam nichts und wenn sie vorne in der Liga mitspielen wollten, gab es nur Entbehrung, Training und nochmals Training. Die zwei Stunden vergingen schnell. Die Eisbahn war nicht voll besucht. Conni ließ Steppsequenzen und Solopirouetten üben. Der zweifache Achsel als Einzelsprung klappte bei den beiden schon synchron und auch der zweifache Flip bereitete keine Schwierigkeiten. Conni war deshalb dazu übergegangen, den Flip dreifach ins Kurzprogramm aufzunehmen. Für ihre Schützlinge begann damit ein oft schmerzhafter Kontakt mit dem Eisboden. Auch bei den dreifachen Sprüngen hieß die Devise Zähne zusammen beißen und üben. Toni prustete, als er Julia auf dem Eis kurz über seine Schulter heben sollte. Sie wog nicht viel, aber ihm fehlten schlicht die Muskeln. Die Techniken und Handgriffe lernte er von Conni. Julia kümmerte sich nicht um seine Kraftdefizite, sondern begann ihre ersten artistisch anmutenden Übungen mit stoischer Gelassenheit auszuführen. Er wusste, was ihm blühte, wenn er sie losließ und sie beim Abgang durch seine Schuld nicht richtig landete. 

 „So, Mädchen, ihr dürft euch anziehen, wir sehen uns gleich in der Turnhalle.“ Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen und liefen sich noch einige Minuten aus.  Amelie beeilte sich auf dem Weg in den Umkleideraum, nickte dabei erleichtert Ole zu, der gar nicht mehr in die Eishalle kam, sondern sich sofort umdrehte und zur Turnhalle hinüberging. Nachdem Conni diese aufgeschlossen hatte, suchte er sich auf einem der Seitpferde einen Platz, um sich das weitere Training der „Profis“ anzuschauen. In der Halle lagen diverse Matten. Die Grundhaltung für die Todesspirale stand auf dem Programm und danach folgte der erste Wurfsprung, der Salchow. Es kam für Toni darauf an, die Partnerin an der Hüfte zu packen und in die richtige Drehung zu bekommen, damit sie mit genügend Schwung ein bis zweimal in der Luft herumdrehen und danach sicher landen konnte. Für Julia begann damit ein Albtraum. Sie fiel weich in die Matten, aber sie fiel. Auf dem Eis hätte sie sich mit Sicherheit ernsthaft verletzen können. Conni zeigte sich unerbittlich. Das Desaster war vorprogrammiert und völlig normal. Die meisten Kinder begannen als Einzelläufer und mussten mühsam lernen, dass es im Paarlauf auf gemeinsames Auftreten ankam. Als sie das Ende des täglichen Trainings ankündigte, applaudierten die Fans auf dem Seitpferd. Die kleinen Mädchen, die bereits aufhören durften, klatschten in die Hände. „Super, Julia. Du schaffst es bald“, rief Annalena aus. „Conni, ich möchte nachher auch so einen tollen Partner wie Toni haben“, meinte sie und verdrehte verliebt die Augen. Julia, die schmerzerfüllt ihr Hinterteil rieb lachte in Richtung der Kleinen und witzelte. „Wag es nicht, mir Konkurrenz zu machen. Such dir selber einen Partner! Danke für die Blumen, Leute. Toni, ich mach dir keine Vorwürfe, aber du solltest zuhause die Griffe so lange üben, bis du mich sicher in den Händen hast. Was macht deine Muckibude?“ Toni wusste selbst, wer an Julias blauen Flecken schuld war und es tat ihm leid. Er gab sich die größte Mühe umzusetzen, was Conni ihm zeigte. Jedoch, zwischen Theorie und Praxis lagen Welten.

 „Wir haben die erste Woche im Sportstudio schon durch. Aber ohne Hormone, wird es bei mir länger dauern, bis ich Muskulatur aufbaue. Ich arbeite dran.“ „Es war alles gut, ihr zwei. Rom ist auch nicht an einem Tag errichtet worden. Ich hab mit einer Mitarbeiterin des Verbands gesprochen. Die hatten einen solchen Fall noch nie. Aber wenn du eine Bescheinigung über deinen Geschlechtswechsel hast, kannst du erstmal in der männlichen Rolle trainieren. Dein Sportausweis wird mit einem Vermerk versehen und wenn du deinen Personalausweis bekommst, trägt sie den neuen Namen ein. Sie regte aber an, Wettkämpfe erst anzumelden, wenn du rechtlich männlich bist und die Hormonbehandlung Erfolg zeigt. Als Transsexueller darfst du nicht schlechter gestellt sein, als deine männlichen Kollegen. Die Hormone zählen in diesem Fall wahrscheinlich nicht als Doping. Es muss den Richtern nur bekannt gemacht werden und ggfs. im Sportpass eingetragen sein. Sie spricht demnächst mit dem Vorstand und meint, dass die Angelegenheit noch einmal von einem der Juristen überprüft werden würde.“ Die Auskunft genügte Conni vorerst. An Wettbewerbe war noch nicht zu denken und als erstes standen die Klassenlaufprüfungen in den Paarlauftechnikklassen 3 und 2 an. Daran werden sie jetzt arbeiten. „Wir sehen uns morgen. Ich habe für die Weihnachtsferien die Halle in der Stadt für den Verein gebucht. Hast du den Aufnahmeantrag ausgefüllt, Toni?“, fragte Cornelia. Ja, hatte er. Er zog einen zerknitterten Zettel aus seiner Sporttasche. „Hier, den Vereinsbeitrag und Aufnahmebeitrag überweisen meine Eltern Anfang Dezember. Wie kommen wir hin?“ Conny überlegte. „Das Training wird vormittags stattfinden und um 9 Uhr beginnen. Ihr könnt euch eine Schülerfahrkarte besorgen. Wenn ihr um 8 Uhr hier vom S-Bahnhof losfahrt, schafft ihr es mühelos rechtzeitig. Es sind zwei Eiszeiten vorgesehen, von 9-11 Uhr und von 12-14 Uhr. Wir wollen bis dahin soweit sein, dass ihr die Todesspirale könnt und die Hebungen angefangen habt. Vielleicht schaffen wir die Wurfsprünge bis dann auch schon. Ich trainiere euch jetzt für die beiden Klassenlaufprüfungen und wir versuchen die Trainingseinheiten bereits mit der Kurzkür aufzulockern. Gut, dann wünsch ich euch einen schönen Abend. Bis morgen.“ Conni nahm ihre Sachen und schob die Truppe aus der Turnhalle. Die Mädchen konnten sich von ihren Freunden nicht lösen, hingen ihnen an den Lippen. Sie wurde ärgerlich. „So, jetzt ist Schluss. Einsteigen, meine Damen, sonst lauft ihr zu Fuß!“ 

„Schon witzig. Erst dachte ich, du wärst meine große Liebe und nun hab ich eine Freundin. Das Leben ist merkwürdig. Ich habe am Dienstagabend einen Termin bei Frau Krausermann“, meinte Ole. Sie saßen eine Weile auf der Bank vor der Turnhalle. „Ich bin schon Montag um siebzehn Uhr dran. Hast du deine Lebensbeschreibung fertig?“, fragte Toni. Ole schüttelte den Kopf. „Ich beginne morgen früh. Wir schreiben Deutsch und Englisch nächste Woche, das erfordert Organisation.“ Toni überlegte einen Moment. „Du, ich war heute mit zwei Mädchen aus meinem Deutschkurs und einem anderen Jungen in der Teeküche und habe mich geoutet. Sie meinten, es wäre alles okay und Heike will etwas dazu schreiben, was sie in der Schüler-App verschicken kann. Das wäre doch auch eine Möglichkeit für dich, oder? Mario ist der Ansicht, dass es mit den Leuten keine Probleme geben wird. Allenfalls ein oder zwei unserer Lehrer könnten Schwierigkeiten machen. Aber der Direx ist der Chef und wenn er auf meiner Seite ist, müssen auch die anderen Lehrer spuren.“ Toni erzählte von seinem Gespräch mit Marius Springertson. „Hui, da bist du weiter als ich. Aber die Idee ist nicht schlecht. Meine Mutter könnte mit der Direktorin reden. Die beiden kennen sich vom Sport. Und für die App kann ich selbst etwas schreiben. Wir haben feste Klassenverbände, anders als bei euch. Ich muss vorsichtig sein, damit ich nicht die Büchse der Pandora öffne.“ „Dann sprich mit deiner Mutter. Vielleicht kann eure Biolehrerin helfen. Peter hat gesagt, die Schule muss uns schützen“, antwortete Toni erfreut. Er wollte nach Hause. 

Als er um neun Uhr abends frisch geduscht an seinem Schreibtisch saß und über den Text seiner Lebensbeschreibung nachdachte, summte sein Handy. Heike hatte ihm ihre Vorstellungen für sein Comingout in der Schule gemailt. Gespannt öffnete er die angefügte Datei und schmunzelte. Heike war wirklich gut. Sie schrieb nicht umsonst für die Schülerzeitung. Kurz und schmerzlos wies sie auf Tonis bevorstehenden Geschlechtswechsel hin, bat um Unterstützung und ließ durchblicken, dass auf ihrer Schule kein Raum für unangemessene Kritik, Mobbing oder abfällige Bemerkungen sei. Ein umfangreicher Bericht mit Foto würde in der nächsten Ausgabe der Schülerzeitung erscheinen. Toni schickte den Text an Ole weiter. Zehn Minuten später erhielt er dessen Rückmeldung. Ole hatte einiges anders formuliert, so dass es zu seinen Bedürfnissen passte. Um zehn Uhr sandte Toni beide Vorlagen an Heike zurück. Sie wollte noch etwas am Layout gestalten und meinte, am Freitagabend sollte man es veröffentlichen. So hätten alle über das Wochenende Zeit, sich mit der Situation vertraut zu machen. Mit sehr gutem Gefühl und höchst zufrieden löschte Toni an diesem Abend das Licht. Daran, dass sie vorgeprescht waren und weder ihre Eltern noch die Lehrer eingeweiht hatten, dachte er nicht. Negative Auswirkungen oder ablehnende Reaktionen der Mitschüler? Nicht eingeplant. Vorsichtiges Agieren kam ihm nicht in den Sinn und sein leichtsinniges Verhalten sollte sich bald rächen. Heike hielt Wort. Am Freitagabend ging das Comingout der beiden Mitschüler in den Schüler Apps der beiden Schulen online.

Am frühen Samstagmorgen erhielt Toni Zuspruch und Glückwünsche von Julia. Bei ihr lief das Handy heiß. Ihre Freundinnen schrieben durchweg positive Rückmeldungen. Bei Toni quoll der elektronische Briefkasten über. Die Jungs aus seiner Klasse frotzelten, er müsse nun beim Sport und insbesondere beim Fußball seine Männlichkeit beweisen. Aber man wolle ihm den Einstieg ins Mannesleben einfach gestalten. Es würde ihn nur einige Flaschen Cola kosten, doch Einstand musste nun mal sein. Natürlich durfte er auch andere Getränke wählen. Die Jungs hatten einen Kasten Bier vor Augen, aber das brauchten die Lehrer und Eltern nicht wissen. Nach dem Frühstück setzte er sich an seine Lebensbeschreibung und kam wider Erwarten gut voran. Zwischendurch summte sein Handy und zeigte ständig neue Nachrichten an. Toni ignorierte die Meldungen. Eine Matheklausur war für Dienstag vorgesehen, ein Chemietest sollte am Donnerstag geschrieben werden. Goethe stand auf der Liste, Toni wollte es sich mit seinem Direktor nicht verscherzen und ging mit mehr Sorgfalt als sonst an seine Hausaufgaben. Um halb elf Uhr atmete er auf. Einige neue Vokabeln und die Übersetzung für Latein wollte er am Sonntagmorgen in Angriff nehmen. Mathe musste dann auch noch weiter geübt werden und er hoffte, seine Lebensbeschreibung für Frau Dr. Krausermann ebenfalls bald ausgedruckt zur Verfügung zu haben.  Während er sich warm machte und für das Training umzog, ließ er sich die inzwischen eingegangenen Mails und SMS anzeigen. Er stutzte. Las den Text noch einmal und glaubte nicht, was er sah. Ein Absender von Oles Schule bezeichnete ihn als dreckige Schwuchtel und stellte ihm in Aussicht, sein Outing demnächst bitter zu bereuen. Toni dachte an einen Scherz, als er gleich darauf Oles Meldung las. Ole hatte sehr viele dieser Nachrichten erhalten. Er schrieb von einem shit storm ihm gegenüber und fragte, ob Toni ebensolche Schmähmeldungen bekommen hätte. Toni drückte auf das Telefonzeichen. 

„Hallo Ole, nein, ich hab nur Positives. Bis auf eine SMS von einem Sven unterschrieben, der mich als dreckige Schwuchtel tituliert. Der hat sie nicht mehr alle, also eine solche Wortwahl würde bei uns ziemlichen Ärger auslösen. Goethe drückte sich gewählter aus. Aber das wird sich sicher beruhigen. Es gibt immer Idioten!“, versuchte er den Freund zu beruhigen. „Das sagst du so. Du kennst unsere Schule nicht. Hier sitzen viele, die an Goethe scheiterten. Unsere Lehrer haben in den Pausen alle Hände voll zu tun, um den übelsten Mist unterm Tisch zu halten. Mit einigen der Kameraden könnte sich gerne der Jugendrichter unterhalten. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, Montag in diese Hexenküche zu gehen.“ „Warum brichst du deine Zelte nicht ab und kommst zu uns? Im schlimmsten Fall wiederholst du ein Jahr. Aber du hast wenigstens deine Ruhe“, meinte Toni ernst. Er war mit seiner Schule vollauf zufrieden und die Reaktionen seiner Mitschüler bestätigten ihn. „Ja, das habe ich mir auch schon überlegt. Ich würde es auch ohne Latein können, obgleich ich mich dann naturwissenschaftlich einschreiben müsste und Physik ist nicht so mein Ding. Andererseits mag ich nicht gerne aufgeben und vor Schwierigkeiten weglaufen. Ich hasse das. Wenn alle davonlaufen und Probleme aussitzen würden, wären einige Staaten der Welt bereits entvölkert. Man muss für seine Rechte kämpfen.“ Toni antwortete mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. „Ich sehe das ähnlich. Da, wo man kämpfen kann, soll und muss man es auch. Aber wenn man sich in Lebensgefahr begibt, sollte man abwägen. Alles hat mal ein Ende, das hat die Geschichte bewiesen. Aber die Gesundheit darf man nicht aufs Spiel setzen. Du, ich muss rüber zu Conni in die Eishalle. Wir sehen uns gleich dort!“ 

Kurz bevor er ging, schaute Toni bei seinen Eltern in der Küche vorbei und erzählte ihnen von den Apps und den unterschiedlichen Reaktionen der Mitschüler. Anneliese schüttelte sich. Unruhe kroch in ihr hoch. Ihr steckten die harten und menschenverachtenden Worte ihres Bruders in den Knochen. Tonis Vater wurde entschieden deutlicher. „Ich habe nichts gegen Selbstständigkeit, das solltest du wissen. Aber wir haben mit Herrn Petersen verabredet, dass wir Eltern erst mit den Lehrern sprechen und wir uns zunächst mit der Therapeutin beraten. Die Frau macht das nicht zum ersten Mal und weiß, worauf es ankommt. Ich wollte auf keinen Fall deinen Direktor übergehen. Er ist unser Ansprechpartner. Und nun haut ihr zwei plötzlich auf die Pauke, dass es nur so brummt. Ihr könnt von Glück sagen, wenn das alles glimpflich ausgeht.“ Klaus war sauer. Es gab gewisse Regeln im Zusammenleben von Menschen. Mit Diplomatie war viel zu erreichen und selten kam es gut an, wenn man mit dem Kopf durch die Wand wollte. „Ich störe Herrn Dr. Springertson nur ungern am Wochenende, aber das muss wohl sein“, brummte er. Toni schwieg betreten. Die Eltern hatten ausnahmsweise Recht. Kleinlaut entschuldigte er sich.  

Den Weg zur Eishalle legte er joggend zurück. Die kleinen Mädchen seiner Gruppe lenkten ihn mit ihrer Unbekümmertheit von seinen Problemen ab, nachdem er dort angekommen war. Er ließ sie in respektvoller Entfernung von der Straße Lockerungsübungen machen. Der Eismeister schloss lächelnd die Tür auf. Conni hatte Sonderkonditionen ausgehandelt und ihre Kontakte zum Bürgermeister spielen lassen. Der Gemeinderat war eisbegeistert und die Eishockeyspieler brachten Geld in die Kasse. So war es ihr gelungen, an diesem Wochenende einige Stunden freies Eis für ihre Schützlinge herauszuschinden. Von elf Uhr bis dreizehn Uhr hatte sie heute die Halle gemietet. Toni begann routinemäßig mit dem Warmlaufen. Einige Minuten später erschien Conni. Das Training begann. Toni und Julia arbeiteten vollkonzentriert und gewissenhaft mit. Sie merkten nicht, dass sie inzwischen Zuschauer bekommen hatten. Drei von Oles Schulkameraden, die sich sonst wenig um Conni und ihre Gruppe kümmerten, standen hinter der Bande. Sie zogen sich ihre Schlittschuhe an und liefen am anderen Ende der Bahn auf das Eis, von Conni wahrgenommen, aber zunächst geduldet. Toni und Julia begannen mit Einzelsprüngen. Die Jungen kamen Toni dabei sehr nahe. Es wurde gefährlich für alle Beteiligten. Conni ahnte nicht, dass das Verhalten absichtlich und geplant war. Sie lief zu den ungebetenen Besuchern. „Das Eis ist gemietet, ihr dürft normalerweise jetzt nicht laufen. Aber ich habe nichts dagegen, solange ihr aufpasst und Abstand haltet. Die beiden springen gleich dreifach und beim Lutz gegen die Fahrtrichtung. Wir brauchen dazu den Kreis auf der linken Seite. Sonst müsst ihr vom Eis und warten, bis um 13:30 Uhr der Publikumslauf beginnt.“ Die Jungs feixten, sagten aber nichts. Als Toni einen dreifachen Lutz sprang und sicher stand, schien etwas Achtung und Respekt in ihren Blicken aufzuleuchten. Conni ließ ihr Paar bereits einen Wurfsalcho üben. Auch der klappte und Julia atmete überglücklich auf. Kurz vor ein Uhr erschien Ole. Er sah die Bescherung von weitem, denn er kannte die drei. Sie genossen in der Schule den Ruf von Raufbolden und schreckten vor fiesestem Mobbing sowie Eigentumsdelikten nicht zurück. Ihr Boss hieß Clemens, war siebzehn Jahre alt. Der feine Herr durfte bereits Bekanntschaft mit dem Jugendrichter machen. Die verhängten Sozialstunden nahm er nicht ernst und sie schreckten ihn auch vor weiteren Straftaten nicht ab. Clemens hatte die üblen SMS an Ole in Auftrag gegeben. Er verließ das Eis, als er Ole erblickte, zog seine Schlittschuhe aus und wanderte um die Halle herum, direkt auf Oles Bank zu.

 

Kapitel 7        Mobbing

Ole legte seine Schlittschuhtasche auf der Tribüne ab, setzte sich neben Tonis Sachen, schaute hin und wieder dem Treiben auf der Eisfläche zu, senkte den Kopf um seine SMS und Mails auf dem Handy anzusehen. Um Clemens kümmerte er sich nicht. Erst als dieser grinsend vor ihm stand, bestätigte sich sein Verdacht, dass Clemens hinter dem Shitstorm steckte. Der Zehntklässler durfte nur auf besondere Bitte seiner Eltern die Schule weiter besuchen. Er musste sich wegen diverser Straftaten im Internet wie Mobbing und Stalking bereits vor dem Jugendrichter verantworten und nach Bekanntwerden eines Erpressungsversuchs gegenüber zweier Unterstufenschüler wurden Sozialstunden fällig. Clemens erfreute sich in der Schule keiner großen Beliebtheit, schaffte es aber trotzdem etliche Gefolgsleute und Mitläufer für sich zu gewinnen.

„Das hätte ich mir denken können. Du steckst hinter dem ganzen Blödsinn, mit dem mein Handy voll gemüllt wird. Alter, ich verstehe dich nicht. Du landest irgendwann mit deinen Methoden im Knast. Aber mich schreckst du damit nicht ab. Ich stehe zu dem was und wer ich bin. Wir leben nicht mehr im Mittelalter“, ereiferte sich Ole, der sichtlich genervt war. „Du dreckige Transe, du wirst ganz woanders landen. Warte es nur ab.“ Clemens hatte sich vor Ole aufgebaut und laut gesprochen, damit seine Freunde die Situation mitbekamen. Er wollte sich aufspielen und ihnen beweisen, dass er ein ganzer Kerl war. Dass Ole zwar nicht direkt in Cornelias Trainingsgruppe gehörte, dennoch ein Teil davon war, ahnte er nicht. Conni erkannte das gefährliche Spiel und lief auf dem Eis an der Bande entlang zu den beiden Kontrahenten. „Die üblen Schimpfworte habe ich überhört und ich will sie aus deinem Mund nie wieder hören. Bedroht wird hier niemand. Wer sich abfällig über Trans-und Homosexualität äußert, beweist damit nur Unwissenheit und Dummheit. Und das willst du deinen Freunden doch bestimmt nicht zeigen, oder? Ich sagte euch bereits, dass das Eis privat für meine Trainingsgruppe gemietet ist und natürlich Geld kostet. Also, wenn ihr euch mein Wohlwollen nicht verspielen wollt, benehmt euch wie zivilisierte Menschen. Der Eismeister wirft euch sonst raus.“ 

Clemens war mit 1,80 m eine stattliche Erscheinung und starrte die 1,65 m kleine, zierliche Conni überrascht an. In der Schule vermieden die Lehrer die direkte Konfrontation mit ihm, wenn sie ihm allein gegenüberstanden. „Wir sehen uns noch“, zischte er Ole zu und drehte sich um. Toni, der mit Julia scherzte, bekam nichts davon mit. Nur Amelie hatte den Kopf in die Richtung gewandt, aus der Connis energische Stimme kam. Sie wunderte sich. „Was war los, was wollte der von dir?“, fragte sie Ole und forderte ihn auf zu ihr aufs Eis zu kommen. „Wir sind mit dem Training fertig, zieh deine Schlittschuhe an. Die Idioten scheinen zu gehen.“ Ole streichelte Amelie über die Wange. „Ach, die sind nur blöd“, erwiderte er und wandte sich seiner Sporttasche zu. Toni fuhr an die Bande und begrüßte seinen Freund fröhlich, bemerkte aber sogleich die düstere Miene in dessen Gesicht. Amelie kam ihm zuvor und nahm ihn zur Seite. „Der Typ da, der eben mit den beiden anderen rausgegangen ist, hat ihn beschimpft, so dass Conni einschreiten musste. Kennst du die?“ Toni schüttelte den Kopf. „Was haben sie gesagt?“ Amelie wiederholte die Gesprächsfetzen, die sie mitbekommen hatte. Toni pfiff durch die Zähne. „Wir haben uns in unseren jeweiligen Schul-Apps geoutet, das weißt du ja. Für mich gab es nur Zustimmung. Wir klären das. Mach dir keine Sorgen“, meinte er. Ole bestätigte ihn.  „Es ist nicht der Rede wert. Clemens will sich nur wichtigmachen. Aber er steht mit einem Bein im Knast und so ungefährlich ist er nicht. Außerdem tun seine Leute, was er ihnen befiehlt. Die sind ziemlich übel.“ Er erzählte, was er wusste. Toni wollte die SMS sehen. Als sie vom Eis mussten, weil die Eismaschine kam, zeigte Ole Toni sein Handy. Toni war keinesfalls begeistert. Das waren eindeutige Drohungen. „Ich denke, du wartest Montag ab und wenn sich tatsächlich jemand mit dir anlegen will, sollten wir mit Peter sprechen. Meine Eltern sind sauer, weil wir ohne sie einzuschalten vorgeprescht waren. Idioten gibt es immer und wir müssen lernen, damit umzugehen. Willst du nicht mit mir ins Sportstudio gehen? Wir zahlen als Schüler nur den halben Preis. Die haben dort eine Anfängergruppe für Taekwondo und nehmen ständig neue Leute auf. Wenn man sich wehren kann, sieht man diese Arschlöcher mit ganz anderen Augen.“ Ole hatte schon mit Kampfsport geliebäugelt und fand den Vorschlag hervorragend. „Super Idee!“ Er gab sich cool und gelassen.

Am Montag fuhr er mit einem sehr mulmigen Gefühl in die Schule. Und musste feststellen, dass seine Vorahnungen berechtigt waren. Als er den Schulhof betrat, umringten ihn jüngere Schüler aus der Unterstufe, schrien ständig das Wort Transe. Einer warf ihm einen mit Wasser gefüllten Luftballon zu. Der rote Ballon platzte vor Oles Brust. Er fühlte wie sein neues Sweatshirt sofort die Nässe aufsog. Einige Spritzer landeten zudem in seinem Gesicht. Sie lösten einen automatischen Schließreflex in den Augen aus. So eine Situation hatte er noch nie erlebt. Perplex begann er mit den Kindern, die um ihn herumliefen zu schimpfen. „Sagt mal, ihr habt sie wohl nicht alle. Wenn ich das mit euch machen würde, würde euch das auch nicht gefallen!“ Die unsägliche Aktion war vom Hausmeister bemerkt worden. Der gelernte Tischler arbeitete seit acht Jahren in der Schule. Er musste sich mit allerhand Schabernack auseinandersetzen und war deshalb Kummer gewohnt. Doch das ging zu weit. Er eilte auf die Gruppe zu und scheuchte die Jungen in ihre Klassen. „Alles okay, mit dir? Der Pullover trocknet wieder. Wenn du willst, gebe ich dir einen aus den Fundsachen, da findet sich sicher etwas.“ Ole schüttelte den Kopf. „Nein, danke, das ist nett von Ihnen, aber es ist warm in der Klasse und ich bin nicht aus Zucker, das trocknet schnell.“  „Die verstehen deine Sache nicht und lassen sich aufstacheln. Die Lehrer sprechen schon über dich. Vielleicht gelingt es unserer Direktorin die Bengels zu beruhigen. Du lernst doch nicht schlecht, warum wechselst du nicht auf eine Schule, wo der Umgangston besser ist?“ Viele von den Kindern hatten es sehr schwer. Sie kompensierten ihre mangelnden Kenntnisse mit Gewalt und Hass auf andere. Die Direktorin versuchte alles, um den Schülern ein gesundes und freies Lernklima zu ermöglichen. Hinter vorgehaltener Hand bezeichnete man seine Arbeitsstelle bereits als Brennpunktschule. Ole ging schweigend neben dem Hausmeister her. Im Schlepptau des Erwachsenen gelangte er unbehelligt durchs Gebäude. In der Klasse wurde es augenblicklich still als er eintrat. Zielstrebig setzte er sich auf seinen Platz. Seine Banknachbarin Kyra nahm demonstrativ ihre Schultasche und stand auf. Das war für eines der anderen Mädchen zu viel.

Claudia hatte die Hetze über Ole im Netz das ganze Wochenende mitgelesen. Sie wollte ihm erst schreiben, ließ es jedoch, weil sie sich nicht aufdrängen wollte. „Ihr solltet euch schämen. Und ihr wollt wie Erwachsene behandelt werden? Mobbing ist das Widerwärtigste, das es gibt und derjenige, welcher mobbt, ist der Dumme, nicht das Opfer“, ereiferte sie sich. „Darf ich neben dir sitzen, Ole?“ Er lächelte. „Klar, danke. Wenigstens eine ist hier vernünftig. Aber ich glaube, die anderen werden sich auch noch an mich gewöhnen. Ich will nichts von euch. Nur meine Ruhe!“ „Aber wir wollen keine Schwuchteln und Transen hier. Kapierst du das?“ Einer der Jungen stellte sich wütend vor Oles Platz. In dem Moment öffnete sich die Tür des Klassenzimmers. 

„Setz dich!“, befahl eine junge Frau in barschem Tonfall. Ihre Stimme hörte sich leicht dunkel gefärbt an und ließ die Schüler zusammenzucken. Sie schloss forsch die Tür, stellte eine hellgraue Aktenmappe neben den Lehrertisch und wandte sich der Klasse zu. Das burschikose Auftreten verfehlte sein Ziel nicht. Die Frau war von mittelgroßer Gestalt, hatte kurze blond gelockte Haare und trug zu einer engen dunkelblauen Jeans eine rote Bluse und eine hellbeige Strickjacke. Achtzehn Augenpaare blickten gebannt auf die drahtige kleine Person. Mit ein wenig Lidschatten und schwarzem Kajal umrahmte grüne Augen sowie ein dezent aufgetragener cremefarbener Lippenstift ließen keine Zweifel an ihrer Weiblichkeit aufkommen. 

„Mein Name ist Kiefer, ich bin Biologielehrerin im Referendariat und neu an der Schule. Heute ist mein erster Tag. Ich weiß, dass ihr jetzt Deutsch gehabt hättet. Ich habe auf Wunsch von Frau Direktor Kamradi mit der Kollegin getauscht. Frau Kamradi wird in Kürze hier eintreffen. Ich bringe es gleich auf den Punkt. Wir haben die Mails gegen euren Mitschüler gelesen und sind alle, ausnahmslos, im Kollegium tief erschüttert. Natürlich hattet ihr das Thema Trans- und Homosexualität noch nicht im Unterricht, weil der Lehrplan das erst etwas später vorsieht. Trotzdem zeugt es von geringem Wissen und reichlich Unvernunft, was ihr da von euch gegeben habt. Ja, sag deinen Namen, was willst du?“ Ein Schüler meldete sich und Frau Kiefer nahm etwas Ärger aus ihrer Stimme heraus. „Ich bin Maurice. Wir haben das nicht geschrieben, wir haben die Kommentare nur kommentiert.“ 

Die fünfundzwanzigjährige studierte Biologin atmete ruhig durch und stützte ihre rechte Hand auf dem Lehrertisch in der Mitte der Klasse ab. Sie blickte den Schülern geradewegs in die Augen, hob ihre Stimme erneut. Überrascht horchten die Jugendlichen auf.

„Das hab ich mir genauso gedacht. Wenn es ans Eingemachte geht, will es keiner gewesen sein. Wer schwachsinnige Kommentare mit Schwachsinn kommentiert, handelt ebenso schwachsinnig. Ihr seid somit für den Angriff auf euren Mitschüler mit verantwortlich. Und schlimmer noch, ihr seid Vorbild für die jüngeren Schüler und sollt sie nicht ermutigen, so einen Blödsinn zu machen wie Wasserbomben zu werfen. Wir glauben zu wissen, wer als Rädelsführer hinter der Sache steckt. Frau Kamradi kümmert sich grad darum. Wissen ist Macht, meine Damen und Herren. Und wer weiß, wie etwas funktioniert braucht keine Angst vor dem vermeintlich Unbekannten zu haben. Ob Trans-oder Homosexuell- wir werden geboren, wie wir sind. Die sexuelle Ausrichtung und das Gefühl mit dem falschen Geschlecht geboren zu sein, sind weder ansteckend noch irgendeine Form von Krankheit. Sie gehören zur Diversität des Lebens dazu und sind im Tier-und Pflanzenreich alltäglich. Ich denke, die meisten von euch haben die Geschichte vom Anemonen- oder Clownfisch Nemo im Fernsehen oder im Kino gesehen? 

Bei diesen Fischen werden grundsätzlich alle Jungfische als Männchen geboren. Es gibt nur ein Weibchen in der Familie, das, wenn es stirbt, von dem größten Männchen ersetzt wird. Dieses wandelt sein Geschlecht in ein Weibchen und das nächst größere Männchen wird sein Partner. Hat jemand schon davon gehört?“ Alle schwiegen.

„Was für die Tierwelt gilt, ist bei uns Menschen nicht automatisch ausgeschlossen und kann deshalb ebenso in verschiedenen Varianten auftreten. Im Umkehrschluss können sich die Menschenaffen auch nicht dagegen wehren, mit dieser Bezeichnung mit uns in einen Topf geworfen zu werden. Die Armen müssen es zudem hinnehmen, dass man sie auch noch als unsere Vorfahren bezeichnet. Ganz ehrlich, wäre ich ein Gorilla oder ein Schimpanse, würde ich gegen eine solche Art der Diskriminierung sofort vor Gericht ziehen. Wer ist Ole?“ Sie sah über die Klasse. Ole hob den Arm. 

„Ich kenne Herrn Petersen sehr gut. Wir sind uns darüber einig, dass Aufklärung der einzige Weg ist, die unsichtbaren Knoten von Vorurteilen zu lösen. Und das wichtigste seid ihr. Kein Kind wird rassistisch geboren. Ihr lernt Vorurteile während eures Lebens von den Erwachsenen, was sehr schade ist. Erwachsene sind nicht mehr gut zu erreichen, wenn es um Änderungen in ihren Ansichten geht. Bei euch ist das anders. Ole hat einen schweren Weg vor sich. Er muss nicht nur wie ihr für die Schule lernen und Hausaufgaben machen. Während ihr danach zum Sport oder in die Freizeit geht, muss er Gespräche mit Psychotherapeuten führen und Gutachter treffen, die ihm Bescheinigungen ausstellen, damit er seine Geburtsurkunde und seinen Ausweis ändern kann. Das dauert lange und kann mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen. Seelisch sitzt er ständig zwischen zwei Stühlen. Zu den Mädchen gehört er nicht und die Jungen akzeptieren ihn erst, wenn er operiert ist. Und das ist sehr ärgerlich, denn Ausweise braucht jeder und der Vorname sollte zum gefühlten Geschlecht passen. Aber alles, was mit dem Körper zusammenhängt, ist so individuell, dass körperliche Merkmale für die Frage, ob jemand Teil einer Gruppe ist, dazugehört und akzeptiert wird, überhaupt keine Rolle spielen sollte. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen. Wenn ich eines der hübschen Mädchen hier betrachte, denke auch ich automatisch an weiblich und verbinde gewisse Vorstellungen damit. Das ist der Evolution geschuldet, darüber unterhalten wir uns später. Vorerst reicht es, wenn jeder von euch kurz sein Gehirn einschaltet und versucht sich in Ole hineinzuversetzen.“

Sie ging langsam auf ihn zu. „Ich denke, du willst männliche Hormone einnehmen, damit sich Stimmbruch und Bartwuchs entwickeln können?“ Ole nickte. „Gut, dann weißt du auch, dass nach kurzer Zeit Eierstöcke und Gebärmutter entfernt werden müssen. In den Eierstöcken, die man Ovarien nennt, können sich sonst Tumore bilden. Heute ist man bereits in der Lage, einen Penisersatz zu formen und an die Harnröhre anzuschließen. Wenn du willst, wirst du dich in einigen Jahren kaum mehr von den anderen Jungen unterscheiden.“ Sie wandte sich wieder an die Klasse. „Das ist jedoch mit schweren Operationen, also Eingriffen in den Körper verbunden und ich glaube kaum, dass jemand von euch mit Ole tauschen möchte. Für ihn ist das einer der wenigen Wege um halbwegs mit sich selbst im Einklang leben zu können. Versteht ihr jetzt annähernd, was euer Mitschüler durchmacht und was ihm noch bevorsteht? Er braucht Hilfe von euch, Unterstützung und Aufmunterung. Kein Mobbing, dumme Sprüche oder gar Drohungen und Angriffe!“  

Es war ruhig geworden. Die berühmte Stecknadel hätte jetzt fallen können. Einige der Mädchen schluchzten leise. „Frau Kiefer? Ich bin Pierre und Klassensprecher. Darf ich etwas sagen?“ „Ja, sicher. Nur zu.“ „Ole, sorry, wir wussten das nicht und es tut uns allen leid. Clemens ist ein Arschloch. Er hat uns aufgewiegelt und unter Druck gesetzt. Und wir Idioten haben auf ihn gehört. Du bist einer von uns. Ich hoffe, du nimmst die Entschuldigung an.“ Die Klasse trommelte auf die Tische. Kyra meldete sich: „Claudi, lässt du mich wieder auf meinem Platz sitzen? Es tut mir echt leid, Ole. Claudia ist Pastorentochter, das merkt man. Sie hat ein so gutes Herz, davon können wir alle lernen.“ Die Mädchen kicherten. Claudia murmelte ein verlegenes „Dankeschön.“ Ihr Vater war wirklich Gemeindepfarrer, aber das gab nicht den Ausschlag für ihr mutiges Auftreten. Für schwächere eintreten gefiel ihr einfach. Die zwei tauschten die Plätze.

 „Na, bravo. So ist das in Ordnung. Frau Kamradi ist wohl zu beschäftigt.  Es klingelt gleich zur Pause und dann kann der Unterricht bei euch in gewohnter Weise weitergehen. Wie gefällt dir Peter, Ole?“ Ole lächelte dankbar. Ihm war anfangs alles sehr unangenehm gewesen und Hilfe anzunehmen, gehörte nicht zu seinem Lebensmotto. Aber Frau Kiefer hatte in wenigen Minuten mehr Empathie bei seinen Mitschülern hervorgerufen, als ihm selbst wohl jemals gelungen wäre. „Er ist ein toller Typ. Wir hatten ihn zu uns nach Hause eingeladen, damit er mit unseren Eltern spricht. Ende der Woche sind wir wieder in der Gruppe. Unsere Eltern wollen uns begleiten. Ich habe morgen schon einen Termin bei der Psychologin und schreibe zu Hause meinen Lebenslauf. Darin werde ich den Mobbingversuch von heute nicht erwähnen. Aber ich danke Ihnen für ihr Verständnis, das kann ich gut gebrauchen. Es kommt einiges auf uns zu. Mein Freund Toni geht aufs Gymnasium. Er ist Eiskunstläufer und soll in der männlichen Rolle als Paarläufer auftreten. Er und seine Partnerin haben sich viel vorgenommen.“ Alva Kiefer nickte. „Hast du auch einen Lieblingssport?“ „Ja, ich war in einer Eishockeymannschaft. Aber als ich in die Landesauswahl der Jungen sollte, musste ich denen sagen, dass ich weiblich bin und da war es mit der Karriere vorbei. Ich hoffe, nach der Geschlechtsanpassung bei den Männern spielen zu dürfen.“ 

Die Klasse horchte auf. Die Jungs wollten sich mit Ole in der Eisbahn treffen. Eine Schülermannschaft konnten sie doch gleich gründen, waren sich alle schnell einig. Als es zur Pause klingelte, verließ Alva Kiefer zufrieden ihre Klasse. Geht doch, dachte sie und erinnerte sich an ihr eigenes Comingout. Bei ihr hatten Hormone bereits dafür gesorgt, dass sie keinen Stimmbruch bekam. Im Alter von achtzehn Jahren ließ sie sich operieren. Aber das Geheimnis ihrer männlichen Geburt kannte nur sie allein. Davon stand nicht einmal etwas in der Personalakte, die die Direktorin grad in ihren Safe zu den anderen Verschlusssachen legte. Als sie das Lehrerzimmer betrat, erschien auch die Direktorin. „Frau Kollegin, es tut mir leid, aber die Telefonate dauerten länger. Wie ist es Ihnen ergangen?“ Der Raum füllte sich nach und nach mit Lehrkräften, die interessiert zuhörten. Alva nahm ihren Kaffeebecher, bot der Chefin ebenfalls einen Kaffee an, die aber dankend ablehnte. „Die Klasse hat sich bei Ole entschuldigt. Die Jungs wollen sich zum Eishockey treffen und ich denke Ole erhält künftig den Zuspruch und die Unterstützung, die er braucht. Die Jugendlichen sind angestiftet worden.“ Sie trank einen Schluck Kaffee. „Der Name Clemens fiel!“ 

Anja Kamradis Miene verdüsterte sich. „Das habe ich befürchtet. Frau Kiefer, Sie sind eine große Bereicherung für unsere Lehranstalt und ich danke Ihnen. Der Einstand war sicher nicht so, wie Sie es sich gedacht hatten.“ Sie wandte sich an die Kollegen. „Meine Damen und Herren, darf ich kurz um Gehör bitten. Zunächst möchte ich Ihnen Alva Kiefer vorstellen, sie wird uns im Fach Biologie unterstützen.“ Sie wartete einen Moment um ihrer Mannschaft, wie sie lächelnd zu sagen pflegte, Gelegenheit zur angemessenen Begrüßung der neuen Kollegin zu geben. „Wie einige von Ihnen vielleicht wissen, gab es wieder einen unschönen Vorfall an unserer Schule. Auch dieses Mal ist unser Problemschüler Clemens die treibende Kraft. Ich werde mit den Schülern der zehn b sprechen und danach ein ernstes Gespräch mit Clemens führen. Ein Telefonat mit seinen Eltern werde ich ihm wahrscheinlich nicht ersparen können. Ich möchte eigentlich, dass er auf unserer Schule bleibt. Ein Internat, wie es seine Eltern in Aussicht stellten, wird vielleicht nicht die beste Lösung sein.“ 

 „Wenn ich dazu etwas bemerken darf?“ Martin Hausger kannte die Familie privat. „Bitte, Herr Dr. Hausger!“ „Ein Internat kann Clemens wahrscheinlich auch nicht den richtigen Weg zeigen. Seine Eltern haben sich in den entscheidenden Jahren wenig um ihn gekümmert. Der Junge ist von Butlern und Hausangestellten großgezogen worden und hat kaum Elternliebe gespürt. Sein Vater ist als Manager und Firmeninhaber ständig außer Haus und auf Reisen und seine Frau hat ihren Beruf als Stewardess nach der Hochzeit nicht aufgeben wollen. Clemens bekam alles, was es für Geld gibt, nur halt nicht die Aufmerksamkeit seiner Eltern. Ich denke auch, dass wir hier auf der Schule versuchen sollten, etwas von den Defiziten der Familie zu kompensieren. Freundschaft und Kameradschaft sind wichtige Lebensbegleiter.“ Die Direktorin sah sich bestätigt. „Was sollen wir Ihrer Meinung nach tun, Herr Hausger?“ Der angesprochene dachte nach. „Ich werde noch einmal mit Clemens sprechen. Er kennt mich privat und mein Fach Mathematik bringt ihn im Gegensatz zu vielen Mitschülern nicht so leicht aus der Fassung. Es geht jetzt wohl um Ole Baumhard, wie ich hörte. Transsexualität hatten wir noch nicht. Aber ich denke, Ole ist für die Schüler eine gute Erfahrung und Frau Kiefer hat anscheinend den Draht zu den Jugendlichen gefunden. Wir sollten in unseren Klassen darauf hinweisen, dass wir obszöne Bemerkungen und Mobbing nicht dulden, etwas zur Problematik erzählen, soweit das jeder kann und die neue Kollegin einmal durch die ganze Schule damit schicken. Aufklärung ist meistens der Schlüssel zum Erfolg. Wenn Clemens nicht mehr Antreiber ist, werden wir bald zur Normalität zurückkehren.“ Die meisten Lehrkräfte stimmten zu. Die nächste Stunde stand an und der größte Teil, auch Herr Hausger, musste sich beeilen, um in ihre Klassen zu kommen. „Danke, Herr Dr. Hausger. Ich habe eben mit Oles Mutter telefoniert. Ole und sein Freund Toni haben sich ohne Wissen der Eltern in der Schüler App geoutet. Frau Baumhard wollte eigentlich erst mit mir sprechen, aber da sind uns die beiden zuvorgekommen. Nun, die unschöne Lawine haben sie selbst losgetreten, was den zweien hoffentlich zu denken geben wird. Ole und Toni werden Gespräche mit Psychologen führen und Anträge auf Änderung von Vornamen und Personenstand beim Amtsgericht stellen. Dazu gesellen sich irgendwann eine körperliche Behandlung mit Testosteron und operative Maßnahmen. Es wird kein leichter Weg für sie und wir werden sie begleiten. Das Gymnasium hat positiv reagiert, wie man es eigentlich von allen Schülern erwarten sollte. Ich werde mich mit Herrn Dr. Springertson, dem Leiter, beraten. Er ist ebenfalls vor vollendete Tatsachen gestellt worden, wie mir Frau Baumhard erzählte. Gut, meine Damen und Herren, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Schultag und Ihnen, Herr Hausger, gutes Gelingen. Ich bin sonst gezwungen Clemens‘ Eltern einzubeziehen, das dürfen Sie unserem Schützling gerne ans Herz legen.“ 

Alva Kiefer sah auf ihren Unterrichtsplan. Mit einem freundlichen Kopfnicken verließ sie die Kollegen. Die außerplanmäßige Versammlung löste sich auf. Frau Kamradi ging in ihr Büro. Einen Moment später klingelte dort das Telefon. Herr Lotzenmeyer vom Elternbeirat wollte wissen, ob an dem Gerücht, dass ein transsexueller Schüler sich an jüngeren Mitschülern vergriffen hätte, etwas dran sei. Er schickte ihr die SMS aufs Handy. Die Direktorin wurde augenblicklich wütend. „Herr Lotzenmeyer, eine Biologiekraft war eben in der besagten Klasse und hat dem Mobbing ein Ende bereitet. Sie wird heute und in den folgenden Tagen in allen Klassen über Transsexualität referieren. Einer unserer Problemschüler, Sie kennen Clemens, hat den shit storm ausgelöst, die Kleinen aufgehetzt und diesen Quatsch verbreitet. Herr Dr. Hausger will sich mit ihm unterhalten. Es geht auch darum, ob wir Clemens von der Schule weisen müssen und Sie kennen meine Meinung dazu.“ Es war ruhig am anderen Ende der Leitung geworden. Nur der Atem des Teilnehmers war zu hören. „Wenn das an dem ist, sehe ich leider keine Möglichkeit, dem Jungen noch eine Chance zu geben. Was er hier geschrieben hat, ist übelste Nachrede und  eine Straftat. Ich habe heute Morgen Zeit, darf ich vorbei kommen? Ich muss derzeit alle aufgeregten Unterstufeneltern beruhigen.“ „Ja, Herr Lotzenmeyer, kommen Sie bitte. Dann lasse ich Clemens holen und Herr Dr. Hausger kann bei unserem Gespräch dabei sein. Sie werden Ole Baumhard, um den es geht, auch kennenlernen.“ 

Anja Kamradi blickte aus dem Fenster. Über ihre Stirn legten sich Sorgenfalten, während sie nachdachte. Irgendwie musste sie an Clemens herankommen. Mit dem Stoff hatte er kaum Schwierigkeiten, er war eigentlich ein kluger Junge. Sie ahnte allerdings, dass seine Familie die Ursache für das unsoziale Verhalten sein könnte. Und das, obwohl die Eltern zu den wohlhabenden Bürgern in der Stadt zählten und Clemens finanziell gut gestellt war. Eine Stunde später saßen sie zu dritt in ihrem Arbeitszimmer. Frau Schreibers, eine der Beisitzer und Mutter einer zwölfjährigen Sechstklässlerin war dabei und natürlich der Elternbeiratsvorsitzende. Martin Hausger klopfte kurz an und schob Clemens in die Höhle der Löwin, wie das Direktorenzimmer im Schuljargon bei den Schülern bezeichnet wurde. Einen Augenblick später erschien Ole. Dem war nicht wohl. Clemens gehörte fürwahr nicht zu seinen Freunden, dennoch, verpetzen wollte er ihn auch nicht. „Danke Ole, dass du gleich gekommen bist. Ole, ich habe heute Morgen mit deiner Mutter telefoniert. Sie fiel aus allen Wolken, als ich ihr erzählte, um was es ging. Du solltest mit deinem Comingout warten, bis sie sich mit mir besprochen hat. Wir haben mit Frau Kiefer eine dritte Biologiefachkraft bekommen, die das Ganze hätte begleiten können. Ich hoffe, der shit storm ist dir eine Lehre und du vertraust dich uns in Zukunft an. 

So, Clemens. ich hatte dir bereits beim letzten Mal, als der Jugendrichter Sozialstunden verhängte, erklärt, dass es für dich fünf Minuten nach zwölf Uhr ist. Steckst du hinter den Schmähmails und Angriffen auf Ole?“ Clemens grinste. Die Situation war wie er sie sich erhofft hatte und konnte sich gar nicht besser entwickeln. Er wusste, dass er im Unrecht war, es ging ihm gar nicht um Ole. Er wollte seinem Vater eins auswischen. Deshalb spielte er das enfant terrible. Clemens liebte seine Eltern abgöttisch, sie waren nur nie für ihn da. Wenn er Geld wollte, zog sein Vater wohlwollend das Portemonnaie. Aber Familienausflüge, gemeinsame Feiern oder nur ein gemeinsames Frühstück mit den Eltern waren zu viel verlangt.  „Klar, die Transe hat nichts anderes verdient.“ Lorina Schreibers beobachtete ihn genau. Sie hatte alle Nachrichten auf dem Handy ihrer Tochter gelesen und zweifelte sofort entschieden am Wahrheitsgehalt. Einige Mütter konnte sie beruhigen, als sie ihnen mitteilte, dass sie gleich ein Gespräch mit der Schulleiterin und Herrn Lotzenmeyer in der Angelegenheit führen würde und man davon ausgehen sollte, dass das Ganze ein Fake war. Sie kannte Clemens und seine Eskapaden. Als studierte Sozialpädagogin war ihr schnell klar geworden, dass die Familienverhältnisse und die Abwesenheit der Eltern ausschlaggebend für Clemens‘ Verhalten sein konnten. Der Junge war klug. Seine Schulleistungen wiesen nichts auf, das Anlass zur Sorge bereitete. Jedoch, sein ungeheuerliches Benehmen durfte nicht länger geduldet werden. „Clemens, ich mache mir Sorgen um dich. Ich kenne deine Eltern und ich weiß, dass sie dich lieb haben. Aber sie arbeiten viel und du vermisst sie, stimmt’s?“ Lorina sprach aus, was die anderen Erwachsenen sich bisher nicht trauten. Clemens sah auf den Boden. Sein Kartenhaus fiel in sich zusammen. „Ja, und wenn schon. Meinen Eltern bin ich egal. Aber ihr Ruf ist ihnen nicht egal. Was glauben Sie, was abgeht, wenn ich in den Knast wandre? Dann setzt mein Alter alle Hebel in Bewegung, um unseren Namen reinzuhalten. Dann kümmert er sich um mich.“ 

Überrascht hatte Ole zugehört. Wie Krass war das denn? Ihm wurde das Geglucke seiner Mutter oft zu viel und es hätte ihn gefreut, wenn ihm sein Vater etwas weniger Aufmerksamkeit schenkte. „Eh, Alter. Du kannst gerne meine Eltern haben. Die betüteln dich von morgens bis Abends und wollen alles von dir wissen. Die hören dir zu, geben Ratschläge, auch wenn du gar keine brauchst. Wir können sofort tauschen!“

Lorina hielt sich die Hand vor den Mund und kicherte. Frau Kamradi musste schmunzeln. Clemens starrte Ole an. „Du kannst wirklich eine Ersatzfamilie haben, ist kein sch… Toni gibt seine Eltern sicher auch gerne ab. Die wollen ebenfalls immer alles von ihm wissen. Sein Vater ist Dozent an der Uni und ziemlich streng. Die gehen ihm zeitweilig gewaltig auf den Senkel“, erklärte Ole. Martin Hausger betrachtete amüsiert das Schauspiel. „Die Idee ist gar nicht so schlecht, Clemens. Du lernst Ole und Toni besser kennen, erweiterst dein Wissen über Transsexualität und bekommst den Familienanschluss, den du dir wünschst. Ich kenne deinen Vater schon aus der gemeinsamen Schulzeit. Er arbeitet sehr viel und sein Beruf bringt es mit sich, dass er oft verreisen muss. Da bleibt nicht viel Zeit für die Familie. Du kannst doch gut eislaufen. Ole spielt Eishockey. Baut euch eine Mannschaft auf. Und nebenbei adoptierst du einfach zusätzlich zu deinen auch Oles Eltern.“ 

Nun war es an Clemens, der sich plötzlich nicht mehr wohl in seiner Haut fühlte. Die Situation war ihm peinlich geworden. Am meisten schämte er sich vor Ole, den er aus den Pausen kannte und der ihm noch nie in irgendeiner Weise etwas getan hatte. „Würden Sie meinen Eltern bitte nichts sagen? Ole entschuldige, ich komme mal zu dir in die Eishalle. Vielleicht hast du Recht.“ Seine Schulleiterin zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Einsicht kannte sie von ihrem Problemschüler bisher nicht, aber sie kam gerade zum richtigen Zeitpunkt. „Das ist ok. Wenn der Elternbeirat mitspielt, bekommst du noch eine Chance.“ Sie blickte erwartungsvoll auf Sebastian Lotzenmeyer und Lorina Schreibers. Die sahen einander an. „Wir haben nichts dagegen. Unter einer Bedingung: Du setzt dich an dein Handy und schreibst sofort, dass alles, was du über Ole gesagt hast Fake ist und ihr euch gut versteht. Es ist immer besser, wenn der Verursacher seinen Müll selbst entsorgt.“ Clemens nickte. „Ja, mach ich gleich. Sie kriegen auch eine Mail.“ 

„Gut“. Frau Kamradi nickte. Ihre Miene hatte sich erhellt und ihre Stimme klang nun durchweg freundlich. „Dann geht jetzt in eure Klassen und ich will nie wieder etwas von Mobbing an meiner Schule hören!“ Als die beiden Jugendlichen erleichtert den Flur betraten, kam ihnen die Schulsekretärin mit einem Tablett voller Kaffee entgegen. Sie wurde im Zimmer der Direktorin sehnlichst erwartet und freudig begrüßt. Dass konnte man jetzt gut gebrauchen. Kurz nach Mittag erhielt Frau Kamradi einen Anruf. Marius Springertson war von Tonis Vater am Samstag bereits auf die mögliche Katastrophe hingewiesen worden, führte danach ein überaus angenehmes Gespräch mit Klaus Obermöller, in dem es nur anfangs um Toni ging. Den restlichen Teil fachsimpelten die Herren über ihr Lieblingsfach: Deutsche Geschichte und Klaus lud ihn zu einem seiner nächsten Vorträge an der Universität ein. Toni erging es am Montagvormittag nicht anders als Ole. In der Pause musste er auf dem Zahnfleisch zum Direx, der ihn zusammenstauchte, weil er nicht abwarten konnte. Später im Unterricht glänzte Toni mit seiner Hausarbeit über Iphigenie, was Marius Springertson wieder gnädig stimmte. Er wollte dennoch mit Anja Kamradi sprechen. „Ich habe eine junge Kollegin für den Fachbereich Biologie auf die Klasse angesetzt und bin hellauf begeistert. Die hat ganze Arbeit geleistet. Sie soll einmal komplett mit dem Thema Trans-und Homosexualität durch alle Klassen unterrichten. Wenn Sie möchten, kommt sie zu einem Seminar zu ihnen. Sie ist Referendarin und kann sich noch einige Sporen verdienen.“ Marius stimmte begeistert zu. „Eine hervorragende Idee. Ich lege das in unserem Lehrplan fest und rufe Sie wegen der Terminabsprache an.  Das machen wir hier in der Aula, da hab ich alle Klassen beieinander.“ Die beiden verabschiedeten sich. Clemens hielt Wort und stellte seine Fake Nachrichten noch in der nächsten Stunde richtig. Am Nachmittag wollte er sich mit Ole und einigen anderen Jungs in der Eishalle treffen.

Ole informierte Toni am frühen Nachmittag per SMS über die Entwicklung. Sein Freund saß bereits wie auf Kohlen. Die Standpauke des Vaters hatte ihm zu denken gegeben. Da waren sie wohl im Überschwang der Gefühle über das Ziel hinausgeschossen. Es tat ihm unendlich leid, dass Ole seinetwegen gemobbt wurde. Er hatte von der positiven Reaktion seiner Mitschüler auf alle anderen geschlossen und nicht daran gedacht, dass Toleranz und Verständnis nicht überall selbstverständlich waren. Das schlechte Gewissen quälte ihn den ganzen Montagvormittag. Uff. Die SMS um halb zwei Uhr kam zur rechten Zeit. 

Er saß in seinem Zimmer und bemühte sich, einige Lateinsätze zu übersetzen, jedoch die Konzentration war weg.  Um siebzehn Uhr stand der erste Termin bei Frau Krausermann an. Toni war aufgeregt. Seine Lebensbeschreibung lag in einer Sichthülle auf dem Schreibtisch. Latein hatte auch bis Morgen Zeit, dachte er bei sich. Ihm war nicht weiter nach Hausaufgaben zu Mute. Das Heftchen mit dem unscheinbaren Titel De Bello Gallico wurde zusammen mit dem Schreibblock zur Seite gelegt. 

 

Kapitel 8           Training und Frau Krausermann

Der Termin erforderte das Umstellen der Trainingseinheit, so dass Toni nur bis kurz nach sechzehn Uhr Zeit hatte. Er wollte gleich von der Eishalle den Bus nehmen und zu Frau Krausermann fahren, deren Praxis sich in der Nähe des Bahnhofs befand. Es war bereits halb drei Uhr. In seinem Zimmer begann er mit leichten Übungen zum Aufwärmen, stellte die Beine abwechselnd nach hinten, belastete die Knie und dehnte dabei die Wadenmuskulatur. Kniebeugen und einige Liegestütze schlossen sich an. Danach stieg er in seine Sportkleidung. Der Packer drückte in der Unterhose. Kurzerhand nahm er ihn heraus und schob ihn ganz tief nach unten in seine Sporttasche. Toni hatte sich wieder einen größeren Schlittschuhkoffer zugelegt, weil mehr Sachen hinein passten. Er war meistens so sehr durchgeschwitzt, dass er sich waschen und frische Unterwäsche anziehen musste. Für Hebungen fehlte es ihm manches Mal an Kraft. Das Sportstudio half nur bedingt, denn ohne männliche Hormone dauerte der notwendige Muskelaufbau einfach länger. Das Treffen mit Frau Krausermann war wichtig, denn sie musste ihm die Überweisung zum Endokrinologen geben.

Er wollte zusammen mit Ole am Taekwondo Training teilnehmen, das zweimal in der Woche abends stattfand. Das würde seine mentalen und technischen Fähigkeiten stärken und natürlich gleichzeitig die Kondition. Für Probleme mit neunmalklugen Zeitgenossen, die sich über Transen auslassen mussten, war Kampfsport äußerst förderlich, meinten die beiden. Toni nahm die Lebensbeschreibung, die er sich vor einer Stunde ausgedruckt hatte und schob sie in ein Seitenfach seines Sportkoffers. Conni hasste Unpünktlichkeit und konnte sehr unangenehm werden, wenn sich ihre Schüler verspäteten. Er sah auf die Uhr. Um viertel vor drei verließ er sein Elternhaus.

Draußen  erwartete  ihn ein kühler und nasskalter Novembertag. Fröstelnd schob er den Reißverschluss seines Anoraks nach oben und begann den kurzen Weg zur Eishalle zu joggen. Frau Kramer, die die Eintrittskarten im Foyer der Eishalle verkaufte, spornte ihn lächelnd an. „Conni ist schon da, nun aber hopp!“

Die Stadionuhr zeigte fünf vor drei. Schnell wurden die Schlittschuhe angezogen. Nach ein paar weiteren Dehnübungen sprang er aufs Eis. Conni stand bereits in der Mitte und ließ Julia um sich herum laufen. Der Choctaw gefiel ihr nicht. Da musste mehr Pepp rein. Julia bemühte sich, den Schritt locker und gelenkig vorzuführen. Es gab ihn offen oder geschlossen, sie musste die Kante ihres Schlittschuhs wechseln und dazu auch die Richtung. Eigentlich beherrschte sie die wichtigsten Schrittkombinationen, doch Conni hatte sich in den Kopf gesetzt, die Paarlaufkür der beiden später auch um einige Sequenzen aus dem Eistanz zu erweitern. Das erforderte etwas mehr Arbeit für ihre Schützlinge, zahlte sich aber in den Wettbewerben aus. Conni trainierte sie mit Taktik. Die zwei waren gute Läufer, die eine Geschichte interpretieren konnten und über gute schlittschuhläuferische Fähigkeiten verfügten. Ein tolles Programm und ansprechende Transitions, wie man die Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren nannte, könnten einiges an Fehlern bei den Sprüngen wieder wettmachen. Die Sprünge mussten sein, beinhalteten aber immer das Risiko eines Sturzes, was Punktabzug bedeutete. Ein schönes Programm konnte einiges auffangen und die Richter gnädig stimmen, wenn es um die Note für den künstlerischen Eindruck ging. 

Toni lief ein paar Runden, wechselte dabei gleich von vorne auf rückwärts und versuchte sich ebenfalls am Choctaw. Conni schüttelte nachdenklich den Kopf. Bei Toni sah der Schritt noch peinlicher aus als bei Julia. Einen kleinen Seufzer konnte sie nicht unterdrücken.

Sie suchte Tonis Blick, der sich verzweifelt bemühte dem ihrem auszuweichen, aber es half ihm nichts. Unsichtbar machen funktionierte bei Conni nicht. Er stoppte neben ihr.

„Das nächste Mal darfst du gerne etwas früher erscheinen und dich vor allem vernünftig aufwärmen.“ „Hab ich schon zuhause“, beeilte sich ihr Noch Lieblingsschüler zu sagen. Conni schluckte. „Verarschen kann ich mich allein. Los, Schlangenlinien durch die Bahn, vorwärts- rückwärts, danach Paarlaufhaltung einnehmen und den Choctow als Blues. Erst ohne Musik, dann mit. Ich habe bereits angefangen eine Kür für euch anzulegen. Wir üben die Schrittfolgen nebenher und trainieren dann die Sprünge und Hebungen. Die Todesspirale kann auch noch besser werden. Und jetzt Zuhören, auch du, Madame.“ Sie drehte sich zu Julia um und fuhr fort.

„Der Blues beinhaltet einen geschlossenen Choctaw, von einer linken vorderen Innenkante zu einer rechten hinteren Außenkante, der rechte Fuß beim Turn wird direkt hinter der linken Ferse platziert. Es wird geschlossene Kurve genannt, weil der linke Fuß nach der Kurve nach vorne gestreckt ist. Das sieht so aus.“ 

Conni wusste, dass ihre Füße nicht mehr so wollten, wie sie und hielt sich beim Vorführen gerne zurück, vor allem, wenn es um die Sprünge ging. Aber hier wollte sie nur die Bewegung zeigen, damit sich die beiden die Technik anschauen konnten und die beherrschte Conni immer noch im Schlaf. 

Julia trug gepolsterte Fallschutzhosen, die sie ihrer Meinung nach ziemlich dick aussehen ließen, aber ihr die Sicherheit gaben, mit sehr viel weniger blauen Flecken nach Hause zu kommen. Die Hose bremste ihre Eleganz aus, doch sie schützte bei Stürzen. 

Sie nickte ihrem Partner zu. Beide bemühten sich, Connis Erwartungen zu erfüllen, jedoch, die Trainingsstunde wurde zu einer einzigen Katastrophe. Stürze gab es  keine, aber Conni sparte vor allem bei Toni nicht mit Kritik. Zum Schluss, kurz vor vier Uhr, schloss sich Julia an und begann in den höchsten Tönen mit ihm zu meckern. Bei ihr klappte es eigentlich sehr gut, meinte sie und schob Toni den schwarzen Peter zu. Dessen Gedanken waren in seiner ersten Therapiestunde. Er ahnte, dass die beiden Damen zu Recht auf ihm herum hackten, zugeben mochte er es natürlich nicht.

Die Stimmung war etwas in den Keller gerutscht. Toni wollte es sich wenigstens mit Julia nicht verderben. Er nahm die Freundin deshalb liebevoll in den Arm. Zärtlich fanden seine Lippen ihren niedlichen Schmollmund, den sie immer aufsetzte, wenn ihr irgendetwas nicht gefiel und durch den sie für Toni noch reizvoller wurde. „Sorry, Schatz, ich war heute nicht ganz bei der Sache, aber ich bessere mich, das verspreche ich. Du schmeckst so süß!“ Conni schüttelte amüsiert den Kopf. Den beiden konnte man wirklich nicht böse sein. „Ich schicke euch eure Musik und den Plan für die freie Kür auf die Handys. Für das Kurzprogramm müssen wir die Elemente sowieso können. Ich habe auch alles für die Klassenlaufprüfung zusammengestellt. Wenn wir im Frühjahr soweit sind, wäre das grandios. Aber wir wollen uns auch nicht hetzen und verrückt machen. Eure Schule hat immer Vorrang. So, Toni, du bist entschuldigt, viel Glück bei deiner Therapeutin und Madame kann jetzt noch mit den anderen auf dem Eis bleiben. Amelie ist schon da. Ihr könnt den Doppelaxel und den dreifachen Salchow üben. Ich hole Flatterband und sperre hinten eine Bahn für euch ab, damit ihr mit dem Publikum nicht auf Kollisionskurs geht.“ 

Julia erwiderte seinen Kuss. „Schwirr ab, du Supereistänzer. Heute Abend ist hier bis acht Uhr auf. Du darfst bestimmt bei den Berufstätigen mit laufen. Üb den Choctaw, am besten du lässt dich mit dem Handy filmen, dann siehst du auch den Murks, den du baust.“

Toni schmunzelte. Er zog sich in Windeseile seine Jeans und ein frisches T-Shirt an. Zur Toilette musste er auch noch. Es war schon fast halb fünf Uhr. Der Bus kam in wenigen Minuten. „Tschüss, Süße.“ 

Um kurz vor fünf Uhr stieg er die Stufen zum zweiten Stock des Ärztehauses, in dem sich Frau Krausermanns Praxis befand, hinauf. Er klingelte. Eine zierliche dunkelhaarige Frau um die fünfzig Jahre öffnete und sah ihn mit warmherzigen Augen an. „Guten Tag“, grüßte sie. „Hallo, ich bin Toni Obermöller, ich habe einen Termin bei Frau Krausermann.“ Lächelnd bat sie ihn herein. „Kommen Sie, ich bin Miriam Krausermann. Es dauert nur noch einen Moment. Nehmen Sie doch bitte kurz im Wartezimmer Platz. Ich bin gleich für Sie da!“ Sie zeigte Toni den Weg in ein helles Zimmer, an dessen Wänden diverse Bilder standen. Eines der eingerahmten Fotos trug den Namenszug Monet. „Stellen Sie Ihren Sportkoffer dort neben der Garderobe ab. Wir sind allein, hier kommt nichts weg.“ Toni lächelte und bedankte sich. Die schwarzen Stühle sahen bequem aus. Er tat, was ihm die Therapeutin geraten hatte und suchte sich einen Platz am Fenster aus. Seine innere Unruhe legte sich, nachdem der erste Kontakt so einfach und locker zustande gekommen war. 

„So, jetzt kann es losgehen. Kommen Sie doch bitte in mein Arbeitszimmer.“ Sie wies mit der Hand auf eine Sitzecke, in der zwei Stühle um einen kleinen Glastisch platziert standen. „Mögen Sie sich setzen?“ Etwas irritiert von der merkwürdig klingenden Aufforderung nahm er Platz. „Sie dürfen mich gerne Duzen, ich bin erst sechzehn Jahre alt“, meinte Toni. Frau Krausermann trug eine dunkelblaue Bluse zu einem schwarzen Rock, der ihre Knie bedeckte. Sie hatte sich ebenfalls gesetzt. „Das möchte ich eigentlich nicht. Sie sind in einem Alter, in dem sich ein junger Mensch auf dem Weg zum Erwachsenen befindet und Sie werden sicher in der Schule auch gesiezt, oder?“ Toni nickte. „Nun, ich muss einen gewissen Abstand zu meinen Patienten wahren, wenn ich Ihnen in professioneller Weise begegnen soll. Daher möchte ich es in Ihrem Fall beim Sie belassen. Aber ich kann Sie mit dem Vornamen ansprechen, wenn Sie das lieber möchten“, erklärte sie. Toni hatte verstanden. Er nickte noch einmal. „Sie heißen Toni? Sind das alle Vornamen?“ „Nein, Toni, Georg, Florian, Martin.“  Frau Krause schrieb alle Namen auf einen Zettel. Sie hatte sich ein Blatt Papier in eine Tafel gespannt und ganz oben erkannte Toni das biologische Zeichen für männlich, einen Schild und einen Speer. „Das sind aber eine Menge Vornamen.“ „Ja, ich hatte mich meinen Eltern erklärt und die wollten gerne, dass ich die Namen meiner beiden Großväter trage. Mein Vater hätte mich zusätzlich Martin genannt, wenn ich ein Junge geworden wäre.“ Die Therapeutin stutzte demonstrativ. „Moment, Sie sind doch ein junger Mann, oder wie soll ich das verstehen?“ Jetzt war Toni irritiert. „Ich, ich bin Frau zu Mann transsexuell, aber das wissen Sie doch, oder? Ich hatte alles am Telefon gesagt.“ Frau Krausermann wusste Bescheid, doch darum ging es nicht. Sie musste herausfinden, ob ihr Patient an einer Psychose litt oder an einer anderen geistigen Erkrankung. Und sie wollte klare Anhaltspunkte sehen, die auf eine transsexuelle Prägung hinwiesen. Sie musste ihm auf den Zahn fühlen. Und das tat sie als Ärztin mit Zusatzausbildung Psychotherapie geschickt im Gespräch. Tonis Wunsch nach dem Du ließ einiges an kommunikativen Möglichkeiten zu. Sie verließ deshalb kurz die vertrauliche Ebene.

„Sie sagten das am Telefon, Herr Obermöller. Aber ich muss mir selbst ein Bild von Ihnen machen. Wenn Sie genuin transsexuell sind, wird bei Ihnen bereits der Wunsch nach einer geschlechtsangleichenden medizinischen Behandlung  vorhanden sein. Als Psychotherapeutin habe ich die Pflicht, die Diagnose Transsexualität in einem Arztbrief Ihrer Krankenversicherung mitzuteilen und die Indikation zu medizinischen Maßnahmen zu stellen. Wenn ich mich irre und Sie aufgrund meines Attestes operiert werden und es dann nicht sind, habe ich einen ärztlichen Kunstfehler begangen, der für Sie und für mich unschöne Konsequenzen hätte. Sie müssten mit dem Operationsergebnis leben und könnten mich dafür in Haftung nehmen.  Ich brauche also ein klares Bild von Ihnen. Das geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen uns ein paar Mal treffen. Ob ich Ihnen dann nur eine Begleitung anbiete oder therapeutisch tätig werden muss, bleibt zunächst offen.“ In Tonis Kopf ratterte es. Die verdrehte ihm irgendwie das Wort im Mund, und dennoch hatte alles Hand und Fuß, was sie sagte. Er lehnte sich zurück. Ja, von außerhalb betrachtet, war er ein Mann, oder zumindest männlich. Nur mit weiblichem Körperbau. Er sprach seine Gedanken aus. „Sie haben Recht. Ich wurde mit weiblichem Körper geboren und fühle mich seit meiner frühesten Kindheit männlich. Mein Körper ist irgendwie falsch.“ Miriam Krausermann legte ihre Schreibunterlage vor sich auf den Tisch. „Falsch ist Ihr Körper nicht, Toni. Zum Körper gehören auch die Arme und Beine und anderes mehr. Aber die Geschlechtszuweisung, die Sie als Säugling von der Hebamme oder dem behandelnden Arzt erfuhren und die Ihre Eltern aus gutem Grund übernahmen, stimmt nicht mit der überein, die Sie mir heute schildern. Transsexualität ist psychotherapeutisch nicht behandelbar. Ich kann Ihnen deshalb nur eine Wegbegleitung anbieten, bis Sie Ihre Papiere geändert haben und die von Ihnen gewünschten operativen Maßnahmen durchgeführt wurden. Hormonelle natürlich auch. 

Sie haben also auch weibliche Vornamen. Mögen Sie sie mir nennen? Wir bearbeiten dann erst einmal das Administrative, was zwar langweilig ist, aber nicht zu ändern.“ Das Gespräch hatte eine besondere Eigendynamik entwickelt, fand Toni. Aber es war ihm nicht unangenehm. 

„Ich heiße mit Mädchennamen Tanja, Maria- Sophie, Charlotte, nach meinen Großmüttern. Nachname ist Obermöller. Ich wurde am 18.06.2007 in München geboren.“ Miriam Krausermann lächelte in sich hinein. Na also, geht doch, dachte sie. Sie hatte ihre Schreibutensilien wieder an sich genommen und schrieb die Daten schnell mit. „In welcher Krankenkasse sind Sie? Sie sind sicher bei den Eltern versichert?“  „Wir sind privat. Mein Vater ist in der Münchner allgemeinen PKV.“

„Was sind Ihre Eltern von Beruf?“ „Mein Vater ist Geschichtsprofessor und meine Mutter Krankenschwester.“ „Gut, ist Ihre Mutter da nicht gesetzlich versichert? Ich frage deshalb, weil die privaten Versicherungen zwar allesamt verpflichtet sind,  geschlechtsangleichende Maßnahmen zu finanzieren, aber gerne versuchen sich davor zu drücken. Sie könnten sich ansonsten entweder bei Ihrer Mutter gesetzlich versichern lassen, oder als freiwilliges Mitglied in die gesetzliche Kasse eintreten. Da gibt es Verdienstgrenzen bei den Eltern. Dann warten Sie bei Fachkollegen vielleicht etwas länger auf einen Termin, haben aber die Gewissheit, dass alle im Gutachten genannten Maßnahmen übernommen werden. Das entscheiden Sie natürlich selbst, aber ich wollte es gesagt haben. Vielleicht sprechen Sie es bei Ihren Eltern an. Es ist ja nicht unwichtig und ich habe eine ganze Reihe von Patienten, die sich beklagen, weil ihnen die Kostenübernahmen Schwierigkeiten bereiten.“

„Das werde ich, danke. Soweit habe ich noch gar nicht gedacht. Herr Petersen hatte es auch nur kurz erwähnt“, erwiderte Toni spontan. „Wie gefällt Ihnen denn Herr Petersen?“, fragte sie. Tonis Worte beschrieben nur Positives und er erzählte von seinem ersten Treffen in der Gruppe. Er berichtete von Ole und ihrer ersten großen Liebe. Julia und Amelie sowie Conni folgten. Miriam Krausermann schrieb lächelnd mit, hörte aufmerksam zu. In einer Sprechpause ergriff sie das Wort. „Toni, das war alles sehr aufschlussreich. Wie geht es Ihnen jetzt? Vor allem, wie geht es Ihnen mit mir?“ Toni stutzte. „Es ist alles ok und ich finde Sie sehr nett“, meinte er.“ „Das ist gut. Die fünfzig Minuten meiner Sitzung sind um. Ich möchte Sie gerne in meinen Patientenkreis aufnehmen. Aber ich kann Ihnen vorerst aus Zeitgründen nur fünf Krisensitzungen anbieten. Für mehr muss ich einen Bericht an Ihre Krankenversicherung schreiben, damit diese uns die Kostenübernahme schickt. Außerdem habe ich für neue Patienten erst in frühestens drei Monaten wieder Platz. Ich möchte Sie bitten, den Nachweis für Ihre private Krankenversicherung Ihrem Vater zu geben und mir zur nächsten Sitzung unterschrieben wieder mitzubringen. Falls Ihre Mutter Sie bei sich gesetzlich versichern kann oder eine eigene gesetzliche Versicherung für sie abgeschlossen wird,  rechne ich mit der gesetzlichen Kasse ab. Besprechen Sie sich mit den Eltern. Eine Einverständniserklärung ihrer Eltern hinsichtlich der Behandlung brauche ich nicht mehr, da Sie über 15 Jahre alt sind. Den Behandlungsvertrag gebe ich Ihnen nächstes Mal. Ich kann Sie nächsten Montag um dieselbe Zeit wieder bestellen. Eine Patientin hat abgesagt. Passt es Ihnen?“ Toni bejahte. Er dachte an seine Lebensbeschreibung. „Ich habe meinen Lebenslauf aufgeschrieben. Peter meinte, Sie brauchen das!“  Die Therapeutin lächelte. „Aber gerne, den geben Sie mir bitte gleich her. Herr Petersen ist so umsichtig, er kann bald meinen Job übernehmen.“ Die beiden standen auf. Miriam strich ihren schwarzen Rock glatt und beobachtete ihren jungen Patienten genau. Toni ging zu seinem Schlittschuhkoffer ins Wartezimmer. Mit sicherem Griff zog er die Klarsichthülle heraus. Vierzehn Seiten beschrieben seine Gefühle und seinen Werdegang. Er hatte sich schon während er schrieb über die vielen Details gewundert, die ihm am PC einfielen. Es war somit ein recht langer Aufsatz geworden. „Bitte, es ist nicht wenig“, sagte er. Miriam Krausermann zog überrascht ihre Augenbrauen hoch. Ihre erwachsenen Patienten schafften meistens maximal sechs bis acht Seiten. Häufig brachten sie weniger zu Papier, obgleich sie eigentlich schon sehr viel erlebt hatten. Die Berichte halfen der Ärztin bei der Beurteilung ihrer Patienten. Sie enthielten wichtige Informationen über die psychische Struktur und die Gedankengänge, was ein geschulter Therapeut wie sie zwischen den Zeilen herauslesen konnte. Dass ein so junger Mensch wie Toni bereits derart detailliert berichtete, machte sie auf den Inhalt neugierig. „Danke, das hilft später beim Gutachten für die Krankenversicherung und die behandelnden Ärzte. Sie werden meinen Arztbrief auch Ihrem Operateur vorlegen müssen.“ Sie nahm die Sichthülle entgegen und öffnete ihm die Tür. Toni fühlte sich nach den vielen Eindrücken etwas überladen, war aber trotzdem rund herum zufrieden. 

„Auf Wiedersehen, bis nächsten Montag“, sagte er und bemühte sich nicht zu fallen, während er seinen Koffer die Treppe hinunter trug. Als er die Haustür öffnen wollte, wurde sie von außen aufgeschoben. Eine junge Frau mit einem roten Anorak bekleidet betrat den Hausflur. Toni konnte den Zusammenstoß gerade noch verhindern und ließ ihr den Vortritt. Er beschloss, sich im Eiskaffee nebenan eine Cola zu bestellen. Seine Kehle war ausgedörrt, etwas kratzte in seinem Hals. Kein Wunder, hatte er doch fast fünfzig Minuten geredet. 

Zuhause warteten seine Eltern neugierig auf ihn. Klaus riet Anneliese am anderen Morgen bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse anzurufen. Er hatte schon des Öfteren daran gedacht, sein Kind aus der Privaten Versicherung herauszunehmen. Er musste alle Rechnungen und Medikamente verauslagen und Anträge auf Erstattung stellen, bis er sein Geld zurückbekam. Das kostete ihm zu viel Arbeit und Zeit. Bei Anneliese war Toni automatisch bis zum Studienende abgesichert. Klaus verdiente nicht schlecht, doch eine geschlechtsangleichende Operation konnte auch er nicht finanzieren. Und es kamen Folgekosten hinzu. Die gesetzliche Kasse bot mehr Sicherheit.  Anneliese erfuhr am nächsten Tag, dass Toni wegen des hohen Verdienstes ihres Ehemannes nicht automatisch bei ihr mitversichert werden durfte. Jedoch konnte er zu einem geringen Preis freiwilliges Mitglied werden. Der Vorteil: Alle Krankheitskosten wurden von Seiten des Arztes direkt mit der Kasse abgerechnet. Dies entsprach Klaus‘ Vorstellungen punktgenau. Am Ende der Woche besaß Toni seine eigene Krankenversicherungskarte und hatte wieder einiges dazugelernt. Mit dem Antrag der von ihm gewünschten Operation in der teureren Privatklinik würde ihm Peter helfen, der bereits Erfahrung damit hatte.  

 ****

Ole und Toni unterhielten sich am Montagabend am Telefon über Tonis ersten Besuch bei Frau Krausermann. Auch Ole schrieb seine Lebensgeschichte auf und fühlte sich für seine Therapiesitzung gut vorbereitet. Am Dienstag betrat er deshalb relativ ruhig und gelassen gegen sechs Uhr abends das Ärztehaus am Bahnhof.

Er musste einen Moment warten. Auf sein Klingelzeichen rührte sich zunächst nichts. Ungeduldig begann er von einem Fuß auf den anderen zu treten und fasste sich ein Herz. Fest und etwas länger drückte sein Finger noch einmal auf den Klingelknopf. Schritte waren zu hören. Ole spürte Erleichterung. Er hatte schon befürchtet, Frau Dr. Krausermann wäre nicht da gewesen. Die Tür öffnete sich. „Guten Abend, Entschuldigen Sie, ich musste noch meinen Anrufbeantworter abhören. Sind Sie Herr Baumhard?“ Ole wusste bereits, dass er sich auf das förmliche „Sie“ in der Anrede einzustellen hatte. „Ja, ich bin Ole. Mein Freund Toni hat mir erzählt, dass Sie uns auch beim Vornamen ansprechen, wenn wir das möchten.“ Miriam Krausermann konnte ein Schmunzeln nicht verhindern. „So, hat er das? Na, dann kommen Sie mal herein, Ole. Einmal gerade durch und dann rechts in mein Arbeitszimmer.“ Sie ließ ihn eintreten und schloss die Tür.

„Einen netten Freund haben Sie. Aber nun zu Ihnen. Bitte nehmen Sie Platz.“ Sie wies auf die Sessel neben dem Glastischchen. Ole blickte sich um. Das Zimmer wirkte aufgeräumt und funktional. Ein großer Schreibtisch, auf dem ein Computer und ein Drucker standen, befand sich ihm gegenüber an der Wand. Er sah aus dem Fenster. Durch die halb geschlossenen hellen Jalousien konnte er zum Bahnhof schauen. „Mögen Sie mir den Grund Ihres Besuchs erzählen?“ Ole zuckte zusammen. Frau Krausermann registrierte jede seiner Bewegungen. Das nonverbale Verhalten und die Körperhaltung sagten viel über die Person vor ihr aus. Davon ahnte Ole allerdings nichts.

„Ähm, ja. Ich hatte Ihnen schon auf den Anrufbeantworter gesprochen. Herr Petersen ist der Leiter der Selbsthilfegruppe und hat Sie mir empfohlen. Mein Freund Toni war gestern bei Ihnen. Ich bin genauso.“ Miriam Krausermann zog die Augenbrauen hoch. „Ich kenne einige Herren mit Namen Petersen, das ist hier im Norden nichts Besonderes. Wen meinen Sie, um welche Selbsthilfegruppe geht es und warum sind Sie genauso? Nicht einmal Zwillinge sind gleich. Ich verstehe nicht so ganz.“ Oh je, Ole schluckte. Normalerweise war er nicht auf den Mund gefallen, aber irgendwie fiel es ihm heute schwer, über seine Gefühle und seine Transsexualität zu sprechen. Er setzte noch einmal an. „Also, ich bin Frau zu Mann Transsexuell und habe Herrn Peter Petersen in der Selbsthilfegruppe kennengelernt. Er sagte, dass wir eine Bescheinigung von Ihnen brauchen, damit wir unsere Papiere ändern können und Hormone bekommen.“ „Seit wann haben Sie das Gefühl im falschen Geschlecht zu leben, Ole?“ „Seitdem ich denken kann. Ich wollte schon als kleines Kind lieber ein Junge sein.“ „Wie hat sich das praktisch geäußert?“ Ole überlegte. Ihm erschien die ganze Situation plötzlich irgendwie unwirklich. Ihm wurde bewusst, dass etwas mit ihm geschah. Alles, auch die Gespräche mit den Eltern, der Termin in der Gruppe und die Gespräche mit den anderen, Toni und die Schule, das war trotziges Reagieren auf das Verhalten der Umwelt gewesen, weil es ihn ärgerte, immer wie ein Mädchen behandelt zu werden. Das Gefühl sich stets erklären und für das selbst empfundene Geschlecht rechtfertigen zu müssen, war allgegenwärtig. Bei Frau Krause fühlte er das erste Mal, dass er nicht beweisen musste, wer er war. Unsicherheit machte sich breit, weil er eine merkwürdige Leere in sich verspürte. Sie schien von ihm Besitz zu ergreifen. Er kämpfte dagegen an. Sein Verstand sagte ihm, dass er nur einer Ärztin gegenüber saß und ein normales Arztgespräch über seine Beschwerden führte. Aber was waren seine Beschwerden? Ole antwortete und glaubte, eine andere Person würde für ihn sprechen. „Ich wollte nie mit Puppen spielen, tobte lieber mit den Jungs in der Eishalle beim Eishockey herum. Ich wünschte mir Bücher, in denen Jungen die Helden waren und Spielzeugautos. Es war ein Gefühl, als ob mir am Geschlecht etwas fehlte, aber ich wusste noch gar nicht wie Jungen und Mädchen aussahen.“ „Das heißt, Sie kannten die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht, fühlten sich aber dennoch bei den Jungen wohler, als bei den Mädchen? Kann ich das so verstehen?“ „Ja, ich fühl mich hier so komisch. Es ist, als wenn ich…“ Oles Stimme versagte. „Als ob Sie nicht mehr kämpfen müssen?“  Ja, genau das war es. Da gab es keinen Druck mehr, sich wehren zu müssen, der Junge in ihm lebte ständig auf dem Sprung, sich zu behaupten. Er brauchte zum ersten Mal in seinem Leben keine Überzeugungskraft anwenden, um als er selbst wahrgenommen zu werden. Siebzehn Jahre inneres Ungleichgewicht, sich in Frage stellen und immer wieder einen nahezu mörderischen Kampf gegen sich selbst führen zu müssen, brachen aus ihm heraus. „Ich fühle etwas wie Freiheit. Es ist schön, wunderschön.“ Oles Stimme brach und Tränen rannen über sein Gesicht. Er konnte sie nicht aufhalten. Das war ein Befreiungsschlag, was nun mit ihm geschah. Noch nie konnte er sich so gehen lassen. Die Tränen spülten alle Schmerzen, Unzulänglichkeiten und Ängste fort. Es dauerte einige Minuten. Langsam beruhigte er sich wieder. Frau Krausermann hatte diskret ein Paket Papiertaschentücher auf den Tisch gelegt. Sie schwieg und beobachtete ihren jungen Patienten. Dessen heftige Reaktion kannte sie aus den Sitzungen mit transsexuell geprägten Menschen. Die Geschlechtsidentität beeinflusste die gesamte Persönlichkeit, sie war ein Teil von ihr. Transidenten fühlten zu Beginn ihres Lebens, während sich ihr Bewusstsein bildete, ihr psychisches Geschlecht genau. Im Laufe der Jahre erkannten sie die Diskrepanz zwischen ihrem Gefühl und dem, was die Umwelt und vor allem die unmittelbaren Bezugspersonen, in der Regel die Eltern, ihnen vorlebten und von ihnen erwarteten. Das Verhalten und die Annahme durch die Außenwelt, die ebenfalls als Realität erlebt wurde, standen sodann im Widerspruch zum inneren Erleben.  Ein schwerer innerer Konflikt war häufig die Folge, denn die Kinder wussten nichts von Transidentität und bekamen Angst ihre Eltern zu enttäuschen. Sie fürchteten sie zu verlieren. Die Ambivalenzen führten sehr oft zu Selbsthass und zu Selbstverletzungen. 

Oles Seele spürte die Offenheit, mit der Miriam Krausermann ihren Patienten begegnete und zog die richtigen Schlüsse. Er nahm die Taschentücher dankend an. Ein wenig schämte er sich. Wie konnte er als Mann hier einfach losheulen? 

„Was ist gerade mit Ihnen passiert, Ole?“ Miriam blickte freundlich. Sie zeigte Mitgefühl und Anteilnahme. „Ich weiß es nicht. Es war aber befreiend. Ich fühle mich viel besser“, antwortete Ole. „Was heißt das? Können Sie Ihre Gefühle etwas deutlicher erklären?“ „Ich war irgendwie eingesperrt und musste immer kämpfen. Ich war wütend auf mich, weil ich anders war, als ich sein sollte.“ „Und wie sollten Sie sein?“ „So, wie meine Eltern mich ansprachen. Aber das war ich nicht und ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen.“ „Und was wollen Sie jetzt?“  „Ich möchte ich selbst sein.“ „Und wer sind Sie selbst? Ach, Ole, Herr Baumhard, nun lassen Sie sich doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen!“ Miriams Stimme hatte einen leicht fordernden Klang angenommen.  Das kannte Ole. So hörte sich seine Mutter an, wenn sie ungeduldig wurde. „Ich bin ein Junge und kein Mädchen und ich möchte als Junge leben.“ Die Antwort kam klar und fest. Ole und die tiefe innere Gewissheit seiner Seele waren sich einig. „Uff, das nenne ich eine schwere Geburt!“, meinte Miriam. 

Sie nahm ihren Schreibblock, der neben ihrem Sitz auf dem Fußboden gelegen hatte, auf ihren Schoß und kritzelte ein Zeichen in die linke obere Ecke, das beides zeigte: einen Schild mit einem Speer und unten einen Spiegel. Ein wellenförmiger Pfeil wies auf ein eindeutigeres Zeichen. Schild und Speer. „Ole, ich bin mir bei Ihnen noch nicht sicher, ob jetzt alle Irritationen bei Ihnen ausgeräumt sind. Und ich möchte Sie auch besser kennenlernen. Wenn sich die Transidentität bestätigt, können wir an Ihrer Geschlechtsidentität ohnehin nichts ändern. Aber ich muss in Ihnen die von Ihnen selbst verursachten Zweifel lokalisieren. Die Sitzungszeit ist um. Ich kann Ihnen nächsten Mittwoch um 17 Uhr einen Termin anbieten. Wir müssen jetzt kurz einiges Administratives klären. Hier ist ein Fragebogen zu Ihren persönlichen Verhältnissen, die Einverständniserklärung Ihrer Eltern brauche ich nicht mehr, weil Sie über fünfzehn Jahre alt sind. Deshalb müssen Sie sich den Behandlungsvertrag genau durchlesen und mir unterschrieben zurückgeben. Sind Ihre Eltern gesetzlich oder privat versichert?“  Ole schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht.“ „Gut, dann fragen Sie. Wenn Sie familienversichert sind, sollten Sie bereits eine eigene Versichertenkarte haben. Ansonsten können Sie auch als freiwilliges Mitglied der gesetzlichen Kasse beitreten. In dem Fall zahlen Ihre Eltern einen Beitrag für Sie.  Bringen Sie mir nächste Woche Ihre Karte mit. Und wenn es Ihnen nichts ausmacht, schreiben Sie mir bitte einen Lebenslauf. Dabei lege ich nicht so viel Wert auf die tabellarischen Daten, die stehen ohnehin im Fragebogen. Mir sind ihre Empfindungen und Gefühle wichtig. Vor allem die Beziehung zu Ihrer Mutter interessiert mich. Schreiben Sie auf, wie Sie Ihre Kindheit erlebt haben. Sehen Sie es an wie einen Deutschaufsatz in der Schule.“  Ole bremste seine bewegten Gefühle und versuchte Frau Krausermann auf Verstandesebene zu folgen. Die Lebensbeschreibung fiel ihm ein. Er zog die acht bedruckten Seiten aus seinem Rucksack und reichte sie ihr. Ihre Zettel faltete er zusammen und steckte sie im Gegenzug hinein. Etwas wacklig stand er auf. Miriam lächelte. „Vielen Dank, ich sehe, Herr Petersen hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Ole, wir treffen uns nächsten Mittwoch um Fünf!“ Erleichtert schüttelte Ole die dargebotene Hand. Es war kühl und regnete etwas als er aus der Haustür trat und auf dem Bürgersteig stand. Laternen und die Beleuchtung der Geschäfte tauchten die Straße in helles Licht. In regelmäßigen Abständen flackerten bunte Neonreklamelichter auf. Der Verkehr hatte zugenommen. Viele Menschen waren auf dem Heimweg von der Arbeitsstelle. Ole überquerte etwas aufgewühlt aber mit sich selbst zufrieden den Zebrastreifen, der ihn zum Bahnhofsvorplatz führte. Ein nagendes Hungergefühl und Durst meldeten sich. Er sog den Geruch von frittiertem Essen in seine Nase ein. Das grell leuchtende Schild einer Fastfoodkette erregte seine Aufmerksamkeit. Dort wollte er erst einmal einkehren und danach einen der nächsten Busse nach Hause nehmen.

Genüsslich biss er einen Moment später in einen Hamburger und spülte das Essen mit einem Schluck aus der Colaflasche hinunter. Die Ladenzeile befand sich neben den Schienen in der Bahnhofsvorhalle. Eine Treppe über ihm gab es ein großes Kino. Ole zog sein Handy aus dem Rucksack und drückte auf Tonis Namen. Der meldete sich sofort. „Du, ich steh im Bahnhof und gönne mir grad einen Burger. Die Krausermann ist nett, hat aber eine merkwürdige Art zu reden.“ Toni lachte. „Das höre ich, mit mehr als fünf Pfund im Mund sollte man nicht mehr sprechen, meint meine Mutter immer. Aber du hast Recht. Sie ist gewöhnungsbedürftig. Ich weiß nicht, ob alle Therapeuten so sind.“ Ole bemühte sich herunterzuschlucken und spülte mit seiner Cola nach. „Die hat mich so irritiert, dass ich anfing zu heulen. Es war eine Befreiung, wie nach zwanzig Jahren Knast.“ Toni stimmte ihm zu. „Ja, das Gefühl hatte ich auch. Nur ich brauchte nicht weinen. Und letzten Endes warst du ja bis vor kurzem noch im Knast, wenn auch statt zwanzig nur siebzehn Jahre lang. Wann sollst du wieder hin?“ „Nächsten Mittwoch um fünf Uhr.“

„Ich soll am Montag wieder kommen. Bin mal gespannt, wie es bei ihr weiter geht. Hast du deine Lebensbeschreibung abgegeben?“ Ole bejahte. „Okay, ich wollte dir nur Bescheid gesagt haben. Wir sehen uns morgen auf dem Eis. Mein Bus kommt gleich. Machs gut!“ „Du auch!“ 

Ole beschloss seinen Eltern nichts von seinem Weinkrampf zu erzählen. Der Gefühlsausbruch war ihm peinlich. 

 

Ende der leseprobe. Der Roman hat 20 Kapitel und ist auf neobooks als e-book erhältlich.