Vom Mädchen zum Mann
von Manuel Magiera  Leseprobe 1. Teil

Wie werden wir Junge oder Mädchen?

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind wieder ein Kind im Alter von drei bis vier Jahren. Die Welt um Sie herum erscheint Ihnen bunt, sehr verwirrend und Erwachsene sind im Gegensatz zu Ihnen, Riesen.
Sie unterscheiden Ihre Eltern von den übrigen Verwandten und von ganz fremden Menschen. Auch die eine oder andere Kindergartentante haben Sie schon kennen gelernt. Man spricht Sie mit einem Namen an. Sie spüren Ihr eigenes Ich und von den anderen Menschen erfahren Sie viel über sich selbst, Schönes und manchmal weniger Schönes: „Was bist du nur für ein hübsches kleines Mädchen!“ Oder: „Martin, du ungezogener Junge, stell die Schüssel hin und lauf nicht ständig weg!“
Sie analysieren die Aussagen. Dass Sie im Gegensatz zu den Großen klein sind, haben Sie bereits bemerkt. Aber hübsch sein, das hört sich nett an. Ungezogen weniger. Doch was ist eigentlich mit Mädchen und Junge gemeint ?, fragen Sie sich überrascht.


Unbewusst beginnen Sie Vergleiche zu ziehen. Sie sehen Ihre Mutter an, denken, ja, so bin ich auch. Oder, Sie begleiten Ihren Vater und merken, der ist wie Sie. Ihr Fazit: Ihre Mutter ist eine Frau, Sie ein Kind, deshalb müssen Sie ein Mädchen sein. Anders herum: Ihr Vater ist ein Mann und Sie sind in der logischen Folge ein Junge. Dabei stellen Sie fest: Die Welt um Sie herum wird viel klarer und Sie blicken immer mehr durch.
Aber was passiert mit Ihnen, wenn Sie sich mit Ihrem Vater identifizieren und somit eigentlich ein Junge sind, die Erwachsenen, allen voran Ihre Eltern, Sie jedoch wie ein Mädchen behandeln? Umgekehrt sehen Sie sich wie Ihre Mutter, sind deshalb ein Mädchen und werden von den Großen ständig für einen Jungen gehalten. Mit all den Konsequenzen, die das für ein so kleines Wesen wie Sie es sind, hat.
Angefangen mit dem Vornamen, gefolgt von der Kleidung, den Spielsachen und der Entscheidung, in welche Dusche oder Umkleidekabine Sie im Schwimmbad gehen dürfen. Die Toilette nimmt ebenfalls einen bedeutsamen Platz in Ihrem Leben ein, sobald Sie sich von Ihren Windeln verabschiedet haben.


Wenn Sie also ein solches Kind sind, herzlichen Glückwunsch. Sie haben die Arschkarte gezogen. Die Welt um Sie herum wird keinesfalls klarer, je älter Sie werden. Nein, sie wird noch verwirrender.
Sie stehen von morgens bis abends neben sich. Die Erwachsenen, denen Sie verzweifelt versuchen, klarzumachen, dass diese mit ihrer Geschlechtszuweisung bei Ihnen völlig auf dem Holzweg sind, ignorieren Ihre vernünftigen Einwände. Für andere Menschen zählt nur das biologische Geschlecht und das ist bei Ihnen nun mal weiblich oder männlich und steht ganz im Gegensatz zu Ihrer eigenen Wahrnehmung.
Es hilft nichts. Sie müssen die Kleidung tragen, die Ihre Eltern Ihnen geben. Wenn Sie als gefühlter Junge Glück haben, dürfen Sie mal eine Hose anziehen. Vielleicht bekommen Sie sogar das gewünschte Auto oder die heißersehnte elektrische Eisenbahn.
Aber als gefühltes Mädchen werden Sie Ihre Eltern mit der Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent vergeblich darum bitten, Ihnen ebenfalls ein so hübsches Kleidchen anzuziehen, wie es Ihre Schwester trägt.
Sie sind ein Mädchen, das sich mit einem Jungenkörper herumschleppen muss. Oder sie sind ein Junge, der in einem Mädchenkörper gefangen gehalten wird. Nichts passt. Psyche, eigenes Gefühl und Erleben und das äußere biologische Geschlecht klaffen kilometerweit auseinander.


Sie fangen an zu glauben, das wächst sich alles noch hin. Sie erzählen Ihren Eltern immer wieder, dass Sie anders sind als die anderen Kinder. Wenn Sie Glück haben, hören die Ihnen irgendwann zu. Und wenn Sie noch größeres Glück haben, werden Sie einem Arzt vorgestellt, der das Dilemma erkennt, in dem Sie stecken.
Nun brauchen Sie nur noch beharrlich zu wiederholen, dass Sie kein Mädchen beziehungsweise Junge sind, sondern im gegenteiligen Geschlecht gefangen gehalten werden.
Lassen Sie sich dabei nicht durch die Großen beirren. Sie haben es erst einmal geschafft, zumindest für den Anfang. Man wird Sie als geschlechtlich gestört, transsexuell, transidentisch oder als alles Mögliche andere bezeichnen.
Das soll Sie aber nicht weiter stören. Es ist nur wichtig, dass man Ihnen erlaubt im selbst erlebten Geschlecht aufzutreten. Ihre Körperlichkeit rutscht damit vorerst in den Hintergrund. Inzwischen gibt es Medikamente, die die Pubertät solange unterdrücken, bis Sie das Erwachsenenalter erreicht haben. Mit spätestens achtzehn Jahren entscheiden Sie über die Einnahme gegengeschlechtlicher Hormone und operative Maßnahmen selbst.

Kinderzeit- glückliche Zeit?

Ich hatte furchtbare Bauchschmerzen. Nach vorn gebeugt und stöhnend schleppte ich mich zur Toilette. Die Hände drückten auf den verkrampften Unterleib. Irgendwie schaffte ich es, mir die Hosen auszuziehen und mich auf die Klobrille zu setzen. „Oh!“ Der Atem kam nur stoßweise. Solche Schmerzen waren mir in meinem bisherigen zwölfjährigen Leben noch nie untergekommen.
„Maximiliane, bist du da drinnen?“ Mia klopfte gegen die Tür.
Die Antwort konnte ich gerade noch keuchen. „Ja, das tut so weh. Komm bitte herein, es ist auf.“
Unser Hausmädchen stand im nächsten Augenblick neben mir.
„Da läuft Blut zwischen meinen Beinen heraus. Mia, du musst den Arzt holen, ich sterbe“, jammerte ich kläglich.
Sie strich mir zärtlich übers Haar. „Nein, mein Schatz. Du stirbst nicht. Das ist normal und passiert ab jetzt jeden Monat einmal. Du bist nun eine Frau, kleine Prinzessin.“
Sie gab mir Papier zum Abwischen und reichte mir eine dicke Hygienebinde. „Leg dir das in den Slip und geh ins Bett. Ich bringe dir eine Wärmflasche. Wenn deine Mutter von ihrer Besorgung in der Stadt zurück ist, gebe ich ihr Bescheid. Sie muss entscheiden, ob du eine Tablette gegen Regelbeschwerden einnehmen darfst.“
Seufzend schlich ich mich nach dem Toilettengang in mein Kinderzimmer zurück.


Natürlich starb ich nicht. Und doch, in gewisser Weise schon. Heute war nun geschehen, was eines Tages geschehen musste. Nach dem Sexualkundeunterricht in der Schule hatte mich meine Mutter vor einigen Wochen zur Seite genommen und aufgeklärt. Da gab es kein Herumreden über Bienchen oder Blümchen. Irgendwann, so ab dem zwölften Lebensjahr, setzte bei einem Mädchen die Pubertät ein und das bedeutete eine Brust und monatliche Blutungen.
Was für die meisten Mädchen in meiner Klasse völlig normal war, kam bei mir einer Katastrophe gleich. Solange ich denken konnte, wollte ich ein Junge sein. Meine Erinnerung reichte bis ins dritte Lebensjahr zurück.
Ich tobte durchs Schloss, spielte mit Autos, Eisenbahnen und Fußball mit den Söhnen des Hausmeisters. Meine Puppen führten ein bedeutungsloses Leben und lagen in einer fest verschlossenen Kiste in einem Schrank meines Zimmers. Mein Lieblingsspielzeug war der Gameboy, den ich von meinem älteren Vetter abgestaubt hatte, dicht gefolgt von der riesigen elektrischen Eisenbahn meines Vaters, die einen großen Teil des Dachbodens einnahm.


Mein bester Freund Jacob war der Sohn unseres Försters. Wir wuchsen gleichaltrig zusammen auf und ich verstand in den ersten Lebensjahren nie, warum Jacob Hosen trug und ich Kleider anziehen musste. Ich war schließlich wie er.
Im Dorf gehörte ich seit meinem sechsten Lebensjahr dem Fußballverein an und hatte Glück, dass es mangels Interesse keine Mädchenmannschaft gab. Ich kickte inzwischen mit großem Erfolg bei den Buben in der D-Jugend. Ab der C-Jugend müssten meine Eltern ihre schriftliche Einwilligung geben, wie unser Trainer schweren Herzens erzählte. Und nach der A-Jugend durften Mädchen nur noch in Damenmannschaften spielen, so war es Gesetz beim DFB.
Scheißgesetz! Warum machten die Leute so etwas Bescheuertes? Ich war doch ein Junge, auch wenn mein Körper dagegen sprach. Warum ist das Leben so schwer? , fragte ich mich mehr als einmal.


Ich war schließlich privilegiert geboren worden! Jedenfalls hörte ich das stets von meiner Mutter, wenn sie von mir mehr Haltung und Würde erwartete. Mein Benehmen ließ in der Tat manchmal sehr zu wünschen übrig und gehörte keinesfalls zu einer jungen Prinzessin und in meinem Fall zur einzigen Tochter des Markgrafen Maximilian Ernst von Wildenstein.
Ich wünschte mir nichts sehnlicher als ein normaler Junge sein zu dürfen und mir wäre es recht gewesen, wenn mein Vater als Bürgerlicher im Knast sitzen würde. Den adeligen Stammbaum hätte ich sofort mit Freuden gegen ein gewöhnliches Jungenleben eingetauscht.


Mia half mir ins Bett und verschwand gleich darauf. Ich konnte Gerhards Stimme hören. Das Auto mit meiner Mutter hatte vor der Haupttreppe angehalten. Gerhard war unser Chauffeur. Er rief unseren Hausmeister Dietrich herbei und zeigte sicherlich wie immer auf die vielen Taschen und Pakete im Kofferraum. Der alte Dietrich seufzte danach gewöhnlich laut auf.
Wahrscheinlich war er gar nicht so alt. Für mich gab es nur junge Menschen in meinem Alter und Leute über Zwanzig. Die waren in meinen Augen senil und die meisten davon scheintot.
Weitere Stimmen, darunter auch Mias, drangen zu mir ins Kinderzimmer hinauf. Einen Moment später trat meine Mutter an mein Bett. Sie lächelte, nahm meine Hand und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
„Meine kleine Prinzessin. Du bist heute zur Frau geworden. Ich gratuliere dir, meine Süße. Das ist ein bedeutender Tag im Leben eines jungen Mädchens. Bauchschmerzen hatte ich auch immer, als ich in deinem Alter war. Damals gab es bereits gute Tabletten gegen Regelbeschwerden. Mia bringt dir gleich etwas. Ich rufe Doktor Zubrücken an und vereinbare einen Termin für uns. Er soll dich frauenärztlich untersuchen, sobald deine Periode durch ist. Vielleicht kennt er noch andere Mittel gegen die Schmerzen. Eventuell eine niedrig dosierte Pille oder Ähnliches. Wir werden ihn auf jeden Fall konsultieren.“
Ich sparte mir die Antwort. Meine Mutter war eigentlich ganz okay. Sie wollte modern und aufgeschlossen sein und überließ nichts dem Zufall. Und sie hörte gerne auf ärztlichen Rat.


Sie blickte sich um und das Lächeln verschwand augenblicklich. Missbilligend legte sich ihre Stirn in Falten. Ich ahnte den Grund. In meinem Zimmer war wohl seit ewigen Zeiten nicht mehr aufgeräumt worden. Jedenfalls konnte ich mich nicht daran erinnern, jemals hier richtig aufgeräumt zu haben. Solange ich fand, was ich suchte, erschien es mir nicht nötig, etwas am Zustand meines privaten Reiches zu ändern.
„Mia wird dir bei nächster Gelegenheit helfen und dann wird dieser Stall mal entrümpelt! Kind, wie kannst du in solch einer Unordnung leben? Wie willst du jemals einen anständigen Mann finden und deinen eigenen Haushalt führen, wenn du nicht einmal in der Lage bist, ein einzelnes Zimmer in Ordnung zu halten? Weißt du, wie viel Arbeit die vielen Räume unseres Schlosses machen?“
Ich stöhnte auf. Eine neue Welle Bauchschmerzen rollte auf mich zu, die allerdings nicht von der Regel herrührte. Nein, bitte nicht! Das hatte mir gerade noch gefehlt. Nur nicht wieder die alte Leier! Ständig hielt mir meine Mutter meine Unordnung unter die Nase. Ich konnte doch nichts dafür. Ich war halt zum Messi geboren.
„Bei Vater sagst du nie etwas. Er ist genauso ein Chaot wie ich, aber er findet alles wieder, was er braucht und sucht. Und das tue ich auch. Mum, ich bin keine Prinzessin, sieh es endlich ein. Wenn überhaupt, bin ich ein Prinz und mit dem Namen Max ist alles okay. Ich bin ein Junge und ich möchte als Junge leben. Und ich bin unordentlich und ich möchte unordentlich bleiben. Und… ich fühle mich damit genauso wohl wie Dad.“
Meine Mutter schüttelte wie erwartet entnervt den Kopf. Die englischen Bezeichnungen fand ich einfach cool. Weil wir Verwandte in Britannien hatten, bemühte ich mich immer, gebildet zu erscheinen und etwas Englisch in unsere Gespräche einfließen zu lassen.


„Ach, Maxi, was mach ich nur mit dir?“
Ich setzte meine beste Unschuldsmiene auf. „Ich weiß auch nicht, Mami, aber vorhin, als ich das schreckliche Blut aus meinem Körper kommen sah, wäre ich am liebsten gestorben. Mir fehlt das Teil, das zu einem Jungen gehört. Mein Körper und mein Gefühl passen nicht zusammen. Da muss bei meiner Geburt irgendetwas vollkommen falsch gelaufen sein.“
Mutter sah mich traurig an und ging. Am frühen Abend konnte ich mich dank ihrer Medikation wieder etwas bewegen. Also trieb ich mich wie gewöhnlich im Stall herum und besuchte mein Pony Chester. Ich sprach leise mit ihm. Chester und ich waren die dicksten Freunde. Er kannte meine ganze Lebens- und Leidensgeschichte und er besaß, was ich nicht hatte: Einen Penis.
Sicher, er wusste nichts davon, dass er mal als Hengst zur Welt gekommen war und irgendjemand dem armen Kerl im Babyalter die Männlichkeit geraubt und ihn zum Wallach gemacht hatte. Wir beide aber waren auf diese Weise verhinderte und irgendwie auch behinderte Jungen geworden. Und das gemeinsame Schicksal schweißte uns aneinander.
Ein Geräusch, ich zuckte zusammen. Papa stand plötzlich hinter mir in der Box. Schreck lass nach, ich atmete tief durch. Aber es war alles paletti. Ruhe, Max, dachte ich. Es ist seine Zeit. Er machte abends immer seinen Rundgang im Pferdestall, wenn er nicht selbst ritt.


Doch etwas war heute Abend anders mit ihm, das konnte ich deutlich spüren. Er legte nachdenklich den Arm um mich, was er sonst nie tat. Seine Hand drückte dabei fest auf meinen Nacken. Verwundert blickte ich zu ihm hoch.
Mein Vater gab äußerlich tatsächlich das Bild eines Grafen ab, so wie es sich viele Menschen vorstellten. Hochgewachsen, schlank, muskulös, mit einem sonnengebräunten Gesicht durch die viele Arbeit auf den Feldern und in unserem Wald, stand er neben mir in der Haltung eines stolzen Edelmannes, aus der Zeit als Bayern noch Königreich war.
Meine Mutter erzählte mir, dass sie sich auf Anhieb in ihn verliebt hatte, obwohl es eine arrangierte Ehe war. Adel kam in diesem Fall zu verarmtem Adel. Mutter war eine Baronesse von Scheele. Ihr elterliches Gut blieb in Ostpreußen zurück und nach dem Krieg stand die Familie buchstäblich vor dem Nichts. Da kam die Ehe mit meinem Vater gerade richtig.
Entgegen seiner Gewohnheiten schmuste er heute nicht mit mir. Es stand plötzlich etwas Unbekanntes zwischen uns. Respekt, Achtung und… eine besondere Form von Liebe. Das gefiel mir. Ungewohnt, aber schön. Die Art seines Umgangs beschrieb Klarheit, Geradlinigkeit, wie auf einer Offiziersschule. Ich musste unwillkürlich lächeln.
Vater war Hauptmann der Reserve bei der Bundeswehr. Behandelte er mich nicht gerade wie einen Kadetten? Ich versuchte, genauso männlich und gehorsam wie ein junger Rekrut zu wirken.
„Chester ist in guter Form. Wenn wir weiter hart trainieren, werden wir uns auf dem Turnier passabel schlagen. Eine Schleife und Platzierung sollten diesmal drinnen sein“, bemerkte ich siegesgewiss und klopfte meinem Pferd zärtlich den Hintern.


„Komm nach dem Abendessen mit deinem Wochenplan zu mir ins Arbeitszimmer. Wir werden einiges umstellen, du brauchst mehr Zeit mit ihm. Wieweit ist das Taekwondo-Training? Du musst sicher in den Griffen und Tritten sein, damit du dich im Kampf mit anderen Jungen schützen kannst. Etwas Drill und militärischer Gehorsam kann zudem nie schaden. Ich werde dir Unterricht geben, wie ich ihn selbst im Internat erhalten habe. Du wirst als Junge den Titel eines Grafen von Wildenstein tragen. Das ist eine große Verantwortung, denn du erbst die Firma. Du bist dann Arbeitgeber für hundertzwölf Menschen und ihre Familien. Adel verpflichtet, Max. Das ist nicht nur eine hohle Floskel.“
Vater sah mich ernst an. Uff, waren das Töne! So kannte ich meinen alten Herrn gar nicht. Der behandelte mich tatsächlich wie einen Jungen! So sprach ein Vater mit seinem Nachfolger.
Waas? Ich war weiblich, zumindest körperlich, da biss nun mal keine Maus einen Faden ab und unser Hausgesetz erforderte strikt die männliche Erbfolge. Vater war nach unserem Gespräch längst weiter in den Stutenstall gegangen. Da stand ich nun wie vom Blitz gerührt mit großen Augen und offenem Mund.
Ich kämpfte jetzt seit meinem dritten Lebensjahr darum, ein Junge sein zu dürfen, und er hatte das stets ignoriert. Keiner hatte mich bisher ernst genommen. Was war bloß in ihn gefahren? Das unausgegorene Gespräch mit meiner Mutter vom Mittag fiel mir ein. Sollte sich Mutter mit ihm unterhalten haben? Hatte sie ihre Meinung vielleicht geändert? Eine Kehrtwende um hundertachtzig Grad gemacht?
„Max, du sollst ins Haus kommen und dich waschen. Es gibt Abendessen!“
Ich blickte automatisch in die Richtung, aus der die Stimme kam. Robert rief mir die Botschaft über die Stallgasse zu. Er war einer unserer drei Stallburschen. Ich gab Chester noch schnell einen Kuss auf die Nüstern und warf ihm frisches Heu in die Box.


Eine Viertelstunde später stand ich um sieben Uhr in sauberen Hosen und mit gewaschenen Händen im Esszimmer. Für uns war durch mehrere Raumteiler ein gemütliches Zimmer entstanden, welches trotzdem noch sehr groß erschien. Die lange Tafel erinnerte an Zechgelage auf einer Ritterburg aus längst vergangener Zeit.
Wildenstein war im sechzehnten Jahrhundert von einem meiner Vorfahren als Raubritterburg gebaut worden. Meine Ahnen waren ziemlich blutrünstig gewesen, hatten als Ritter für Könige und deutsche Kaiser gekämpft. Das brachte dem Chef des Hauses im siebzehnten Jahrhundert den Titel eines Markgrafen und Burg Wildenstein als Lehen ein. Nach einem großen Brand 1760, ließen sie das Gut wiederaufbauen.
Aber die einstige Ritterburg wich einem schlossähnlichen Gebäude, das jetzt unter Denkmalschutz stand und Unmengen an Geld verschlang, wie ich meinen Vater oft stöhnen hörte. Der Bankier aus unserer Kreisstadt gehörte fast schon zur Familie.
Gewohnheitsmäßig ging ich erst zu Mutter an den Tisch. Sie sah unauffällig auf meine Finger und nickte mit dem Kopf. Ich durfte mich setzen. Mutter nickte mir abermals zu.
„Herr Jesus, wir danken dir für diese Speisen. Komm, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Und hilf allen Menschen auf der Erde genug Nahrung zu bekommen und satt zu werden. Amen.“
Das Tischgebet gehörte als fester Bestandteil zu unserem Leben. Wir waren katholisch, wie in Bayern üblich. Und es galt als selbstverständlich, dass ich als Kind das Gebet sprach. Wobei ich leider das einzige Kind war und diese Aufgabe nicht weiter nach unten delegieren konnte. Aber ich hatte mich inzwischen damit arrangiert.
Mia kam herein, reichte Vater die Suppe, der die schwere Terrine einen Moment später an Mutter weitergab. Ich hielt ihr, wie immer, meinen Teller vor.


„Nein, Adelheid, lass ihn sich selbst auffüllen. Er ist kein Kind mehr und muss lernen, sich wie ein Erwachsener zu benehmen.“
„Du hast recht, Liebling“, hörte ich meine Mutter antworten. Ich verstand gar nichts mehr. Was in aller Welt war in die Erwachsenen gefahren? Waren meine Eltern auf einmal plemplem geworden? Ich nahm die schwere Schüssel, die ich gerade noch so eben halten konnte und füllte mir eine Kelle köstlich duftender Spargelsuppe auf. Hatte ich mich verhört oder sprach mein Vater tatsächlich in der männlichen Form von mir? Verwirrt aß ich betont konzentriert meinen Teller leer und bemühte mich beim Hauptgang keine unpassenden Geräusche zu machen. Es gab Rehrücken. Vater hatte den Bock bei der letzten Jagd geschossen. Das Wildbret schmeckte ausgezeichnet. Der Nachtisch in Form von Erdbeereis fand schnell seinen Weg in meinen Magen.


Es galt ebenfalls in unserer Familie als selbstverständlich, dass bei Tisch nur das Nötigste gesprochen wurde. Mit mehr als fünf Pfund im Mund sollte man nicht mehr reden, pflegte meine Erzieherin Ludovika immer zu sagen. Ich dachte traurig an das ältliche Fräulein, das mich die ersten Lebensjahre fast noch liebevoller betreut hatte, als meine Mutter. Freiin Ludovika war vor einem halben Jahr gestorben und hatte eine große Lücke in meinem jungen Leben hinterlassen.
„Nun denn. Gehen wir in mein Arbeitszimmer. Hast du deinen Wochenplan dabei, Max?“ Ich schrak auf. Ja, hatte ich. Mein Stundenplan glich eigentlich dem eines Topmanagers. Freizeit war darauf ein Fremdwort. Irgendwo hatte ich gelesen, dass Spielen für die kindliche Entwicklung wichtig sei. Bei mir schien in dieser Hinsicht etliches anders zu laufen.
„Ja, Vater. Ich habe ihn hier.“ Ich stand auf und wollte bereits losgehen, als sich meine Mutter zu Wort meldete.
„Maximilian, du willst doch gerne ein Junge sein oder habe ich da etwas falsch verstanden? Als Mann gehört es sich, einer Dame den Stuhl zu rücken. Und Knaben können nicht früh genug damit anfangen, gutes Benehmen zu lernen. Ich warte, mein Sohn.“ Boar! Das war eine Ansage. Was war denn jetzt passiert? Ich schluckte schuldbewusst.
„Ja, Mutter, entschuldige bitte. Ich war unachtsam.“ Wie es sich gehörte, trat ich hinter sie und zog den Stuhl zur Seite, damit sie bequem aufstehen konnte. Nur nichts mehr falsch machen, ratterte es in meinem Kopf. Schnell schob ich mich vor meine Mutter und hielt ihr, wie ein junger Gentleman, die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters auf. Der schmunzelte.
„Geht doch“, meinte er und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter. Ich half meiner Mutter in den Sessel. Vater lächelte immer noch. Gespannt setzte ich mich und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Mutter sah mich liebevoll an.


„Max, wir haben dich sehr lieb und wir wollen nur das Beste für dich. Natürlich haben Papa und ich seit langer Zeit mit Sorge bemerkt, dass du ein Problem mit deinem weiblichen Geschlecht hast. Ich habe nach unserem Gespräch heute Mittag meine Freundin Christine angerufen. Sie ist Psychologin, wie du weißt.“ Ja, wusste ich. Eigentlich ‘ne ganz Nette.
Sie kam uns ein paarmal besuchen und wäre dabei einmal fast in den Schlossteich gefallen, als ich ihr zeigen wollte, wie man die Karpfen mit dem Catcher fangen konnte. Aber sie hatte mich nicht verraten und gesagt, dass sie selbst zu nah ans Wasser gegangen war und dadurch nasse Schuhe bekommen hatte.
„Nun, Christine erklärte mir, dass es eine solche, wie sie sich ausdrückte Geschlechtsidentitätsstörung, tatsächlich gibt und die Ärzte dies in der Regel als Transsexualität oder Transidentität bezeichnen. Es ist das sichere innere Gefühl, im falschen Geschlecht geboren zu sein.“ Ich starrte meine Mutter an.


„Ja, das sag ich doch, Mum!“ Erschrocken schwieg ich im nächsten Augenblick, ich wollte nicht vorlaut wirken. Aber Mutter lächelte. Okay, alles paletti.
„Christine bestätigte mir, dass bereits Kinder in sehr jungen Jahren wissen, dass sie dem anderen, als ihrem Geburtsgeschlecht angehören. Sie gab mir die Telefonnummer einer Kollegin in München, die dort als Kinder- und Jugendpsychologin tätig ist und darüber hinaus eine Nummer aus Hamburg. Dort gibt es eine Praxis, die Kindern und Eltern in solchen Fällen medizinisch hilft. Vater und ich sind übereingekommen, den geraden ärztlichen Weg zu gehen und Hilfe zu suchen, anstatt selbst herumzudoktern. Christine gab mir den Rat, zunächst auf dich einzugehen und deinem Wunsch zu entsprechen. Wir sollen dich ernst nehmen. Das bedeutet also für uns und für dich, dass sowohl Vater als auch ich und alle anderen Personen im Schloss, dich künftig mit männlichem Vornamen ansprechen und dich wie einen Jungen behandeln, wenn du das möchtest. Ich lasse mir so bald als möglich Termine bei den Ärzten geben. Dann sind wir auf der sicheren Seite.“ Mutter blickte Vater zufrieden an.


Der wurde sehr ernst. „Ich denke natürlich genauso wie deine Mutter und bin froh, dass dein Problem, sagen wir‘s mal so, jetzt bei den Hörnern gepackt wird. Alles andere wäre erzieherisch falsch und würde mehr schaden als nützen. Allerdings gibt es einiges zu bedenken. Max, es ist ein Unterschied, ob du mein Sohn oder bitte nicht falsch verstehen, nur meine Tochter bist. Wir sind zwar menschlich nicht anders als alle anderen Leute, dennoch gibt es in Adelskreisen Besonderheiten. Das Hausgesetz gehört dazu. Ein wichtiger Punkt ist dabei, dass nur der älteste Sohn den Titel und das Schloss erbt. Bist du eine Tochter, darfst du dich mit Gräfin ansprechen lassen. Um dich testamentarisch als Schlosserbin einsetzen zu können, bedarf es aber der Zustimmung deines Onkels Ludwig. Als mein jüngerer Bruder würde er sonst Schloss und Titel bekommen, wenn ich kinderlos sterbe, also ohne Sohn und Erben. Onkel Ludwig hat mit deinem Vetter Hubertus einen Sohn, der wiederum in die nächste Erbfolge eintreten kann. Wir haben uns vor langer Zeit über dich und die Nachfolge unterhalten. Damals stand fest, dass deine Mutter keine weiteren Kinder haben wird und mir so ein Sohn verwehrt bliebe. Onkel Ludwig war damit einverstanden, dass du das Schloss erhältst und der Titel verfällt. Es ist in Deutschland so, dass Nobilitierungen nicht mehr vorgenommen werden, denn wir sind keine Monarchie mehr. Damit sterben Adelshäuser oft aus, wenn keine männlichen Erben geboren werden. In unserem Hausgesetz besteht die Möglichkeit, dass der Titel solange ruht, bis wieder ein männliches Kind zur Welt kommt. Du würdest also nicht selbst offiziell Gräfin Wildenstein werden, den Titel aber an deinen Sohn vererben dürfen. Das ist vom Namen des Vaters unabhängig, solange dieser adliger Abstammung ist.“


Meine Augen waren während Vaters Worte immer größer geworden und ich musste mir eingestehen, dass ich ungefähr nur ein Viertel davon verstand. Hubertus war mein Vetter. Sechzehn Jahre alt und ein ganz passabler Typ. Er spielte Fußball wie ich und ritt ganz ordentlich. Mein Onkel Ludwig arbeitete im Management eines bayerischen Autokonzerns. Ich mochte ihn. Die ganze Familie war relativ unkompliziert, nur Tante Friederike übertrieb zeitweilig. Aber mit Hubertus verstand ich mich gut und das schien mir die Hauptsache zu sein. Was das Ganze mit Erbe und Hausgesetze anging, war mir ehrlich gesagt, alles ziemlich Latte.


Ich versuchte dennoch ein interessiertes Gesicht zu machen. Wenigstens rangen sich meine Eltern endlich dazu durch, mich als das anzusehen, was ich war. Ein Junge, und kein Mädchen. Vater verzog die Lippen, als ob er mich verstanden hatte.
„Ich weiß, dass ist alles sehr schwer für dich zu begreifen. Du wirst in ein paar Jahren besser Bescheid wissen. Nur kommt eine Menge Verantwortung auf Dich zu, wenn du tatsächlich mein Sohn werden solltest. Max, das Leben als Mann stellt andere Anforderungen an dich als das Leben einer Frau. Mutter und ich wollen dir zunächst einmal, unabhängig von den ärztlichen Gesprächen, die Gelegenheit geben, herauszufinden, ob du wirklich als Junge leben willst und kannst. Mutter wird zeitgleich Termine bei den Ärzten einholen und wir wollen zuerst nach Hamburg fahren. Ich habe gelesen, dass man heute Kindern dadurch hilft, dass die biologische Pubertät durch eine Spritze unterdrückt wird und sich das Kind im gefühlten Geschlecht erst einmal entwickeln kann, ohne das körperliche Veränderungen in die eine oder andere Richtung geschehen. Wenn du volljährig bist, darfst du dich selbst entscheiden, als was du leben willst. Nur diese Entscheidung ist nicht mehr rückgängig zu machen, wenn du dich zur Operation entschließt. Aber da werden wir mit den Hamburger Fachärzten sprechen. Ich denke, das ist erst einmal alles für heute. Oder, Adelheid?“
Meine Mutter überlegte kurz.


„Ja, Max, dein Geschlechtswechsel wird zunächst nur hier zuhause stattfinden. Du darfst allerdings deine Sporttrainer einweihen. Sie können mich anrufen, wenn sie Fragen haben. Ich werde ihnen alles erklären. Mit der Schule bleibt es vorerst wie es ist, denke ich. Wir müssen zunächst mit den Ärzten sprechen und ich möchte unbedingt, dass dich die Kinderpsychologin sieht und uns berät. Wenn sie meint, dass du als Junge in die Schule gehen sollst, werden wir uns mit dem Direktor unterhalten.“
Vater und Mutter nickten einander zu.
„Darf ich ganz schnell zu Chester laufen und ihm die Neuigkeit erzählen?“, rief ich überglücklich aus.
„Klar“, hörte ich meinen Vater sagen, der mir meinen Wochenstundenplan abnahm, um ihn zu ändern. Ich rannte derweil die Treppe hinunter.


„Chester, ich bin endlich ein Junge!“ Tränen liefen mir übers Gesicht, als ich im Stall mein Pony drückte. Chester stupste mich mit seinen weichen Nüstern an, leckte über meine Wange und ließ seine Zunge in meine Jackentasche gleiten. Ein letztes Leckerli konnte ich ihm noch heraus pulen. Er schnaufte dankbar.
Mit dem Ärmel wischte ich über meine feuchten Augen. Oh shit. Ich war doch ein Raubritter und die kannten weder Schmerz noch Tränen. Mit zwölf Jahren lernte man damals als Knappe bereits Fechten. Ein Junge hatte nicht zu heulen. Okay, das musste ich mir also schnellstens abgewöhnen, wobei ziemlich viele aus meiner Klasse dicht am Wasser gebaut waren und schon bei Kleinigkeiten flennten.
Moritz zum Beispiel, war gestern mit dem Fahrrad auf die Schnauze gefallen und sein Gebrüll konnte man am anderen Ende des Dorfes hören. Der war Dreizehn! Nein, eine Memme würde ich nicht sein. Ich war hart im Nehmen und trug das Blut derer von Wildenstein in mir.
Chester bekam noch eine Handvoll Heu. Eine halbe Stunde später lag ich als der künftige Markgraf Maximilian August Ludwig (ich hieß tatsächlich Auguste Ludovika) im Bett und versprach im Abendgebet, meinem Titel alle Ehre zu machen.


Am nächsten Tag holte mich die Realität ein. Die Mathearbeit kam zwar mit einer zwei Plus zurück und ich freute mich bereits auf das Gesicht meines Vaters, der sich damit immer etwas schwer getan hatte. Ich musste mich zum Sportunterricht wie üblich im Umkleideraum der Mädchen umziehen. Igitt, was für Ziegen und Hennen meckerten und gluckten da um mich herum.
„Maximiliane, du siehst umwerfend aus, in deinem wunderschönen Jungenhemd, du wirst sicher mal Schönheitskönigin“, rief Martina mir hämisch zu. Alle Weiber lachten wie auf Kommando. Nur Daniela saß still auf ihrem Platz. Sie stand mir stets zur Seite. Vielleicht, weil sie selbst sehr pummelig war und mit der Zahnspange nicht gerade zu den hübschesten Mädchen gehörte. Sie wusste, was Mobbing hieß. Ich hatte genug von den Zicken. Groß baute ich mich vor Martina auf.
„Vor ein paar hundert Jahren hätte ich nicht gezögert, eine wie dich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Königin werde ich sicher nie, höchstens König. Du wirst es bereuen, mich heute geärgert zu haben“, erklärte ich erhaben und selbstsicher.


Martina kicherte. „Ich werde dich in einen Regenwurm verwandeln, du edler Prinz. Hex, hex.“ Oh, wie ich die Kuh hasste!
Unsere Sportlehrerin Frau Miersbach, kam herein und scheuchte uns in die Gymnastikhalle an die Keulen. Am liebsten hätte ich so ein Ding der Hexe Martina als Stolperfalle zwischen die Beine geworfen. Und die Jungs durften nach den Übungen am Barren Fußballspielen. Wie ungerecht das war! Aber auch der schlimmste Schulvormittag geht einmal vorbei und nach den Hausaufgaben stand von 15:30 Uhr bis 16:30 Uhr das Training mit Chester an.
Er sprang wie eine Eins und gab mir mein angeknackstes Selbstvertrauen zurück. Eine halbe Stunde später saß ich auf dem Rad und fuhr ins Dorf. Beim Kampftraining war ich endgültig wieder der Alte. Und als ich nach dem Abendessen mit Mutter Klavier übte, hatte ich den ersten Tag als Junge relativ gut überstanden. Mutter überraschte mich mit einem Termin in Hamburg in einer Woche. Ich würde dafür vom Unterricht befreit werden, sagte sie.
Am nächsten Morgen sah ich, wie sie im Zimmer des Schuldirektors verschwand. In der großen Pause kam ein Junge aus der Oberstufe zu mir, als ich mit zwei Freunden aus meiner Klasse Autoquartett spielte. Ich sollte zum Direx kommen. Auch das noch. Ich war stinkig, denn ich hatte gerade eine Glückssträhne gehabt. Auf dem Zahnfleisch kriechend klopfte ich an der Höhle des Löwen an, weil ich beim besten Willen nicht wusste, was ich nun wieder ausgefressen haben sollte. Schreck! Mum war immer noch da. Aber sie lächelte und der Direx sah freundlich aus.
„Max, komm näher. Deine Mutter hat mir eben von deinem Problem erzählt. Eine Ahnung hatte ich bereits. Aber als Lehrer mischen wir uns selten in familiäre Belange, passen nur bei körperlicher oder seelischer Misshandlung auf. Ich habe deiner Mutter erklärt, dass wir uns jedem ärztlichen Attest fügen werden. Falls die Ärzte dich also als Jungen einstufen, werden wir dich entsprechend hier führen, auch wenn du noch nicht operiert bist. Bayern bedeutet nicht automatisch von vorgestern zu sein. Wie das in der Praxis aussehen wird, beim Sport hauptsächlich, bespreche ich zu gegebener Zeit mit den Fachlehrern. Also, wenn es an dem ist, erwarte ich von meinem dann männlichen Schüler, Graf Maximilian von Wildenstein, entsprechend gräfliches Verhalten und weiterhin gute Leistungen. Du weißt: Adel verpflichtet. Und der Bonus, den Mädchen nun mal haben, weil sie Mädchen sind, der ist bei Ihnen futsch, mein Prinz. Haben wir uns verstanden?“
Meine Mutter konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Ich spielte freudestrahlend mit.


„Ja, Herr Direktor. Ich werde mich bemühen, denselben Blödsinn zu machen, wie alle anderen Jungen. Und mit der Strafe zu leben wie die anderen.“
„Raus, ab in deine Klasse!“ Ich hörte nur noch, wie die beiden in schreiendes Gelächter ausbrachen.
Geil! Endlich war ich am Ziel! Überglücklich ließ ich die kommende Woche vergehen. Am Dienstag fuhren wir alle drei mit dem ICE nach Hamburg. Wir mussten zunächst nach München. Mit dem Auto wären das 180 km gewesen. Vater beschloss, den Regionalzug zu nehmen und Gerhard mit dem Auto wieder zum Schloss zu schicken. Der ICE stand auf dem Münchner Hauptbahnhof bereit. War das aufregend! Den Bahnhof hatte man vollständig überdacht, so dass bei Regen niemand nass werden konnte. Es liefen ganz viele Menschen an uns vorbei. Mutter behielt den Überblick. Sie lotste uns zum richtigen Zug. Beinahe hätte sie sich mit Vater gestritten, der meinte, wir wären auf dem falschen Bahnsteig. Mum hatte Karten für die erste Wagenklasse bestellt. Als ich endlich auf meinem Platz saß, fragte ich den Schaffner, was das für ein komischer Kasten war, der am Sitz vor mir hing. Er erzählte es mir lachend. Mutter kaufte bei ihm Kopfhörer und ich durfte den Film ‚Findet Nemo‘, darin sehen. Die Reise war echt super. Nach dem Film wurde ich ziemlich müde und schlummerte vor mich hin, bis Mum mich weckte.


Der Hauptbahnhof in Hamburg erschien noch gigantischer als der in München. Mutter sagte, wir müssten bis Altona durchfahren. Vater nahm mich sicherheitshalber an die Hand, als wir aus dem Zug stiegen. Die Arztpraxis lag nahe am Bahnhof, wir mussten also nicht weit laufen.
Die Anmeldung und der erste Kontakt zu Doktor Reimers, der mich von nun an für viele Jahre durchs Leben begleiten sollte, verliefen null Problemo. Mir wurde Blut abgenommen, ich musste in ein Glas pinkeln und wurde gemessen und gewogen. Zwischendurch sollte ich Tests machen, Bilder beschreiben, was ich in den Klecksen sah und so, und am Schluss saßen wir alle zusammen bei Dr. Reimers im Sprechzimmer. Der war wirklich nett.


„Also, Max. Du wirkst auf mich nicht wie ein Mädchen. Aber der Reihe nach. Du bist körperlich und geistig kerngesund. Es gibt keine Auffälligkeiten im Blut und die körperliche weibliche Entwicklung ist völlig altersgemäß. Normalerweise erwarten die Patienten vom Arzt nicht nur die Diagnose, sondern einen Vorschlag zur Behandlung, also Medikamente oder den Rat zu einer Operation. Bei Transsexualität ist das etwas anders. Wir müssen deine Entwicklung abwarten. Du zeigst zwar untrügliche Anzeichen einer Frau zu Mann transsexuellen Prägung, aber wie wirst du mit achtzehn Jahren darüber denken? Wir können dir jetzt damit helfen, dass wir die biologische körperliche Entwicklung nicht noch schlimmer werden lassen. Deine Brust ist noch wenig entwickelt und die Regel hat gerade erst eingesetzt. Es gibt die Möglichkeit, deine weibliche Pubertät zu stoppen. Das bedeutet, du bekommst keine Blutung mehr und das weitere Brustwachstum wird verhindert. Dazu erhältst du in regelmäßigen Abständen von mir eine Spritze. Dann lassen wir die Jahre vergehen. Du, Max, entweder als gefühlter Maximilian oder als gefühlte Maximiliane, bestimmst dabei den Weg. Willst du als Junge leben, kleidest du dich entsprechend und bittest deine Eltern, dich wie einen Jungen zu behandeln. Willst du wieder ein Mädchen sein, teilst du uns das mit und lebst dein körperlich angeborenes Geschlecht. Du entscheidest, und niemand anderes. Niemand darf dich deswegen mobben. Es gibt auch beim Schwimmen oder in der Umkleidekabine keine Veranlassung in dir keinen Jungen zu sehen, wenn du es so willst. Das Leben ist allerdings kein Ponyhof, denn die gesellschaftlichen Anforderungen an einen Jungen sind andere als an ein Mädchen. Aber ich glaube, das Problem haben deine Eltern bestens im Griff. 


Die gegengeschlechtliche Hormonbehandlung mit Testosteron beginne ich frühestens ab dem siebzehnten Lebensjahr, wenn eine gewisse geistige Reife vorhanden ist. Die hat wenig oder gar nichts mit der pubertären körperlichen Reife zu tun. Unser Gehirn besteht aus vielen Teilen. Kinder leben aus dem sogenannten limbischen System heraus, in dem die Gefühle liegen. Vorne am Kopf beginnt der Vordere Cortex, da sitzt das schlussfolgernde Denken. Zwischen dem dreizehnten und dem einundzwanzigsten Lebensjahr verbinden sich beide Teile miteinander. Die Gefühle werden also an die Einsichtsfähigkeit gekoppelt. Ein Erwachsener weiß, dass er niemanden ungestraft verhauen darf, nur weil er sauer auf ihn ist. Mit der biologischen körperlichen Entwicklung hat das überhaupt nichts zu tun. Wenn es anders wäre, dürfte keiner, bei dem Hormonstörungen auftreten, mit Achtzehn den Führerschein machen. Ich gebe dir die nächsten Jahre Zeit, dich zu finden und werde dich nach deinen Wünschen fragen. Zwischen uns beiden wird ein Vertrauensverhältnis wachsen. Bist du mit siebzehn Jahren der Auffassung, dass du den Rest deines Lebens als Junge verbringen willst, setzen wir die Spritze ab und du bekommst männliche Hormone, die du nach der geschlechtsangleichenden Operation lebenslang einnehmen musst. Darüber sprechen wir aber ausführlich, wenn es soweit ist. Hast du noch Fragen?“

Nein, hatte ich nicht. Das war alles zu schön um wahr zu sein. Ich war endlich ein Junge geworden. Mehr wollte ich nicht. „Ich hätte da noch etwas“, sagte mein Vater. „Wenn sich Max später entscheidet, doch lieber als Frau leben zu wollen, kann er dann trotz der Spritzen noch Kinder bekommen?“ Dr. Reimers lächelte. Er schien über die Frage hoch erfreut zu sein. „Ja, selbstverständlich. Die Spritze verhindert, dass die biologische Entwicklung beginnt. Wird sie abgesetzt, erfolgt die normale Pubertät im somatischen Geschlecht. Erst die Gabe gegengeschlechtlicher Hormone bewirkt bleibende körperliche Veränderungen, wie Bartwuchs und Stimmbruch, also die Ausprägung sekundärer männlicher Geschlechtsmerkmale.“


Er schaute von einem zum anderen. „Weitere Fragen?“ Meine Eltern sahen einander an. „Wann bekommt Max die erste Spritze und können Sie mir eine Bescheinigung darüber ausstellen, die ich der Schule vorlegen kann?“, fragte meine Mutter. Dr. Reimers nickte. „Die gibt Ihnen gleich meine Sprechstundenhilfe. Die Spritze kann ich ihm sofort geben. Sie erhalten den nächsten Termin in drei Monaten.“ Ich war hellwach. Das fühlte sich an wie Weihnachten und Geburtstag an einem Tag. „Whow, danke!“ Mehr brachte ich im Überschwang meines Glückes nicht heraus. Die plötzliche Unruhe meiner Mutter bemerkte ich nicht. Erst als mein Vater seine Hand auf die ihre legte und fragte: „Liebling, ist noch etwas?“, drehte ich mich zu ihr um. Mutter sah mich zärtlich an. „Maximilian, da gibt es in der Tat eine wichtige Sache, die wir jetzt noch mit dem Doktor besprechen müssen.“ Sie atmete tief ein. „Mein liebes Kind. Wenn dir Dr. Reimers hilft und deine weibliche Pubertät mithilfe von Medikamenten unterdrückt, bedeutet das, dass du dich nicht weiter zur Frau entwickeln wirst. Wenn du eines Tages männliche Hormone erhältst, müssen im Anschluss deine weiblichen Organe, also deine Eierstöcke und deine Gebärmutter entfernt werden. Der Operateur wird dir einen Penis sowie Hoden formen und dein Körper wird sich demjenigen eines jungen Mannes stark annähern, so dass niemand im normalen Leben merkt, dass du körperlich als Mädchen geboren wurdest. Doch eines wirst du nie können: Max, du wirst nie eigene Kinder haben.“

Liebevoll strich sie über mein Haar und legte ihre Hand danach auf den Arm meines Vaters. Den Kopf senkend fuhr sie leise fort. „Max, du bist unser einziges Kind. Ich bekam kurz nach deiner Geburt Krebs und meine Gebärmutter musste entfernt werden. Somit konnte ich deinem Vater keinen Sohn und Erben mehr schenken. Du wirst als unser Sohn vielleicht den Titel eines Grafen von Wildenstein tragen dürfen, aber unser Adelsgeschlecht wird mit dir aussterben.“ So bewegt hatte ich meine Mutter noch nie erlebt. Ihre bedeutungsvollen Worte hallten in meinem Kopf nach und lösten eine Lawine von Gedanken aus.
Daran hatte ich nie gedacht. Ich werde nach meiner Operation der letzte Graf Wildenstein nach der vierhundertjährigen Geschichte unseres Hauses sein. Langsam wurde mir die Tragweite der Entscheidung bewusst, die ich vor wenigen Minuten bedenkenlos getroffen und die mich bereits in den Olymp hinaufgehoben hatte. Ich war sehr erschrocken. Dr. Reimers schien einen Augenblick konzentriert nachzudenken. Mein Vater wollte etwas erwidern, doch der Doc kam ihm zuvor.


„Gräfin, Sie ahnen gar nicht, was Sie angestoßen haben. Ich habe schon öfters Gespräche mit älteren operierten Transidenten geführt, die, als sie mit allem durch waren, ihre Unfruchtbarkeit bedauerten. Die Geschlechtsanpassung hat einen hohen Preis. Aber es muss eine Lösung geben. Ich habe da eine Idee!
Von unserem Gynäkologen hier im Haus, Herrn Dr. Malinka, weiß ich, dass er Ehepaaren hilft, die mit unerfülltem Kinderwunsch zu ihm kommen. Es gibt viele Ursachen dafür. Manchmal entnimmt der Kollege den Frauen Eizellen und bringt sie außerhalb des Körpers in der Reagenzschale mit dem Samen des Ehemannes zusammen. War dies erfolgreich, setzt er der Frau das befruchtete Ei ein und in den meisten Fällen wird eine normale Schwangerschaft daraus. Die überzähligen Eizellen friert er ein und kann später ein weiteres Kind auf diese Art zeugen. Es gibt auch junge Frauen, die ihre Eizellen einfrieren lassen, weil sie wissen, dass sie aufgrund ihres Studiums und Berufs erst spät Mutter werden können. Wenn wir Max Eizellen entnehmen könnten und einfrieren, dann wäre er in der Lage, sie in vitro befruchten zu lassen und seiner Ehefrau einzusetzen. Das Kind wäre zwar nicht aus seiner Samenzelle, sondern aus seiner Eizelle entstanden, aber er kann als Vater angesehen werden. Die Frauen machen das häufig. Sie lassen ihre Spermien noch vor der Hormonbehandlung einfrieren und da die meisten in lesbischen Beziehungen leben, trägt die Partnerin den Nachwuchs aus. Das Problem wird die rechtliche Anerkennung sein. Doch das müsste von einer Familie zu gegebener Zeit durchgeklagt werden. Die Ehefrau ist rechtlich die Mutter, auch wenn das Ei nicht von ihr stammt. Transidenten haben meines Erachtens nach dem Grundgesetz dasselbe Recht Eltern zu werden und sich fortzupflanzen, wie alle anderen auch.“


Ich hatte mit großen Augen zugehört. Das meiste verstand ich sogar. Meine Mutter und mein Vater blickten sich erstaunt an. Mein Vater legte seinen Arm um mich. „Max, was meinst du? Wollen wir mit diesem Arzt sprechen?“ Ja, die Idee klang gut. Ich nickte erleichtert mit dem Kopf. „Ich rufe eben oben an, dann können Sie sich möglicherweise gleich bei Dr. Malinka vorstellen. Ich kann dir aber unter diesen Umständen heute noch keine Spritze geben, Max“, meinte Doktor Reimers und griff zum Telefonhörer. Mein Vater lächelte zufrieden. „Das wäre großartig. Max, du merkst wahrscheinlich gar nichts davon, weil sie dir eine Kurznarkose geben. Und später stehen dir alle Optionen offen.“

Das Telefonat überstieg leider meine bisherigen Lateinkenntnisse. Herr Reimers legte auf. „Du hast gehört, Max. Du darfst mit deinen Eltern einmal die Treppe hochgehen und zu Dr. Malinka in die Praxis kommen. Wir sehen uns danach und besprechen das weitere Vorgehen.“ Er stand auf und brachte uns zur Tür. Mutter steuerte auf den Fahrstuhl zu. Ich fühlte viel zu viel Kraft in mir und war wohl mit Vater auf einer Wellenlänge. Wir nahmen die Treppe und machten einen Wettlauf draus. Oben angekommen ordneten wir uns beide, schnauften aus und spazierten mit Mutter durch die Glastür zum Tresen. Wir brauchten gar nicht viel sagen. „Einen kleinen Moment, noch. Nehmen Sie kurz im Wartezimmer Platz. Ich rufe Sie gleich rein“, meinte die dunkelhaarige Sprechstundenhilfe und lächelte mich freundlich an. Nach zehn Minuten saßen wir vor Dr. Malinka. Er war genauso nett wie Dr. Reimers. Ich fühlte mich wohl und gut aufgehoben. Meine Eltern ließen sich beraten, während ich zu träumen anfing und aus dem Fenster sah. Hamburg war schon eine aufregende Stadt. Ich wusste, dass es Eisbahnen gab und einen riesigen Hafen. Aber auch einen berühmten Zoo. Ich erwachte erst, als meine Mutter mich kurz an stupste. „Max, ich weiß, du bist müde. Aber, du musst jetzt ein wenig zuhören, was Herr Doktor Malinka uns erzählt. Es geht ja um dich!“ Japp, das war klar. Wir waren nicht zum Spaß mit dem Zug nach Hamburg gefahren. „Möchtest du etwas trinken, Max? Einen Orangensaft vielleicht? Schau mal, da drüben stehen ganz viele kleine Flaschen.“ Dr. Malinka schmunzelte. 


Wirklich, in der Sitzecke hinter mir standen umgedrehte Gläser und sechs bunte kleine Flaschen auf einem Glastisch. Hach! Zweimal brauchte mich niemand zu bitten. Der Kirschsaft hatte es mir angetan. Ich schraubte sofort den Deckel auf. Herrlich, das Getränk rann meine trockene Kehle hinunter. Aber die Fläschchen waren sehr klein. Da war gleich die Zweite fällig. Diesmal musste der Apfelsaft dran glauben. Ich spürte einen wohl bekannten Blick auf mir ruhen. Okay, Mum, ich weiß was sich gehört. Artig setzte ich mich wieder auf meinen Platz. Der Doktor lächelte verständnisvoll. „Es gibt zwei Möglichkeiten“, begann er zu erklären. „Wir können Eizellen aus dem vorpubertären Körper entnehmen oder aus dem bereits entwickelten. Normalerweise haben die Patienten Blutungen, so dass reife Eier in die Eileiter wandern. Wir entnehmen die Zellen während einer kurzen Narkose mit einer kleinen Kanüle durch die Bauchdecke. Es ist völlig schmerzlos und ungefährlich. Die Zellen werden mikroskopisch untersucht und in Amsterdam eingefroren. Die Kosten sind geringer als hier in Deutschland. Das Problem bei Max ist, dass wir nicht wissen, wie er sich später entwickeln wird. Wenn er mit einer Frau zusammenleben will, kann sie nach künstlicher Befruchtung das Kind austragen. Das geht auch hier in Deutschland. Falls Max aber mit einem Mann zusammen lebt, werden beide eine Leihmutter brauchen. Das ist bei uns noch nicht erlaubt und deshalb nimmt unser Labor in Holland die weitere Betreuung vor. Dort ist die nichtkommerzielle Leihmutterschaft möglich. Darüber müssen wir uns heute noch keinen Kopf machen. Wir brauchen für die Entnahme ungefähr 25 Eizellen. Dazu gebe ich den Frauen ein spezielles Medikament, welches mehrere Eisprünge auslöst. Nach der letzten Regel wäre es bei dir in vierzehn Tagen soweit. Ich mache das in meiner Klinik und du kannst gleich im Anschluss wieder nach Hause fahren. Die erste Spritze gebe ich dir dann auch. Die Folgetermine hast du bei Dr. Reimers.“


 Meine Eltern sahen mich an. „Max, es liegt bei dir. Ich übernehme die Kosten und muss ohnehin Rücksprache mit unserer Krankenversicherung nehmen. Du entscheidest und niemand anders“, sagte mein Vater ernst. Schade, dann wurde es heute noch nichts, mit dem neuen Leben als Junge. Aber ich hatte bereits eine gefühlte Ewigkeit darauf gewartet, dass mir weitere vierzehn Tage erträglich erschienen. „Ja, das machen wir so.“ „Gut, ich spreche gleich mit Dr. Reimers und den Termin sowie alle Unterlagen erhaltet ihr von meiner Sprechstundenhilfe.“ Dr. Malinka stand auf, gab erst mir und danach meinen Eltern die Hand. Wenig später trafen wir Dr. Reimers auf dem Flur seiner Praxis. Er wünschte uns Glück und überreichte meiner Mutter eine Karte, auf der der erste richtige Spritzentermin bei ihm vermerkt war. Als wir draußen vor der Tür waren, fühlte ich trotzdem, wie sich mein Leben zu verändern begann.


Ich drückte meine Eltern fest und Tränen schimmerten plötzlich in meinen Augen. „Danke, Mum. Danke, Dad. Ihr habt mir ein neues Leben geschenkt. Ich bin endlich ich selbst.“ Wortlos nahmen sie mich in die Mitte, einer hielt meine linke Hand, der andere die rechte. Das Gefühl war unbeschreiblich schön. Ich stand so viele Jahre neben mir und nun hatte sich endlich mein Herzenswunsch erfüllt. Mein Vater bemerkte, dass er Hunger habe. Ja, den hatte ich inzwischen auch.
Zu Hause erzählte ich jedem, der es hören wollte und auch denjenigen, die es weniger interessierte, dass ich ab sofort nur noch Max hieß und ein Junge war.


In der Schule lief es wider Erwarten recht unproblematisch. Mum hielt Wort und sprach mit dem Direx. Sie besaß wirklich einen ziemlich guten Draht zu ihm. Das einzige zu lösende Problem war der Sportunterricht. Der Direktor kam extra deshalb in unsere Klasse, erklärte den anderen, um was es ging und erwartete, dass ihm keiner widersprach. Ich sollte mich bei den Jungs ganz normal wie jeder andere umziehen. Die Angelegenheit war also von höchster Stelle geklärt.
Mit einem recht mulmigen Gefühl betrat ich trotzdem am nächsten Tag die Umkleide vorm Sportunterricht. Mit den meisten Jungs spielte ich schon am Nachmittag im Fußballverein und dort zogen wir uns immer zusammen um. Allerdings duschten wir zu Hause. Hier in der Schule duschten wir nach dem Sportunterricht, wenn danach noch andere Stunden auf dem Plan standen. Ich schmiss bewusst cool meine Sporttasche auf die nächste freie Bank.
Andreas war zwei Köpfe größer als ich, kam auf mich zu und baute sich wie ein Schrank vor mir auf. „Du, Graf, wehe du fasst mich nachher beim Duschen an!“


Ich blickte überrascht hoch und konterte: „Andy, was soll ich denn da anfassen? Da ist doch nichts!“ Die ganze Klasse begann zu grölen. Alarmiert von unserem Krach kam Herr Schaaf hereingestürzt.
„Was ist hier los! Zack, Zack, meine Herren, an die Ringe. Ihr wollt doch noch Fußballspielen.“ Er sah auf mich herab und witzelte: „Ihr habt ja nun den künftigen Star von Bayern München in der Mannschaft. Max, ich will nachher Tore von dir sehen. Und wenn möglich, mehr Ruhe bitte. Die anderen Klassen möchten noch etwas vom Unterricht mitbekommen!“
Ich sah Andy an und flüsterte: „Das glaubt auch nur der!“
Er grinste. „Hast du das eben ernst gemeint? Das da bei mir nichts ist?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ne, da ist bestimmt alles okay bei dir“, und setzte traurig nach: „Ich wollte, ich wäre schon so weit!“
Andreas legte mir spontan seinen Arm um die Schulter. Was dann kam, war das Krasseste, was ich bisher in der Schule erlebt hatte. Ich war an den Ringen besser als alle anderen. Herr Schaaf nickte mir wohlwollend zu und beim Fußball stand es am Schluss Sechs zu Eins für meine Mannschaft. Drei Tore hatte ich davon geschossen. Es gab zwei Eigentore und der Gegentreffer rutschte Frank durch. Frank war unser Torwart und musste hinterher getröstet werden. Aber wir gönnten den anderen den Ehrentreffer.

Endlich ein Junge

Freitags erhielten wir am späten Nachmittag Besuch. Unser Dorfpfarrer bat darum, meine Eltern sprechen zu dürfen. Anfangs saßen die drei allein in der Bibliothek und tranken Tee. Ich hatte erst gar nichts von seiner Ankunft mitgekriegt, denn ich büffelte gerade für die nächste Lateinarbeit, als Mia zu mir ins Zimmer kam und sagte, ich möchte zu meinen Eltern kommen. Immerhin durfte ich jetzt das doofe Lateinbuch einen Augenblick zur Seite legen. Nicht schlecht, dachte ich.
„Max, wir haben Besuch von Pfarrer Lüders.“ Mein Vater nickte mir zu. Ohne mir etwas dabei zu denken, streckte ich Hochwürden die Hand aus und begrüßte ihn, wie es sich gehörte. „Ich hab den Messdienerunterricht letzten Donnerstag vergessen und bitte um Entschuldigung. Die Schule und das Reitturnier, wissen Sie. Aber ich will mich bessern und komme morgen zur Beichte. Ich hoffe, Sie und unser Herr Jesus können mir noch einmal verzeihen.“
Der Pfarrer lächelte. „Es geht nicht um den Unterricht, Maximiliane. Ich verstehe nicht, warum dich dein Vater jetzt geholt hat, das Gespräch hier ist rein erwachsener Natur.“
Hä? Ich verstand wieder nur Bahnhof. Würde mir mal einer erklären, was los ist?
Meine Mutter reagierte prompt. „Wir haben vor Max keine Geheimnisse, Hochwürden, und ich denke, es geht doch um ihn. Es geht Ihnen um unseren Sohn? Oder habe ich den Grund Ihres Besuchs missverstanden?“ Boar! Meine Mutter hatte ihrer Stimme einen Klang gegeben, der signalisierte, das mit ihr nicht gut Kirschen essen war. Auch mein Vater zog die Augenbrauen hoch.


Der Pfarrer atmete aus. „Es geht nicht, dass ein Mädchen wie ein Mann behandelt wird. Wir sind alle auf unseren Platz in der Welt gestellt worden und müssen das sein, als was Gott uns erschaffen hat. Die Bibel duldet keine Abweichungen. Alles andere ist Ketzerei!“ Stille. Mein Vater hatte sich während der Rede unseres Priesters immer weiter gestreckt. Er stand auf und trat ans Fenster. „Herr Pfarrer, mein Geschlecht, und ich meine das der Wildensteiner Grafen, lebt seit mehr als vierhundert Jahren hier. Wir waren und sind katholisch und unterstützten alle bayerischen Herzöge und Könige. Wie auch den Deutschen Kaiser. Ketzerei ist ein Wort aus einer Zeit, die wir längst hinter uns gelassen haben. Es gehört hier und heute nicht mehr in unseren Sprachgebrauch. Ich bin nicht so bibelfest wie meine Frau und ich denke, dass diese Ihnen zu den anderen Vorwürfen mehr sagen kann.“


Meine Mutter stellte ihre Teetasse ab. Eine geradezu übermenschliche Kraft schien sie zu stärken und zu führen.
„Ja, das will ich gerne. Als was hat uns Gott denn erschaffen? Nun, er hat am Anfang ein Stück Lehm genommen und nach seinem Ebenbild einen Menschen geformt. Damit hatte er aber nur einen Klumpen Erde vor sich und seine Meisterleistung bestand darin, diesem Klumpen, dem er den Namen Adam gab, Leben einzuhauchen. Adam wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut. Aber was war zuerst da? Doch der Klumpen Lehm. Erst mit dem Leben, wurde ein Mensch daraus. Und was macht uns zum Menschen? Der Körper, der nur eine Hülle für unsere inneren Organe ist und allein gar nicht existieren kann? Oder das, was wir Gehirn nennen, dort wo unser Verstand sitzt? Das Gehirn steuert Hände, Arme, Beine, alle Funktionen des Körpers. Nur dadurch können wir unsere Gliedmaßen gebrauchen und denken, fühlen, lernen, sprechen. Der wichtigste Teil des Körpers ist das Gehirn und das hat Gott zum Leben erweckt. Er hat also alles richtig gemacht. Im Gehirn sitzt das Zentrum unseres Selbst und es bestimmt auch, ob wir uns als Männer oder Frauen sehen. Wer sagt überhaupt, dass ich vor einem Löwen fliehen sollte und ein Wildschwein ein leckerer Braten für mich wäre? Wer teilt mir mit, wann es Zeit ist, etwas zu essen, zu trinken oder wann ich mich ausruhen muss? Das ist einzig und allein die Leistung unseres Gehirns.
Gott hat noch etwas Schönes erschaffen. Er hat uns als Kinder auf die Welt kommen lassen. Unschuldig und in ihrer Ursprünglichkeit rein. Sündenfrei, Herr Pfarrer! Ein Kind sagt frei heraus, was es denkt. Und wenn ein kleines Kind meint, dass es ein Junge ist und dies im Widerspruch zu seinen körperlichen Geschlechtsmerkmalen steht, hat dieses Kind trotzdem erst einmal Recht. Cogito, ergo sum. Das brauche ich Ihnen sicher nicht zu übersetzen. Der Kopf bestimmt das Denken und der Kopf bestimmt das Geschlecht. Mein Sohn ist allem Anschein nach als Junge geboren worden, obwohl sein körperliches Geschlecht weiblich ist. Solange Max sagt, dass er ein Junge ist, solange wird er für mich ein Junge bleiben. Ändert er seine Meinung, soll‘s mir auch recht sein. Und niemand wird mein Kind dafür ächten. Wer das tut, bekommt es mit mir zu tun. Und glauben Sie mir, Herr Pfarrer, ich bin tatsächlich, als was ich nach außen erscheine, nämlich eine Frau. Und jetzt kommt das Wichtigste: ich bin zudem eine Mutter! Jesus hat uns alle durch sein Opfer von unseren Sünden befreit und Liebe gepredigt. Gott ist Liebe. Darf ich Ihnen noch einen Tee einschenken?“


Uff. Wenn ich nicht schon meine Mutter über alles lieben würde, hätte ich es jetzt getan. Das war superaffengeil, Mum! Du bist wirklich die Größte. Auch Vater, der sich sichtlich baff inzwischen wieder hingesetzt hatte, war etwas in seinem Sessel zusammengesunken und blickte sie bewundernd an. Es knisterte in der Luft. Ich konnte die Spannung spüren. Der Pfarrer überlegte offensichtlich seine nächsten Worte gut.


„Danke, nein. Ich muss gehen. Ich werde die Angelegenheit mit dem Bischof besprechen. Solange Maximiliane nicht als Mädchen am Messunterricht teilnehmen will, ist sie beurlaubt. Der Bischof und vielleicht Rom, wer weiß, haben das letzte Wort in dieser Angelegenheit. Auf Wiedersehen. Bemühen Sie sich nicht, ich finde selbst hinaus!“ Er stand auf und ging aus der Tür, ohne sich umzudrehen. Mutter und Vater sahen sich sprachlos an.
„Du, ich glaube, wir sind gerade exkommuniziert worden“, meinte mein Vater sarkastisch. „Trotzdem, Adelheid, komm zu mir, mein Schatz. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Eine bessere Frau und Mutter meiner Kinder hätte ich mir nicht wünschen können.“


He, und was ist mit mir? Kein Messdienerunterricht vorerst? Geil, Chester!! Ich hatte noch mehr Zeit zum Reiten. Ich denke, also bin ich. Wer sagte das noch? Das steht doch ganz vorne in meinem Lateinbuch. N‘ Franzose, glaub ich. Muss ich gleich nachsehen. Mein Vater zeigte jetzt aber wirklich Gefühle. Und da standen die beiden in der Bibliothek und knutschten sich, als ob es ums Leben ging. Pfarrer hin, Pfarrer her, unser Herr Jesus war nicht der Pfarrer. Den Verdacht hatte ich jedenfalls schon lange. Jesus dachte anders. Der hatte nämlich gesagt, man solle die Kindlein zu ihm bringen, und etwas von Nächstenliebe erzählt. Ich werde mich in Zukunft mehr an Jesus halten und nicht so sehr an den Pfarrer. Ach, und Latein können war wirklich nicht schlecht. Ich beschloss, mich von meinen immer noch knutschenden Eltern zu verabschieden. Die Lateinarbeit morgen war nicht unwichtig. Zu Chester konnte ich nach dem Lernen gehen und heute Abend wollte ich mich mal beim Gebet mit meinem neuen Kumpel Jesus unterhalten.


Am Sonntagmorgen fuhr die ganze Familie wie üblich zur Kirche. Pfarrer Lüders predigte vom verlorenen Sohn und ich freute mich in meiner Bank zusehen zu dürfen, wie die doofe Martina ihm als Messdienerin das Wasser zum Händewaschen reichen musste. Eigentlich wäre ich diese Woche damit dran gewesen, aber das wollte er ja nicht und hatte mir damit einen riesigen Gefallen getan. Nach der Messe mussten wir nämlich mit ihm über die Messe sprechen und das dauerte in der Regel sehr lange. Er fand immer wieder etwas Neues und kam selten vor halb ein Uhr zum Ende. Heute fand unser jährliches Reitturnier statt. Und ich sollte schon um zwei Uhr mit Chester abreiten. So konnte ich wenigstens gleich nach der Messe um halb zwölf Uhr nach Hause fahren und noch etwas essen. Chester war bereits eingeflochten und geputzt.
Meine Reitkleidung hatte ich auf meinem Bett zurechtgelegt, damit ich mich schnell zu Hause umziehen konnte. Robert und die anderen im Stall arbeiteten Hand in Hand, wenn Vater und ich auf Turniere fuhren. Ich sollte im Pony E und Pony A starten und Vater ging heute Abend im Springpferde S und danach im S zwei Sterne Springen an den Start.
Ich war wirklich sehr aufgeregt und dankte meinem Kumpel Jesus, dass er Martina zu Recht fürs Mobbing bestrafte. Ich kniete und betete sehr inbrünstig. Wenn er noch etwas Zeit hatte, sollte er mir eine gute Platzierung sichern, bat ich ihn. Das Lamm Gottes war zu Ende gelobt worden und wir durften wieder aufstehen. Martina strauchelte. Die Hexe war nach dem Kniefall auf ihr Messkleid getreten und buchstäblich über sich selbst gestolpert. Meine Liebe und Achtung für Jesus kannte keine Grenzen mehr! 


Die Eucharistiefeier begann. Oh je. Ob der Pfarrer jetzt mitspielte? Mein Vater ging nach vorne, kniete vor ihm und einen Moment lang sah es aus, als zögerte Hochwürden, aber er gab ihm die Hostie in den Mund. Auch meine Mutter kniete vor ihn nieder und bekreuzigte sich, nachdem sie die Hostie empfangen hatte. Gottseidank erhielt ich auch eine Hostie, nahm sie aber in die Hand. Der Pfarrer machte mir das Kreuzzeichen auf die Stirn.
Er flüsterte mir zu: „Komm morgen Abend um fünf Uhr in die Kinderbeichte.“
Ich musste mit dem Kopf nicken. Die Geschichte mit Martina und meine Schadenfreude kämen wohl zur Sprache. Da waren noch Sachen aus der Schule, wo ich ziemlich Bockmist gebaut hatte. Die Beichte würde nicht einfach werden, aber okay, ich sah zum Kreuz. Wenn Jesus es wollte, tat ich ihm den Gefallen und hoffte, dass er heute Nachmittag auf dem Turnierplatz Wort hielt.


„Hast du gesehen, wie der Pfarrer zögerte?“, fragte meine Mutter meinen Vater, später im Auto. Der lächelte.
„Ich bin nicht nur Schlossherr, sondern auch im Gemeinderat und im Kirchenvorstand. Der riskiert keinen Eklat. Außerdem hast du ihm sämtlichen Wind aus den Segeln genommen. Du solltest fürs Amt der Bürgermeisterin kandidieren. Bei dir würden alle stramm stehen“, lachte er.
„Mir reicht der Landfrauenverein und der Chor. Meine Klavierstunden mit den Kids und alle anderen ehrenamtlichen Aufgaben sind genug. Macht ihr das mit der Politik unter euch Männern aus. Allerdings ist Frauke Lange ziemlich aktiv, sie wäre eine gute Wahl für das Amt.“
Ich hörte dem Gespräch meiner Eltern nur noch mit halbem Ohr zu. Meine Gedanken kreisten um das Turnier unseres Reitvereins. In Windeseile hatte ich mir in meinem Zimmer meine Reithosen übergezogen und musste mir beim Essen eine Ermahnung von Mum anhören.


Dad lächelte verständnisvoll. Er war mindestens genauso gespannt wie ich und sollte selbst reiten. Unser siebenjähriger Hengst Apatchi wurde in der Springpferdeprüfung vorgestellt. Wenn Appi dabei gut abschnitt, käme er in drei Wochen mit zur Auktion. Mit der Pferdezucht hatte sich mein Vater ein weiteres finanzielles Standbein aufgebaut. Mir tat es immer leid, wenn ich mich von unseren Fohlen oder Junghengsten verabschieden musste. Aber das war nun mal das Leben, sagte Vater. Wir mussten mit der Zucht Geld verdienen und die Besten wurden halt verkauft. Gut, dass ich kein Pferd war. Wer weiß, was den Erwachsenen noch alles eingefallen wäre.
Robert holte mich aus meinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Mein Handy summte einmal kurz in der Hosentasche. Ich hatte es auf Vibrieren gestellt, damit Mutter nichts merkt. Einmal vibrieren hieß, alles paletti, Chester steht auf dem Hänger. Das war nämlich nicht so leicht, denn er wollte nicht immer, wie wir wollten. Robert und die anderen Stallburschen hatten ihre Tricks. Ich rutschte unruhig auf meinem Platz hin und her.


„Du darfst ausnahmsweise aufstehen, Max. Sag Robert, ich komme gleich. Er soll alles für die Abfahrt vorbereiten“, sagte Papa und erlöste mich. Ich lief gleich los. Als Vater endlich kam, brauchte er nur noch in den Transporter zu steigen. Ohne Probleme parkten wir eine Viertelstunde später auf dem Turnierplatz.
Robert schickte mich zur Meldestelle. Janina, ein Mädchen aus dem Reitverein, saß am Computer, als ich an der Reihe war. Sie ging schon in die Zwölfte und lachte mich fröhlich an.
„Hi, Maxi…miliane! Startbereitschaft erklären?“
„Japp, auch für meinen Dad. Springpferde S und S zwei Sterne, ich Pony E und Pony A. Chester ist in Höchstform, ach so. Und ich bin ab sofort ein Jungeee!“
Sie stutzte. „Wie hast du das denn hingekriegt?“, fragte sie mit großen Augen.
„Ganz einfach, wir waren in Hamburg beim Arzt. Ich bekomme jetzt alle drei Monate eine Spritze und keinen Busen mehr. Gottseidank. Wenn ich Siebzehn bin, kann ich Bescheid sagen und kriege männliche Hormone. Aber ich darf bereits heute als Junge zur Schule gehen und mich überall wie ein Junge anmelden. Also auf der Nennung streichst du bitte das e weg und machst Maximilian daraus. Aber nur das. Den zweiten Namen Auguste lass bitte ganz weg, sonst lachen die anderen mich wieder als den dummen August aus, wie beim Fußball, als der Trainer mich fragte, welchen Namen er denn nun auf die Spielerliste schreiben sollte.“
„Schon geschehen, soll ich den Richtern etwas dazu notieren? Die kennen dich ja alle als Mädchen?“
„Kannst du gerne, danke. Und die Daumen kannst du mir drücken.“
„Ne, geht nicht. Meine kleine Schwester startet auch beim Pony E. Du hast also ernst zu nehmende Konkurrenz!“
„Anita? Reitet sie etwa ihr dickes Shetty? Wie hieß der noch gleich?“
„Bronko, und ich hoffe, er kommt wenigstens über ein oder zwei Hindernisse mit ihr. So fett wie der ist, kann der eigentlich nicht springen.“
„Okay, wir sehen uns, Janina.“ 


Schnell lief ich zum Hänger, half Chester runterzuholen und begann ihn zu satteln. Es wurde Zeit. Auf dem Abreiteplatz war schon einiges los. Das Pony E begann und Robert deutete mir mit den Fingern an, dass ich drei Reiter vor mir hatte.
Der große Moment kam. Ich ritt ein und direkt auf den Richterwagen zu. Zum ersten Mal grüßte ich wie ein Junge, in dem ich die Hand an meinen Helm legte und kurz mit dem Kopf nickte. Die Richter kannte ich. Frau Behrens und Herr Weidenstock kamen immer zu uns, wenn ein Turnier stattfand. Ich sah, wie Frau Behrens mit Bernd, dem Ansager, sprach.
„Kommst du mal bitte näher zum Richterwagen“, sagte er. Ich tat, was er wollte und ritt so nahe heran, dass ich mit den Richtern sprechen konnte.
„Hier steht Maximilian, ist das richtig? Du bist doch ein Mädchen?“, fragte mich Frau Behrens.
„Nein, ich war in Hamburg beim Arzt, ich bin transsexuell und ein Junge. Ich darf als Junge leben, bis ich alt genug bin, um operiert zu werden. Ich gehe auch als Junge in die Schule.“


„Rufen Sie mal bitte den Vater aus“, bat Frau Behrens.
„Einen kleinen Augenblick, mein Kind. Ich muss mich vergewissern, dass alles seine Richtigkeit hat, sonst bekommen wir unnötige Proteste“, meinte sie zu mir.
„Herr von Wildenstein, bitte einmal zum Richterwagen“, hörte ich Bernd sagen. „Einen Moment, bitte, meine Damen und Herren, es geht gleich weiter.“
Mein Vater lief über den Platz.
„Bleiben Sie ruhig, Herr Graf. Wir haben Zeit genug. Als was sollen wir Ihre Tochter ansagen? Sie meint, sie wäre ein Junge und hieße Maximilian. Ich muss das aus rechtlichen Gründen mit Ihnen klären und darf mich da nicht auf die Aussage eines Kindes verlassen.“ Frau Behrens sah Vater fragend an.
„Ja, das ist richtig. Natürlich muss alles seine Ordnung haben. Wir sind in Hamburg bei einem Kinderarzt gewesen und der hat uns bestätigt, dass unsere Tochter nur äußerlich ein Mädchen ist. Sie ist vom gefühlten Geschlecht her ein Junge. Meine Frau war in großer Sorge und sah es als notwendig an, ärztlichen Rat einzuholen. Herr Direktor Schmidt führt Max als Jungen in der Schule. Wir wollen ihm die Gelegenheit geben, in der gefühlten Rolle zu leben und warten ab, wie er sich mit siebzehn Jahren entscheidet. Hormonelle und operative Maßnahmen sind erst im Erwachsenenalter möglich und bis dahin wird die Pubertät unterdrückt. Ich wäre Ihnen in Maximilians Namen sehr dankbar, wenn Sie ihn in der männlichen Rolle ankündigen“, sagte mein Vater.


„Das ist selten und ich habe selbst einen solchen Fall noch nicht erlebt, aber ich weiß natürlich, dass es das gibt. Gut, das reicht uns, oder Herr Weidenstock?“ Der nickte.
„Keine Bedenken. Wenn der Vater einverstanden ist, haben wir nichts dagegen. Aber ich denke, wir fangen erneut an. Max, du reitest bitte raus und kommst noch einmal zur Grußaufstellung herein. Dann starten wir und Herr Schade wird dich mit deinem männlichen Namen ankündigen.“ Frau Behrens war sofort einverstanden.
Mein Vater nickte ihr dankbar zu und kletterte unter die Absperrung durch, damit die Reitbahn frei wurde. Ich atmete einmal kurz ein und trabte mit Chester zu Robert, der am Einritt wartete. Er ahnte wohl schon etwas.
„Cool bleiben, Junge, ruhig angaloppieren, gleichmäßiges Tempo und immer zum nächsten Hindernis schauen.“ Chester wollte aus der Bahn laufen, aber Robert nahm ihn am Zügel und drehte ihn herum. Der arme Kerl hatte wohl gedacht, heute gäbe es kein Springen mehr und er könnte in seinen gemütlichen Stall zurück. Doch erst kam die Arbeit und danach bekam er eine Extraportion Futter.


„Wir begrüßen die Kopfnummer 12, passend zum Alter des Reiters, Maximilian von Wildenstein, mit seinem Pony Chester. Der Start ist frei.“ Ich grüßte noch einmal und zog meinen Helm ein wenig nach vorne. Die Zuschauer sollten alle wissen, dass hier kein Mädchen vor ihnen stand. Vollste Konzentration. Chester gehorchte jedem Schenkeldruck und flog über die Hindernisse. Ich ging mit der Hand vor und meine Schenkel klebten am Pferdeleib.
Null Fehler in einer passablen Zeit, aber auf die kam es nicht an. Das Ponyspringen war ein Stilspringen und die Leistung des Reiters sowie die Harmonie zwischen Reiter und Pferd wurden bewertet. Robert empfing mich bereits mit sehr zufriedener Miene. Vater kam angelaufen und klopfte mir aufs Bein.
„Für die Nummer 12, Maximilian von Wildenstein, gibt es für diese schöne Vorstellung die Traumnote von 8,8“, hörte ich Bernd sagen.


„Wow“, ich sprang fröhlich ab und drückte Chester fest an mich. Als ich ihn zum Hänger führte, spürte ich die Blicke der Zuschauer auf mir. Irgendetwas war anders. Viele tuschelten und sprachen miteinander. Ich konnte aber nicht hören, was sie sagten. Stolz und überglücklich sattelte ich Chester ab.
Das Pony Stil A stand erst um vier Uhr auf dem Programm. Vorher kamen noch die Führzügelwettbewerbe und die Siegerehrungen. Das A würde auf dem großen Platz stattfinden, wo gleich nach uns die Erwachsenen mit der Springpferdeprüfung starten sollten.
Ich vertrieb mir die Zeit auf dem Dressurplatz und besuchte danach die Pommes Bude. Sheila, die dicke Angestellte des Schlachters, bediente dort, brutzelte leckere Pommes und Bratwurst. Sie kam aus Äthiopien und besaß eine so dunkle Haut, dass sie nie einen Sonnenbrand bekommen konnte. Ihr Mund verzog sich zu einem breiten fröhlichen Lachen, als ich vor ihr stand.


„Na, da brat mir einer einen Storch. Dann bist du jetzt also der Junior Graf“, meinte sie und warf noch ein paar Pommes mehr in den Korb. Aber das war normal. Wir Kinder bekamen immer einen Zuschlag von ihr, denn wir mussten noch wachsen, meinte Sheila stets.
„Ja, Sheila, ich bin endlich ein Junge und es hat lang genug gedauert, bis meine Eltern das eingesehen haben. Aber nun wird alles gut. Was sagst du zu Chester?“
„Der ist toll in Form, Rot-weiß wie immer?“
Nickend kam meine Zustimmung. Es duftete köstlich. Das Wasser lief mir im Mund zusammen, als der Überzug an Ketchup und Mayo Gestalt annahm. Eine fremde Frau hatte sich hinter mir angestellt. Ich beachtete sie nicht und trat ihr mit meiner Schale Fritten in der Hand auf den Fuß.
„Entschuldigung“, sagte ich artig. Sie sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.
„Du solltest dich was schämen. Ein Mädchen, das vorgibt ein Junge zu sein, pfui, wie gottlos ist das! Mädchen, die pfeifen und Hennen, die krähen.“ Sie kam nicht weiter. Sheila fiel ihr ins Wort.
„Denen soll man wie alten Weibern, die totalen Blödsinn reden, den Kopf abdrehen. So, wer meine Kids beleidigt, beleidigt mich. Also, was soll‘s sein und dann schleich di.“ Die Frau starrte Sheila an und verstand anscheinend gar nicht, was diese gemeint hatte.
„Eine Bratwurst bitte, mit Senf.“ Ich zwinkerte Sheila zu. Die wusste sofort Bescheid und griff unter ihre Theke. Sie hatte nämlich eine Geheimwaffe gegen die großen Jungs, die sie zu gerne ärgerten und manchmal mussten auch Männer dran glauben, wenn sie ihr zu anzüglich wurden.
„Macht 1,80 Euro“, sagte sie und schmunzelte, als sie die Bratwurst mitsamt Senf auf den Tresen legte. Die Frau ging, ohne sich umzusehen. 


Später sah ich sie am Getränkestand stehen. Die hatte vielleicht einen Durst. Aber das war kein Wunder. Sheila bewahrte nämlich unter der Theke ihres Pommes Wagens immer einen Topf mit echtem Düsseldorfer Löwensenf auf. Der war sehr scharf und wer nicht ahnte, in was er biss… oh je, dem tränten die Augen.
Ich mochte Sheila sehr. Sie war ein Original im Dorf und ein Pfundskerl. Ein paar Mal wurde ich auf meinen Geschlechtswechsel angesprochen. Als ich mir als Wegzehrung eine Naschtüte aus dem Kaffeezelt holte, hielt mich unsere Bäckersfrau am Hemd fest. Sie nahm mich besitzergreifend in den Arm und an Entkommen war nicht mehr zu denken. Allerdings bekamen wir von ihr immer Kuchenreste umsonst, wenn wir nach der Schule in die Bäckerei stromerten und für die Eltern am nächsten Tag Bestellungen aufgaben. Manchmal schenkte sie uns einen Lolli extra.
„So, mein Kleiner, nun erzähl mal. Du warst in Hamburg? Hast du den berühmten Hafen gesehen? Und du bist jetzt also ein richtiger Junge?“ Sie saß nicht allein am Tisch. Der halbe Landfrauenverein war anwesend und die Frauen sahen mich neugierig an.


Ich erzählte meine Geschichte. Und sagte ihnen, dass ich erst mit achtzehn Jahren operiert werden durfte, aber nun erst mal keine Brust und keine Regel mehr bekam. Sie fragten mir ein Loch in den Bauch, bis meine Mutter am Tisch erschien. „Adelheid, das trifft sich gut. Wir quetschen gerade deinen Junior aus. Erzählst du uns mehr über Transsexualität? Das ist sehr interessant. So etwas hatten wir hier ja noch nicht“, rief Frauke Lange aus. Sie war im Gemeinderat tätig. Die beiden duzten einander seit langem. Ich stand auf und bot meiner Mutter den Platz an.
„Wenn das dabei herauskommt, soll meine Ina aber auch schnellstens ein Junge werden“, meinte eine der Frauen verblüfft. „Das nenne ich Erziehung.“ Alle lachten in meine Richtung. Ich wurde rot im Gesicht und lief schnell wieder zum Hänger. Das Pony A begann bald.
Am Abend lag ich zufrieden im Bett. Das E Springen hatte ich haushoch gewonnen, im A war ich drittplatziert. Appi hatte den Zweiten gemacht und war so gut wie verkauft, erzählte Papa. Ein Käufer bot ihm mehr, als er auf der Auktion bekommen würde. Im zweiten S kam Papa unter die ersten Zehn und wurde platziert. Der Tag konnte nicht besser gelaufen sein. Mir fiel die komische Frau wieder ein. Ich erzählte Mutter davon. Sie gluckste, als ich ihr von Sheila und dem Senf berichtete. Sie wollte Sheila fragen, wer die geheimnisvolle Frau war und gab mir einen Gutenachtkuss.
Nach dem Turnier war bekanntlich vor dem Turnier. In den kommenden Wochen trainierte ich mit Chester, schrieb Klassenarbeiten und spielte Fußball. Das normale Leben hatte mich voll im Griff. Die ominöse Frau war vergessen. An einem Dienstag fuhren wir nach Hamburg. Die Eizellenentnahme spürte ich nicht und die Narkosespritze war nicht schlimm. Dr. Malinka hielt Wort. Es tat nichts weh und hinterher bekam ich eine Spritze in den Po. Damit war mein Leben als Mädchen endgültig beendet. Ich hielt wie ein junger Gentleman meiner Mutter die Türen auf und bestellte das Essen in der Gastwirtschaft. Sie erzählte meinem Vater am Handy davon. Er lachte und meinte, dass er nun wohl mein Taschengeld erhöhen müsste, denn der Mann bezahlt selbstverständlich auch für die Dame.

Unsere Sommerferien brachen an. Blutungen hatte ich keine mehr bekommen und meine Brust war als solche kaum noch erkennbar. Im Freibad trug ich nur noch eine Badehose. Dort wusste wie im ganzen Dorf jeder Bescheid, kein Mensch nahm von mir Notiz. Bis zu dem Tag, als ich aus der Jungsumkleide im Schwimmbad kam und wieder diese Frau fast umgerannt hätte. Sie schimpfte gleich los.


„Kannst du nicht aufpassen, du Bengel!“ Ihre Augen weiteten sich. „Du?“ Sie blickte auf meine nackte Brust und auf die Wölbung in meiner Badehose. Ich hatte mir ein kleines Sockenknäul hineingesteckt um wie ein Junge zu erscheinen. „Du ziehst dir sofort etwas an, du schamloses Kind“, schrie sie. Einige Mütter drehten automatisch den Kopf zu uns hinüber und ich starrte die Person völlig perplex an.
Der Bademeister war wie immer sofort zur Stelle. „Was gibt es?“ Er sah auf mich. „Hast du Blödsinn gemacht, Max?“ Ich schüttelte energisch den Kopf. „Ab zu den anderen und haltet euch von dem Wäldchen fern, damit ich euch Banditen immer im Auge habe. Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er die Frau.
„Das wird ein gerichtliches Nachspiel haben“, hörte ich sie sagen. Grußlos ließ sie unseren altgedienten Bademeister stehen. So überrascht sah ich den selten.


Zuhause brauchte ich gar nichts mehr zu sagen. Meine Mutter wusste bereits Bescheid. Die Frau des Försters war mit ihrem zweijährigen Sohn im Schwimmbad gewesen und hatte das Desaster mitbekommen. Ihre beiden älteren Jungen, mein Freund Jacob und sein zehnjähriger Bruder Mario, blieben mit mir im Bad, als sie mit dem kleinen Sven in die Försterei nach Hause fuhr und beunruhigt erst mal am Schloss anhielt, um mit meiner Mutter zu sprechen. Sie verabschiedeten sich gerade, als wir auf unseren Rädern ankamen.
„Vielen Dank, Roswitha, ich werde mich der Sache gleich annehmen. Wir müssen herausfinden, wer die Frau ist und was sie hier macht.“
„Keine Ursache, Adelheid, wir sind doch eine große Familie. Uns kann so leicht nichts erschüttern“, antwortete Jacobs Mutter und zeigte ihm mit dem Finger den Heimweg.
„Na denn, Max.“
„Na denn, Jacob.“
Ich brachte mein Fahrrad in die Remise und folgte meiner Mutter ins Schloss, wo sie schnurgerade auf das Arbeitszimmer meines Vaters zusteuerte.
„Es gibt Sorge“, sagte sie und ließ mich erzählen.
„Was ist ein gerichtliches Nachspiel, Dad?“, fragte ich, als ich fertig war. Vater überlegte. Wohl weniger, um mir meine Frage richtig beantworten zu können, als umso mehr er die Identität der Frau noch nicht kannte.
„Wenn man ein rechtliches Problem hat oder sieht, kann man sich vor Gericht melden und von einem Richter, der streng nach dem Gesetz urteilen muss, ein ebensolches Urteil verlangen. Das ist für die beteiligten Menschen bindend, kann aber von einem höheren Gericht wieder aufgehoben werden.“
„Und wie hoch geht das?“
„Das geht bis zum Bundesverfassungsgericht in Deutschland, in Karlsruhe, oder in Europa bis zum Europäischen Gerichtshof nach Luxemburg. Max, du lässt dich mit dieser Frau auf keine Diskussion ein und sagst uns sofort Bescheid, wenn sie dich wieder angreift“, meinte mein Vater.


„Hm.“ Meine Mutter schien sich zu beruhigen. „Diskussion nein, aber du kannst sie ruhig nach dem Namen fragen und wer sie eigentlich ist. Aber versuche dabei nicht frech rüberzukommen, nur wie ein Naseweis und Lausejunge. Das sollte dir nicht schwerfallen. Diese Person muss ja etwas darstellen, sonst würde sie den Mund nicht so voll nehmen. Ich versuche über die Landfrauen etwas über sie herauszufinden“, sagte sie entschlossen.
Erleichtert atmete ich aus. Mir war die Szene im Schwimmbad sehr unangenehm und peinlich gewesen. Wenn das einer meiner Kumpels mitbekommen hätte!
„Danke, Mum. Ich hab mich scheußlich gefühlt. Die Frau ist echt doof“, setzte ich nach.
„Wir wollen nicht voreilig über einen Menschen urteilen, Max. Sie wird Gründe haben, die wir im Augenblick noch nicht kennen. Mutter wird sich darum kümmern. Du hast ansonsten keine Probleme im Dorf oder in der Schule. Ich verstehe deinen Unmut über diese Frau, mir würde es ebenso ergehen. Trotzdem kannst du mit der Toleranz der Menschen hier sehr zufrieden sein.“ Die Worte meines Vaters klangen verständnisvoll, duldeten aber keine Widerrede. Er hatte im Grundsatz recht. Mutter lächelte und ging. Dad und ich wechselten das Thema. Wir unterhielten uns über Chester, das nächste Turnier und Appi, der übermorgen abgeholt werden sollte.


In den nächsten Tagen lief alles wie gewohnt weiter. Ich genoss zusammen mit Jacob und meinen Freunden die Ferien. In der letzten freien Woche stand eine Reise nach München an. Ich sollte mich der Kinderpsychologin vorstellen und fuhr mit Mutter im Zug in die Landeshauptstadt.
Die Ärztin war sehr nett. Sie sprach mich gleich so an, wie ich es wollte. Außerdem kannte sie Doktor Reimers. Ich sollte erzählen, wie ich die Zeit, bevor ich als Junge leben durfte, erlebt hatte und wie es mir jetzt ging. Mutter verließ nach einer Weile das Zimmer. Sie hatte verstanden. Frau Michelsen wollte mit mir allein reden.
„Max, als du klein warst und deine Mama dir Kleider anzog, woher wusstest du, dass du ein Junge warst?“ Ich brauchte nicht lange zu überlegen.
„Ich wusste es einfach. Ich war wie mein Vater, wie Robert oder die anderen Männer. Jacob spielte mit mir und er trug Hosen. Ich wollte genauso angezogen werden wie er. Ich war wie er. Ich wusste gar nicht, was Mädchen sein sollten. Ich war jedenfalls keines.“
„Wie alt warst du damals?“
„So um die drei oder vier Jahre. An meinem dritten Geburtstag kam Mama mit einer Kinderpost die Treppe herunter. Daran erinnere ich mich gut. Ich stand immer neben mir und war wütend, wenn ich ein Kleid anziehen sollte. Ich schrie einmal so lange, bis Mama mir endlich Hosen holte. Schon krass, wenn ich mir das vorstelle. Da ist man ein kleiner Mensch und die Umgebung erscheint einem total verwirrend. Es passte einfach nichts zusammen. Mein Kindermädchen war nicht besser als Mama. Sie versuchte auch ständig mir Kleider anzuziehen und ich schrie und boxte sie. Sie starb letztes Jahr. Ich denke manchmal, ich hätte artiger sein müssen.“


Frau Michelsen machte sich Notizen, die sie jetzt zur Seite legte. „Max, du bist nicht schuld am Tod deiner Kinderfrau. Sie hat dich sehr lieb gehabt, so wie du warst. Sie war alt und wurde krank. Sie ist auf eine ganz natürliche Weise gestorben. Bestimmt wollte sie nicht, dass Du glaubst, Du hättest etwas mit ihrem Tod zu tun. Ich möchte nur wissen, wie weit deine Erinnerung zurückreicht. Es gibt die sogenannte genuine Transsexualität und die Sekundäre. Beim ersten ist der Wunsch und das Gefühl dem anderen Geschlecht anzugehören, bereits als Kleinkind vorhanden. Je älter du wirst, umso weiter entwickelt sich dein Gehirn. Irgendwann erlebst du dich als eigenständige Person. Das ist der Beginn der Feststellung deiner Geschlechtszugehörigkeit. Unbewusst identifizierst du dich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Wir gehen davon aus, dass dir dein Gehirn sagt, was du bist: Junge oder Mädchen. Insofern passt man später das biologische Geschlecht dem Gefühlten an. Umgekehrt funktioniert das nicht. Man kann einem Menschen dieses tief empfundene Geschlechtsgefühl nicht nehmen. Und Kinder wie du, bestätigen diese Annahme. Ich denke, wir holen deine Mutter wieder rein.“


Ich stand auf und kam einen Moment später mit ihr zurück.
„Ja, Frau von Wildenstein, ich bin ähnlicher Meinung wie der Kollege in Hamburg. Es liegt wahrscheinlich eine genuine Transsexualität vor. Das bedeutet, Ihr Kind ist mit dem falschen Geschlecht geboren worden. Alles natürlich unter Vorbehalt. Wir müssen gerade bei Kindern immer die Entwicklung abwarten, bevor Maßnahmen ergriffen werden können, die irreversibel sind, wie Stimmbruch oder sogar Operationen. Die geschlechtliche Ausrichtung wird sich noch einstellen. Wir wissen jetzt schlicht nicht, in welche Richtung Max wirklich strebt. Deshalb und weil es bis zum achtzehnten Lebensjahr und darüber hinaus zu vielen Schwierigkeiten mit der Umwelt kommen kann, wollen wir die Kinder psychologisch begleiten. Meistens sind die Eltern dankbar, wenn sie kompetente Ansprechpartner haben. Ich werde Max aufnehmen, jedoch nur insoweit, als wir uns über seinen Lebensalltag und seine Erlebnisse unterhalten und Sie mir über Ihre Sorgen berichten können. Auf keinen Fall wollen wir Max beeinflussen. Er allein bestimmt, wie er oder sie leben möchte. Ich denke alle drei Monate sind für unsere Treffen ausreichend. Max schreibt sich auf, wenn etwas passiert ist, über das er mit mir sprechen muss. Darüber reden wir dann und suchen Lösungen.“
Meine Mutter war beruhigt. Die beiden vereinbarten den nächsten Termin und ich zog sie danach ins angrenzende Eiscafe. Das konnte nicht besser für mich laufen.


Nach den Sommerferien erhielt ich einen Dämpfer. Papa berichtete von einem Telefonat, das er mit dem Bischof persönlich geführt hatte. Pfarrer Lüders tritt aus gesundheitlichen Gründen zurück und ein neuer junger Pfarrer wird sich schon bald in der Gemeinde vorstellen. Ich durfte ab sofort selbstverständlich als Junge zum Messdienst kommen, wenn ich es denn wollte. Der Bischof fragte nach meiner Firmung. Vater legte den Termin auf das nächste Jahr fest, so wäre ich dreizehn Jahre alt und genau im richtigen Alter. Der Bischof wollte sie selbst vornehmen. Ich war nicht der einzige und unsere Firmung sollte ein großes Fest für die Gemeinde werden. Das Problem war allerdings die Eintragung der Firmung in den Taufschein. Die konnte aus rechtlichen Gründen erst nach der amtlichen gerichtlichen Vornamensänderung erfolgen. So müssen sie mich wohl oder übel noch als Mädchen eintragen. Mein Vater meinte, dass das vollkommen in Ordnung sei. Man könnte alles umschreiben lassen, wenn ich erwachsen bin. Hauptsache, der Bischof sprach mich bei der Firmung mit Max an. Das war für den überhaupt kein Problem. Er hob die Bedeutung unserer Familie für die Region und die Gemeinde hervor und welche ruhmreiche Vergangenheit auf Schloss Wildenstein in den vergangenen Jahrhunderten lag, sowohl weltlich als auch katholisch. Mein Vater war nach dem Telefonat sehr zufrieden. Ich weniger. Ahnte ich doch, dass meine Beurlaubung vom Messdienst damit ein jähes Ende fand.


Wie Recht ich damit hatte, merkte ich bereits eine Woche später. Der neue Pfarrer machte uns seine Aufwartung und lud mich gleich als künftigen Erben des Hauses zum Dienst am Sonntag ein. Und ausgerechnet an dem Tag stand wieder ein Turnier in einer Nachbargemeinde an. Vater lächelte und sprach für mich. Natürlich käme ich meiner Pflicht gerne nach und meine stolzen Eltern freuten sich bereits auf die erste Predigt des neuen Pfarrers. Bäh, schleimiger ging‘s wirklich nicht. Mir blieb also nichts erspart.
Am Dienstag war die nächste Reise nach Hamburg geplant. Wir flogen diesmal und ich musste noch bis elf Uhr in den Unterricht. Meine Eltern hatten sich also nicht nur mit dem Pfarrer gegen mich verschworen, sondern auch mit dem Direx.
Trotzdem war die Reise sehr aufregend und ich freute mich, Doktor Reimers zu sehen. Wir unterhielten uns eine ganze Stunde. Anschließend gab er mir die neue Spritze und ich war entlassen.
Die folgenden Wochen vergingen ohne besondere Vorkommnisse, außer dass sie sehr arbeitsintensiv wurden. Für mich hatte sich eigentlich gar nicht so viel geändert, aber mein Leben kam mir jetzt ein gewaltiges Stück eindeutiger und klarer vor. Ich musste niemandem mehr beweisen, dass ich ein Junge war und meine Geschlechtlichkeit nahm immer weniger Platz im Alltag ein, umso normaler dieser wurde.


Meine Mutter versuchte herauszufinden, um wen es sich bei der geheimnisvollen Frau handelte und fragte überall bei ihren Bekannten und in ihren Vereinen nach. Im Nachbardorf wurde sie endlich fündig. Die Fremde war die Tante eines jungen Bauern, dessen Hof etwas außerhalb lag. Sie lebte eigentlich in Köln und führte dort einem Pfarrer den Haushalt. Die junge Bauersfrau, Mutter zweier kleiner Kinder von einem halben Jahr und vier Jahren, war an Krebs erkrankt und musste oft ins Krankenhaus. Die Tante war gekommen, um der jungen Familie zu helfen.
Meine Mutter fuhr sofort auf den Hof. Als Vorsitzende des Landfrauenvereins gehörte es zu ihren wichtigsten Aufgaben, sich um die anderen Frauen zu kümmern und Hilfe zu organisieren, wo Hilfe gebraucht wurde. Georg Zander, der Bauer, arbeitete im Stall, als meine Mutter eintraf. Sie stellte sich gleich vor und berichtete, dass sie von dem Unglück der Familie gehört hatte und die Landfrauen einen Hilfsdienst für ihn organisieren würden. Egal, ob seine Frau Mitglied im Landfrauenverein war oder nicht.


Georg bat sie mit Tränen in den Augen dankbar herein. Seine Frau hatte Brustkrebs und war erst achtundzwanzig Jahre alt. Meine Mutter versprach ihm einen Arbeitsdienst für den Haushalt und eine Kinderbetreuung, bis seine Frau wieder gesund war. Sie wollte gleich am Nachmittag zu ihr ins Krankenhaus fahren, um alles Wichtige mit ihr selbst zu besprechen.
Georg freute sich sehr, denn er teilte die Ansichten seiner Tante nicht immer und die älteste Tochter, die schon in den Kindergarten ging, litt bereits unter deren strengem Regiment. Andererseits war er auf sie angewiesen, aber das änderte sich dank der Landfrauenhilfe nun.


Meine Mutter berichtete ihm von mir und den beiden etwas merkwürdigen Begegnungen. Sie wollte seine Tante gerne kennenlernen. Er versprach, mit ihr zu telefonieren. Die Hilfsaktion startete bereits am selben Nachmittag. Eine der alleinstehenden älteren Frauen packte ihre Sachen und zog ins Gästezimmer des Hofes. Meine Mutter hatte ihren Verein im Griff. Aber die Frauen arbeiteten gerne mit, sie profitierten alle davon. Ich war gespannt auf die Reaktion der Tante, wenn sie erfuhr, dass meine Mutter der Familie nun half.


Eine Woche später saßen wir beim Abendessen und entgegen der üblichen Tischregeln, berichtete meine Mutter von ihrem Gespräch mit Klara Warnke. „Also, die Dame ist dreiundsechzig Jahre alt, Haushälterin bei einem Pfarrer in Köln und wollte zuerst keine Hilfe, weil sie sich wohl für unentbehrlich hält. Georg war da anderer Ansicht. Schließlich lebte sie in Köln und hatte immer eine mehrstündige Zugfahrt zu bewältigen. Natürlich ist sie gerne willkommen und darf helfen, meinte er. Aber die ortsansässigen Landfrauen können viel flexibler reagieren und die Last ist auf viele Schultern verteilt, so dass die Frauen Freude an ihrer Aufgabe haben, weil jede gerne etwas beitragen will. Nachdem ich ihr das erklärt hatte, wurde sie zugänglicher. Ich sprach sie auf ihre Arbeit im Pfarrhaus an und erzählte ihr von dir. Klara hatte ihrem Pfarrer davon berichtet und nicht unbedingt Zustimmung erhalten. Formal ist die Kirchenlehrmeinung auf ihrer Seite. Dennoch muss sich die Kirche dem tatsächlichen Leben stellen, weil es zum Beispiel gerade in Köln viele Homosexuelle gibt. Da ist Toleranz und Respekt gegenüber Menschen mit ihren Problemen gefragt. Niemand außer Gott ist perfekt, meinte der Pfarrer. Daran kaute die Ärmste ziemlich lang. Ich habe sie zum Adventsfest zu uns aufs Schloss eingeladen. Dort könnt ihr euch näher kennenlernen und bitte versuchen, Frieden zu schließen. Sie hat zugesagt und ich hoffe, das leidige Thema ist damit vom Tisch. Du wirst ihr freundlich entgegentreten.“
Ich seufzte nur: „Okay, Mum.“ Mir war das egal.
Das Adventsfest gab es jedes Jahr vor Weihnachten. Der Schlossplatz wurde weihnachtlich geschmückt, einen großen Baum schlug Vater regelmäßig selbst und meistens durfte ich mit in den Wald fahren und ihn aussuchen. Viele Leute kamen, die an Ständen Selbstgebasteltes oder Strickwaren anboten. Natürlich gab‘s Kaffee und Glühwein für die Großen und das ganze Schloss duftete herrlich nach Lebkuchen und Bratwurst. Der Weihnachtsmann kam am Abend, nachdem wir Kinder alle zusammen mit den Erwachsenen Weihnachtslieder gesungen hatten. Meistens fuhr er in der Ponykutsche vor und ganz selten, wenn Schnee lag, kam er im Pferdeschlitten. Ich wusste sehr früh, wer sich hinter dem weißen Bart verbarg. Es war Robert.
Die anderen Jungen grinsten immer, wenn die jüngeren Kinder sich respektvoll seiner Rute näherten. Aber alle bekamen eine Naschtüte aus seinem Sack. Nur die frechsten Jungen erhielten einen Klaps mit der Rute. Für uns war das vom zehnten Lebensjahr an eine Ehre und wir hielten ihm unsere Hintern freiwillig vor. Diesmal wollte ich auf jeden Fall dazugehören und hatte mir ein ordentlich freches Gedicht ausgedacht.


Nichts als Streiche

Der große Tag war gekommen. Wir Jungen warteten schon sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann und fanden uns am Naschtütenstand zusammen. Andy wollte ihm eine Gummispinne in den Mantel stecken und Bernd einen Pupssack unter sein Kissen in die Kutsche legen.
Schnee gab es leider keinen und so würde der Weihnachtsmann, also Robert, mit der Ponykutsche kommen. Erst wollten wir ihm noch einen Knaller hinterherwerfen, aber ich wiegelte ab. Die anderen ritten nicht und das war keine gute Idee für mein altes Shetty Pünktchen, das den Weihnachtsmann ziehen musste. Die Schlossuhr schlug fünf Uhr.
Mein Vater stand wie immer auf der Schlosstreppe und bedankte sich bei allen Besuchern fürs Kommen. Wir sollten singen, um dem Weihnachtsmann den Weg hierher zu zeigen. Meine Mutter kam mit Klara auf mich zu. Ach, Shit, das war nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt. Sie gab mir die Hand und entschuldigte sich für ihre Worte. Ich erwiderte die Entschuldigung und versprach, beim nächsten Turnier besser aufzupassen und ihr nicht wieder auf die Füße zu treten. Meine Mutter nickte zufrieden. Ich nahm die Beine in die Hand, um mich rechtzeitig vor Roberts Ankunft neben die anderen ungezogenen Jungen stellen zu können.


Pünktchens Glöckchen an der Kutsche bimmelte. Die kleinen Kinder sahen mit großen Augen zu dem Miniaturpferdchen, das den dicken Weihnachtsmann scheinbar mühelos zog. Robert hatte sich den Bauch mit Kissen ausgestopft und machte eine ziemlich stattliche Figur. Ich grinste. Andy auch. Pünktchen hielt ich kurz am Halfter, damit es stehen blieb.
Der Weihnachtsmann bedankte sich bei mir. „Wie heißt du denn, mein Junge?“
„Max, heiße ich, Weihnachtsmann, mit dem Sack, stehst hier ‘rum in deinem roten Frack. Äpfel, Nüss‘ und Mandelkern, essen Kids heute nicht mehr gern. Computerspiele und Handys, davon träumen wir und nehmen auch ein kühles Bier. Hasch und Zigaretten können wir zum Rauchen ebenso gebrauchen. Steck die Rute ein, denn Angst haben wir Jungen davor keine. Und wenn du nichts Ordentliches für uns hast, zieh ganz schnell Leine! “
Den begehrten Schlag mit der Rute erhielt ich nicht mehr. Mein Vater hatte mich bei den letzten Worten am Kragen gepackt und ins Haus verfrachtet. Einen Moment später saß ich allein in meinem Zimmer. Der Adventsabend war vorbei und das Fußballtraining fand in den kommenden Tagen ohne mich statt.
Meine Kumpels kamen und fragten, warum ich nicht rauskäme.
Lakonische Antwort von Mia: „Der junge Herr Graf hat Stubenarrest.“
Natürlich hatte ich mich längst bei Robert und meinen Eltern entschuldigt. Vater erzählte, dass er sich fast vergessen und mir am liebsten den Hintern versohlt hätte, wie früher üblich.


Mein Gedicht brachte allerdings das ganze Dorf zum Lachen. Vor allem die Männer, die sich regelmäßig am Stammtisch in der Dorfkneipe trafen, lobten meine Bodenständigkeit in puncto Bier. Schließlich gehörten uns eine Brauerei und eine Schnapsbrennerei.
Der Wirt grinste meinen Vater an, als wir nach dem wöchentlichen Samstagseinkauf wie immer zum Essen reinkamen und meinte: „Der kommt ganz nach dir, Herr Graf. Erinnerst du dich an den Blödsinn, den wir damals verzapft haben?“
Vater tat, als hätte er nichts gehört und schob mich rasch ins Nebenzimmer der Gaststätte, damit ich mir mein Mittag und meine Cola bestellen konnte. Ich wollte protestieren und den Wirt nach Details fragen, aber Vater gab ihm ein Zeichen. Aha, dass mein alter Herr in jungen Jahren seinem Namen alle Ehre gemacht hatte, wusste ich schon von meiner Mutter. Auch Dietrich deutete hier und da etwas an. Zu meinem Leidwesen erfuhr ich jedoch von niemandem Genaueres darüber.
Stattdessen ließ mich unser Deutschlehrer das Gedicht an die Tafel schreiben, berichtigte die Fehler und zeigte uns schönere Weihnachtsgedichte, die wir auswendig lernen und interpretieren sollten. Meine Mitschüler waren stinksauer.
Andy nahm mich sogar auf dem Schulhof in den Schwitzkasten. Deutsch war nicht seine Stärke und eine Klassenarbeit über Weihnachtsgedichte wollte er auf gar keinen Fall schreiben müssen.


Der Direx bemerkte die Rauferei, kam locker auf unsere Gruppe zu und trennte Andy und mich, ohne sich dabei körperlich anstrengen zu müssen. „Gedichte wären ohnehin demnächst drangekommen, meine Herrschaften. Das hat mit den geistlosen Ergüssen unseres jungen Werther, Ähm, Grafen, nichts zu tun. Ihr zwei meldet euch in der Laienspielgruppe, da könnt ihr eure künstlerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Das kann auch dir nicht schaden, Andreas.“
Ach herrje, das hatte ich nun davon. Ich schluckte, jetzt musste ich nicht nur für das Weihnachtskrippenspiel in der Kirche Rolle und Text lernen, sondern auch noch in der Schulaufführung mitspielen.
Am Heiligen Abend saßen meine Eltern auf unseren gräflichen Stammplätzen in der Kirche. Ich spielte brav den Joseph, die Gemeinde klatschte hinterher Beifall und alles war wieder in Butter. Meine Eltern trugen mir nichts nach. Sie hatten sich damit abgefunden, einen frechen Jungen aufziehen zu müssen.
An Sylvester schneite es. Wir tobten mit dem Schlitten den Schlossberg hinunter und am 2. Januar fuhr ich mit meinen Eltern nach Reit im Winkl. Wir hatten dort ein kleines Hotel gebucht und wollten, wie jedes Jahr, ein paar Tage Ski laufen. Der Hotelangestellte fragte nach meinem Kinderausweis. Meine Mutter erklärte ihm, dass der Mädchenname falsch sei, da ich transsexuell und ein Junge bin. Es gab ein kurzes Gelaber, bis der Hotelmanager meinen Eltern Recht gab und ich als Maximilian einchecken durfte.


Ich verstand deshalb sehr schnell, dass ich Papiere auf meinen männlichen Namen brauchte und fragte meine Eltern, ob man so etwas nicht früher kriegen konnte. Mein Vater versprach, zu Hause unseren Hausanwalt anzurufen. Das war eine blöde Welt, in der die Erwachsenen lebten. Alles musste seine Ordnung haben und Stempel und so. Auf den Menschen kam es nicht an. Es war doch viel wichtiger, gut zu sein, anderen zu helfen und nicht zu viel Blödsinn zu machen.
Nun ja, ich konnte mich nicht immer dran halten und ein paar Ausrutscher unterliefen mir schon. Aber es blieb im Bereich des Erträglichen und ich machte nie etwas kaputt. Am schönsten war es, wenn andere Jungen dabei mitspielten. Zu zweit oder zu dritt machten Streiche einfach viel mehr Spaß. Ich hatte mich zum Beispiel mit Alois, einem dreizehnjährigen Gast aus Garmisch, spät in der Nacht ganz leise auf dem Flur getroffen. Die Hotelgäste durften ihre Schuhe, die geputzt werden sollten, vor die Tür stellen.
Alois und ich vertauschten die Schuhe, so dass der Schuhputzer am nächsten Tag, ohne es zu wissen, alle Schuhe falsch zuordnete. Nur bei unseren Familien machten wir nix. Es fiel nicht auf, aber Dad sah mich mit seinem besonderen Blick an. Er ahnte wohl, wer hinter dem Schabernack steckte. Als ich am nächsten Morgen zu früh wach wurde und um kurz vor sechs Uhr aufstand, wollte ich mir nur etwas zu trinken aus dem Speisesaal holen. Die Bedienung hatte schon angefangen, das Büfett aufzustellen. Ich versteckte mich hinter einem Vorhang. Auf den Tischen lagen die Servietten der Gäste, deren Namensschilder daneben standen. Ich vertauschte die Namensschilder und die Servietten.
Beim Frühstück gab es lautstarke Diskussionen um die richtigen Plätze und manche Gäste baten um neue Servietten, weil ihnen die Flecke auf der angeblich eigenen
nicht geheuer vorkamen. Ich erzählte Alois davon und wir lachten uns zusammen kaputt. Vater sagte nichts. Aber er war sehr froh, als wir endlich nach einer Woche wieder nach Hause mussten. Meine Mutter und er warfen sich vielsagende Blicke zu.


Ende Januar stand Vaters fünfzigster Geburtstag an. Die ganze Familie war eingeladen und Mia hatte zusammen mit der Köchin und einer zweiten Hilfskraft namens Alina alle Hände voll zu tun, um die Vorbereitungen zu treffen.
Ich musste mein Zimmer aufräumen und konnte nicht verstehen, warum. Außer Hubertus und meiner Cousine Beatrix kamen keine anderen Kinder. Beatrix war erst sieben. Und den beiden war es ziemlich schnuppe, wie es in meinem Zimmer aussah. Mum duldete kein Aufbegehren.
Ihre Schwester und ihr Schwager waren eingeladen. Meine Oma natürlich auch, darüber freute ich mich am meisten. Oma war schon ziemlich alt, aber im Oberstübchen noch topfit. Sie konnte herrlich Geschichten erzählen und ich erfuhr auf diese Weise, wie sich das Leben der Leute damals vor und nach dem Krieg in Ostpreußen abspielte. Ihr elterliches Gut gehörte nun dem polnischen Staat. Damit konnte sich Oma nicht abfinden. Sie suchte immer wieder mit den anderen Erwachsenen nach Wegen, wie man den Besitz zurückbekommen konnte.
Mit den Geschäftspartnern von Dad wurden es 120 Gäste. Die Meisten kamen von außerhalb und mussten im Schloss untergebracht werden. Ich hatte angeregt, Hubertus bei mir schlafen zu lassen. Er war älter als ich und ich konnte viel von ihm lernen, vor allem jeden erdenklichen Blödsinn. Als Onkel Ludwig und Tante Friederike ankamen, begrüßte ich sie artig. Sie wussten bereits von mir. Mama hatte mit ihnen telefoniert.
Onkel Ludwig schlug mir auf die Schulter. „Na, also wirst du unser neuer Graf Wildenstein, Max. Ich muss ehrlich sagen, es überrascht mich nicht. An dir ist tatsächlich ein Junge verloren gegangen und ich denke, die Entscheidung deiner Eltern war richtig.“ Er lachte gut gelaunt.


„Wo ist Hubertus?“, fragte ich.
„Er kommt nach, Max. Er hat noch Klausuren zu schreiben“, antwortete meine Tante nicht ohne Stolz. „Aber er freut sich auf dich und will dir viel erzählen, was du als Junge wissen musst.“
Shit und gut. Beatrix war auch noch nicht da. Ihre Mama war die Schwester meiner Mutter. Tante Alexa konnte sehr gut singen. Sie trat in der Oper auf und die Erwachsenen nötigten sie immer, ihnen etwas vorzusingen. Beatrix wollte deshalb ebenfalls Opernsängerin werden. Sie verkleidete sich gerne als Diva und übte fleißig. Wir sahen uns zu den Geburtstagen unserer Eltern öfter. Ich zog sie immer auf und tat erst, als ob ich ihren Gesang schön fände. Sie merkte es und wurde richtig wütend, wenn ich ihr mein selbstverfasstes Gedicht aufsagte: „Frau Königin sind die schönste Vogelscheuche der Welt und Euer Gekreische vertreibt alle Vögel auf dem Feld!“ Aber wir mochten uns trotzdem und sie fehlte mir.
Ich stromerte in die Küche. Am Abend kämen die Gäste zum Essen und die Tafel im großen Festsaal war bereits gedeckt. Die Köchin lief wie ein aufgescheuchtes Huhn durch ihr Refugium und selbst Mia hatte keine Zeit für mich. Andererseits durfte ich das Schloss nicht mehr verlassen, denn ich trug meinen neuen Anzug und Mutter bat mich inständig, mich nicht mehr schmutzig zu machen. So war mir der Ausweg in den Pferdestall versperrt.
Ich schaute mich um. Irgendwie meldete sich mein Magen. Auf dem Tisch standen noch halbwarme Puddingschalen.
„Max, Finger weg vom Nachtisch! Am besten, du verschwindest ganz aus der Küche und lässt dich hier nicht mehr sehen“, rief mir Mia im Vorübereilen wohlweislich zu.


Ich lächelte sie an und machte offiziell Anstalten, wegzugehen. Der Vanillepudding duftete herrlich. Als Mia außer Sichtweite war, steckte ich einen Finger an den Rand einer der Schüsseln. Hm, das schmeckte echt gut. Eigentlich merkt doch keiner was, wenn ich nur am Rand bleibe. Den Rest kann ich ja wieder schön zusammenschmieren, dachte ich mir so. Ich arbeitete mich also durch die Schüsseln. Vanille- und Schokopudding wechselten sich mit Zitronenspeise ab. Als ich durch war und die letzte Schüssel einer Inspektion unterzogen hatte, schlich ich mich aus der Küche.
Lisa, die Köchin, kam gerade wieder mit neuen Köstlichkeiten herein und ahnte etwas.
„Max, was hast du auf der Backe, du Nichtsnutz von Lausebengel? Hast du vom Pudding genascht?“ Mit geschultem Blick sah die alte Lisa die Bescherung.


„Ich, ich hatte Hunger und dein Pudding schmeckte so toll. Wirklich, man sieht nichts, ich bin immer am Rand geblieben.“
Lisa war wie alle Köchinnen eitel, was ihren Beruf anging, und mein Lob traf sie am richtigen Fleck. „Komm, du Lümmel.“ Sie nahm einen Topf vom Herd, in dem sich eine Menge Puddingreste befanden. „Nimm einen Löffel und schmier‘ dich um Himmelswillen nicht voll, sonst bekomme ich Ärger mit der Gräfin.“
Ich nickte. „Nicht nur du, Lisa.“
Als der Topf sauber geleckt war, sah mein neuer Anzug trotzdem entsprechend aus, aber ich war restlos satt geworden. Mia stöhnte auf, als sie mich sah und schickte mich zum Reinigen sofort auf mein Zimmer. Auf keinen Fall sollte ich in dem Zustand meiner Mutter unter die Augen treten.
Auf dem Weg nach oben, hörte ich Hubertus’ Stimme. Er erkundigte sich nach mir. Der Wasserhahn war prompt vergessen, ich stürzte zur großen Eingangshalle und hätte fast Tante Friederike über den Haufen gerannt. Hubertus riss mich hoch und starrte mich an.


„Wow, Maxi, du bist ja ein richtiger Kerl geworden. Du siehst gut aus, Räuber!“
„Du auch, ich bin fast ein bisschen neidisch. Du bist ja schon ein Mann“, sagte ich mit leichtem traurigen Unterton.
„Das kommt bei dir auch, Kleiner. Wann kriegst du deine Hormone?“
„Wenn ich so alt bin wie du. Bis dahin muss ich körperlich Kind bleiben. Aber das hat was Gutes. Man kann länger Streiche machen, ohne richtig bestraft zu werden. Obwohl ich sicher bald wachse. Das hat mir Doktor Reimers jedenfalls erzählt.“
Ich zog Hubertus von Tante Friederike fort nach oben in mein Zimmer. „Leider musste ich aufräumen, Mum war nicht zu bremsen. Sorry, es stinkt nach Putzmittel und sieht echt ätzend aus. Ich fühl mich sehr unwohl. Aber du kannst entweder auf dem Sofa oder auf der Luftmatratze im Zelt schlafen.“
Ich hatte ein Zweimannzelt in der Mitte des Zimmers aufgestellt.
Hubertus lachte. „Ich würde sagen, wir packen dein Bettzeug ins Zelt und pennen beide drin. Hast du eine vernünftige Taschenlampe?“
„Klar und zur Not geht mein Handy. Das macht ebenfalls Licht.“
Die Puddingflecken auf der Jacke fielen mir wieder ein. Ich ging kurz ins Bad.
„Erzähl mir noch mal dein Gedicht. Onkel ist wohl völlig ausgerastet, hab ich von meiner Mutter gehört“, forderte er mich auf.
Natürlich stellte ich mich gleich in Positur.
„Du solltest Schriftsteller werden, so etwas kann nicht mal ich mir ausdenken und das reimt sich alles.“
Hubis Blick verriet Bewunderung.
„Es ist nicht ganz okay. Unser Deutschlehrer hat es noch mal auseinandergenommen und uns die Versmaße erklärt.“
„Trotzdem, für einen Zwölfjährigen eine Meisterleistung. Zeig mal deinen neuen Reitpokal.“
Ich holte ihn und einen zweiten, den ich vor drei Wochen gewonnen hatte. „Hier, das ist der E-Pokal von unserem Turnier und dieser ist aus Siebenstetten, Pony E Stil. Zweimal 8,8. Was sagste?“
„Super, ich bin dreimal im L gestartet. Wurde aber nie platziert. Mein Pferd hat ‘ne Menge Kleinholz hinterlassen.“
Die Tür ging plötzlich auf. Mia stand im Zimmer. „Ach, hätte ich es mir denken können. Ihr zwei Spitzbuben. Herr Hubertus, Sie sind kein Kind mehr. Also, ich sehe Sie jetzt als jungen Mann an. Lassen Sie sich bitte nicht von Max zu Blödsinn verleiten“, sagte sie und setzte nach: „Die Frau Gräfin bittet euch beide herunter zukommen, vor allem Max. Einige Gäste haben Süßigkeiten für ihn dabei. Hast du gar nicht verdient!“
I

ch sprang auf. „Hab ich immer verdient. Ich bin der bravste Junge der Welt.“
Mia tat, als ob sie sich verschluckte. Wir ordneten unsere Kleidung und liefen runter in die Empfangshalle. Mutter kam gleich auf mich zu und musterte meinen Anzug mit kritischem Blick. Ihr entging nichts.
„Komm, der Bürgermeister will dir guten Tag sagen und da sind noch mehr Leute, die du kennen lernen musst.“
Ich setzte mein artigstes Gesicht auf. Nach einer halben Stunde Smalltalk besaß ich so viel Naschis, dass ich einen Süßwarenladen damit hätte eröffnen können. Die Nacht mit Hubertus im Zelt war gerettet. Ich musste nur noch ein paar Flaschen Cola organisieren und überlegte, wie ich an etwas Schnaps kommen konnte. Die Getränke wurden von Dietrich und seinem jungen Kollegen Fritz ausgeschenkt. Die passten mit Argusaugen auf, dass ich nicht etwas Hochprozentiges klaute. Sogar das Bier war tabu.


Um 19 Uhr saßen alle auf ihren Plätzen. Ich war zwischen Vater und Mutter an die Spitze der Tafel platziert worden und hatte somit keine Chance an Blödsinn und Streiche nur zu denken. Hubertus saß neben seinem Vater und Beatrix, die inzwischen angekommen war, musste neben ihrer Mutter sitzen. Einen Kindertisch wie früher, gab es nicht.
Ich war allerdings von meiner Mutter instruiert worden, eine kleine Laudatio auf meinen Vater zu halten, um mich auf diese Weise den Geschäftspartnern und Honoratioren der Gemeinde als Erben vorzustellen. Mutter berührte unauffällig meine Hand und schlug mit dem Löffel an ihr Glas. Augenblicklich wurde es mucksmäuschenstill im Festsaal.
Ich stand auf und wandte mich meinem Vater zu. Das Herz rutschte sofort in Richtung Hose. Die Buchstaben auf dem Blatt Papier, das vor mir auf dem Tisch lag, verschwammen vor meinen Augen und erinnerten mich an mein letztes Erdkundereferat. Unser Lehrer hatte uns geraten, in so einem Fall nicht an den Text zu denken, sondern den Anwesenden einfach zu sagen, wie man sich fühlt. Ein ehrliches Wort lockert auf und schafft eine familiäre Atmosphäre, meinte er. In der Schule hatte es sehr gut funktioniert. Okay, ich beschloss, den Rat zu befolgen.


„Liebe Gäste, liebe Familie und natürlich lieber Papa! Letzte Woche musste ich ein Erdkundereferat halten und ich war ziemlich aufgeregt. Das bin ich jetzt auch. Wenn ich selbst Geburtstag habe, genügt ein ‚Danke, dass ihr alle gekommen seid, ich wünsch euch ein schönes Fest und guten Appetit. ‘ Das ist heute sicher zu wenig, denn ich habe keinen Geburtstag, sondern mein Vater. Und der ist der beste Vater der Welt, jedenfalls meistens. Dad, ich hab dich lieb und ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag. Ein Geschenk hab ich natürlich auch für dich. Deine Reithandschuhe sind kaputt und Mum hatte letzte Woche mein Taschengeld erhöht, damit ich dir ein paar Neue kaufen konnte.“
Während die Gäste lachten, hob ich das Päckchen, das unter meinem Stuhl lag auf und gab es meinem Vater, der gerührt aufgestanden war und mich fest in die Arme nahm. Hach, das war geschafft. Meine Augen streiften die meiner Mutter. Sie sah mich durchdringend an. Fehlte noch etwas? Sie blickte zu meinem Glas, welches inzwischen mit Apfelsaft gefüllt war. Natürlich.
„Bitte nehmt jetzt alle eure Gläser und steht auf und dann singen wir das Geburtstagslied.“ Ich war noch nicht am Ende, da sangen schon alle Happy Birthday. Das Lied dauerte, die Gäste kannten Strophen, die ich noch nie gehört hatte. Meinen Vater brachten sie zum Schmunzeln. Den folgenden Applaus konnte ich für mich einheimsen. Vater meinte, dass er vor Stolz gleich platzen könnte. Hatte er damit die Urlaubsstreiche endgültig vergessen?
Im Laufe des Abends gab es viele Vorführungen und Gratulationen. Auch Beatrix brachte ein Geschenk und sagte ein Gedicht auf. Hinterher gab sie eines ihrer Liedchen zum Besten. Sie vermied es allerdings, mich dabei anzusehen, denn meine Lippen formten bereits den Spruch, den ich nur für sie gedichtet hatte. Sie kam mir später zuvor. Als der offizielle Teil vorbei war und die Ehrentänze stattgefunden hatten, konnten wir uns leger unters Volk mischen. Hubertus nahm sie in die Arme und gab ihr einen Kuss. Sie hielt mir ihre Wange hin. Ich schmatzte ihr die Lippen drauf und wollte gerade leise meinen Spruch loslassen, da knuffte sie mir in den Magen.


„Heute ärgerst du mich nicht, du ärgerst mich ab sofort überhaupt nicht mehr. Meine Mama hat mich nämlich zum Taekwondo angemeldet“, gab mir meine kleine Cousine keck zu verstehen. Oh, interessante Neuigkeiten.
„Ihr bleibt ja noch ein paar Tage. Trainieren wir zusammen und ich zeig dir ein paar tolle Tritte. Also, das heißt: Frieden auf ewig zwischen uns!“ Beatrix schlug in meine Hand.
„Frieden, und wenn du Blödsinn machen willst, sag Bescheid. Ich bin jetzt alt genug für Streiche.“
Hubertus hatte alles mitbekommen. „Schön, ihr zwei, dann wird die Tradition der Raubritter von Wildenstein ja fortgesetzt. Ich bin nun leider etwas zu alt und muss mich wie ein Erwachsener benehmen. Aber ihr beide werdet das schon machen.“
„Max“, meine Mutter zog mich mit sich. „Das ist Frau Baronin Schönefels. Sie ist Eventmanagerin und ich möchte dich ihr vorstellen.“
„Max von Wildenstein, guten Abend, Baronin.“ Ich gab ihr die Hand und verbeugte mich, wie es sich für einen jungen Grafen gehörte. Irgendwie fand ich gar nichts mehr dabei. Es war beileibe keine Dressur. Wenn ich nicht will, kann sich meine Mutter auf den Kopf stellen und die Zähne ausbeißen. Das wusste sie. Nein, ich fand unsere Festlichkeiten einfach schön und begann, die alten Traditionen und das Standesverhalten gerne zu pflegen. Allerdings nur in der männlichen Rolle.


„Na, das nenne ich aber galant. Du bist ja bereits ein richtiger Charmeur. Kannst du schon tanzen?“, fragte sie.
Das machte mich etwas verlegen. „Nein, leider nicht. Aber ich denke, meine Mutter wird mich sicher bald zum Tanzkursus in der Stadt anmelden. Ich werde demnächst dreizehn Jahre alt. Einige Mädchen in meiner Klasse sind schon dabei. Jungen, die nicht auf einem Schloss leben, halten in der Regel nicht so viel davon. Ich spiele Fußball und reite sehr gut. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen die Ställe und mein Pony.“
So, die hatte ich um den Finger gewickelt und meine Mutter schien genau wie mein Vater vorhin bei der Tischrede gleich vor Stolz und Überraschung zu platzen. Auf diese Weise hatte ich einige Pluspunkte eingeheimst und war auf der sicheren Seite. Man konnte nie wissen, wofür so etwas gut war. Ich gehörte nicht gerade zu den Unschuldslämmern. Die Baronin schien begeistert.
„Gerne, ich reite auch. Allerdings Dressur und ich war ein paarmal bei den Deutschen Meisterschaften dabei. Ein guter Freund von mir managt das Internationale Turnier in Aachen. Warst du schon einmal da?“ Hui, die hatte tatsächlich Ahnung und war mir sofort sympathisch.
„Nein, aber das wäre im Herbst mal ein schöner Ausflug. Da muss ich mit meinem Vater sprechen. Er sucht die Turniere für uns aus und hat mir versprochen, dass wir irgendwann nach Hamburg zum Derby fahren. Ich muss dort immer zum Arzt.“
Ich zeigte ihr den Weg über einen Verbindungsgang vom Schlossgebäude zum Stall.
„Gibt es hier richtige Geheimgänge?“, fragte sie. „Du darfst übrigens Maren zu mir sagen. Reiter sollten sich duzen.“
„Schön, ja, es gibt mehrere Geheimgänge. Einige davon kenne ich, aber zwei sind nur auf der Karte eingezeichnet und nicht mehr zu finden. Die ursprüngliche Burg ist im achtzehnten Jahrhundert abgebrannt und beim Wiederaufbau hat man sie sicherlich zugeschüttet. Wir haben auch zwei Schlossgespenster. Aber du bleibst heute Nacht nicht hier, sonst könntest du sie kennen lernen.“


„Oh, wie schade. Ich schlafe im Hotel, weil ich morgen früh ganz schnell nach Düsseldorf muss. Ich richte Sport- und Musicalevents aus. In Hamburg betreue ich den König der Löwen. Soll ich euch Karten besorgen?“
Wir waren vor Chesters Box angekommen. „Ja, das wäre toll. Und hier ist Chester, mein bester Freund.“
Wow, da hatte sich das gute Benehmen mal gelohnt. Wenn wir eine Nacht in Hamburg blieben, könnten wir den nächsten Termin bei Herrn Reimers dazu nutzen. Maren entpuppte sich wirklich als ganz Nette. Sie erklärte mir die Hilfen bei verschiedenen Dressuraufgaben, aber Chester war zur hohen Schule nicht zu bewegen. Solange er springen konnte, machte er willig mit. Dressur war nicht sein Ding. Ich überlegte, wie alt Maren wohl war. Sie sah jünger aus als meine Mutter. Die hatte im letzten Jahr ihren fünfundvierzigsten Geburtstag gefeiert. Daran erinnerte ich mich noch sehr gut. Mir war nämlich der volle Bowlentopf vom Tisch gefallen, als ich heimlich versucht hatte, mir ein Glas davon einzuschenken. Das war ein Aufstand gewesen.
Nach dem Rundgang verabschiedete ich mich von Maren. Es war mittlerweile elf Uhr. Ich spürte meine Müdigkeit und konnte ein Gähnen nicht unterdrücken.
Vater kam, brachte mich noch zu zwei Geschäftspartnern und stellte mich einem Politiker vor, der im bayerischen Landtag saß. Nach dieser Pflicht fragte er, ob ich mich verabschieden wollte. Ich bejahte und wurde mit großem Applaus und vielen Gutenachtwünschen ins Bett geschickt.
Beatrix lag schon im Tiefschlaf im Nebenzimmer, als ich mich auszog. Einen Moment später kam Hubertus ‘rauf. Er hatte zwei Flaschen Bier dabei und grinste.
„Es geht doch nichts über ein schönes Wildensteiner Pils.“ Lachend schob er sie ins Zelt.
„Ich putz nur schnell Zähne, Hubi. Danach erzählst du mir alles über Mädchen. Darüber weiß ich nämlich noch gar nichts oder besser gesagt, nicht viel“, sagte ich.


Ich fühlte mich wie ein Mann, als wir unsere Bierflaschen aneinanderschlugen. Der bittere Biergeschmack begann mir langsam zu gefallen. Ich hatte bereits klamm heimlich ein paar Flaschen für meine Kumpels und mich aus unserer Brauerei gestibitzt. Leise erzählte ich Hubertus von dem alten Bootshaus am See, in dem wir uns immer trafen, wenn wir etwas aushecken wollten. Meine erste Zigarette hatte ich dort geraucht. Wir beschlossen, morgen im Lauf des Tages hinzugehen und Vaters alter Segeljolle einen Besuch abzustatten. Als ich Hubertus nach seinen Erfahrungen mit Mädchen fragte, zeigte er mir seine neue Freundin auf dem Handyfoto.
„Habt ihr schon geknutscht und mehr?“ Hubi grinste und trank sein Bier in einem Zug aus. Er nahm meinen Laptop und gab mir sein Passwort für eine Website, auf der er sich angemeldet hatte.
Die erste richtige Aufklärungsstunde als Junge konnte nicht besser gelaufen sein. Bei Männern funktionierte das einfach anders. Da nahm der Vater den Sohn in der Regel erst zur Seite, wenn der durch Freunde, ältere Brüder oder Vettern bereits informiert war und im Grunde mehr wusste als der Vater. Es wurde ein toller Abend und eine ebensolche Nacht. Das Bier machte müde. Irgendwann schlief ich leicht benebelt ein.
Mia weckte uns am nächsten Morgen und fand… die Bierflaschen. Entsetzen machte sich breit. Doch sie verzog nur das Gesicht, sammelte die beiden Flaschen schnell ein und drohte mir mit dem Finger. Ich wusste, sie würde dicht halten. Auf Mia war immer Verlass.


Die ganze Familie genoss das Frühstück am großen Tisch. Stimmungsmäßig waren vor allem meine Eltern aufgekratzt. Alle Gäste, die bei uns geschlafen hatten, lobten das gelungene Fest und schwärmten in den höchsten Tönen. Onkel Ludwig erzählte ihnen von unseren beiden Schlossgespenstern, die ausnahmsweise nicht aufgetreten waren. Bedauernd blickte ich zu Hubertus. Ja, das war schade. Aber wir waren diesmal zu müde gewesen um die zwei wieder zum Leben zu erwecken.
„Sie wollten den schönen Abend sicher nicht stören“, beeilte er sich zu sagen. Onkel Ludwig lächelte wissend.
„Dann werden wir uns mal auf den Frühschoppen im Weinkeller freuen. Und heute Nachmittag sind hoffentlich die obligatorischen Besichtigungen der gräflichen Spirituosenbetriebe vorgesehen?“, fragte er augenzwinkernd meinen Vater, der auf die Frage gewartet hatte und schmunzelte.
„Aber sicher, frühstückt gut und schafft euch eine feste Unterlage“, kam seine prompte Antwort.
Mein Vater war sehr stolz auf unser Unternehmen. Augenblicklich sprachen alle durcheinander und wollten mehr über den geplanten Tagesablauf wissen. Das kam uns ebenso gelegen wie das Büfett. Jeder konnte aufstehen und sich nehmen. Meine Eltern waren mit den Gästen beschäftigt. Es wird niemandem auffallen, wenn wir uns aus dem Staub machen. Hubi warf mir einen aufmunternden Blick zu. Jetzt oder nie.
Während die Schlacht am kalten Büfett durch die Erwachsenen weiter tobte, standen wir rasch auf und schlichen uns gesättigt aus dem Schloss. Draußen schrieb ich SMS an Andy und zwei weitere Freunde aus dem Dorf sowie Jacob, Mario und die beiden Jungen von Dietrich: Martin und Carsten. Die zwei lebten mit ihren Eltern im renovierten Gesindehaus auf dem Schlossgelände und waren schon fünfzehn bzw. siebzehn Jahre alt.
Ich bestellte alle zum Bootshaus, sobald sie konnten. Martin schrieb gleich zurück, dass sie etwas später kommen. Sie mussten ihrem Vater helfen, der wegen der Geburtstagsgäste viel Arbeit hatte und zudem für die Parkplätze der Autos zuständig war. Als wir uns auf den Weg zum See machten, kamen uns deshalb zuerst Mario und Jacob freudestrahlend entgegen gelaufen. Sie hatten es nicht weit vom Försterhaus zum See.
„Das war eine gute Idee, unsere Eltern wollten uns nämlich schon Aufgaben verpassen, weil sie auf dem Schloss gebraucht werden. Wir sind gerade noch rechtzeitig getürmt“, rief Jacob aus.


Ein schmaler verschlungener Pfad führte einige hundert Meter durch den Wald. In der Zwischenzeit war der meiste Schnee wieder weggetaut, aber etwas Raureif umgab noch die Pflanzen am Wegesrand. Es war knapp unter null Grad und der Boden gefroren. Unser privater See lag versteckt. Ein Mischwald säumte das Ufer, welches von Schilf bewachsen war. Unter den Strahlen der Morgensonne glitzerte das ruhige Wasser. Dünne Eisplättchen schwammen darauf. Der See bot zu jeder Jahreszeit einen herrlichen Anblick. Vater wollte, dass Unterholz und die Zuflüsse sich selbst überlassen bleiben sollten. Der ganze Bereich war ein Biotop und Eingriffe in die Natur kamen für ihn nur im äußersten Notfall in Frage. So hatte sich ein wunderschönes Kleinod bilden können, welches nicht nur seltenen Pflanzen, sondern auch unzähligen Tieren einen perfekten Lebensraum bot. Fortsetzung in den e-books von neobooks. 



Der Kindheit entwachsen 2. Teil Leseprobe

Unser Hotel lag in Hamburgs City an der Alster. Wir konnten von unserem Zimmer aufs Wasser sehen. Ich war begeistert. Wenn man, wie ich, aus einem kleinen bayerischen Dorf kam, ist eine Großstadt wie Hamburg der absolute Wahnsinn. Rene lebte in Norderstedt, einem Vorort, und kannte sich dementsprechend gut aus. Wir waren am Freitagnachmittag angereist. Mein Flieger nach Hause sollte am Sonntagnachmittag starten.
Und Samstag spielte der HSV gegen Dortmund. Rene war Fußballfan wie ich. Das erste, was wir taten, war, Dr. Reimers zu fragen, ob wir das Spiel sehen durften. Er hatte schließlich die Aufsicht und organisierte unsere Freizeit an diesem Wochenende. Darüber hinaus waren wir minderjährig. Er lachte verständnisvoll. Es war sechs Uhr abends und wir saßen im Essensraum des Hotels. Er bat uns auf seine Ansprache zu warten.


„Einen schönen guten Abend, meine jungen Damen und Herren.“ Freudig schaute der Doc von einem zum anderen. „Ich freue mich, dass ihr alle es geschafft habt, heute an unserem ersten Treffen teilzunehmen. Ich sehe diesen Kontakt als sehr wichtig und bedeutsam für euch an, denn ihr lernt auf diese Weise das erste Mal andere Kinder und Jugendliche kennen, denen es genauso geht wie euch. Nutzt die Zeit für private Gespräche. Tauscht eure Handynummern aus und versucht später in Kontakt zu bleiben, wenn ihr erwachsen seid. Nicht alle von euch werden den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen. Aber gerade für diejenigen, die es tun, ist es wichtig, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, um von den Erfahrungen der anderen zu profitieren.“ Eines der Mädchen meldete sich. „Ja, Caro, was gibt es?“
„Warum sind nur zwei Jungen dabei, hatten die anderen keine Lust?“ „Nein, das sind im Augenblick die einzigen Herren, die wir in dieser Altersklasse haben. Es kommen sehr viel mehr Mädchen zu mir in die Sprechstunde als Jungen. Ich rätsle selbst über die Gründe. Bei Rene und Max trat die transsexuelle Prägung schon sehr früh im Kleinkindalter auf. Beide wussten, dass sie keine Mädchen, sondern Jungen waren. Ich denke, es liegt an der Gesellschaft und an den Eltern. Wenn sich ein Mädchen wie ein Junge verhält, hat es weniger Probleme mit der Umwelt, als umgekehrt. Es wird toleriert, wenn ein Mädchen keine Kleider tragen will. Für die Eltern läuten zunächst keine Alarmglocken. An ihrer Tochter ist nur ein Junge verloren gegangen und sie denken, sie wird sicher eine emanzipierte Frau werden, was den Eltern in der Regel recht ist. Das war eine sehr gute Frage. Wir sind deshalb hier zusammen gekommen, damit ihr Fragen stellen könnt. Transsexualität ist kein Kinderspiel. Ihr habt es etwas besser als eure erwachsenen ‚Kollegen‘, weil ihr frühzeitig die Gelegenheit erhalten habt, euch zu dem Geschlecht zu bekennen, dass ihr in euch fühlt.“ Ich meldete mich.
„Meine Mutter hat mal unserem Pfarrer den Marsch geblasen und gesagt, dass unser Gehirn bestimmt, wer oder was wir sind.“


„Ja, das ist richtig. Davon gehe ich auch aus. Ohne die Leistung unserer Gehirne ist der menschliche Körper nur ein Klumpen Fleisch. Wenn das Gehirn nicht richtig funktioniert, benötigen wir Hilfe bei den einfachsten Aufgaben. So wie es bei geistig Behinderten der Fall ist. Ein schwer behinderter Mensch kann nur in der Gemeinschaft mit Gesunden überleben und wäre allein nicht in der Lage, sich gegen wilde Tiere zu wehren oder sich Nahrung zu suchen. Das Gehirn ist somit unser Motor. Und es entscheidet, wenn wir vor der Frage stehen, ob wir Junge oder Mädchen sind.“
Wir waren bereits mitten in der Diskussion. Alle sprachen durcheinander.
„Bitte nehmt die Namensschildchen, die ich euch vorhin gegeben habe, und befestigt sie an euch. So könnt ihr einander schneller kennen lernen. Ich habe mein Zimmer hier im Hotel und bleibe bei euch, damit wir uns gegenseitig Löcher in den Bauch fragen können. Allerdings soll der Spaß nicht zu kurz kommen und Hamburg bietet Einiges. Ich wurde schon auf das Fußballspiel morgen angesprochen. Wer hat außer Rene und Max Interesse am Volksparkstadion? Es besteht die Möglichkeit im Nebengebäude Schlittschuhe auszuleihen, während eine Gruppe Fußball schaut. Es gibt dort nämlich eine Sommereisbahn.“


Drei Mädchen wollten spontan zum Fußball, der Rest entschied sich für die Eishalle. Rene und ich schauten uns an. Arschkarte. Beides ging wohl nicht. Der Doc telefonierte mit einer seiner Sprechstundenhilfen. Sie wollte kommen und die Eisgruppe begleiten. Am nächsten Morgen sollte eine Psychologin einen Vortrag bei uns halten und hinterher mit uns diskutieren.
„Schreibt euch in die Liste ein, die ich jetzt rumgebe. Für Sonntagvormittag habe ich eine Hafenrundfahrt geplant. Zu Planten un Blomen oder Hagenbeck reicht leider die Zeit nicht aus. Aber wenn euch das Seminar gefallen hat, versuchen wir es im nächsten Jahr zu wiederholen und dann steht Hagenbeck auf dem Programm.“
Alicia, die jüngste mit dreizehn Jahren, hob ihren Arm. „Dürfen wir nicht morgen Abend zum König der Löwen? Ich freue mich schon so sehr darauf.“
„Dafür habe ich dreizehn Karten bestellt, elf Kids und zwei erwachsene Begleitpersonen. Wir fahren gemeinsam mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und ich bitte euch auf jeden Fall bei der Gruppe zu bleiben. Bitte auch die beiden siebzehn- bzw. achtzehnjährigen Damen. Ich trage während dieser drei Tage die Verantwortung für euch und möchte alle wieder heil und gesund bei den Eltern abliefern. So wie ich sehe, gibt es Abendbrot. Wir treffen uns um halb acht Uhr im Seminarraum zum weiteren Kennenlernen und Quatschen. Da versuchen wir eine gemütliche Sofarunde aufzubauen.“
Ich spürte Hunger. Das Essen war reichlich und schmeckte gut. Es gab Würstchen, Kartoffelsalat und Brot mit Aufschnitt. Rene und ich langten ordentlich zu. Die Mädchen an unserem Tisch staunten Bauklötze, was wir in uns hinein futterten. Aber Rene spielte Tennis im Verein und manchmal Eishockey. Er traf sich mit ein paar Kumpels jeden Tag zum Skateboarden. Wir brauchten beide viele Kalorien für unsere sportlichen Aktivitäten.


„Ich warte schon sehnsüchtig auf meine Hormone“, sagte ich zu ihm und nahm mir das sechste Würstchen.
„Ich auch. Meine Kumpels haben alle mit dem Stimmbruch angefangen.“ Ich nickte traurig.
„Ja, mein bester Freund Andy hat mir gezeigt, was für Kunststücke sein bestes Stück kann und ich saß wie Pik Sieben daneben. Es ist schon ein Kreuz. Die Mädels haben, was wir so gerne hätten.“ Melanie und Kerrin hörten uns aufmerksam zu. Kerrin schüttelte genervt den Kopf.
„Ich hatte schon befürchtet, dieses Gespräch würde nie enden. Wie appetitanregend, mit euch zweien am Tisch zu sitzen. Wir können gerne tauschen.“ Melanie gab ihr Recht.
„Mein komisches Teil da unten könnt ihr liebend gern bekommen. Es gehört da nicht hin und ist total umsonst. Schade, eigentlich bräuchten die Chirurgen doch nur unsere Teile abnehmen und bei euch anbauen. Das würde die Operation sehr vereinfachen.“
Keine schlechte Idee, dachte ich bei mir.
„Das will ich aber erst sehen. Nicht, dass ich etwas zu Kleines kriege.“ Melanie schüttelte den Kopf. „Wenn du dich als Frau fühlen und so wie ich aussehen würdest, wärst du garantiert nicht zufrieden. Wir können froh sein, dass es den Doc und sein Team gibt.“ Oh, das hörte sich nicht gut an. Ich spürte ein schlechtes Gewissen.
„Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Bist ‘n sehr nettes Mädel.“ Sie verzog ihren Mund. Kerrin brachte es geschickt und diplomatisch auf den von beiden beabsichtigten Punkt.


„Deine Freundin kann sich glücklich schätzen. Ein junger Graf, mit Schloss und Manieren. Das gibt es heute nicht oft.“ Hach, das ging runter wie Öl. Ich überlegte, bevor ich die Katze aus dem Sack ließ, ob ich das letzte Würstchen noch essen sollte und drehte mich zu Rene. Der hatte es bereits selbst in Augenschein genommen. „Wollen wir teilen?“, meinte er. Im nächsten Moment stachen unsere beiden Gabeln zu und machten der Wurst erst mal den Garaus. Melanies Blicke ruhten auf mir. Ja, Süße, ich muss dich leider enttäuschen. Du willst wissen, ob ich noch frei bin. Nein, bin ich nicht. Jenny hat gewisse Vorrechte. Erst einmal war sie vor dir da, zweitens ritt sie gut und… ihr Vater trug einen Titel. Zwar nur ein einfacher Freiherr von Regitz, aber immerhin. Ich begann wie meine Eltern standesgemäß zu denken. Es gab so wenige von uns, dass wir versuchen mussten, ein paar Adelsgeschlechter zu erhalten.
„Ich habe eine Freundin, sie heißt Jenny von Regitz und reitet im Landeskader von Schleswig-Holstein. Wir haben uns in Warendorf beim Sichtungslehrgang kennengelernt. Aber ich denke, sie hat nichts dagegen, wenn ich nett zu euch bin, solange es nicht in zu wilde Knutschereien ausartet und sie sich Sorgen machen muss. Sie weiß von mir und findet nichts dabei. Wenn ich erst Hormone bekomme, werde ich männlicher aussehen und nach der OP besteht die Möglichkeit eine Pumpe in den Penis einzusetzen, so dass ich mit einem Mädchen schlafen kann.“
Melanie sah mich mit verklärtem Blick an. „Verloben heißt: Festhalten und Weitersuchen.“


„Also, unsere OP ist ebenfalls nicht ohne. Der Schniedel wird weggeschnitten und nach innen gestülpt, so dass eine Vagina daraus wird. Wichtig ist die Harnröhrenverkürzung. Da darf nichts schief gehen, sonst trägt Frau Windeln. Aber es gibt inzwischen sehr gute Ärzte und Kliniken, die das machen. Ich weiß nur noch nicht, ob ich mir Silikon in die Brust einsetzen lassen will“, meinte Kerrin und machte ihrem Herzen ungeniert Luft.
„Was sagt denn der Doc dazu?“, meldete sich Rene. „Ich hab dank ihm keine Regel mehr gekriegt, sonst wäre ich wohl total durch geknallt. Die erste Blutung war so schrecklich, dass ich dachte, mein letztes Stündlein hat geschlagen und ich war erst knapp Zwölf gewesen.“
„Ja“, antwortete ich. „Mir ging es genauso. Und was das Silikon angeht, da wäre ich vorsichtig. Nicht auszudenken, wenn das ausläuft! Das gibt doch bestimmt genug Sachen für euch zum Unterstopfen. Meine Klassenkameradinnen tragen alle so besondere BH‘s, wo es mehr scheint, als tatsächlich da ist.“
Rene grinste und meinte: „Stell dir vor, du bist so weit, das du ihr in die Oberweite greifen darfst und da ist nur Stoff. So’n Shit, das wird die totale Verarsche für dich.“


Die Mädchen kicherten. Unser Doc beendete den Abendbrottisch, wir durften auf unsere Zimmer gehen. Melanie nahm mich besitzergreifend in den Arm. Geiles Gefühl, als Junge so angebaggert zu werden.
Rene zog die Gardinen vor und knipste seine Nachttischlampe an. Es wurde gemütlich. Ich schaltete meinen Laptop ein.
„Sind da auch Lesben dabei?“, fragte Melanie, als ich den anderen meine Lieblingsseiten zeigte.
Die Bilder lösten spontane Erregung bei mir aus. Inzwischen wusste ich, dass die Klitoris für meinen Lustgewinn verantwortlich war und es immer bleiben musste. Einen richtigen Penis mit Schwellkörper, so wie ihn Andy besaß, werde ich nie haben können und somit war mir ein Orgasmus als Mann verwehrt. Ich schluckte traurig, als ich daran dachte. Da werde ich endlich irgendwann ein Mann sein und das Wichtigste, den Orgasmus, kann ich nur wie eine Frau erleben. Irre. Und irgendwie ungerecht. Es war fies, gemein, was mit uns geschah. Wir hatten doch niemandem etwas getan. Warum mussten wir so leiden? Missgeburt, da war es wieder. Das Wort, das mir eine leise Stimme in meinen ersten jungen Kinderjahren immer zuflüsterte, wenn ich über mich nachdachte und mich damit oft bis an den Rand des Wahnsinns brachte.


„Ich glaube, wir werden alle bisexuell“, erklärte ich den anderen und versuchte mich damit aus der Lethargie zu holen. „Das ist irgendwie logisch. Allerdings ein Vorteil bei der Partnersuche. Man hat mehr Möglichkeiten, den oder die Richtige zu finden.“ Melanie schmiegte sich wie ein Kätzchen an mich.
„Wenn deine Jenny keine Lust mehr auf dich hat, ziehe ich gerne zu dir aufs Schloss und werde Gräfin. Ansonsten werde ich nach der OP Lesbe.“
Rene platzte heraus: „Vielleicht eine lesbische Gräfin.“
Ich sah auf die Zeit. Es war gleich halb acht Uhr und wir sollten in den Seminarraum kommen. Ich wollte mir noch etwas zu trinken besorgen. Wobei, ein paar Bier hatte ich schon im Rucksack. Die gehörten Rene und mir heute am späten Abend. Der Gutenachttrunk für echte Männer!
Die Mädchen wollten sich frisch machen. Mit Cola, Schokolade und Gummibärchen betraten wir Jungen den Gruppenraum. Dort lernten wir die anderen Mädels kennen. Wir waren beide heißbegehrt. Alle wollten neben uns sitzen und sich an uns kuscheln. Ich legte meinen Arm mal um die eine und mal um eine andere.
„Was ist bei uns eigentlich normal, Doc. Werden wir hetero oder schwul-lesbisch oder alles davon?“, fragte ich Herrn Reimers.
„Wieder so eine gute Frage. Max, wenn ich das wüsste, wäre ich vielleicht schon reich. Ich denke, dass ihr bereits viel weiter seid und eure ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt habt, stimmt’s?“
Ich grinste. „Ich habe eine Freundin, mit der ich aber außer Knutschen noch nicht viel anfangen kann. Auch mit meinem Freund war es schön.“
„Und jetzt kommt meine Gretchenfrage: Max, als was hast du dich dabei gefühlt und gesehen? Als Mädchen oder als Junge?“
Ich sah den Doktor an, trank einen Schluck Cola und antwortete selbstsicher: „Als Junge. Ausschließlich. Ich bin wahrhaftig kein Mädchen.“


„Ist es denn normal, wenn ich mich als Mädchen fühle und mit Mädchen schmusen will, obwohl ich biologisch ein Junge bin?“, fragte Meike und schien sehr verunsichert und ängstlich zu sein.
„Es ist alles normal, Meike. Wichtig ist dein Gefühl. Wenn es dir dabei gut geht, kannst du jeden Partner wählen. Deine sexuelle Ausrichtung und deine transsexuelle Prägung haben nichts miteinander zu tun. Du musst dir nur sicher sein, dass du wirklich als Mädchen leben willst und kannst. Wenn du nur leichte Zweifel spürst, warte mit der gegengeschlechtlichen Hormoneinnahme. Dein Gehirn entwickelt sich noch und es kann dir plötzlich signalisieren, dass du doch ein Junge bist. Ihr reift alle in einem unterschiedlichen Tempo. Niemand kann vorhersehen, was in ein, zwei oder drei Jahren sein wird. Deshalb sind wir Ärzte so vorsichtig. Kollegen von mir gehen noch viel weiter und sagen, dass unsere Methode falsch ist, weil laut ihrer Studien ein großer Teil Jugendlicher sich mit seinem Geschlecht aussöhnt und schwul oder lesbisch wird“, erklärte Herr Reimers.


Katharina war bereits achtzehn Jahre alt und hatte die ersten weiblichen Hormone eingenommen. Sie empörte sich heftig.
„Hört bloß auf mit diesem Idiotenverein. Die nennen das standards of care und sind Ärzte ohne eigene persönliche transsexuelle Erfahrung. Man muss selbst betroffen sein, um das verstehen zu können. Die Behandlung, die wir hier erhalten, ist die einzig Vernünftige. Bei Herrn Reimers steht der Mensch, der einzelne Mensch im Vordergrund. Nicht das Profilierungsdenken von Ärzten, die vielleicht nur auf eine Professur hoffen und bereit sind, dafür über unsere Leichen zu gehen. Ich konnte nur deshalb anständig meine Schule weitermachen, weil ich wusste, dass mir der Doc mit spätestens Achtzehn helfen würde. Meine Eltern erlaubten mir mit sieben Jahren als Mädchen zur Schule zu gehen. Sie halfen mir, wo sie nur konnten. Ich verdanke ihnen und Doktor Reimers mein Leben. Und das tut ihr in gewisser Hinsicht alle.“
Das waren ehrliche Worte. Ich hatte schon viele Lebensgeschichten von Transsexuellen im Internet und in Büchern gelesen. Mein Bücherschrank glich fast der Schlossbibliothek meines Vaters. Die meisten bekamen die Unterstützung erst als Erwachsene und so lange gab es das Transsexuellengesetz noch nicht. Die Medizin machte in den letzten Jahren große Fortschritte, die an uns nicht spurlos vorüber gingen. Gerade die OP Frau zu Mann war sehr schwierig, weil ein Penis aufgebaut werden musste. Es gab einige Ärzte in Deutschland, die das in unterschiedlichen Zeiten konnten. Die Angleichung bestand aus mehreren Eingriffen, die jeder für sich recht umfangreich waren. Oder es gab eine einzige große OP, die allerdings sehr viel kostete und nicht immer von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wurde.
Für mich konnte ich mir diese Lösung vorstellen. Das Ganze fand in einer Privatklinik statt. Es gab dabei kaum Komplikationen und darauf kam es doch an. Man musste an den Menschen denken und das Beste für jeden Einzelnen tun. Ich hatte Glück, denn meine Eltern konnten die Kosten bezahlen, wobei mein Vater einen großen Teil von unserer privaten Krankenversicherung zurückbekam. Das war inzwischen wohl von jemandem gerichtlich durchgesetzt worden. Die bezahlten auch die Behandlung bei Doktor Reimers vollständig. Ich erzählte den anderen, was ich wusste.


„Du bist sehr weit für dein Alter, Max. Aber das liegt sicher an deiner besonderen Erziehung“, meinte Herr Reimers.
Ich lachte. „Wir liegen in Bayern in Pisa nicht umsonst so weit vorn. Es wird am Gymnasium bei uns viel verlangt und ohne freiwilliges Lernen und Büffeln ist das nicht zu schaffen. Aber ich bin in gewisser Weise sehr streng, beziehungsweise standesbewusst erzogen worden. Mein Vater meint immer: Adel verpflichtet. Das hörte ich mitunter täglich und es prägte sich irgendwann ein. Die Religion ist bei uns ebenso nachhaltig. Bei unserem alten Pfarrer hatte ich es sehr schwer gehabt, aber meine Mutter hat dem ordentlich die Meinung gesagt. Der Neue ist da toleranter. Und ich hab ihm übel mitgespielt, aber das gehört hier nicht her.“
Erschrocken schwieg ich. Das Erlebnis mit dreizehn Jahren belastete meine Seele, trotz fleißiger Gartenarbeit. Es schlich sich immer in meine Gedanken und meine momentane Erlebenswelt, wenn ich das Gefühl hatte richtig glücklich zu sein.
Ich spürte plötzlich Müdigkeit und musste gähnen. Einige andere reagierten darauf und wollten ins Bett. Dr. Reimers löste die Gruppe auf.


„Ich wünsche euch allen eine gute Nacht. Wir treffen uns morgen früh um acht Uhr im Frühstücksraum.“
Rene und ich putzten nach dem Duschen die Zähne und schlüpften zusammen mit meinem Laptop unter seine Bettdecke.
Nach dem Frühstück am anderen Morgen trafen wir uns wieder im Seminarraum. Die Psychologin war gekommen und stellte sich vor. Sie hieß Irmtraud Wagner und arbeitete schon lange mit jugendlichen und erwachsenen Transsexuellen. Wir erfuhren einiges über Gerichtsgutachten und Kostenübernahmeerklärungen der Krankenkassen.
„Das soll erst mal genügen. Das meiste ist nur für eure Eltern wichtig, doch ihr müsst über diese rechtlichen Sachen Bescheid wissen. Mit dem Gerichtsbeschluss über die Vornamen- und Personenstandänderung dürft ihr euch an euer Geburtsstandesamt wenden. Die Geburtsurkunde wird auf Antrag auf den neuen Namen umgeschrieben und das Geschlecht wird geändert. Wenn ihr später dazu etwas wissen wollt, hilft euch Herr Reimers gerne und ich bin ebenfalls hier ortsansässig. Nun, habt ihr Fragen an mich? Vor allem menschliche? Wie kommt ihr mit eurer Umgebung klar? Eltern, Geschwister, Freunde, Schulkameraden? Gibt es irgendwo Mobbing wegen eurer Andersartigkeit?“
Ich überlegte einen Moment. „Wir haben uns gestern über die sogenannten standards of care unterhalten, in denen Regeln aufgestellt werden, wie man uns ärztlich behandeln soll. Wie denken Sie darüber?“
Katharina richtete sich auf. „Gute Frage, ich habe nämlich von anderen gehört, die dadurch sehr schlechte Erfahrungen bei Ärzten gemacht haben“, sagte sie. Ich hatte wohl ihr Lieblingsthema getroffen. Wir saßen wieder in unserer Sofarunde zusammen. Dr. Reimers war jetzt nicht anwesend.


„Ja, in der Tat, ich sehe schon, ihr seid bestens informiert. Das ist wichtig, denn ihr allein bestimmt über euer Leben. Nun, ich stehe diesen standards sehr verhalten gegenüber, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die meisten Leute, die sie aufstellten, waren Ärzte und keine Patienten. Man kann sich zwar in andere Menschen hinein fühlen und das gelingt vielen Zeitgenossen sogar sehr gut, aber letzten Endes ist der Mensch selbst ausschlaggebend. Kleine Kinder wissen schon sehr früh, ob sie Junge oder Mädchen sind. Ich gehe davon aus, dass es ihnen eine Stimme im Kopf mitteilt, sobald sie die Welt bewusst wahrnehmen können. Einem Kind die Fähigkeit abzusprechen, sein eigenes Geschlecht benennen zu können, bedeutet schlicht eine Respektlosigkeit vor dem kleinen Wesen und die Nichtbeachtung seiner Persönlichkeit. Mit all den negativen Folgen, die so etwas für die kindliche Seele und ihre Entwicklung hat. Wir müssen einander zunächst ernst nehmen. Warum soll ein Mädchen, das sich als Junge fühlt, keine Hosen tragen und mit Jungenspielzeug spielen dürfen? Und wenn es lieber mit einem Jungennamen gerufen werden will, was spricht dagegen? Kinder verkleiden sich gerne und spielen. Irgendwann beginnt er/sie ein neues Spiel, das da heißt, ich will ab sofort wieder ein Mädchen/Junge sein. So, und das ist der springende Punkt. Wenn dies nicht kommt, muss man das Kind genau beobachten und fragen, was anders läuft. Bleibt ein Kind bis zum Beginn der Pubertät in der gewünschten geschlechtlichen Rolle, ist davon auszugehen, dass möglicherweise eine transsexuelle Prägung vorliegen könnte. Und es ist Fingerspitzengefühl gefragt. Der Körper wird sich dem biologischen Geschlecht gemäß entwickeln und die Unterdrückung der Pubertät ist eine Möglichkeit, diesem Kind alle Optionen offenzuhalten. Ich halte es für besser, die körperliche geschlechtliche Entwicklung auszusetzen, denn der Patient will gerade diese Entwicklung verhindern, als darauf zu vertrauen, dass die meisten sich mit ihrem Geschlecht aussöhnen und homosexuell werden. Die sexuelle Ausrichtung hat mit dem selbst empfundenen Geschlecht nichts zu tun und die weiblichen oder männlichen Körperteile werden von Kindern abgelehnt, die sich dem Gegengeschlecht angehörig fühlen. Warum muss man sie zwingen, diese Organe zur vollen Funktion zu bringen? Die Kinder sind ohnehin schon gestresst genug und leiden unter ihrem Geschlechtsfehler. Das ist dem Gedanken von Hilfe und helfen wollen völlig abtrünnig. Wann hast du festgestellt, dass du kein Mädchen bist?“ Sie sah mich fragend an.


„So mit dem dritten oder vierten Lebensjahr. Ich wusste es einfach. Da waren mein Vater und unser Chauffeur Gerhard, Hartmut Berger, der Förster, und mein Reitlehrer Robert. Frauen gab es auf dem Schloss auch, aber ich war wie mein gleichaltriger Freund Jacob und die erwachsenen Männer. Ich brauchte das nicht zu hinterfragen. Was sollte ein Mädchen eigentlich sein? Ich war jedenfalls keines. Es gab jedes Mal einen riesen Aufstand, wenn meine Mutter mich als Mädchen herausputzen wollte. Meine Eltern ignorierten in dieser Hinsicht meine Wünsche und meinen Willen und ich musste tun, was sie bestimmten. Das war sehr schwer, denn ich wollte sie nicht verlieren oder dass sie böse mit mir sind. Wobei ich irgendwann mein eigenes Ding durchgezogen hab. Und mir war es egal, ob ich ihnen Scherereien mit meinem Geschlechtsproblem machte. Als ich meine erste Regel bekam, wäre ich am liebsten gestorben. Das Gespräch mit meiner Mutter fiel an dem Tag sehr heftig aus und setzte wohl ein Umdenken bei ihr in Gang. Gottseidank ist sie mit einer Psychologin befreundet, die ihr die Telefonnummern von Herrn Reimers und Frau Michelsen gab. Das war die Kehrtwende in meinem Leben.“


Die Mädchen begannen sich zu unterhalten. Sie erzählten ihre eigenen Geschichten. Den meisten war es ähnlich ergangen. Frau Wagner lächelte.
„Das hatte ich mir gedacht. Es wäre wichtig gewesen, dich mit deiner Aussage ernst zu nehmen, um dir auf diese Weise nicht nur geschlechtliche Sicherheit zu geben, sondern auch Selbstwertgefühl. Aber deine Eltern haben noch rechtzeitig die Kurve bekommen und dafür kannst du ihnen dankbar sein. Wie gesagt sehe ich nicht ein, warum man Kinder quälen soll, damit sie eine geschlechtliche Entwicklung durchmachen, die sie auf das Tiefste ablehnen. Jeder Mensch wird sein Leben so einrichten, wie er es gut findet. Und wer sich als junger Erwachsener mit seinem biologischen Geschlecht aussöhnt und in der Ausrichtung schwul oder lesbisch leben will, wird das auch durchsetzen. Meine Aufgabe als Psychologin ist es, auf den Menschen zu achten. Ich respektiere die Wünsche und dadurch entwickelt sich Selbstvertrauen und Selbstsicherheit beim Patienten. Davon können wir gar nicht genug haben. Natürlich dürft ihr nicht alles. Ein paar Regeln, vor allem die Strafgesetze und den Straßenverkehr, müsst ihr beachten. Aber das tut jeder vernünftige Mensch. Ihr könnt das umso besser, je sicherer ihr euch selbst erlebt.“

Bis auf Bärbel erzählten alle der Reihe nach von sich und den eigenen Erfahrungen. Bärbel saß still neben uns. Ich tauschte mit Rene den Platz und stupste sie an. Sie war sehr zart und machte den Eindruck, als würde sie jeden Moment zerbrechen.
„Hey, was ist mit dir. Du warst gestern Abend schon so traurig, gefällt es dir nicht bei uns?“, fragte ich sie. Melanie horchte auf und Kerrin blickte sofort zu uns.
„Doch, es, es ist schön bei euch zu sein. Ich habe Schwierigkeiten mit meinen Eltern und den Geschwistern. Zwei meiner drei Brüder sind älter und sie drohen mir immer Prügel an. Ich bin eine Schwuchtel und kein normaler Mensch wegen meiner Sache, sagen sie. Wenn es nach meinen Eltern ginge, wäre ich nicht hier. Sie wollten, dass ich in die Psychiatrie komme, weil bei mir eine Schraube locker ist.“
Frau Wagner beendete sofort ihr Gespräch mit Rene. „Bärbel, wie alt bist du?“, fragte sie.
„Ich bin jetzt Fünfzehn.“
„Gut, damit bist du alt genug, um dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde mit Herrn Reimers sprechen, damit er versucht, an deine Eltern heranzukommen. Sie sind der Schlüssel zu deinen Brüdern. Andererseits müssen wir möglicherweise sehen, ob wir dich woanders unterbringen können, damit du frei von Zwang und Gewalt deine Entwicklung abwarten kannst. Du bist nicht geisteskrank und du bist kein Fall für die Psychiatrie. Das muss deinen Eltern erklärt werden. Meistens machen die sich Gedanken und glauben, sie haben bei ihrer Erziehung etwas falsch gemacht. Oder ihre eigenen Gene sind schuld an deiner Ausprägung. Das ist alles Quatsch und ich hoffe, Herr Reimers kann deinen Eltern helfen.“


Bärbel kuschelte sich an mich. „Danke, ich bin nicht so stark und manchmal habe ich schon daran gedacht, dass es besser wäre, tot zu sein.“
Nein, um Gottes Willen. Der Schreck traf mich sehr. Melanie, Kerrin und Katharina standen spontan auf und knieten sich vor sie hin. Melanie nahm sie in den Arm, Kerrin umschloss ihre Hände.
„Liebes, daran darfst du nicht einmal im Traum denken. Du bekommst jetzt alle Hilfe der Welt. Ich verstehe, was der Doc gestern gemeint hat. Wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig helfen. Wir sind für dich da. Und wenn du nicht mehr zu Hause wohnen willst, finden wir eine Lösung. Wir können zusammen eine WG gründen“, sagte Katharina.
Frau Wagner atmete laut aus und machte sich zufrieden Notizen.


„Das müsst ihr auch. Ihr braucht den Kontakt zu anderen Transsexuellen. Später rate ich euch, die Erwachsenen in ihrer Gruppe zu besuchen. Natürlich erst, wenn ihr selbst erwachsen seid. Jetzt reichen eure Beziehungen völlig aus und Herr Reimers koordiniert euch. Er konnte euch nur so zusammenbringen, denn er muss das Arztgeheimnis wahren. Wir haben lange überlegt, wie wir es am besten anstellen, damit ihr einander kennenlernt. Manchmal klappt es im Wartezimmer, wenn die Spritzen- und Behandlungstermine gleich liegen, aber es erschien uns besser, ein solches Seminar ins Leben zu rufen.“
Ich fühlte eine innere Wärme in mir aufsteigen und kämpfte kurzzeitig vor Rührung mit den Tränen. Diesen Moment der Anteilnahme und des Geborgenseins im Kreise meiner neuen Freunde, aufgefangen durch Ärzte wie Frau Wagner und Herrn Reimers, würde ich niemals vergessen. An diese Gefühle konnte ich mich später erinnern, wenn es Schwierigkeiten geben würde. Ich dachte daran, anderen Transsexuellen zu helfen, sobald ich erwachsen war. Ich wollte etwas von diesen schönen Augenblicken an jene weitergeben, die es vielleicht noch mehr brauchten als ich.
Es war Mittag geworden. Frau Wagner gab jedem von uns ihre Karte. Wir sollten sie anrufen, wenn es Probleme gab. Sie würde dafür nichts nehmen, solange sie nicht von unseren Eltern einen entsprechenden Auftrag bekam und über die Krankenkasse abrechnen konnte. Sie verabschiedete sich.
„Wenn also irgendjemand Dummheiten plant, ruft bitte erst an. Blödsinn könnt ihr danach immer noch machen, aber wir sollten vorher drüber reden.“
Wir brachten sie mit viel Beifall zur Tür.


Zeit fürs Mittagessen. Herr Reimers war anwesend und führte während der Mittagspause einige persönliche Gespräche. Rene und ich machten uns Fußballfertig. Wir schwelgten in Vorfreude auf unser Spiel und wollten uns auf jeden Fall einen HSV Schal besorgen. Kerrin neckte uns. Sie stand auf Dortmund.
Ein gelungener Nachmittag schloss sich an, den am Abend der König der Löwen toppte. Ich hatte ihn somit zum zweiten Mal gesehen. Die Baronin hielt damals nämlich Wort und schickte meiner Mutter drei Eintrittskarten für die Ehrenloge. Aber die Aufführung jetzt inmitten von ‚Leidensgenossen‘ sehen zu dürfen, war einfach toll. Wie selbstverständlich besuchten Rene und ich die Herren- und die Mädchen die Damentoilette. Wir fielen nicht auf. Niemand nahm Notiz von uns. Wir gehörten in unserer selbst erlebten Geschlechterrolle zur normalen Gesellschaft dazu. Nach der Hafenrundfahrt am nächsten Tag saßen wir zum Abschlussgespräch bei Kakao und Kuchen im Seminarraum zusammen. Alle wollten ein weiteres Treffen und baten Herrn Reimers, im nächsten Jahr wieder etwas zu organisieren. Rene und ich versprachen, einander zu besuchen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen Andy gegenüber und überlegte, wie ich ihm meine Gefühle für Rene am besten beibringen konnte. Auf dem Rückflug grübelte ich. Mir war nicht gut, aber da musste ich wohl durch.
Zuhause überraschte mich mein Vater damit, dass er mich zum nächsten Termin in Hamburg begleiten wollte, der Mitte März anstand. Er sollte Geschäftspartner treffen. In etwas mehr als drei Monaten würde er mit mir fliegen und sich ein Männerwochenende mit mir gönnen, wie er augenzwinkernd meinte. Mum sollte nicht allzu viel erfahren. Ich dachte mir meinen Teil. Ich war in bestimmter Hinsicht wesentlich weiter als mein Vater ahnte.
Trotzdem kam Vorfreude auf.


Die Zeit verging. Andy erschien eines Nachmittags bei mir auf dem Schloss. Er musste dringend mit mir reden. Oh je. Mein Mut rutschte in die Hose. Wir hatten uns seit meiner Rückkehr verhalten wie immer und ich brachte es nicht übers Herz ihm von Rene zu erzählen, dem ich in der Zwischenzeit fleißig Mails schickte. Auch Jenny schrieb. Ich hatte also drei Beziehungen am Laufen.
Andy trat etwas zusammengesunken zu mir ins Zimmer. Sonst rannte er immer die Stufen hinauf, aber heute war es anders. Er sah nicht gut aus. Wir küssten uns wie sonst.
„Max, ich muss dir etwas sagen. Bitte, du darfst mir nicht böse sein. Ich liebe dich, aber es ist wie verhext. Max, ich hab da jemand kennengelernt, beim Fußballlehrgang. Und, ich,…oh Shit.“ Er druckste.
„Ein anderer Junge?“, fragte ich. „Und du hast mit ihm…?“
Mein bester Freund nickte blass mit dem Kopf. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich schrie erleichtert auf.
„Freut dich das etwa? Ist dir unsere Freundschaft so wenig wert?“, empörte er sich. Ich nahm ihn in die Arme. Meinen Mund presste ich auf seinen und unsere Zungen verschmolzen miteinander.
„Einen Augenblick“, sagte ich und stand auf, um meine Zimmertür abzuschließen. Normalerweise klopften alle an, die zu mir wollten, aber man konnte nie wissen. Ich zeigte ihm Rene auf dem Handy. „Er heißt Rene und weiß über dich Bescheid. Wir waren die einzigen Jungen. Als wir uns zusammen auf meinem Laptop entsprechende Seiten ansahen, passierte es einfach. Männer reagieren auf Bilder. Er wird mich im Sommer besuchen kommen und möchte dich kennen lernen. Er will mich nicht heiraten, das überlässt er gerne dir.“


Andy warf sich gespielt wütend auf mich. Wir rauften und rangelten auf meinem Bett. „Weißt du, wie viel Blut und Wasser ich geschwitzt habe, weil ich nicht wusste, wie du meinen Ausrutscher mit Thorsten aufnimmst?“
„Ich habe nächtelang nicht geschlafen, weil ich Angst vor dir hatte und nicht wollte, dass es wegen Rene aus zwischen uns ist“, konterte ich.
„Oh, wie sind wir doch bescheuert!“ Andy sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Ja, wir sind schon dämliche Schwuchteln, wobei: Bist du noch mit Jenny zusammen?“
Ich bejahte. „Aber an uns wird sich nie etwas ändern, Andy. Du bist mein Freund und wenn ich zweimal heiraten könnte, wärst du mein Mann. Aber ich brauche irgendwann eine Frau, damit wir Kinder kriegen können.“
„Wir können auch als schwules Paar Kinder bekommen. Wir suchen uns ein lesbisches Mädchenpaar.“ „Ach, Andy, woher nimmst du deine überragende Intelligenz. Ich weiß nur nicht, ob meine Eltern dich gerne als Gräfin Wildenstein haben wollen.“ Andy starrte mich an.
„Andere Version. Ich lass mich zur Frau operieren, mein Sperma wird vorher eingefroren und du lässt deine Eizellen einfrieren. Wir ziehen mit einer geburtswilligen Lesbe zusammen und leben glücklich zufrieden bis an unser Lebensende hier auf dem Schloss.“


„Und wenn wir nicht gestorben sind, leben wir noch heute!“ Ich konnte nicht mehr vor Lachen. Andy meinte es tatsächlich ernst. Wir waren beide Siebzehn und die Welt lag uns zu Füßen. Was eines Tages aus uns werden würde, wusste ich nicht.
„Du, ich fahre nächsten Monat mit meinem Dad nach Hamburg zur Spritze. Er will Geschäftspartner treffen und hat so komische Andeutungen gemacht, von wegen Männerweekend und so. Ich glaub, der will mich aufklären. Hihi. Ich weiß doch dank Hubis Website seit langem bestens Bescheid und mit Jenny probiere ich nach der OP meine Pumpe aus. Sie hat mich durch die Blume wissen lassen, dass sie es will. Ich erzählte ihr von Melanie und von unserem Treffen. Die Mädels mailen inzwischen, aber ich hab manchmal das Gefühl, die machen sich einen Spaß mit mir und wollen mich nur verarschen.“
Andy lachte sarkastisch auf. „Warum, glaubst du, fange ich mit dem Weibervolk nichts mehr an? Ich will mich doch nicht dauernd zum Affen machen lassen. Die sind alle gleich und wollen von uns nur das eine. Ne, ein Junge ist da viel unkomplizierter. Der macht keinen Beziehungsstress und so.“
Ich gab ihm einen Kuss.


Gottseidank hatte mein Fehltritt unserer Beziehung keinen Abbruch getan. Erschrocken sah ich auf die Uhr. Ich musste in den Stall. Die tägliche Reitstunde stand auf dem Programm. Mein Freund lachte.
„Die hast du doch gerade mit mir gehabt, mein Guter.“
Wir zogen uns an. Ich rannte in Reithosen die Treppe zum Stall hinunter. Andy sah mir noch einige Augenblicke beim Training zu und lächelte, als er ging. Auch er schien erleichtert zu sein.
Am Abend erfuhr Rene von mir alles. Er erhielt Andys Mailadresse. Die zwei verabredeten sich tatsächlich im Sommer und schickten sich sogar anzügliche Angebote. Das Leben ist doch schön, dachte ich bei mir.
Die Wochen vergingen schnell. Im März startete unser Flieger nach Hamburg. Vater wusste von Rene und lud ihn zu Samstag ein. Wir wollten zum Fußball und am Sonntag zum Eishockey.
Am Freitag früh um halb zehn Uhr sollte ich zum Termin in der Praxis sein. Doktor Reimers verhielt sich abwartend. Das kam mir irgendwie komisch vor. So war er sonst nie. Womöglich war dies die letzte Spritze, die meine weibliche Pubertät heraus zögerte. Würde er Wort halten und mir das erste Testosteron geben? Er sprach zunächst lange mit meinem Vater, welcher sehr ernst aus dem Sprechzimmer kam. Ich ging hinein.


„Doc, kann ich was fragen?“
„Aber immer, Max. Was gibt’s?“ „Ich hab im April Geburtstag.“
„Oh, das ist schön für dich. Aber vorher gratulieren, bringt Unglück.“
„Doc, wir kennen uns schon so lange und bitte, das ist keine Verarschung. Wann darf ich mit der Hormonbehandlung anfangen?“
„Max, wenn ich dich jetzt verarschen wollte, würde ich sagen, du bekommst seit deinem dreizehnten Lebensjahr bereits Hormone, aber das ist es nicht. Es ist auch für mich immer ein besonderer Moment, wenn ihr das Erwachsenenalter erreicht habt. Ein banger Moment. Die erste Testosteronspritze ist nicht schlimm, aber nach der zweiten und dritten treten meistens irreversible Veränderungen an der Stimme auf. Ich denke dann immer an euch und ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Ich fühle mich bei euch wie ein Vater, dessen Tochter das erste Mal ein Date mit einem Jungen hat und bei dir ist es so, als ob mein eigener Sohn vor mir sitzt. Ich fühle und leide mit jedem von euch mit und ich will das Richtige tun, verstehst du?“
Ja, ich verstand ihn nur zu gut. Ich war mir der Bedeutung des Augenblicks bewusst. Das gehörte zu einem Weg, der mich unabänderlich in die Welt der Erwachsenen führte. Wie ich mich auch entschied, ich musste für immer damit leben. Aber ich war mir sicher. All die Gefühle aus frühen Kindertagen und meine Erlebnisse als Jugendlicher konnten mich nicht getäuscht haben, es konnte kein Irrtum sein. Ich war ein Mann und würde in meinem weiblichen Körper, wenn er entwickelt wäre, als Frau nicht leben können.
Ich sagte es dem Doc, der mich seit fünf Jahren wirklich wie ein Vater durch die Höhen und Tiefen der Jugendzeit begleitet hatte. Ich war mir sicher, ganz sicher. Er drückte auf die Gegensprechanlage und bat die Sprechstundenhilfe, meinen Vater aufzurufen. Der kam erwartungsvoll ins Zimmer und setzte sich auf den Stuhl, der neben mir stand.
„Max! Wiederhole bitte, was Du mir eben gesagt hast“, forderte mich der Doc auf.
„Ich würde mich freuen, wenn wir mit der Hormonbehandlung beginnen könnten. Ich bin mir ganz sicher, dass ich ein Junge bin und als Mann leben möchte. Genauso sicher bin ich mir, dass ich nicht als Frau leben kann und will.“
„Gut, ich respektiere deine Entscheidung und bin einverstanden“, hörte ich meinen Vater sagen. Doktor Reimers erhob sich und zeigte mir den Weg zur Liege, auf der ich sonst meine Spritze bekam. Er ging an seinen Medikamentenschrank, zog eine Kanüle auf. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass es eine andere Schachtel war. Ich ließ die Hosen ein Stück runter, so dass er die Spritze in den Po setzen konnte.


„Es wird intramuskulär gespritzt, tief in den Muskel und dazu ist am besten der Hintern geeignet. Die Spritze wird jetzt alle drei Wochen gegeben. Nach der Operation alle sechs bis zehn Wochen, je nachdem, wie sich der Patient damit fühlt. Lebenslang, Max. Es wird dir schlecht gehen, wenn dein Testosteronwert zu niedrig ist und vor allem, du kannst Osteoporose bekommen. Es ist wichtig für dich, endokrinologisch gut eingestellt zu bleiben. Ich hatte deine Werte letztes Mal bereits kontrolliert und wir werden uns schon in zwei Monaten wiedersehen. Die Spritzen schreibe ich dir auf und telefoniere mit deinem Hausarzt. Er wird sie dir in Zukunft geben. Du musst dir selbst den Turnus auf dem Kalender notieren. Das ist ab sofort deine Aufgabe. Aber du bist sehr Pflicht- und Verantwortungsbewusst und es geht um deine eigene Gesundheit. Wenn ausreichende Vermännlichung eingetreten ist und alle Werte nach der Operation im Normbereich liegen, können wir auf ein Gel umsteigen. Das wird angenehmer für dich sein, weil du damit dein Leben flexibler gestalten kannst und nicht vom Spritzentermin abhängig bist. Im Auslandsurlaub ist das Gel sehr hilfreich.“
Ich hörte nur halb zu. Den Einstich spürte ich nicht. Es war ein so bedeutungsvoller Moment und ich konnte an nichts mehr richtig denken. Ich hatte doch seit der Kindheit von dieser Spritze geträumt und nun? Was fühlte ich? Im Augenblick nichts. Leere. Vielleicht gehörte dieses Nichts, dieses tiefschwarze Loch, dazu? War es der Anfang, der gleichzeitig das Ende markierte? Ich sagte kein Wort, konnte es nicht, denn es fiel mir nichts ein.
Vater sprach mit der Sprechstundenhilfe, verabredete den nächsten Termin und ich gab Doktor Reimers die Hand.
„Danke, ich werde das hier nie vergessen.“ Wir sahen uns an. Ich spürte den kräftigen Druck seiner Finger.


„Max, wir sehen uns. Ich wünsche dir alles Glück der Erde.“ Es war die richtige Entscheidung, wir wussten es beide. Vater ging mit mir in die nächste Apotheke und gab mir die Tüte mit den fünf Ampullen darin in die Hand. Ich passte gut darauf auf. Das Päckchen war meine Lebensversicherung und ich musste immer einen Vorrat davon bei mir haben.
Im Hotel simste ich Rene. Er rief auf dem Handy zurück.
„Ich gratuliere dir. Ich hatte meine vorgestern. Doch es bringt noch nichts. Erst die zweite oder dritte macht den Stimmbruch. Aber wir sollten morgen schon mal vorfeiern.“
Er musste zu einer schulischen Veranstaltung und hatte erst Morgen Zeit. Wir verabredeten uns im Hotel. Mein Vater wollte die Führung übernehmen, hatte drei Fußballtickets bestellt und mich in ein Doppelzimmer einquartiert, so dass Rene nicht mehr in der Nacht nach Hause fahren brauchte. Wir waren in einem Hotel abgestiegen, das sich direkt an der Reeperbahn befand.
Vater schmunzelte, als wir mit dem Taxi vom Doc kamen und an der Großen Freiheit und der Davidswache vorbeifuhren. Ich hatte die Leuchtreklame in mich aufgesogen und Ausschau nach den berühmten Mädchen von Sankt Pauli gehalten. Als Vater an meine Tür klopfte, packte ich gerade meine Sachen aus.
„Max, es ist Mittag. Bist du fertig? Ich nehme dich jetzt zum Geschäftsessen mit. Mr. Henson und Mr. Blake sind Briten, wir werden uns mit ihnen zum Lunch treffen. Du kannst deine Englischkenntnisse beweisen und hörst bitte zu, wie ich verhandle. Eines Tages wirst du für die Firma selbst unsere Auslandskunden betreuen.“


Er lächelte aufmunternd. Einem gelungenen Auftakt meiner Karriere als Geschäftsmann schloss sich ein ebenso schöner Nachmittag in Stellingen auf der Eisbahn an. Wir blieben noch etwas länger, weil es ein Eishockeyspiel für Jugendliche gab. Nach dem Spiel bekam ich mein Abendbrot an der Pommesbude. Vater musste um acht Uhr noch eine weitere geschäftliche Veranstaltung besuchen, zu der er mich aber nicht mitnehmen konnte. Er würde erst spät in der Nacht wiederkommen, sagte er. Mir war es recht. Ich wollte ausgiebig mit Andy telefonieren. Das Hotel verfügte über ein Hallenschwimmbad und einen Fitnessraum. Internet und Kabelfernsehen boten genug Abwechslung, dachte ich.
Um neun Uhr abends war mein gesamter Colavorrat leer und alle Süßigkeiten hatten ebenfalls ihren Weg in meinen Magen gefunden. Ich zappte durch die Kanäle. Langweiliges Programm. Die Fernsteuerung flog aufs zweite Bett. Ich zog mir ein frisches dunkles T-Shirt an und stellte fest, dass mir meine Jeans zu eng geworden war. Irgendwie bekam ich den Reißverschluss nur noch halb zu. Muss eben ein Stück offen bleiben. Ich hatte mir vor einiger Zeit ein künstliches Glied gekauft, welches ich in der Unterhose trug. Die Beule vorne sah geil aus. Ich griff mir meine Jacke, steckte etwas Geld in die Tasche und die mahnenden Worte meines Vaters, abends nicht ohne ihn aus dem Hotel zu gehen, waren Schall und Rauch von gestern. Ich war Hamburg gewohnt und dachte mir nichts dabei, als ich vor dem Hotel stand und ein paar Schritte in die Richtung spazierte, aus der ich laute Musik hören konnte. Grelles Neonlicht empfing mich, hüllte mich ein und betörte meine Sinne. Gerüche von Bier, Zigarettenrauch und Schweiß drangen auf die Straße. Countrymusik, Jazz, Techno und Lieder aus dem Musikantenstadl vermischten sich. Autos hupten, eine Menschenmenge kam auf mich zu, ich wurde mitgerissen, noch ehe ich verstand, was geschah und blickte mich um. Überall ein Meer von Lichtern, noch mehr Menschen und ein Mädchen, grell geschminkt, in Moonboots und mit riesiger Oberweite, nahm mich in den Arm.
„Hey, Kleiner, wollen wir zu mir gehen, du bist aber süß“, sagte sie.
Ich ahnte, dass ich mich von ihr losmachen musste, bekam Panik und antwortete nur: „Danke, du auch. Aber ich bin noch keine Achtzehn.“


„Na, dann komm wieder, wenn du soweit bist“, lachte sie mir schallend hinterher. Es klang wie eine Ohrfeige. Puh, das war knapp gewesen und ich gerade noch einmal gerettet. Wo war ich hier gelandet? Ich taumelte ein Stück weiter in die Dunkelheit. Eine Kirche, ich las die Inschrift. Was? Auf der Reeperbahn gab es eine katholische Kirche? Wie konnte so etwas sein? Hier auf der sündigsten Meile der Welt? Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Neugierig und in der Hoffnung, dass mir dort oben nichts passieren würde, stieg ich die Stufen hoch. Die Tür war natürlich verschlossen. Klar, am Abend, das muss sicher so sein, dachte ich.
Eine Gruppe japanischer Touristen zog unten auf der Straße an mir vorbei. Von hier oben hatte man einen guten Ausblick. Langsam wurde ich ruhiger und sicherer. Rechts verlief die Hauptstraße, ich musste also noch einmal durch die Menschenmenge zurück und zwischen die Bordelle entlang gehen. Dass ich fast geradezu in einen Puff hineingelaufen war, hatte ich inzwischen herausgefunden. Die Aufschrift auf der Tür war nicht zu übersehen.
Ich dachte an meinen Vater. Es schien doch etwas an den Warnungen dran zu sein, hier abends nicht allein herumzustromern. Wo lag nun das Hotel? Das war die Preisfrage und von der richtigen Antwort hing einiges für mich ab. Ich atmete durch. Langsam setzte ich mich in Bewegung und versuchte mich bewusst durch die Menschenansammlung zu manövrieren. Es klappte. Ich stand wieder an der lichtdurchfluteten, funkelnd lauten Straße und sah nach oben. Das Straßenschild gab mir den Rest. Große Freiheit, las ich und schluckte.

Da hatte ich wieder einmal meinem Vater eine Erfahrung voraus, wobei der sicher schon mal hier gewesen war. Aber halt nicht mit mir. Ich beschloss, mein Geheimnis für mich zu behalten. Langsam schlenderte ich an den Kneipen und Sexlokalen vorbei.
In einer dunklen Nische stand ein Junge, ungefähr so alt wie ich und starrte vor sich hin. Ich ging weiter. Das Bild hielt mich auf geheimnisvolle Weise fest. Abrupt machte ich wieder kehrt, ging auf den Jungen zu. Hey, den könnte ich nach dem Weg fragen, dachte ich und gab damit meinem merkwürdigen Verhalten einen vernünftigen Grund.

Hamburger Nächte


„Du, entschuldige, wo liegt das Mercator Hotel?“
Er sah müde aus.
„Hier nicht, bist du Tourist?“ Er grinste.
„Ich bin mit meinem alten Herrn da, aber der trifft Geschäftsleute und ich hab mich wohl verlaufen. Ich heiß Max.“
„Conny. Bist du aus Bayern, du klingst so anders?“
Ich musste lächeln.
„Das ist mir aber ziemlich unangenehm, eigentlich versuche ich ordentliches Hochdeutsch zu sprechen. Ich war heute Nachmittag im Eisstadion und morgen wollen wir den HSV sehen. Wenn nicht gerade Bayern spielt, steh ich auf Hamburg.“
Er lächelte nun auch.
„War lange nicht mehr dort. Ist sehr teuer und ich muss Geld verdienen.“
„Hier?“, fragte ich ihn irritiert.
„Ja, du nimmst mir gerade die Kundschaft weg. Ich warte auf Typen, die für einen Jungen bezahlen.“
Geschockt und verblüfft über seine direkte Antwort starrte ich ihn an. Gehört hatte ich davon. So wie es Frauen gab, die auf den Strich gingen, gab es auch Jungen, die das taten. In München war das keine Seltenheit, aber ich hatte noch nie Kontakt zu solchen Jungen gehabt.
„Verdienst du viel und wie läuft so etwas ab? Ich hab davon gehört, aber es noch nie gesehen, geschweige denn, selbst erlebt?“, fragte ich. Meine Neugierde siegte. Die Vorsicht flog gerade mit dem nächsten Luftzug um die Ecke. Was konnte mir schon passieren, Conny war nicht viel älter als ich.
„Ich bin Siebzehn und du?“, setzte ich nach.
„Ich auch, und ich mach das ziemlich lange. Meine Mutter hatte einen Typen nach Hause gebracht, der vermöbelte mich und da bin ich abgehauen. Aber von irgendwas musst du leben. Ein Freund hat mir den Tipp gegeben. Ich bin schwul, weißt du. Sonst kann man das nicht.“
Wow. Das war ehrlich. Ein unsichtbares Band hatte sich spontan um uns beide geschlungen.
„Wahnsinn. Das bin ich auch, obwohl ich zusätzlich eine Freundin hab. Aber ich kann mit ihr noch nichts anfangen. Ich muss erst operiert werden.“
Wir sahen einander in die Augen, er verstand nicht. Ich erzählte ihm meine Geschichte und spürte deutlich Überraschung und Anteilnahme.
„Wollen wir etwas trinken gehen?“, fragte ich und hoffte, er würde mir mehr über sein Leben erzählen. Er nickte, übernahm die Führung und schob mich zielstrebig zu einem der zahlreichen Kioske. Ich bestellte zwei Bier. Unzählige Menschen aller Nationalitäten und Hautfarben spazierten an uns vorbei. Von der Umgebung ging eine unbeschreibliche Atmosphäre aus, die jeden in ihren Bann zog. Das Sprachgemisch konnte nicht verwirrender sein.
Conny kannte sich aus und er wird mir später den Weg zum Hotel zeigen, dessen war ich mir sicher. So ließ ich Leuchtreklame und Ambiente auf mich wirken, blickte mich interessiert um. Mein anfängliches Unbehagen verschwand. Neben Kiosken und einschlägigen Sexlokalen gab es Geschäfte, in denen man alles kaufen konnte, was mit Liebe zu tun hatte.
Immer wieder traten grell geschminkte Frauen in engen Leggings auf vorüberziehende Männer zu. Das eine oder andere Mal hakten sie sich nach kurzem Gespräch unter und führten ihre Partner zu den Hauseingängen, wo beide verschwanden. Ich begann die Zeit mit meinem Handy zu stoppen. Nach einer halben Stunde kamen die meisten Herren wieder heraus. Kurz darauf erschienen auch die Frauen erneut. Conny grinste vielsagend, als ich ihn auf meine Beobachtungen aufmerksam machte.
Er berichtete, wie es ablief, wenn er sich mit Männern traf. Eine fremde Welt wurde zum Greifen nah. Ich spürte merkwürdige Erregungen in mir. Mangel an Phantasie kannte ich nicht. Conny stand mit beiden Beinen auf der Erde und konnte mit seiner Erzählweise eine Situation herbeiführen, die einerseits in mir den begierigen Wunsch nach eigenem Erleben auslöste, mich kurz darauf jedoch mit Ekel und Ablehnung reagieren ließ.
Da bildete sich eine ambivalente Spannung in mir. Ich stellte mir ein Drahtseil vor. Ich hatte die Wahl: Von oben auf die verruchte Welt hinabzusehen und in gebührendem Abstand auf dem Seil in meiner eigenen Welt weiter zu wandern oder den Sprung nach unten zu wagen, um mit der neuen Welt zu verschmelzen. Meine Gedanken schweiften ab. Ich machte mir Sorgen um den Rückweg, wenn ich erst unten angekommen war.
„Hörst du mir eigentlich zu?“ „Hallo, Max! Bist du noch da?“ Erschrocken zuckte ich zusammen.
Conny sah mich vorwurfsvoll an. „Ich versuche dir grad vom Elend eines Strichers zu erzählen und du scheinst zu träumen“, meinte er. „Entschuldige, ich bin hin und her gerissen. Das ist dem Augenblick geschuldet. Es hört sich so geil an. Irgendwie fällt mir der Vorhof zur Hölle ein. Verführerisch und mahnend. Auf der einen Seiten die Huren, auf der anderen der Pfarrer. Hast du schon mal dran gedacht, etwas anderes zu machen? Du kannst als Mann auf dem Kiez in Bars und Läden arbeiten. Die brauchen kräftige Kerle. Türsteher ist immer noch besser, als fremden Typen den Hintern hinzuhalten. Oh, sorry, ich rede schon wie mein Alter.“
Hups! Wann wollte der wieder im Hotel sein? Wenn er kam und mich nicht vorfand, musste ich mir eine plausible Erklärung einfallen lassen. „Das ist schon okay. Ich kenne die meisten Ladenbesitzer und wenn ich den Absprung mache, findet sich schon etwas. Aber ich muss auf Kohle verzichten. So viel wie jetzt, werde ich niemals in einer normalen Arbeitsstelle verdienen. Nicht mal als Hausmeister im Puff.“ Starkes Argument. Geld war nicht unwichtig. „Vielleicht gibt es etwas dazwischen.“ Ich überlegte. Das Internet ließ etliche Innovationen zu. „Man könnte für Männer etwas Ähnliches aufziehen, wie es die Frauen bereits machen. Also, einerseits den normalen Puff betreiben, mit allem, was dazugehört und die Mädels wie Angestellte anmelden und versichern. Daneben arbeiten diejenigen, die keinen Körperkontakt wollen, vor der Kamera. Das hat den Vorteil, dass du allein oder maximal mit einem Freund zusammen bist. Krankheiten werden damit verhindert. Du schlägst zwei Fliegen mit einer Klappe.“
Voller Stolz strafte ich meinen Oberkörper. Hatte ich etwa grad ein neues Geschäftsmodell entworfen? Überraschend zeigte sich Conny interessiert. Er nahm unsere leeren Flaschen und stand auf. Ich wehrte ab. „Stopp, für mich nur noch eine Cola. Sonst enterbt mich mein alter Herr. Wir besitzen eine Brauerei und er sagt immer, ich soll aufpassen, nicht mein bester Kunde zu werden!“ Conny brach in glucksendes Gelächter aus.
Ein knapp bekleidetes Mädchen kam an unseren Tisch und hielt mir ihre Brüste vor, die in einem roten Top steckten. „Gibst du mir ein Bier aus?“, schnurrte sie, griff mit ihren Fingern in mein Haar und schlang mir ihre Arme um den Hals. Vor ein paar Stunden war ich noch in Panik vor dieser Anmache weggelaufen. „Conny! Bring ein Bier für die Dame mit!“ Er drehte sich nach mir um. „Sina ist keine Dame, sonst würde sie Sekt bestellen. Aber okay, ich denke, wir machen heute eine Ausnahme.“ Einen Moment später standen Bier und Cola bereit. Sina sah mich prüfend an.
„Wie alt bist du, mein Süßer?“ Ihre Hände streichelten über mein Kinn und fuhren dann zielstrebig über den Brustkorb abwärts. Als sie begann meinen Hosenlatz öffnen zu wollen, schritt meine Hand ein und führte die ihre wieder aus der Gefahrenzone.
„Er ist siebzehn und Transmann, Sina. Wenn er achtzehn ist, kannst du ihn in die Liebe einführen. Sina macht das gut. Bei mir schlugen bisher alle Versuche fehl. Mein kleiner Freund reagiert nur auf Männer“, erzählte Conny und half mir damit aus der Verlegenheit. „Willst du dich operieren lassen?“, fragte Sina, während sie wieder ihre Hände in Richtung meines Gliedersatzes schob. Ich nickte. „Ich habe heute die erste Testosteronspritze bekommen. Im nächsten Jahr geht es gleich nach dem Abi ins Krankenhaus. Dann nehm ich dein Angebot dankend an. Ich habe eine Freundin, die über mich Bescheid weiß und du kannst mir helfen, die Grundlagen der Liebe zu lernen.“ Ich legte den Arm um sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Conny lachte. „Auch Schmusen kostet bei Sina. Du hast noch viel zu lernen. Das Leben auf dem Kiez ist kein Ponyhof!“ Oh je, er hatte recht. Im Laufe des Abends tauschten wir unsere Handynummern. Sina bestand darauf, dass ich ihre ganz oben kennzeichnete. Sie wird mir zu gegebener Zeit einen Termin und einen besonderen Preis mitteilen. Schöne Aussichten. Ich küsste sie noch einmal. Es war fast zwei Uhr geworden. Mein Gewissen meldete sich. Noch länger sollte ich den Ausflug ins Hamburger Nachtleben nicht hinaus zögern. Mein Vater war in der letzten Zeit wahnsinnig cool gewesen, das wollte ich mir nicht verscherzen. Ich sagte den beiden, dass ich gehen muss. Conny bot sich sofort an, mich zum Hotel zu bringen.
Eine kleine Krise war im Anmarsch. Ich überlegte fieberhaft. Wenn ich Sina jetzt Geld gab, war ich dann schon ein Freier, der sie ausbeutete? Meine weibliche Sozialisation meldete sich zu Wort. Ich verwarf den Gedanken. Sina sah einen Mann in mir und Männer bezahlten die Frauen auf dem Kiez. Es war erniedrigend für die Frauen, aber auch selbstverständlich. Sie lieferten eine Dienstleistung ab und Sina tat dies freiwillig und ohne Zwang, wie mir schien. Als Frau würde ich auch bezahlen müssen, wenn ich eine andere Frau um diese Leistung bitte. Mein Rollenwechsel war mit der ersten Hormonspritze heute Morgen endgültig besiegelt worden. Die Realität hatte mich eingeholt. Ich lächelte tief in mich hinein, zog einen fünfzig Euro Schein aus meinem Portemonnaie und steckte ihn dem so verführerisch duftenden Mädchen, das es sich auf meinem Schoß bequem gemacht hatte, in den Ausschnitt.
„Hier, ein kleines Geschenk für das netteste Mädchen der Welt.“ Ich dachte kurz an Jenny und stellte fest, dass Männer hervorragend lügen konnten. Sina nahm den Schein, ließ ihn rasch in ihrer knallgelben Lackledertasche, die sie um den Bauch trug, verschwinden. „Du hast meine Nummer“. Sie hauchte mir die Botschaft zum Abschied ins Ohr.
Conny legte seinen Arm um meine Schulter als wir uns in Richtung Hotel aufmachten.
„Das war der erste Schritt zum Mann. Ich möchte irgendwann testen, ob mein Transmannfreund auch etwas für Männer empfindet“, flüsterte er leise.
Darauf hatte ich gewartet. Wie in Trance drehte ich meinen Kopf, blickte ihm geradewegs in die Augen. Wir standen auf dem Bürgersteig, nur wenige Meter vom Eingang in die Große Freiheit entfernt. Um uns blinkte und blitzte bunte Neonreklame, ein Martinshorn heulte in der Ferne. Die Menschen gingen im Bogen um uns herum, niemand beschwerte sich über das unerwartete Hindernis. Mein Kopf fiel leicht zur Seite. Ich bot Conny unbewusst meinen Hals an. Es war eine typisch weibliche Unterlegenheitsgeste. Aber ich fühlte mich nicht als Frau, als seine Lippen das Angebot annahmen. Ein wohliger Schauer ließ mich erzittern, rann durch meinen Körper.
Eben war ich noch ein Mann gewesen, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Frau für Zärtlichkeit bezahlt hatte. Jetzt wurde ich wieder zum Jungen, der sich mit ganzer Seele seinem Freund hingeben wollte. Wie von selbst legten sich meine Arme um Connys Hals, meine Hände streichelten seinen Haaransatz.
Wir küssten uns, versanken in einem Meer von Glückseligkeit.
Mein Vater war noch nicht ins Hotel zurückgekehrt. Nach dem Duschen kroch ich aufgewühlt ins Bett. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. In der Ferne klopfte es an meiner Zimmertür.
„Max, es ist neun Uhr durch, du Schlafmütze. Ich will mit dir auf die Eisbahn.“ Renes Fäuste pochten energischer. Verschlafen und noch immer von den Eindrücken des gestrigen Abends überwältigt, wühlte ich mich aus den Kissen. Rene schlüpfte herein. Er trug einen Sportanzug und warf seine Schlittschuhtasche auf den Boden. Als er mich ansah, stutzte er. „Was ist passiert? Du siehst so anders aus! Als ob du von einem anderen Stern kommst!“
Ich setzte mich auf. „Ich komme nicht von einem anderen Stern, ich habe einen gesehen“, erklärte ich und schraubte damit die Verwirrung meines Kumpels ins Unermessliche.
„Erzähl! Aber wehe du verschweigst etwas.“
Ich wollte grad ansetzen, als es erneut klopfte. „Max, ich hab gleich noch einen Termin. Wir treffen uns um 12 Uhr hier im Hotel.“ Rene öffnete meinem Vater. „Hallo, ich bin Rene und wollte jetzt mit Max auf die Eisbahn.“
Mein Vater sah verdutzt aus, fing sich aber sofort. „Prima, dann hole ich euch gegen 12 Uhr dort in Stellingen ab. Wir gehen Essen und danach zum Fußball.“ Er nahm sein Portemonnaie und gab jedem von uns fünfzig Euro. „Hier, für den Eintritt. Viel Spaß, meine Herren.“ Wir bedankten uns überschwänglich. Vater ging aus der Tür. Während ich mich anzog, erzählte ich Rene vom gestrigen Abend. Seine Augen wurden immer größer, als ich von Sina berichtete. „Whow! Ich lebe schon seit meiner Geburt hier und habe noch nie einen Stricher kennengelernt und mit einer Hure hab ich auch noch nie gesprochen. Weißt du, dass ich grad neidisch werde?“ Ich lachte. Nach einem ausgiebigen Frühstück im Hotel fuhren wir mit der U-Bahn zur Eishalle. Ein wunderschöner Nachmittag im Stadion ließ mich in höchstem Glück schwelgen. Der Frühjahrsdom hatte einen Tag zuvor seine Pforten geöffnet. Um acht Uhr standen wir mit meinem Vater in einer Getränkebude und prosteten uns zu. Ich bekam mein erstes offizielles Bier von ihm und genoss es. Danach spazierten wir über die Reeperbahn, besuchten einen Sexshop und Vater spendierte uns jeder ein Video, damit wir wussten, wie es praktisch mit den Frauen ablief, meinte er und grinste dabei.
Rene und ich sahen uns entgeistert an. Mein Gott, Dad, wir waren siebzehn Jahre alt und keine Babys mehr. Aber wir bedankten uns artig und spielten die Unschuldslämmer vom Lande. Vater zeigte auf den Eingang zur berühmten Herbertstraße und erlaubte uns einen kurzen Blick hinein.
In der Freiheit stellten wir uns für die Travestieshow an. Vater lachte über die Witze der Damen, die eigentlich Herren waren. Rene und ich fanden sie lustig, aber wir bemerkten mehr. Wir und diese Frauen hatten etwas gemeinsam, obwohl sie als Transvestiten auftraten und ihr männliches Körperteil behalten wollten. Wir fühlten wie sie und achteten sie mit Wärme und Menschlichkeit. Für die Zuschauer war das Ganze ein Jux und Geblödel. Nicht für uns. Genauso wenig für die Frauen. Ein Teil ihrer Seele verschmolz mit der Weiblichkeit, die sie darstellten. Die Meisten spielten keine Rolle bei ihrem Auftritt, sondern wurden dabei sie selbst. Dessen waren wir uns bewusst. Wir hätten ihnen gerne erzählt, dass wir genauso waren wie sie. Lediglich eine kleine Nuance unterschied uns. Den letzten Schritt nämlich, den Wechsel ins andere Geschlecht im täglichen Leben vollziehen zu wollen und nicht nur abends auf der Bühne zu leben. Vater gab nach der Vorstellung noch ein letztes Getränk aus und spazierte mit uns zurück zum Hotel. Ich dachte an Conny. Seine dunkle Nische lag nur einen Wimpernschlag entfernt in die andere Richtung. Ich hätte ihn gerne noch einmal getroffen. Aber das musste warten. Im Hotel verabschiedeten wir uns von meinem Vater. Wir wollten die DVD’s anschauen, die er uns geschenkt hatte. Rene schüttelte später im Zimmer, als wir die Filme geladen hatten, den Kopf. Auf unseren websites ging es wesentlich spannender zu.
„Dein Alter ist ein lustiger Typ. Schau dir mal diesen Quatsch an! Und dafür nehmen die auch noch Geld“, meinte er.
„Wir können Conny beim nächsten Arzttermin anrufen. Er kennt sich auf dem Kiez aus. Ich kann doch sicher bei euch schlafen, oder?“ „Ja, klar kannst du das. Mein Zimmer ist zwar kein Schloss und wir leben in einer Mietwohnung, aber meine Mutter wird dir gefallen und der Doc bleibt uns bis nach der OP auf jeden Fall erhalten. Der will wissen, wie wir uns weiter entwickeln und was aus uns wird.“
„Ich bin am 5. Juni wieder hier und werde fragen, ob ich bei dir übernachten darf, wenn deine Mutter nichts dagegen hat.“
Es gab in Hamburg viele Schwulenclubs und ich dachte daran, einen mit Rene und Conny zu besuchen. Am nächsten Morgen fuhren wir mit meinem Vater noch einmal in die Eishalle nach Stellingen. Das Eishockeyspiel war nicht so hochklassig, aber schön. Danach aßen wir mit Rene zu Mittag. Mein Vater mochte ihn auf Anhieb und drückte ihn zum Abschied.
„Rene, ich freu mich auf die Sommerferien, du kannst die kompletten sechs Wochen bei uns bleiben. Max muss anfangs zwar noch zur Schule, aber dir kann es nicht schaden, wenn du mal ein bayerisches Gymnasium kennen lernst. Das bespreche ich alles mit dem Direktor vorher. Ich bin gespannt, wie es dir bei uns gefällt.“
„Danke, ich freu mich auch. Max, altes Haus, grüß Andy unbekannterweise.“
Die Schule hatte mich am nächsten Tag wieder. Wie schnell verging die Zeit. Ende März bekam ich die zweite Spritze. Gespannt wartete ich auf den Beginn des Stimmbruchs. Mist! Nichts geschah. Am 21. April folgte die dritte. Keine Reaktion. Ich bekam Angst, dass die Spritzen vielleicht bei mir nicht wirkten. So etwas hatte ich nämlich gelesen. Beunruhigt schlief ich dem nächsten Termin beim Doc entgegen. Ablenkung erlebte ich kurzzeitig an meinem Geburtstag.
Am 28. April wurde ich siebzehn Jahre alt. Es gab einen alten Schlager, der hieß: Mit Siebzehn hat man noch Träume. Meine Mutter sang das Lied Beatrix vor und die lernte es auswendig. Am frühen Morgen hörte ich Klaviertöne aus dem Musikzimmer und Beatrix stand vor meiner Tür und trällerte das Lied dazu. Sie war inzwischen zwölf Jahre alt geworden, bekam professionellen Gesangsunterricht und hörte sich super an. Ich rannte raus, umarmte überglücklich meine kleine Cousine.
„Happy Birthday, du Lümmel, bald hast du auch einen Pimmel. Ob er groß wird oder klein, das wird eine Überraschung für dich sein. Ich wünsch dir vorab schon mal Glück mit deinem guten Stück!“
Beatrix flüsterte mir leise ihr Geburtstagsgedicht ins Ohr. Ich fing spontan an zu lachen. Das war die Rache für die Vogelscheuche von damals.
„Danke, du bist die beste Cousine der Welt“, sagte ich und gab ihr einen dicken Kuss.
Nach und nach kamen meine Eltern und alle anderen aus dem Schloss, um mir zu gratulieren. Abends schenkten sie mir eine große Party. Ich hätte gerne schon Rene dabei gehabt, aber er bekam kein Schulfrei. Wir telefonierten lange in der Mittagszeit. Ich versprach ihm eine zweite Party im Sommer, vielleicht Grillen am Bootshaus, damit er meine ganzen Freunde auf einmal kennen lernen konnte.
Nach dem Fest lief das Leben weiter. Ich spürte zwei Tage später etwas Kribbeln im Hals und dachte, ich hätte mich erkältet. Hatte ich wohl auch. Am nächsten Morgen bekam ich keinen Ton mehr heraus. Ich sagte nichts beim Frühstück. Als mein Vater mich ansprach, quiekte meine Stimme nur noch. In der Schule brauchte ich nicht mehr zu reden. Das ging bis zum 4. Mai so. Das Kribbeln im Hals ließ wieder nach. Wie üblich begrüßte ich meine Eltern zum Frühstück. Meine Mutter starrte mich überrascht an. Ich wähnte mich in einer Stimmlage wie nach einer durchzechten Nacht.
„Herzlichen Glückwunsch, mein Sohn. Ich habe endlich Verstärkung im Haus als Hausherr bekommen“, meinte mein Vater und schmunzelte zufrieden.
Der Stimmbruch hatte eingesetzt. Es würde noch lange dauern, bis sich eine stabile Stimmlage einstellte. Die Stimme veränderte sich bei biologischen Männern beständig im Laufe ihres Alters. Die Stimmbänder dehnten sich unter dem Einfluss des Testosterons, aber weil sich nicht alle auf einmal an die ‚Regeln‘ hielten, kam es zum plötzlichen Kieksen und Überschlagen. Ich hatte mir vieles aus dem Internet dazu durchgelesen. Hier galt wie überhaupt bei der Transsexuellen Prägung, dass sich jeder individuell mit seinen Wünschen hinsichtlich der Körperlichkeit auseinandersetzen musste. Ich dachte stets nur daran, untenrum ein Mann zu werden. Ich wollte im Stehen pinkeln. Das war das Wichtigste für mich. Ebenso für Rene, der ganz auf meiner Wellenlänge lag.
Auf dem Schulweg telefonierte ich mit ihm. Auch er hörte sich schon tiefer an. Glaubte ich zumindest. Wir freuten uns und flachsten. Im Juni werden wir uns in Hamburg sehen. Ich durfte tatsächlich bei ihm übernachten. Unsere Mütter hatten sich per Telefon kurzgeschlossen. Die beiden meinten, wir wären alt genug, um auf uns selbst aufpassen zu können. Die Maschine landete pünktlich am Freitagmorgen in Fuhlsbüttel. Ich fuhr direkt mit der S-Bahn in die Praxis zu Doktor Reimers. Im Wartezimmer traf ich auf Melanie. War das eine Begrüßung! Wir drückten und küssten uns minutenlang. Sie hatte ihre Hormone schon bekommen und als ich sie in den Armen hielt, konnte ich kleine Brüste im Dekolleté betrachten. Sie merkte, wie gebannt ich darauf starrte.
„Hey, du kleines Ferkel, das ist mein Busen. Schaff dir selbst einen an, wenn du so scharf darauf bist“, meinte sie.
„Die kleinen Möpse stehen dir viel besser. Du siehst gut aus, junge Frau!“
„Danke, das Kompliment gebe ich gerne zurück.“
„Na, ihr zwei, so geht das aber nicht. Etwas mehr Selbstbeherrschung, Max!“ Der Doktor stand unerwartet im Zimmer. Ich ließ Melanie los und ging gleich auf ihn zu.
„Hi, Doc. Ich stehe nicht mehr als Kind vor Ihnen. Ich bin jetzt ein Mann“, rief ich aus. Melanie tat, als ob sie husten musste.
Doktor Reimers lachte. „Der Stimmbruch hat begonnen, aber das ist nur der Anfang, Max. Wie geht es dir mit deiner Spritze?“
Wir betraten das Sprechzimmer.
„Gut. Aber ich bin gewaltig drauf, sexuell, meine ich. Die Spritze macht ordentlich Druck. Meine Klitoris sieht aus wie ein kleiner Penis, so dick ist sie. Und ich hab ein paar Pickel auf dem Rücken bekommen. Dr. Steiner hat mir Salbe aufgeschrieben.“
Wir unterhielten uns über die Nebenwirkungen des Testosterons. Ich erzählte aus meinem Leben. Die Ausrichtung war bisexuell. Da war ich mir inzwischen sicher. Ich hatte gleich auf Melanie reagiert und mir vorgestellt, mit Jenny zu schlafen. Einzelheiten über die Art und Weise der Beziehungen zu meinen männlichen Freunden wollte der Doc nicht wissen. Er hielt sich diskret im Hintergrund und wartete ab, was ich ihm freiwillig erzählte. Ich sollte erst Ende Oktober wieder kommen. Wir wollten sehen, wie die Hormone anschlugen.
Im nächsten Jahr stand mir das Abitur bevor. Meine Eltern wünschten, dass ich die Schule fertig machte und erst vor Beginn des Studiums operiert werden sollte. Die Schule forderte ihren Tribut und die OP hätte mich in diesem Jahr noch zu lange geschwächt. So konnte ich die Sommerferien nach dem Abi im nächsten Jahr zur Erholung nutzen. Ich wollte mich in Berlin operieren lassen. Es war der Eingriff, der nur aus zwei Teilen bestand. Erst werden die inneren Organe entnommen, zur selben Zeit ein Hautlappen des Unterarms präpariert, welcher eingerollt als Penisersatz an die Harnröhre angeschlossen wird. Auch Nerven werden dabei transplantiert, so dass mit dem neugeschaffenen Glied Empfindungen möglich sind. Da die aber keinen Orgasmus hervorrufen können, muss die Klitoris an ihrem Platz bleiben und wird vom Penis und von den Hoden überdeckt. Ein halbes Jahr später, nach der Erholungspause, werden die Hoden geformt und die Erektionspumpe eingesetzt.
Ich hatte mir im Internet bereits alles Wissenswerte dazu durchgelesen und meine Eltern wollten noch gegen Ende der großen Ferien mit mir nach Berlin fahren, damit ich mich dem Chirurgen dort vorstellen konnte. Ich erzählte Dr. Reimers davon. Er fand die Idee gut. Aber ich sollte mir, zumindest per Internet, weitere Methoden anschauen. Hatte ich bereits und die Berliner Art in einer einzigen Sitzung gefiel mir am besten.
Um halb zwölf Uhr verabschiedeten wir uns. Melanie umarmte mich noch einmal, als ich ging. Wir verabredeten uns mit ihr und Kerrin am Sonntag zum Brunch. Jedenfalls machte ich das auch in Renes Namen so mit ihr ab. Sein Einverständnis setzte ich einfach voraus.
Als ich aus der Praxis kam, fiel mir mein Freund schon in die Arme. Wir sahen einander an. Da standen zwei pubertierende Jugendliche auf der Straße, die nach Veränderungen beim anderen suchten, dabei völlig übertrieben, Bartflaum, Kanten und Ecken fanden, wo eigentlich noch gar nichts zu sehen war. Nur die Veränderungen an der Stimme schienen offensichtlich.
„Lass uns erst mal in den Sexshop gehen“, meinte Rene.
Ich war sofort einverstanden. Wir stiegen in die U-Bahn und fuhren zur Reeperbahn. Einige Augenblicke später standen wir in der Umkleidekabine und probierten geile enge Hosen und T-Shirts an. Jeder ließ sich seine alten Klamotten in eine Tüte packen. Stolz spazierten wir in unseren neuen Sachen nach draußen. Ich blickte mich um, um mich zu orientieren. Am Tage sah hier alles anders aus. Ich hatte nach kurzer Zeit gefunden, wonach ich suchte. Wir liefen zu Connys Tür. Ich hatte oft mit ihm telefoniert und war für heute Nachmittag mit ihm verabredet. Er freute sich darauf, Rene kennen zu lernen.
Als ich mich diesem zuwandte, wurde plötzlich die Hoftür aufgeschlossen. Conny trat auf die Straße und blickte uns fröhlich an. Ich fuhr mit der Hand etwas verlegen durch mein Haar. „Hi, du hast mir gefehlt. Das ist mein Freund Rene.“ Meine Stimme zitterte unsicher. Conny zögerte eine Sekunde, doch dann kam er auf mich zu, nahm mich in die Arme. Seine Lippen fanden zielgerichtet meinen Mund. Ich blieb etwas steif, vielleicht war es mir unangenehm vor Rene oder ich hatte Angst ihn zu verletzen? Conny merkte es. Ließ von mir ab, wandte sich um. „Hallo, ich bin Conny, eigentlich heiße ich Conrad, aber das klingt mir zu blöd. Ich hoffe, du bist nicht eifersüchtig, Rene.“ Die beiden gaben sich fünf.
Conny blickte erst zu mir, dann zu Rene. Sein Blick verharrte auf dessen flachen Oberkörper. Es schien, als ob er sein weiteres Vorgehen überdachte. „Kommt mit!“ Er lotste uns in die Nähe eines kleinen Fußballstadions. Ein Dönerladen hatte geöffnet. Wir suchten uns vor der Tür einen Tisch. „Ich hatte gestern Geburtstag und geb einen aus“, erklärte Conny, stützte sich dabei auf einen Gartenstuhl. „Und so etwas sagst du mir nicht? Herzliche Glückwünsche!“ Wir lagen uns erneut in den Armen. Diesmal schloss sich Rene an. Conny ging in den Laden um zu bestellen. Rene spielte mit der Speisekarte, streckte seine Beine lang unter dem kleinen runden Partytisch aus und sinnierte. „Es gibt schöne Ecken hier in Hamburg. Da drüben liegt ein Fleet. Im Sommer kann man Kanus mieten.“ Conny kam zurück. Er hatte mit gehört. „Essen dauert etwas. Ich war lange nicht mehr auf der Alster“, meinte er. „War früher mit meiner Mum oft Segeln. Aber seitdem sie ihren Macker hat, ist unser Kontakt eingefroren.“
„Was haltet ihr davon, wenn wir Conny einen Segelausflug auf der Alster schenken?“ Wie immer war ich um eine Idee nie verlegen. Spontaner Zuspruch und Jubel erfüllten den kleinen Imbiss. Der Nachmittag schien gerettet. Nach dem Essen stiegen wir gut gelaunt in die U-Bahn und fuhren an die Alster. Ich mietete uns ein Boot. Segeln hatte ich schon früh auf dem Starnberger See während der vielen Besuche bei meiner Oma gelernt. Auch Rene besaß einen Segelgrundschein. Conny hatte nicht gelogen. Er konnte hervorragend mit der Jolle umgehen und segelte uns hart am Wind. Wir kreuzten über die Alster, erfreuten uns am Hamburger Wetter, welches uns eine herrliche Brise bescherte und vergaßen die Zeit. Kurz vor Ende des Törns passierte das Unglück. Conny saß am Ruder, Rene und ich hingen mit unseren Oberkörpern halb aus dem Boot, als uns ein Segler rammte. Wir hatten Vorfahrt, aber das schien die andere Crew nicht zu interessieren. Der Aufprall war heftig, obwohl Conny in letzter Sekunde noch ein Ausweichmanöver hinbekam. Er war wütend aufgestanden und schimpfte sein Gegenüber aus, dabei verlor er den Halt und fiel ins Wasser. Wir zogen ihn gemeinsam an Bord. Der Bootsverleiher erwartete uns am Steg und nahm sich den gegnerischen Kapitän zur Brust. Der entschuldigte sich kleinlaut. Gemeinsam untersuchten wir die beiden Boote auf Schäden. Es war gottlob nicht viel passiert. Die andere Crew lud uns zusammen mit dem Bootsbetreiber zum Essen in einem kleinen Alstercafe ein. Conny erhielt trockene Hosen vom Bootsverleiher.
Gegen 20 Uhr hatte die Sonne Connys nasse Kleidung getrocknet. Wir verabschiedeten uns. Conny wollte nach Hause und nahm uns in seine Wohnung mit. Die bestand aus einem einzigen Zimmer und seine Einrichtung hatte schon bessere Tage gesehen. Dennoch, es war klein aber sein. Rene stieß einen Überraschungsschrei aus, als er Connys Filmesammlung entdeckte. „Darf ich?“, fragte er und fing sofort an die DVD’s zu durch suchen. Conny nickte und startete seine teure TV-Anlage, die im Gegensatz zum restlichen Inventar direkt von der Funkausstellung zu stammen schien. Wir machten es uns gemütlich. Conny stellte einige Dosen Bier auf den Tisch und warf uns zwei Tüten Chips zu. Rene hatte sich ziemlich versaute Sachen ausgesucht. Um zehn Uhr hatten wir genug. Was sollte mit dem angebrochenen Abend geschehen? „Können wir nicht dorthin gehen, wo ihr letztes Mal wart?“, fragte Rene in die kleine Runde. „Du willst Sina kennenlernen, du Ferkel!“ Ich knuffte ihn. „Warum nicht? Sie scheint nett zu sein. Ich würde gerne mal wissen, wie es mit einer Frau ist!“ Conny starrte ihn entgeistert an. „Ich nicht.“
Ein paar Minuten später mischten wir uns unter die nächtlichen Gäste der Reeperbahn. Conny führte uns durch enge Gassen und erzählte von den Clubs und Laufhäusern, an denen wir vorüberkamen. Er kannte die meisten Besitzer. Die sündigste Meile der Welt war gleichzeitig auch die Sicherste. Wer hätte das gedacht? Bandenkriminalität und harte Straftaten kamen so gut wie keine vor. Ein Trupp Jugendlicher lief grölend zwei Streifenpolizisten in die Arme, die prompt die Ausweise kontrollierten. Conny erkannte die Gefahr rechtzeitig und schob uns in einen Hinterhof. Zwei Männer standen dort in einer dunklen Ecke und küssten sich. Conny ignorierte sie und klopfte gegen ein Fenster. Ein bekanntes Gesicht blickte mir einen Moment später entgegen. Es war Sina. „Hey, ihr Süßen, was für ein netter Besuch! Wollt ihr reinkommen?“ Conny öffnete die Tür zu Sinas kleiner Kiezwohnung. Durch einen wenig beleuchteten Flur kamen wir ohne Umwege in ihr Schlafzimmer. Ich hatte genau wie Rene noch nie ein Hurenzimmer in Natura gesehen. Eine schwülstige einfarbige rote Tapete und ein großes schwarz-weiß Foto, das Sina nackt vor einem Ozeanriesen zeigte, waren nicht zu übersehen. Das Bett nahm den meisten Raum ein. Rote Kissen mit weißen Herzchen lagen überall herum. Neben einem Frisierschrank befanden sich ein Tisch und zwei kleine Sessel. „Sucht euch einen Platz, wer möchte Bier, wer möchte Cola?“ Sina blickte erstaunt zu Rene. „Na, Kleiner, bis ich dir etwas beibringen kann, müssen sicher noch ein paar Jahre vergehen!“ Rene schlug verlegen die Augen nieder. „Er ist wie ich, Sina. Wir werden nächstes Jahr operiert und bis dahin haben uns die Hormone männlicher gemacht. Wir sind beide inzwischen Siebzehn durch. Aber dein Angebot steht. Im nächsten Jahr feiern wir bei dir unseren Einstand als Männer.“ „Super, vielleicht kann ich ja auch euren Freund heilen? Ach, Conny, warum musst du es mit Kerlen treiben?“ Sie nahm Rene und Conny in die Arme und gab beiden einen Kuss. „Hier, das gibt es heute kostenlos zur Einstimmung!“ Conny grinste. „Das funktioniert bei mir nur mit Schwänzen. Ich stehe nicht auf Mädchen.“ „Sag mal, wie läuft so ein Strichersex ab? Ist das wie bei den Frauen?“, fragte Rene. Er klang recht naiv. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. „Das hört sich ja nach reichlich Erfahrung an, Rene! Du hast es anscheinend faustdick hinter den Ohren“, rief Sina aus und verteilte die Getränke.
„Ne, ich hab nur ein paar Filme gesehen.“
Rene beeilte sich, seine bescheidenen Kenntnisse der Liebe zu offenbaren. Conny nahm einen Zug aus der Bierdose. „Das ist in der Tat nicht anders. Ich stehe ‘rum, werde angesprochen und sage den Preis. Meistens geh ich mit dem Freier in meine Wohnung. Aber ich schaffe auch drüben auf dem Parkplatz an. Dann nutzen wir den Park. Dort gibt es ein Klohaus, in das wir uns verziehen, oder aber wir bleiben draußen. Es ist halt Sex, nichts weiter. Das Übliche. Ich kriege mein Geld, er seinen Spaß und das war’s.“ Rene nickte. „Es passiert dasselbe wie auf den Videos. Hast du Leute, die immer wieder kommen?“ „Klar, Stammfreier gehören dazu und garantieren mir meinen Verdienst. Aber das macht es auch zum Problem. Wenn ich nicht mehr will, muss ich dem Freier Bescheid sagen. Die sind alles andere als glücklich. Da hat sich ja bereits ein Vertrauensverhältnis gebildet.“ „Wie viel verdienst du in einer Nacht?“, fragte ich und dachte daran, was meine Mutter sagen würde, wenn sie wüsste in welcher Gesellschaft ich mich befand. „Unterschiedlich, zwischen fünfzig und fünfhundert Euro.“ Das hörte sich nicht nach wenig an. „Und wie regieren deine Eltern? Wissen die, was du machst?“ Im nächsten Moment schalt ich mich. Ich musste wie ein Spießer und ein Moralapostel wirken. Doch Conny blieb ganz cool. Es schien ihm nichts auszumachen, so privat über sich zu sprechen. „Ich habe meine Mutter seit drei Jahren nicht mehr gesehen und meinen Vater kenne ich nicht. Meine Mutter ging früher anschaffen. Es ist gut möglich, dass sie es wieder tut. Ihr Macker ist ein Arsch und es würde mich nicht wundern, wenn er sie auf den Strich schickt. Aber sie ist erwachsen und muss wissen, was sie will. Huren bekommen häufig Kinder von ihren Luden und ich ahne, wer mein Vater sein könnte. Er besitzt ein paar Läden und Laufhäuser aufm Kiez. Einige der älteren Nutten machten mal Andeutungen. Meine Mutter sagt nix. Es ist mir auch egal. Solange sie mit diesem Typen zusammen lebt, bleib ich da weg.“ Das hörte sich alles sehr traurig an. Mein Herz öffnete sich vor Mitgefühl und ich hätte am liebsten spontan geheult. Stattdessen stand ich von meinem Sessel auf, kletterte zu Conny aufs Bett und umarmte ihn. Er erwiderte die spontane Geste mit einem Kuss. Wir blieben noch eine Weile, bis uns Sina sanft aber bestimmt rauswarf. Sie sagte, sie musste sich stylen, denn sie bekam gleich Besuch von einem Freier. Eine herzliche Verabschiedung schloss sich an.
Auf der Hauptstraße angekommen standen wir im pulsierenden Leben. Es war Mitternacht durch. Noch brauchten wir nicht nach Hause. „Gibt es hier Schwulenclubs, Conny?“, fragte ich. „Klar, aber die sind erst ab achtzehn. Es gibt aber einen Jugendtreff für schwule Jugendliche. Wollen wir mal hin?“ In unseren strahlenden Blicken konnte er die Antwort ablesen. Wir benutzen ein paar abgelegene Gassen, um nicht einer Polizeistreife in die Quere zu kommen. Das Jugendtreff sah von außen unscheinbar aus. Es hieß Cap und Capper. Ich musste lachen und sagte den anderen den Grund. Conny klärte uns auf. Es war tatsächlich nach den beiden Disneyfiguren benannt. Der Eingang lag in einem Seitenweg, etwas abseits. Drinnen empfing uns ein junger Mann, der sich als Marvin vorstellte und Sozialarbeiter war. Er kannte Conny gut. „Der Treff hat die ganze Nacht geöffnet. Wir haben eine Sondergenehmigung, damit wir rund um die Uhr verfügbar sind. Es kommen oft Jugendliche hierher. Meistens werden sie von unseren Streetworkern gebracht. Sie versuchen an die Jungen heranzukommen.“ „Sind es Ausreißer?“, fragte ich. Marvin antwortete: „Ja, ein Zuhause haben sie oft nicht, treiben sich auf der Straße herum. Viele sind Missbrauchsopfer und Gewalt in der Familie ausgesetzt. Deswegen haben wir das Treff und den Verein gegründet. Wir bekommen Unterstützung von der Stadt. Anfangs wollten wir nur Anlaufstelle für Strichjungen sein, doch nun kommen alle. Auch Drogenabhängige finden den Weg zu uns und längst nicht jeder ist noch unter achtzehn. Ihr könnt euch umschauen. Vorne an der Bar gibt es Getränke.“ „Danke, Marvin. Es ist heute nicht so voll wie sonst.“ Conny nickte unserem Gastgeber zu. „Wollen wir eine Runde Billard spielen?“, fragte er uns. Rene und ich bejahten, schmusten während des Spiels abwechselnd mit ihm. Das war nach unserem Geschmack. Rene sah plötzlich auf sein Handy. „Meine Mutter fragt, wo wir sind. Ich denke, wir müssen los. Es ist kurz vor ein Uhr.“ „Ich bring euch zur S-Bahn“, erklärte Conny. „Sehen wir uns noch einmal, an diesem Wochenende?“ Ich schüttelte den Kopf. „Wir sind heute mit Renes Eltern verabredet und wollen morgen früh mit unseren Mädels zum Brunchen. Gegen Mittag geht mein Flieger. Conny, wir telefonieren und sehen uns im Oktober wieder. Vielleicht triffst du Rene vorher. Grüße Sina von mir!“ Eine Stunde später lernte ich Renes Mutter kennen. Sie war sehr nett. Wir schliefen bis gegen Mittag. Renes Vater lud uns zum Essen ein, danach wollten wir zum Fußball.
Ein herrliches Wochenende ging viel zu schnell vorbei.
Am Sonntagabend saß ich wieder allein in meinem Zimmer und am nächsten Tag lief das alte normale Leben auf Schloss Wildenstein weiter. Die Schule nahm mich voll in Anspruch und meine Stute Milla verlangte viel Aufmerksamkeit. Jenny freute sich sehr auf ihren Besuch. Anfang Juli begannen in Hamburg die Sommerferien. Andy fuhr mit mir zum Bahnhof, um Rene abzuholen. Er hatte gerade den Führerschein bestanden und durfte sich das Auto seiner Eltern ausleihen.
Ich machte die beiden bekannt. Die zwei begrüßten sich wie ein altes Liebespaar. Rene staunte mit großen Augen, als er das erste Mal unseren Schlosshof betrat. Für Andy und mich war das normaler Lebensalltag, aber Rene kannte Schlösser nur aus dem Märchen und hatte ansonsten ein oder zwei davon mit den Eltern im Urlaub besichtigt.
Wir waren ausgestiegen und standen vor der imposanten Eingangstreppe. Er blickte sich vollkommen erschlagen um. Durch das große schmiedeeiserne Tor waren wir auf das Portal zugefahren. Direkt vor dem Eingang hatte der Gärtner ein Rondell angelegt, dass aus Rasen, einer kleinen Hecke und zwei Lebensbäumen bestand, die just so platziert worden waren, dass sie dem Ankommenden den Blick auf die Tür wiesen und diese einrahmten. Der kleine Balkon darüber war als Blickfang gedacht. Das Haupthaus verfügte über zwei Stockwerke. Unser Dach sah sehr wuchtig aus, musste aber ständig repariert werden und die Kosten brachten meinen Vater oft zur Verzweiflung. Auch die Heizkosten der inzwischen in allen achtundsechzig Räumen eingebauten Gasheizung fraßen ihn auf. Im Winter wurden die Öfen benutzt. Holz hatten wir selbst genug. Es wurde in der schlosseigenen Sägerei ofenfertig gesägt.
An beiden Seiten des Hauptgebäudes schlossen sich Durchgänge und kleinere Gebäude an, die in die Stallungen und in unsere Reithalle führten. Wir hatten die eine Seite für die vielen landwirtschaftlichen Geräte reserviert. Dort standen die Trecker und Güllewagen, sowie die Pferdeanhänger und die Fahrzeuge für die Holzwirtschaft.
Neben Mia und einigen Aushilfskräften, der Köchin Lisa und unserem Hausmeister Dietrich, arbeiteten noch sechs weitere Männer für meinen Vater auf dem Schloss. Die Brauerei und die Brennerei befanden sich unten im Dorf. Der riesige Schlossteich, der annähernd das ganze Anwesen umgab, war mein schönster Spielplatz gewesen. Auf der anderen Straßenseite hatte die Gemeinde einen Badesee für die Touristen mit Tret- und Ruderbooten geschaffen.
„Mein Gott, Max. Und ich bewohne mit meinen Eltern drei Zimmer in einer billigen Mietskaserne. Was hast du für ein Glück!“ Rene konnte sich nicht satt sehen.
Andy lächelte. „Adel verpflichtet, sagt Max‘ alter Herr immer. Von unserem Kumpel wird einiges verlangt und ich glaube, die Wildensteins müssen ganz schön auf ihren Geldbeutel schauen. Wann sind deine Eltern eigentlich das letzte Mal in Urlaub gewesen?“, fragte er mich.
Ich schüttelte den Kopf. „Ist lange her. Sie besuchen nur meine Tante und meinen Onkel. Meine Oma ist schon uralt und meine Mutter fährt oft zu ihr nach Starnberg. Die Hütte hier verschlingt Unmengen an Kleingeld. Ich weiß gar nicht, ob wir noch die rechtmäßigen Eigentümer sind oder bereits der Bankier aus der Kreisstadt. So oft, wie der bei meinem Vater im Büro sitzt. Ich muss BWL und Forstwirtschaft studieren, um den Laden später übernehmen zu können. Mein Vater will mir eine intakte Firma hinterlassen. Gottseidank werfen die Brauerei und die Schnapsbrennerei noch etwas ab, aber auch da ist die Konkurrenz groß geworden“, erklärte ich ernst.
Die Tür öffnete sich und meine Mutter kam zusammen mit Mia die Treppe herunter.
„Hallo, du bist Rene?“
Verlegen gab der ihr die Hand. „Wie spreche ich Sie denn jetzt richtig an? Frau Gräfin?“
Mutter lachte. „Du darfst Adelheid zu mir sagen und mich duzen. Oder gerne Mum, wie Max. Das höre ich noch lieber. So kann ich euch noch etwas erziehen, was sonst in eurem Alter schwierig ist. Es wird dir sicher bei uns gefallen, Rene. Du kannst bei Max im Zimmer schlafen, aber wir haben dir nebenan ein Gästezimmer bezogen. Damit du mal deine Ruhe bekommst. Meinen Mann lernst du nachher beim Kaffee kennen. Max wird dich überall herumführen. Du willst wie Max BWL studieren?“
„Ja, oder Jura. Ich weiß noch nicht. Das kommt darauf an, ob ich einen Studienplatz in Hamburg finde.“
„Vielleicht kannst du später mal für uns arbeiten, wir brauchen gute Leute.“ Ich lachte. „Und was ist mit mir, Mum? Bin ich nicht gut?“
Sie drückte mich und Mia hustete, als sie sich Renes Rucksack schnappte. „Es gibt da einige Geschichten aus der Kinderzeit unseres jungen Grafen“, murmelte sie vielsagend, mit einem verschmitzten Seitenblick auf meine Mutter, die unmerklich die Lippen verzog.
Im Schloss gingen Rene endgültig die Augen über. Nach der ersten Führung machten wir es uns in meinem Zimmer bequem. Ich erzählte von meiner Familie, von Hubertus, wie er mir damals die ersten Passworte für meinen Laptop mit den besonderen Websites gab und den Streichen, die ich als Kind gespielt hatte, um ja wie ein Junge ‘rüberzukommen. Das meiste wusste er schon, aber es fehlte noch viel, über das ich ihm erst jetzt berichtete.
Andy verabschiedete sich. Er wollte am Abend mit dem Rad wieder kommen, weil seine Mutter das Auto brauchte.
„Ist schon krass, Alter. Wenn Conny das hier sieht, dreht er völlig durch. Andy ist ein feiner Kerl und ich glaube, er ist an der gewissen Stelle gut gebaut“, meinte Rene, als wir allein waren. Er lümmelte sich zufrieden auf meinem Sofa.
Um vier Uhr saßen wir auf der Terrasse und tranken Kaffee mit meinen Eltern. Mein Vater interessierte sich für Renes berufliche Pläne.
„Gut“, sagte er. „Warten wir erst einmal euer Abi ab und sehen, wie es mit dem Studium läuft. Max soll eigentlich an die Uni in München gehen. Ich kenne dort noch einige Leute aus meiner eigenen Studienzeit und die Ausbildung ist hervorragend.“
Ich grinste. „Ich hatte schon daran gedacht, zu Rene nach Hamburg zu ziehen. Einmal ganz raus aus Bayern kann nicht schaden“, erklärte ich.
Vater sah mich skeptisch von der Seite an. „Da bist du mir zu weit weg. Ich habe immer gerne ein Auge auf dich. Weißt du, Rene, hatte ich nicht mal erzählt, dass unsere Familie einem uralten Raubrittergeschlecht angehört? Die ließen nichts anbrennen, feierten verdorbene Orgien und hielten Zechgelage ab. Max hat das Blut derer von Wildenstein in den Adern. Ich muss aufpassen, dass er nicht über die Stränge schlägt.“
Mein Freund senkte schmunzelnd den Kopf. „Da könnten Sie Recht haben, Herr Graf. Max ist beileibe kein Kind von Traurigkeit!“
Wir neckten uns weiter, besuchten nach dem Kaffee die Pferdeställe. Rene wollte reiten lernen. Dazu hatte er in den kommenden sechs Wochen Gelegenheit genug. Ein Pferd war schnell gefunden und er sollte seine Reitstunden erhalten, während ich trainierte. Für Jennys Stute richteten die Stallburschen bereits eine Box her. Jenny würde nächste Woche kommen, wenn in Schleswig-Holstein die Schulferien begannen.
Es war geil. Ich hatte alle meine Freunde zusammen, bis auf… Conny. Nun, vielleicht fand sich später eine Lösung für einen Besuch bei mir.
Um sechs Uhr am Abend trafen wir Andy im Bootshaus. Er wusste inzwischen von Conny und unseren Hamburger Bekanntschaften. Wir schmiedeten Pläne für die kommenden Ferien. Zwischen Andy und Rene begann es zu knistern. Ich fragte, ob ich die beiden allein lassen sollte. Rene meinte, dass das nicht nötig wäre. Wir könnten uns Andy auch teilen. Um halb acht Uhr saßen wir geduscht und in frischer sauberer Kleidung bei Tisch, parlierten brav mit meinen Eltern, telefonierten nach dem Essen mit seinen und ich überraschte Rene mit meinen bescheidenen Künsten auf dem Klavier. Besonders gut war ich nicht, aber ich hatte mich meiner Mutter gefügt und als Kind von ihr Unterricht bekommen, so dass ich leidlich klimpern konnte.
Rene, der immer noch mit seinen Gedanken im Bootshaus weilte, staunte. „Du hast ja Qualitäten, von denen ich bislang gar nichts ahnte.“
Die Woche verging wie im Flug. Er brauchte seine Spritze wie ich und bekam sie bei Doktor Steiner, meinem Hausarzt.
Jenny war eingetroffen, nahm nicht nur die Stallungen und die Reithalle in Besitz, sondern auch mich. Meine Mutter hielt große Stücke auf sie und freute sich, sie in einigen Jahren als Schwiegertochter begrüßen zu dürfen. Ihre Eltern besaßen ein kleines Gut in Schleswig-Holstein. Ihr Vater führte daneben eine Anwaltspraxis. Ihre Mutter hatte Jura studiert, sich später aber der Erziehung der zwei Töchter, dem kleinen Sohn und dem Haushalt gewidmet. Jenny war die passende Partie und sie wusste über alles bei mir Bescheid. Ich glaube, sie hatte sich bereits mit dem Gedanken angefreundet, eines Tages hier auf dem Schloss zu leben. Sie wachte jedenfalls mit Argusaugen darüber, dass ich ihr genug Zeit widmete.
Rene telefonierte viel mit Kerrin, die in Elmshorn wohnte. Mitte Juli fuhren wir zusammen mit meiner Mutter nach Berlin. Jenny begleitete uns und hörte sich sehr interessiert den Vortrag über die Operationsmethode und den Verlauf des großen Eingriffs an. Dass ich mit meiner Pumpe später normalen Geschlechtsverkehr mit ihr haben konnte, wusste sie.
Und auch unser Nachwuchsproblem war bereits gelöst.
Jenny wollte erst meines und danach ihr eigenes Kind austragen. Sie hatte mit ihrer Mutter darüber gesprochen und sofort Zustimmung erhalten. Nun mussten wir nur noch einen geeigneten Samenspender finden. Andy hätte sich liebend gerne zur Verfügung gestellt, war aber bei meiner künftigen Frau und Gräfin Wildenstein komplett durchgefallen. Natürlich unterhielt man sich auch in der nahen Verwandtschaft darüber. Das Problem löste sich auf elegante Weise und fand nie wieder Erwähnung.
Jenny und Hubertus führten während eines Spaziergangs um den See ein anregendes Gespräch über die Erhaltung unserer Dynastie. Er war als Kandidat für die Spende bestens geeignet und fühlte sich sehr geehrt. Wir flachsten, er solle sich nicht zu sehr bei den anderen Damen verausgaben. Die Zeugung ihres Babys würde in einer Arztpraxis heterologisch durchgeführt werden. Möglicherweise werden wir dies für meinen Embryo, der ja in vitro befruchtet werden muss, in Holland vornehmen lassen. Rechtlich ist Jenny nach unserer Eheschließung meine Frau und sie wird die Mutter beider Kinder sein. Das Leihmutterschaftsverbot wird also gar nicht berührt. Ob ich als Vater in die Geburtsurkunde eingetragen werden kann, werden wir durch unseren Anwalt regeln lassen. Vielleicht
machen wir uns viel zu viele Gedanken darüber und brauchen uns gar nicht zu erklären. Ich bin nicht verpflichtet, über meine Transsexualität Auskunft zu geben. Ich denke, dass sich in den nächsten Jahren durch neue Regierungen und Gesetze auf diesem Gebiet einiges ändern wird. Rene hatte mit Herrn Reimers gesprochen, der sich mit dessen besonderer Kinderwunschproblematik befassen wollte. Wir hatten Angst, dass er sich nach der Hormonbehandlung keine Eizellen mehr entnehmen lassen durfte. Dr. Malinka untersuchte ihn und gab grünes Licht. Rene war gesetzlich versichert, er musste sich mit der Krankenkasse seiner Eltern auseinandersetzen. Unsere OP sollte in einer Privatklinik durchgeführt werden. Nicht alle Kassen übernahmen die Kosten anstandslos, da sie über den gesetzlich zugelassenen Gebührensätzen lagen. Mein Vater signalisierte seine Hilfe sowohl für die OP als auch für die Einlagerungskosten von Renes Eizellen. Unser Rechtsanwalt wird sich für Rene einsetzen, sobald Schwierigkeiten auftauchen. Für meinen Freund gestaltet sich die spätere Elternschaft schwieriger, denn sollten er und Kerrin ein Paar werden bzw. bleiben, so kann Kerrin zwar ihren Samen in einer Samenbank deponieren, als Transfrau kann sie aber selbst keine Kinder bekommen. Sie braucht in jedem Fall eine Leihmutter und das ist momentan in Deutschland nicht erlaubt. Herr Reimers hat Bekannte in Holland, wo das Thema sehr viel menschlicher behandelt wird und machte ihm Hoffnung. Dort dürfen auch zwei Transsexuelle nach der Operation leibliche Eltern werden, wenn ihr Erbgut eingelagert wurde. Der rechtliche Teil muss mithilfe von Adoptionsverfahren geregelt werden, solange Deutschland bei seiner altertümlichen Gesetzgebung bleibt.
Wir sprachen davon, dass wir in Europa neue moderne Gesetze brauchen, welche mit der medizinischen Entwicklung Schritt halten können. Das gilt nicht nur für die Neufassung des TSG, sondern auch für einen vernünftigen Umgang mit Leihmutterschaft, sowie der trans-und homosexuellen Elternschaft. Deutschland ist durch seine traurige Vergangenheit prädestiniert dafür, der Welt den Weg in eine offene tolerante Gesellschaft vorzuleben. Letzten Endes ist es egal, wer leiblicher Vater oder wer leibliche Mutter ist, solange die entsprechende Rubrik in der Geburtsurkunde ausgefüllt wurde und man den Entstehungsweg eines Kindes nachvollziehen kann. Ich bin sicher, dass irgendwo auf der Erde bereits an einer künstlichen Gebärmutter geforscht wird. Wir leben im dritten Jahrtausend, welches das Zeitalter der Raumfahrt begründet. Für Frauen, die in ferne Galaxien unterwegs sind, muss es eine alternative Möglichkeit von Schwangerschaft und Geburt geben. Den Anfang hat man mit der Invitro Fertilisation bereits gemacht. Nun muss man den Embryo nur noch außerhalb des Mutterleibs in einer Brutmaschine wachsen lassen. Die technischen Probleme werden mit Sicherheit zu lösen sein. Eine Gesellschaft, die jedem ihrer Bürger freiheitlich demokratische Grundrechte garantiert, muss die Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe anerkennen und rechtlich entsprechend definieren. Die Freiheit des einzelnen nach seinen Bedürfnissen leben zu können, schließt die Freiheit des anderen, solches zu kritisieren ein.
Für die Operation schreibt uns Doktor Reimers die ärztliche Verordnung. Er will auch eines der beiden notwendigen Gerichtsgutachten für die Vornamen- und Personenstandänderung fertigen. Meinen Antrag hatte ich bereits bei Gericht eingereicht. Das zweite Gutachten wird Frau Michelsen abgeben und Rene ist bereits in Hamburg bei einem Zweitgutachter in der Kartei.
Alles lief wie am Schnürchen. Andy und ich brachten Rene mit Tränen in den Augen am Ende seiner Ferien zum Bahnhof.
Auch Jenny fuhr wieder nach Hause. Sie ging wie ich in die zwölfte Klasse und wird im kommenden Sommer ihr Abitur machen. Meine und auch ihre Eltern gaben uns deutlich zu verstehen, dass sie für diese Verbindung in einigen Jahren, wenn wir erwachsen sind und unsere Berufsausbildung abgeschlossen haben, mit Freuden ihren Segen geben.
Das neue und gleichzeitig letzte Schuljahr brach an. Ich wurde langsam männlicher. Meine Stimme hörte sich zwar immer noch sehr jung an und einen Bartwuchs konnte ich an mir nicht feststellen. Doch äußerlich war ich als männlicher Jugendlicher erkennbar entwickelt, wenngleich ich mehr für vierzehn Jahre durchging, als für mein tatsächliches Alter.
Mein Termin am 5. Oktober musste auf den Freitagnachmittag gelegt werden. Ich konnte mir trotz guter Noten keinen Fehltag in der Schule mehr erlauben. Andy und ich büffelten in einer Tour.
Als ich zum Arzt sollte, flog ich am frühen Freitagnachmittag nach Hamburg. Doktor Reimers kontrollierte meine Testosteronwerte und untersuchte mich körperlich. Ich war wieder etwas gewachsen und hatte zugenommen. Meine Muskeln waren nach dem regelmäßigen Krafttraining stärker geworden.
Als ich aus dem Sprechzimmer kam, saß Rene drinnen. Er war als nächster dran. Wir hatten kaum Zeit für die Begrüßung. Ich wartete auf ihn. Sein Antrag auf die geschlechtsangleichende OP lief bei der Krankenkasse. Unser Anwalt hatte einmal an diese geschrieben.


Eine Viertelstunde später lagen wir uns in den Armen. Ich hatte meine Schlittschuhe von zuhause mitgebracht. Die Außenbahn bei Planten un Blomen war dank der kalten Witterung bereits geöffnet. Rene verlor keine Zeit. Vor der Praxis stiegen wir gleich in den Bus. Als ich meinen Eintritt für die Eisbahn bezahlt hatte und mich umschaute, bemerkte ich das Riesenrad auf dem Heiligengeistfeld. Musik-und Sprachfetzen tönten herüber und Gerüche von Bratwurst und gebrannten Mandeln stiegen mir in die Nase. „Hey, ist schon Dom?“ Rene grinste. „Conny will morgen Abend mit uns rüber. Wir dürfen unsere Mädels mitbringen. Kerrin weiß Bescheid. Heute müssen wir um halb Sieben los. Mein Alter hat einen Tisch im Balkan Restaurant bestellt. Er holt uns hier ab und du kannst deine Klamotten bei ihm im Auto lassen. Zu späterer Stunde treffen wir Conny bei ihm zu Haus. Sina hat Sehnsucht nach uns. Wir wollen auf dem Kiez etwas mit ihr trinken.“ Das hörte sich gut an. Es war halb fünf Uhr und die nächsten zwei Stunden konnten wir uns auf der Eisbahn austoben.
Kurz nach sechs Uhr bemerkte ich Renes Vater an der Bande. Er lachte zu uns rüber. Ich fuhr zu ihm. „Nicht lachen, Rolf. Schlittschuhe an und dann drehst du mit uns ein paar Runden!“, rief ich übermütig aus. „Ne, ne, ich will mir nicht die Haxen brechen, wie ihr in Bayern sagt. Das Toben überlasse ich Rene. Ich werde noch gebraucht. Alles gut, Max? Was macht die Schule?“ „Alles ok, aber viel Arbeit. Mein Dad ist, was meine Zensuren angeht, noch einigermaßen vernünftig, aber meine Mutter macht ordentlich Druck. Adel verpflichtet auch in der Schule, meint sie. Ich kann ihr da leider nicht zustimmen.“ Renes Vater arbeitete bei der Stadt als Verwaltungsbeamter. „Es ist hart, das weiß ich. Aber mit einem guten Notenschnitt erhöhen sich deine Chancen auf einen Studienplatz deiner Wahl beträchtlich. Ihr zwei habt ja ein besonderes Ziel im nächsten Jahr. Und nach dem Abi könnt ihr euch auf den Eingriff vorbereiten. Rene hat gerade einen Brief von der Krankenkasse erhalten. Sie wollen eine Bescheinigung von Herrn Reimers und fragen, wann mit der Vornamen-und Personenstandänderung zu rechnen ist.“
Ich stieß einen Freudenschrei aus. „Super, dann hat sich der Brief von Herrn Dr. Wanninger ja gelohnt. Renes Antrag liegt doch schon beim Gericht, oder?“ Er war gerade herangefahren und hatte uns erst jetzt bemerkt. „Du bist eine halbe Stunde zu früh, Dad.“ Ich knuffte ihn. „Sei nicht so frech. Dein Vater ist ok. Hast du schon Gespräche mit dem Zweitgutachter?“ Rene nickte. „Es war schwer bei dem einen Termin zu bekommen. Man muss sich wundern, wie viele Transen es in Hamburg gibt. Ich hab den Ersttermin nächsten Donnerstag.“ „Frau Michelsen ist auch noch nicht fertig. Ich denke im Februar wird es soweit sein und wenn wir das Schreiben vom Gericht haben, können wir endlich den Ausweis und die Geburtsurkunde umschreiben lassen. Musst du überhaupt den Vornamen wechseln? Rene ist doch geschlechtsneutral?“
Rolf schüttelte den Kopf. „Er heißt anders.“ Und wehrte gleich ab, als er Renes Augen böse funkeln sah. „Ich sag nix!“ Wir verließen die außergewöhnlich schöne Eisbahn und zogen uns unsere Schuhe an. Eine halbe Stunde später saßen wir in einem tollen Balkanrestaurant in der Nähe der Alster. Wir hatten beide Hunger. Renes Vater lachte, als er sah, was für riesen Portionen wir futterten. Um neun Uhr verabschiedeten wir uns von ihm. Er nahm meine Reisetasche mit nach Norderstedt. Rene und ich fuhren gut gelaunt mit der U- Bahn zur Reeperbahn. Ohne vorher anzurufen klingelten wir an Connys Haustür. Er war anscheinend nicht da. Ich schrieb eine SMS. Antwort: „Bin am Parkplatz, hab Kundschaft.“ Ich zeigte Rene die Zeile. „Wo ist das?“ Ich schrieb zurück und bekam sofort eine Beschreibung des Weges. Nach zehn Minuten Spaziergang standen wir vor dem Eingang zu einem Park. Auf der gegenüber liegenden Seite fügte sich ein Toilettenhäuschen aus roten Backsteinen in das Landschaftsbild ein. Es machte, von hohen Bäumen umgeben, einen nicht gerade einladenden Eindruck auf mich. Ein schmaler Pfad führte von dort zu einer Wendeschleife für Autos. Der Abend forderte seinen Tribut und hüllte uns in Dunkelheit ein, an die sich unsere Augen nur mühsam gewöhnten. Arglos steuerten wir auf grelle Autoscheinwerfer zu. Ich erschrak, als ich unmittelbar neben mir ein Geräusch wahrnahm. Eine dunkel gekleidete Person trat etwas hervor und musterte uns eindringlich. Rene hatte den jungen Mann ebenfalls bemerkt und flüsterte mir zu: „Du, hier haben die Sträucher Ohren und Augen. Überall stehen Leute im Gebüsch. Siehst du das?“ Ich sagte ebenso leise „ja.“ Die Situation hatte etwas Unheimliches an sich. Ich konnte nicht behaupten, dass ich mich auf diesem Weg wohlfühlte. Plötzlich blitzte etwas über uns auf. Eine Straßenlaterne hatte sich wie von Geisterhand eingeschaltet. Die Sonne war im Begriff am Horizont zu verschwinden. Der Himmel färbte sich glutrot. „Gleich ist Draculatime!“, frotzelte ich in Richtung meines Kumpels. Und als ob sie mich verstanden hatte, flatterte eine Fledermaus demonstrativ über uns hinweg. Rene zischte durch die Zähne: „Was du nicht sagst. Dracula liebt bayerisches Adelsblut! Er wird dich zu seinem Diener machen.“ Wir waren am Parkplatz angekommen. Einige Jungen, deren Alter sich schwer zu schätzen ließ, standen am Straßenrand oder gingen auf und ab. In den herannahenden Autos saßen Männer, die anhielten und mit ihnen sprachen. Conny war nirgends zu entdecken. Unschlüssig warteten wir. Ich trat von einem Bein aufs andere. Das wurde anscheinend von den Autofahrern missverstanden. Ein dunkelblauer Ford hielt neben uns. „Wie viel?“, fragte der untersetzte Mann am Steuer. Ich sah in den Wagen und schätzte ihn auf fünfzig bis sechzig Jahre. „Ähm, gar nichts. Wir stehen hier nur und warten auf unseren Freund“, stammelte ich.
„Ich bezahl gut und mach auch nichts ohne Gummi“, meinte er. Ich schüttelte lächelnd den Kopf. Ein älterer Junge kam auf uns zu. „Was wollt ihr hier, haut ab. Das ist nichts für euch!“ Rene hob beschwichtigend die Hände. „Ganz cool. Wir sind mit unserem Kumpel verabredet. Er hat uns das hier beschrieben.“ Der Junge, den ich auf Anfang zwanzig schätzte sah jünger aus. Er trug eine enge weiße Hose, unter der sich sein Geschlecht abzeichnete. Das gelbe T-Shirt schien eingelaufen zu sein. Es endete am Bauchnabel. Er war leicht geschminkt, hatte die Lippen gefärbt und blauen Lidschatten aufgelegt. Ich kannte so etwas nur von Jenny und den Mädels. Bei einem Mann hatte ich ein derartiges Outfit noch nie gesehen. An seinem Hals blinkte ein goldener Kreuzanhänger. „Wie heißt euer Freund?“, fragte er barsch. „Conny“, antwortete ich und versuchte selbstsicher rüberzukommen. „Was ist da los, Jacky?“ Zwei weitere junge Männer kamen nun auf uns zu. „Keine Panik“, erwiderte er. „Es sind Freunde von Conny. Weiß einer, wo der ist?“ Ein blonder Junge in enger schwarzer Lederjeans drehte sich zu uns um. „Conny ist seit einer halben Stunde mit jemandem weg. Das war der schwarze Mercedes. Ich glaub, der gehört einem seiner Stammfreier.“ „Kommt mit, ihr könnt da drüben auf der Bank warten. Hier verwirrt ihr die Kundschaft“, erklärte uns Jacky und zeigte mit der Hand auf die andere Straßenseite. Wir bedankten uns. Die Bank stand etwas abseits der Wendeschleife und Autos konnten dort nicht anhalten. Wir bekamen auf diese Weise einen guten Überblick über die Szenen, die sich vor unseren Augen abspielten. Autos kamen und fuhren langsam an den Jungen vorbei. Einige von ihnen stiegen ein, andere kamen zurück. Das war interessanter als jeder Krimi und jedes Internetspiel. Wir waren mitten drin im Getümmel. Ich frotzelte: „Du, das ist wie beim Fernsehen. Wir sitzen hier in der ersten Reihe!“
Nach einer Viertelstunde erschien ein schwarzer Mercedes mit Hamburger Kennzeichen. Er hielt gegenüber von uns an. Conny stieg aus und verabschiedete sich von dem Fahrer. Er ging zu Jacky und zu dem jungen Mann, der vorhin gefragt hatte, wer wir waren. Mit einer einladenden Geste winkte er uns heran. Wir ließen uns nicht zweimal bitten. War das aufregend! „Hallo, Conny, altes Haus!“ Ich fiel ihm um den Hals. Rene begrüßte unseren Freund ebenso herzlich. „Jacky habt ihr ja schon kennengelernt. Er ist hier so etwas wie die gute Seele und passt auf, dass alles seine Ordnung hat. Es kommen immer wieder Streetworker vorbei, die nach Kids Ausschau halten. Und natürlich die Bullerei. Die interessieren sich für die Dealer, die versuchen, ihren Stoff loszuwerden. Das sind meine Freunde, Jacky, von denen ich euch erzählt habe: Max und Rene. Max kommt aus Bayern. Bis die Tage, Jacky. Ich nehme die beiden mit. Vielen Dank, dass du auf sie aufgepasst hast.“ „Keine Ursache, tschüss ihr zwei!“ Wir winkten den Jungen zu. Conny legte die Arme um uns. „Ab in die Bierstube, Sina will mit euch turteln.“ Ich kam aus dem Schwärmen nicht heraus. „Mensch, Conny. Das war interessant. Ein Männerstrich mitten in Hamburg. Und wir mittendrin.“
Er lachte. „Na, ich glaube, da übertreibst du etwas. Aber, ja, ich hab über deinen Vorschlag mit den online Dates nachgedacht. Ich kann nicht bis in die Puppen Freier treffen. Die Frauen werden, wenn sie älter sind, weiter von Kerlen nachgefragt. Die haben in jedem Alter ihren Markt. Bei uns ist das anders. Da zählt nur das jugendliche Aussehen. Ein Kumpel von mir kennt sich mit Kameras aus. Vielleicht versuchen wir es mal online. Das kann ich gut in meiner Wohnung installieren. Dies hier draußen ist auch gefährlich, weil man nie weiß, zu wem man ins Auto steigt. Wir sind da. Setzt euch unter den Baum. Ich gebe die erste Runde aus.“ Es war ein toller Platz, zu dem uns unser Freund geführt hat. Wir konnten die komplette Sündenmeile überblicken. Conny kam nach wenigen Minuten mit Getränken zurück. Autolärm, Stimmengewirr drang an unsere Ohren, überall blinkte Neonreklame, Musikfetzen vermischten sich. So viele Menschen liefen herum, aber niemand stieß mit einem anderen zusammen. Es war Freitagabend. Arbeitnehmer genossen den Feierabend und tranken ihr Bier. Andere hatten frei und wollten sich in den vielen Läden amüsieren. Wir schauten dem Treiben vor uns fasziniert zu, waren mitten drin und doch weit genug weg.
Um kurz vor elf Uhr hörten wir eine vertraute Stimme. „Drei süße Jungs, und keiner gibt einen aus! Schämt euch.“ Ich sprang auf, drückte Sina und nahm die Bierflaschen in die Hand, die wir bisher geleert hatten. „Ich komme sofort, Sina, du bist unser größter Schatz.“ Sie roch herrlich nach Parfum, als ich sie küsste. Am Kiosk musste ich einen Moment warten. Ich spürte Erregung, als ich zurückkehrte und Sinas Erscheinung in mir aufsog. Sie war älter als sie aussah, dass wusste ich von Conny. Sie hatte ihm von seiner Mutter erzählt. Die beiden trafen sich vor vielen Jahren auf der Reeperbahn und da Conny achtzehn Jahre alt war, mussten die Frauen mindestens sechsunddreißig sein. Conny sagte, seine Mutter hätte ihn mit zwanzig Jahren zur Welt gebracht. Sina sah immer noch wie ein junges Mädchen aus. Ihre Bekanntschaft mit Connys Mutter würde später sehr wichtig für ihn werden, aber davon ahnten wir in diesem Moment noch nichts. Sinas zarte Hände strichen um meine Hüften und glitten langsam auf meine Pobacken. Sina wusste, wie eine Frau mit Männern umzugehen hatte. „Mach ich dich heiß, mein kleiner Liebling?“ Meine Augen konnten sich nicht mehr von ihrem stattlichen Dekolleté abwenden. Meine Wangen glühten. „Die Frage ist angesichts der gegebenen alters-und körperlichen Umstände gemein. Ich wollte, ich hätte die stoische Gelassenheit von Conny“, meinte ich zu ihr. Conny grinste. „Ja, es gibt Momente, da ist es nicht schlecht schwul zu sein. Hast du nicht gesagt, du bekommst heute Abend noch Besuch zu dir nach Hause?“, fragte er sie. Sina trank ihr Bier, nahm ihr Handy aus der Gürteltasche und gähnte. „Hm, da hat sich gestern noch ein Freier angemeldet. Ich muss wirklich langsam los.“ Conny sah uns an. „Ich würde gerne nach Hause gehen und mir etwas Frisches anziehen.“ Er berichtete unserer Freundin auch von dem Segeltörn letztes Mal und dessen unrühmliches Ende. Sina hielt sich prompt den Bauch vor Lachen. „Dann wurdest du ja endlich getauft und das auch noch mit bestem Hamburger Wasser!“ Conny zog die Mundwinkel kraus. „Ich bin getauft und konfirmiert, allerdings mit vierzehn alles auf einmal, weil meine Mutter meinte, ich solle mir sicher sein, mit dem, was ich will.“ Er klang etwas brummig.
„Kommt, lasst uns austrinken und dann bringen wir Sina nach Hause“, sagte er. Zehn Minuten später standen wir vor ihrer Tür. Ich spürte das Bier in meiner Blase und fragte, ob ich schnell zu ihr aufs Klo durfte. Natürlich, das war kein Problem. In der hinteren Hosentasche drückte mein Portemonnaie, so dass ich es herausnahm und auf ein kleines Schränkchen in der Toilette legte. Dass ich es dort vergaß, sollte ein Glücksfall für Sina werden. Den Abend verbrachten wir gutgelaunt bei Conny, wühlten uns durch seine Videothek, die keine Wünsche offenließ. Um halb zwei Uhr war Schluss, wir mussten den Nachtbus erreichten. Rene knuffte mich und alberte auf dem Weg zur Haltestelle herum. Ich wollte meine Fahrkarte aus dem Portemonnaie ziehen. Shit! Es war nicht mehr an seinem Platz. Deshalb fühlte ich mich auch so locker. Das enge Teil auf meinem Hintern fehlte! Aber es war wichtig, denn es enthielt neben Geld meine Fahrkarten, Schülerausweis und meine Alltagstestbescheinigung von Dr. Reimers. Ruhig bleiben und überlegen. Ich wusste schnell, wo es lag. Also Handy ‘raus, anrufen. Verflixt! Es klingelte und klingelte. Sina ging nicht ans Telefon. Conny benachrichtigen und von meinem Malheur erzählen, dachte ich. Gesagt getan. Er lachte. Rene und ich kamen derweil zu Sinas Haus, es brannte noch Licht in ihrer Wohnung. Warum ging sie nicht ans Telefon? War der Freier noch bei ihr? Es war eine komische Situation. Conny meinte, wir sollten nichts auf eigene Faust unternehmen, sondern auf ihn warten. Der Nachtbus wird ohne uns fahren, soviel stand bereits fest. Ein paar Minuten später gingen wir mit Conny über den Hinterhof und er klopfte an Sinas Fenster. Sie reagierte immer noch nicht. Unheimliche Geräusche kamen aus ihrer Wohnung. Rene und ich sahen einander ratlos an. Was war da los? Conny ahnte anscheinend etwas. Sein Finger legte sich über seinen Mund. Wir hatten verstanden. Conny kannte sich auf dem Kiez aus. Es war beruhigend, ihn dabei zu haben. Leise schob er die Haustür auf. Ein stockdunkler Flur lag vor uns. Wir horchten. Aus Sinas Wohnung kam ein leises Schluchzen und dann hörten wir etwas, das wie das Knallen einer Peitsche klang. Irgendetwas stimmte da nicht. Sina war weder Domina, noch hielt sie mit Freiern Fesselspiele ab. Plötzlich schrie jemand, es klang als ob die Person einen Knebel trug.
Conny zögerte nicht einen Moment, sondern riss die Tür zu Sinas Schlafzimmer auf. Ein grauenvolles trauriges Bild bot sich uns. Mir blieb der Atem weg und ich hatte das Gefühl, als ob mein Herz im nächsten Moment aufhören würde zu schlagen. Sina lag gefesselt und geknebelt hilflos und halbnackt auf ihrem Bett. Ein maskierter Mann in schwarzer Kleidung schlug mit der Peitsche auf ihren Körper ein, der schwere Wunden aufwies. Sina stöhnte und ich konnte panische Angst in ihren Augen lesen. Als der Kerl die erste Schrecksekunde überwunden hatte, wollte er weglaufen. Conny stellte sich ihm in den Weg. Der Mann zückte ein Messer. Ohne nachdenken zu müssen, stieß ich Conny beiseite und trat dem Kerl meinen Fuß in die Hüfte. Danach drehte mich einmal herum und schlug mit der Handkante das Messer weg. Mein Taekwondo Training machte sich in diesem schlimmen Augenblick bezahlt. Conny starrte mich erstaunt an. Blitzschnell drückte ich den Mann auf den Boden und kniete mich über ihn. Rene hatte unterdessen Sina geholfen und ihr die Handschellen gelöst. Ich nahm sie ihm freudig ab. Eine Verwendung gab es bereits. Der Fremde wehrte sich nicht mehr, als ich seine Hände damit auf dem Rücken zusammenschloss. Er lag kampfunfähig vor mir.
Vorsichtig befreite Rene Sina aus ihrer misslichen Lage und zog ihr das Klebeband vom Mund ab. Sie schlang den Arm um ihn, drückte ihn fest an sich und schluchzte herzzerreißend. Das war zu viel für die Arme gewesen. Der Angreifer wollte plötzlich aufstehen. Conny holte aus, um ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen. Aber so weit kam es nicht. Sein Arm wurde von hinten sanft festgehalten. Ein älterer Mann war ins Zimmer getreten und hatte die Lage in Windeseile erfasst. „Ruhig, Conny. Ich weiß, was du fühlst und zur Zeit meines Vaters hätte der Typ jetzt ein paar gebrochene Knochen bekommen. Aber Selbstjustiz führt zu nichts. Wir reden gleich. Dein Freund“, er zeigte auf mich „hat genau richtig gehandelt und ihn schachmatt gesetzt. Nachtreten ist gegen das Gesetz.“ „Kurt, seit wann kümmerst du dich um das Gesetz?“, fragte Conny entgeistert. Sina hatte sich erholt. „Das wundert mich jetzt auch, aber es ist gut, dass ihr hier seid. Wer weiß, was der Typ sonst noch mit mir angestellt hätte. Er hat auch noch nicht bezahlt. Darf ich mal, Freundchen!“ Sina griff zielstrebig in seine Jackentasche und nahm das Portemonnaie in Augenschein. „Normaler Sex mit allem kostet bei mir Zweihundert. Was du gemacht hast, ging weit darüber hinaus und kostet extra. Sie zählte die Scheine und nahm sich insgesamt fünfhundert Euro raus.“ Kurt grinste. „So mein Junge, du hast die Lady bezahlt, das rechne ich dir an. Ich weiß, dass du dasselbe in der letzten Woche mit einem meiner Mädels abgezogen hast. Sie hatte weniger Glück als Sina. Die restlichen fünfhundert, die ich in deiner Börse gesehen habe, nehme ich mit und gebe sie Chantal, damit sie Schadensersatz bekommt. Du hast sie übel zugerichtet. Und jetzt löst dir der Junge die Fesseln und wir lassen dich ausnahmsweise laufen. Bullen brauchen wir hier nicht. Ich weiß, wer du bist und alle Bordellbesitzer, Kollegen und die Mädels werden benachrichtigt. Du hast ab sofort Kiezverbot. Sehe ich dich noch einmal wieder, überlege ich mir etwas Spezielles für dich. Und es werden nicht die Jungs von der Davidswache sein, die ich dir auf den Hals hetze. Gut, das soll genügen, lasst ihn laufen!“ Ich gehorchte und löste dem Fremden die Fesseln, der sich daraufhin in Windeseile aus dem Staub machte.
Sina wankte ins Bad und kam einen Moment später mit meinem Portemonnaie wieder. Ich nahm sie vorsichtig in die Arme. „Oh, Sina, ich hatte das liegen lassen und als Rene und ich zum Nachtbus sind, fiel es mir ein und ich rief dich an und du nahmst dein Handy nicht ab. Wir sahen Licht bei dir, ich rief Conny an. Den Rest …“ Ich kam nicht weiter, weil mir die Tränen übers Gesicht liefen. Ich schluchzte: „Es tut mir so leid. Solche Typen gehören totgeschlagen.“ Sina küsste mich und streichelte meinen Kopf. „Ist gut, Max. Du warst großartig. Was war das, Karate?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Taekwondo, ich habe den roten Gürtel und trainiere seit meinem achten Lebensjahr. Ich hätte nie geglaubt, dass dieser Sport mal wichtig für mich werden wird.“
„Mensch, Max. Das war allergrößte Spitze. So etwas können nicht einmal unsere Türsteher“, rief Conny voller Bewunderung aus. Ich wurde von dem vielen Lob ganz verlegen. Kurt nickte. „Passt mal auf. Sina macht sich ein wenig frisch und dann gehen wir ‘rüber in meinen Goldenen Anker. Ich spendiere eine Runde.“ Rene sah auf die Uhr und wehrte ab. „Wir müssen nach Hause. Unser Nachtbus ist gerade auf und davon.“ Es war ohnehin zu spät, wir würden nicht mehr pünktlich bei Renes Eltern sein. „Willst du deiner Mutter eine SMS schicken?“, fragte ich. Kurt schüttelte den Kopf. „Nein, wie alt seid ihr zwei?“ „Siebzehn“, antwortete Rene. „Dann machen wir das anders. „Sina, Conny bleibt bei dir und ich fahre die beiden jetzt nach Hause. Wir holen den Umtrunk morgen Abend nach. Ich lade euch zu sieben Uhr ein, meine Tabledance Bar öffnet erst um halb elf Uhr für Publikum.“ Conny atmete zufrieden aus. Man sah ihm die Aufregung an. „Super, danach treffen wir eure Mädels und machen den Dom unsicher.“ Das Wochenende war also gerettet. Der Goldene Anker lag nur wenige Meter von Sinas Wohnung entfernt. Kurt holte sein Auto aus der Tiefgarage. Uns blieb die Spucke weg. Rene nahm vorne im Porsche neben ihm Platz. Ich kletterte auf den Notsitz nach hinten. Auf diese Weise kamen wir sogar noch vor dem Nachtbus und der S-Bahn zu Hause an und beschlossen, sicherheitshalber Renes Eltern nichts von unserem Kiezabenteuer zu erzählen.

Für Kurt war die Nacht hingegen noch nicht zu ende. Sina und Conny erschienen in der Bar um auf den Schrecken zu trinken. In der Folge geschah etwas, das Kurts und auch Connys Leben vollkommen verändern sollte. Kurt hütete ein Geheimnis, das ihn mehr belastete, als er zugeben wollte. Sina wusste darüber Bescheid. Ihre große Stunde nahte. Und nachdem sie ihren nächtlichen Schrecken mit einigen Cocktails hinunter gespült hatte, schob sie Kurt resolut in dessen Büro. Dort wurde es zeitweilig laut. Nach einer halben Stunde kamen die beiden wieder heraus. Kurt zitterte leicht und seine Augen waren gerötet, so als hätte er geweint. Er zog Conny zu sich heran und die beiden verschwanden allein in Kurts Büro. Sina bestellte bei Babs, der Bardame, einen doppelten Cocktail auf Kurts Rechnung und meinte sichtlich erleichtert: „Den habe ich mir jetzt redlich verdient.“
Babs ahnte, um was es ging. Die Mädchen auf dem Kiez unterhielten sich über alles, was dort passierte. Die Gerüchteküche brodelte schon lang. „Dann ist es wahr, was die Spatzen von den Dächern pfeifen? Kurt und Claudia? Sie war nicht nur eines seiner Mädchen, sie war mehr?“ Sina nippte genüsslich an ihrem Getränk. Sie konnte eine Menge vertragen. Das brachte der Beruf mit sich. Aber heute spürte sie den Alkohol und beschloss, sich langsam auf den Heimweg zu machen. „Du sagst es, Babsi. Es war mehr als überfällig, dass mal jemand Kurt die Meinung sagt und das hab ich grad getan. Zu seinem Wohl und zu Connys. Conny ist ein prima Junge und er braucht einen Mann wie Kurt. Schwul sein ist nicht schlimm, aber das Anschaffen taugt nichts. Conny muss entweder wieder zur Schule gehen und einen ordentlichen Beruf lernen oder sich zumindest seine Brötchen mit anständiger Arbeit verdienen.“ Kurt und Conny waren inzwischen an die Bar gekommen. „Und das sagt ausgerechnet ein Mädchen wie du, Sina. Aber du hast Recht. Und wenn du willst, kannst du Babs hier an der Theke unterstützen und brauchst nicht mehr auf den Strich. Das ist das Mindeste, was ich dir schuldig bin. Ich werde Claudia anrufen und ihr sagen, dass ich durch dich endgültig Gewissheit hab. Aber ich ahnte es bereits und war nur zu feige“, erklärte Kurt und der kräftige sechzigjährige Bar-und Bordellbesitzer, den kaum etwas erschüttern konnte, trank sein Bier in einem Zug leer.
Er wandte sich Conny zu, sah ihn fast zärtlich an. „Ich bin ein Idiot gewesen. Aber, ein Kind, das bedeutet Verantwortung und deine Mutter wusste, dass ich für eine Familie nicht reif genug war. Sie liebte mich und ich Esel hab viel zu spät begriffen, was ich aufgab. Conny, ich will alles wieder gut machen. Was deine Mutter angeht, so muss sie wissen, mit wem sie zusammen leben will. Ich weiß nicht, ob es klappen wird und wir die vergangenen Jahre nachholen können. Das soll sie entscheiden. Frauen haben einen sechsten Sinn für Familie und so. Aber wir beide, wir gehören zusammen und ich will, dass du mit dem Strich aufhörst. Es ist gefährlicher für Männer als für Frauen, von Ausnahmen wie heute Abend mal abgesehen. Du kannst dir schnell eine Krankheit holen. Ich hab als Junge auch mit Männern geliebäugelt. Die Veranlagung hast du von mir. Aber ich bekam rechtzeitig die Kurve und das solltest du auch tun.“ Conny schluckte. Man sah dem hübschen blonden Jungen an, wie ihn die letzten Minuten bewegt hatten. Es war viel auf ihn eingeprasselt. Eine Vorahnung gab es schon lange. Doch nun war sie Gewissheit geworden. Kurt, der als einer der renommiertesten Kiezgrößen galt, war sein Vater. Er blickte in den Spiegel, der über der Bar hing und sah die jüngere Ausgabe von Kurt darin. Die Ähnlichkeit mit dem untersetzten grauhaarigen Mann neben sich war nicht zu übersehen. Sie besaßen dieselben ausdrucksvollen blau-grünen Augen. Das scharfkantige Kinn, die Wangenknochen und auch ihre schlanke Gestalt ließen keinen Zweifel an ihrem Verwandtschaftsgrad aufkommen. Kurt war für sein Alter erstaunlich fit und durchtrainiert. Nur sein kleiner Bauchansatz trennte seine Figur von der seines Sohnes. Er besaß eine Dauerkarte für das Fitnessstudio, lief im Winter in St. Moritz Ski. Die beiden saßen auf Barhockern an der Theke und begannen Zukunftspläne zu schmieden. Irgendwann drückten sie sich fest und Conny verließ den Goldenen Anker. Er verschlief den ganzen nächsten Tag.
Uns erging es ähnlich. Erst gegen Mittag wühlten wir uns aus den Kissen. Wir simsten Kerrin und Melanie, verabredeten uns gegen 21 Uhr auf dem Dom am Riesenrad. Den Tag verbrachten wir bei Renes Eltern. Es gab mittags reichlich Würstchen mit Kartoffelsalat. Um drei Uhr am Nachmittag fuhren wir mit Rolf und seiner Frau nach Kaltenkirchen in die Therme. Gerade rechtzeitig trafen wir um 19 Uhr bei Conny ein. Dass wir Sina abholten, war Ehrensache. Eine Tabledancebar hatten Rene und ich noch nie besucht. Ich hatte mir im Internet einiges angesehen. Als ich in den großen Raum trat und das Podium mit der Tanzstange sah, spielte mir meine Phantasie sofort die Atmosphäre in den Kopf, die hier am späten Abend herrschen wird. Babs erwartete uns. Sie stellte jedem einen riesigen Coctail vor die Nase. Was da wohl alles drin war, fragte ich mich? Kurt erschien. „Prost, die Herren und Damen, lasst es euch schmecken. Das ist ein Autofahrerdrink, ganz ohne Alkohol. Die Kunden sind ganz verrückt danach.“ Ich nahm den bunten Strohhalm in den Mund. Hm, Ananas. Einige Bananenstücke fischte ich mit einem langen Löffel aus dem Glas. Erdbeeren und Kirschen folgten. Wir tranken den gesündesten Obst-Cocktail, den ich je zu mir genommen hatte. Babs erzählte, dass sie das Getränk mit alkoholfreiem Sekt aufgießt. Deshalb prickelte es im Hals. Conny und Kurt gingen auffallend vertraut miteinander um. Ich sah meinen Freund überrascht an. Was folgte schlug ein wie eine Bombe. Conny und Sina erzählten abwechselnd von ihrem Gespräch gestern Abend. Kurt war Connys Vater. Geahnt hatte Conny schon länger etwas, aber sowohl er als auch Kurt sprachen nie darüber. Sina fühlte sich allem Anschein nach sehr wohl, weil sie es gewesen war, die den Stein endlich ins Rollen brachte. Claudia, Connys Mutter, war eine langjährige Freundin von ihr und Sina fand es nicht gut, dass Conny ohne Vater aufwachsen musste. Aber sie respektierte den Wunsch ihrer Weggefährtin und bewahrte Stillschweigen. Umso mehr freute es sie nun für die beiden. Kurt wollte, dass Conny sein bisheriges Leben aufgab und meinte, dass er ihn auch finanziell unterstützen wird. Connys Zukunft wurde unser intensives Gesprächsthema. Um kurz nach 20 Uhr war es Conny zu viel geworden. Er hielt abrupt inne. „So, Leute. Jetzt ist Wochenende und Schluss mit Lustig. Wir wollen uns amüsieren und eure Mädels warten am Riesenrad. Lasst uns den Dom genießen. Die Schule läuft mir nicht weg.“ Kurt nahm seinen Sohn liebevoll in die Arme. „Das ist okay, Junior. Du bist mir so ähnlich. Mir kommen schon wieder die Tränen. Sina, danke, dass du mir die Augen geöffnet hast. Ich habe nun einen würdigen Nachfolger und Erben für meine Geschäfte. Freut euch jetzt eures Lebens und habt Spaß.“ Er nahm einige hundert Euro aus dem Portemonnaie und reichte sie Conny, der sich herzlich bedankte. Am Riesenrad warteten Kerrin und Melanie schon sehnsüchtig auf uns. Es wurde eine tolle Nacht. Was für ein Kontrastprogramm:
Am nächsten Abend saß ich wieder auf Schloss Wildenstein und besah mir mit einem Anflug von Verzweiflung mein Mathebuch. Wir schrieben fast täglich irgendetwas und das ging bis zum Sommer so weiter. Über Weihnachten kam die ganze Familie zusammen. Hubertus und ich bauten uns wie üblich das Zweimannzelt auf und ernteten von meinem Vater dafür Applaus. Hubi stand kurz vor dem ersten juristischen Staatsexamen. Danach wollte er einige Jahre in Philadelphia weiter studieren. Beatrix war zu einem ungewöhnlich hübschen Mädchen herangewachsen. Sie erhielt weiter professionellen Gesangsunterricht. Ihre Stimme konnte sich hören lassen. Wir lobten sie dafür, mit dem Ergebnis, dass sie ihre kleine Nase etwas höher trug und mir einige Obszönitäten ins Ohr flüsterte.
An Heiligabend erhielt ich ein Buch von ihr: „Was man alles über Sex wissen muss.“ Vater und Onkel Ludwig fanden das Geschenk super. Die Damen weniger. Oma meinte, das schickte sich nicht für eine junge Lady.
Tante Alexa war mit einem französischen Adligen verheiratet. Beatrix‘ Papa hieß Maurice, stammte aus der Camargue. Seine Familie besaß dort ein Gut und eine Pferdezucht. Ich durfte seine Eltern ein paarmal besuchen und lernte inzwischen Französisch in einer der vielen Arbeitsgemeinschaften an unserer Schule. Wir sprachen deshalb seit zwei Jahren nur noch Französisch miteinander, wenn wir uns sahen. Beatrix sollte im nächsten Sommer nach Frankreich auf ein Mädcheninternat. Hubertus und ich neckten sie. Dort unterrichteten nämlich Nonnen.
„Ihr zwei seid fies“, meinte sie, als wir nach der Bescherung einen Moment in den Schlosshof gingen. Es schneite und wir warfen uns Schneebälle zu.
„Bei den Nonnen im Kloster, da ist es schön! Da sieht man die Nonnen breitbeinig gehen. Sie tragen Keuschheitsgürtel um die Hüften, und können sich selbst nicht mal richtig lüften. Der kleinen Beatrix, dem süßen Fratz, wird auch bald so ein Ding verpasst.“ Wir drei waren alleine unten. Hubertus hielt sich den Bauch vor Lachen und ich wurde derb von hinten in den Schnee gestoßen. Meine Cousine stürzte sich wie eine Furie auf mich. „Das sag ich alles deinem Deutschlehrer, das reimt sich nicht einmal und die Versmaße sind alle falsch. Du kommst nie durchs Deutsch-Abi!“, rief sie erbost und klatschte mir Schneebälle in den Nacken.
Iihh, das lief eisig kalt langsam unter dem Hemd runter. „Frieden“, schnaufte ich. „Das Internat wird sehr fein und Mademoiselle eine Grande Dame sein.“
Sie ließ von mir ab. „Hört sich schon besser an. Ich hätte nämlich sonst Hubertus von deinen Eskapaden erzählt. Weißt du, Hubi, du solltest nachher im Zelt aufpassen, dass sich dein Vetter nicht an deinem guten Stück vergreift“, sagte sie, und warf mir einen wissenden Blick zu.
Ich erstarrte. „Was willst du damit sagen, kleine Diva? Oder muss ich dich jetzt mit Hexe anreden?“, fragte ich.
„Ich habe eine Freundin, sie heißt Jenny und ich weiß beim besten Willen nicht, was sie an dir findet. Sie hat mir einiges erzählt. Ich bin über alles im Bilde, was Andreas und Rene angeht. Also, lieber Vetter, sei recht nett zu mir, damit ich nicht aus Versehen mal in Tante Adelheids Gegenwart etwas zu viel erzähle.“
Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da lag sie schon in Hubertus‘ Armen.
„Hör zu, kleine Maus, wir haben einen Ehrenkodex, der bedeutet, dass wir uns niemals gegenseitig in die Pfanne hauen. Wenn du also meine Lieblingscousine bleiben willst, plauderst du nie mehr etwas über deine Geheimnisse mit Jenny aus. N’est-ce pas?“ Er hielt sie ziemlich fest und ich sah an seinen Augen, dass er sehr ungehalten wurde.
Hubertus war der Älteste von uns. Wir gehörten zur nächsten Generation der Grafen von Wildenstein und Zusammenhalt wurde bei uns großgeschrieben. Familiengeheimnisse erzählte man keinem. Nicht einmal Familienmitgliedern, wenn es nicht unbedingt nötig war.
Ich schmunzelte. „Danke, Hubi. Ich glaube, Beatrix weiß Bescheid. Sie ist die Nichte der Gräfin Wildenstein und ihre Mutter ist eine Baronesse. Trixi kennt unsere Regeln und wollte uns nur zeigen, dass sie langsam erwachsen wird und wir sie nicht mehr wie ein Kind behandeln dürfen. Komm zu mir, Kleines. Ja, du hast Recht. Ich bin bisexuell. Aber wir brauchen das nicht öffentlich zu erzählen. Jeder hat seine Leiche im Keller und auch du wirst irgendwann eine haben. Nobody is perfect. Ich hab dich lieb, Mäuselchen. Verdreh nur weiter den Männern die Köpfe.“ Ich küsste sie zärtlich auf die Wange.
Sie schwieg betroffen, schlug die Augen nieder.
„Sorry, Max. Wir sollten tatsächlich anfangen, uns über vernünftige Sachen zu unterhalten. Wie funktioniert das mit den Gummis?“ Einen Moment später balgten wir uns alle drei im Schnee.
Abends im Zelt erzählte ich Hubertus von Rene und Andy und meinen Erfahrungen. Er hatte auch seine schwulen Seiten ausgelebt. Das war vollkommen normal, meinte er und betonte, dass er sich für mich wegen meiner Beziehung zu Jenny sehr freute. „Jenny ist eine Bereicherung für die Familie, Max. Ihr passt gut zueinander. Mach dir keine Sorgen um deine Ausflüge ins Homoleben. Unsere Väter waren auch keine Kinder von Traurigkeit und sind inzwischen treusorgende Familienväter.“ Ich lachte und erzählte ihm, was ich über meinen Vater und seinen Freund Hartmut, unseren Förster, wusste. Hubertus kicherte. Er verfügte über eine ebenso große Phantasie wie ich.
Wir feierten Sylvester zusammen und am 2. Januar hieß es Abschied nehmen. Um Oma machte ich mir Sorgen. Sie war klapperig geworden und vergaß nun schon mal das eine oder andere. Ich lief oft, um ihre Brille zu holen oder ihre Tabletten zu suchen. Ständig hatte sie irgendetwas verlegt. Mutter und Tante Alexa kümmerten sich rührend um sie. Tante Friederike ging mit ihr spazieren und wollte sie im Sommer ein paar Wochen nehmen. Oma erzählte von Ostpreußen. Man hatte den Eindruck, sie war gerade von dort gekommen, so zeitnah und authentisch hörte sie sich an. Mutter meinte, sie sollte erst einmal bei uns bleiben.
So saß ich die kommenden Wochen bei Oma und trug ihr meine Referate vor. Sie verstand zwar so gut wie nichts von dem, was ich erzählte, aber ich merkte, dass es ihr Spaß machte. Zu Vaters Geburtstag gab es wieder ein kleines Fest, allerdings nur im engsten Familienkreis. Oma fuhr danach mit Tante Alexa nach Hause.
Es wurde ruhig auf dem Schloss. Ich saß viele Stunden allein oder mit Andy vor dem PC oder an meinen Büchern. Jenny rief fast täglich an und erzählte mir den neuesten Klatsch aus ihrer Schule.
Die Wochen vergingen. Mein achtzehnter Geburtstag nahte. Ich hatte mit meinen Eltern, Hubertus und Beatrix eine riesige Geburtstagsparty geplant. Die Remise musste dazu ausgeräumt und saubergemacht werden, alle Pferdehänger und die Autos wurden rausgefahren. Partytische und Bänke für gut hundertfünfzig Jugendliche und Erwachsene standen stattdessen irgendwann drinnen und wurden hübsch gedeckt. Mia und Lisa ließen mich plötzlich nicht mehr in die Küche.
„Damit du nicht wieder zu viel vom Pudding naschst und dich schmutzig machst“, meinte Mia grinsend. Sie wollte mich sogar zur Feier des Tages siezen und mit Herr Graf ansprechen, aber das erlaubte ich ihr nicht. Mia war immer mein guter Geist gewesen und sie hatte mir mehr als einmal als Kind aus der Patsche geholfen. Sie war wie eine echte Freundin für mich und das würde sie auf ewig bleiben. Ihre Augen schimmerten etwas feucht, als ich es ihr sagte. Verlegen drehte sie sich um und eilte an ihre Arbeit.
Meine Mutter lächelte. Sie stand in der Tür und hatte alles mitbekommen. Die beiden lagen sich kurz in den Armen. Meine Mutter erklärte Mia und der alten Lisa, dass sie beide für uns inzwischen als Familienmitglieder zählten, ohne die hier im Schloss ein geregeltes Leben nicht möglich war.
Aufgeregt und glücklich fuhr ich am Nachmittag zusammen mit Andy zum Bahnhof. Jenny hatte darauf bestanden, mit der Pferdekutsche vom Bahnhof abgeholt zu werden. Sie nahm dasselbe Flugzeug nach München, wie Rene, Conny, Melanie und Kerrin. Mit dem Regionalzug ging es für die ganze Bande nach Wildenstein weiter. Sie fiel mir um den Hals, als sie sah, dass ich mit unseren zwei Brauereipferden und dem Brauereikutschwagen direkt vor dem Bahnhof stand.
Was für ein Trubel, was für eine Begeisterung! Alle Besucher und Fremde wollten erst mal die beiden dicken Kaltblutpferde streicheln. Es dauerte etwas, bis wir das Gepäck auf dem Wagen hatten. Melanie tanzte aufgedreht um uns herum. Sie schob Jenny zur Seite, um mich abknutschen zu können. Unterlegen musste sie sich dennoch der zukünftigen Gräfin Wildenstein geschlagen geben. Conny konnte den Mund nicht zu bekommen. Rene erzählte, wie sie den armen Kerl aufgezogen und geängstigt hatten. Mit seinen Kiezmanieren durfte er sicherlich nicht im Schloss übernachten. Gewöhnliche Leute hätten dort keinen Zutritt. Ich schmunzelte.
Wir werden viel Zeit haben, uns einander auf die Schippe zu nehmen. Ich hatte allen ein großartiges Erlebnis beschert, wobei es für Andy und für Jenny nichts Neues war in einer Kutsche zu fahren. Bewusst lenkte ich die Pferde durch enge Gassen. Sie kannten ihre Aufgaben und liefen willig voran.
„Alle zufrieden? Conny, du sagst gar nichts. Gibt es in Hamburg keine Brauereipferde?“, fragte Andy.
„Alles durchatmen, frische Landluft“, rief Rene aus. Wir verließen das Dorf und nahmen den Umweg durch den Wald. Die Pferde brauchten Bewegung. Sie trabten von selbst munter vorwärts. Der nicht asphaltierte Waldweg durch unseren Forst war eine Wohltat für ihre Hufe. Zufriedenes Schnauben zeigte mir an, dass es ihnen gut ging.
„Wirklich zwei schöne Tiere“, meinte Jenny anerkennend. „Man sieht so etwas heute nur noch selten. Selbst die großen Brauereien halten sich keine Pferde mehr, weil sie zu teuer sind und nur noch für Umzüge gebraucht werden. Wollen wir nachher Kaltblutnachwuchs züchten? Die Fohlen sind richtig knuffig“, fragte sie mich.
Ja, daran hatte ich schon gedacht. Mit Jenny bekam ich eine Pferdefachfrau an meine Seite. Vaters Zucht und unsere eigenen Vorstellungen ließen sich gut miteinander kombinieren.
„Aber nur, wenn ich das erste dicke kleine Stutfohlen Jenny taufen darf“, neckte ich sie.
„Wer ist hier dick? Na warte. Ich werde dir heute Abend zeigen, wer in unserer Ehe das Sagen hat.“
Conny hatte aufmerksam die Ohren gespitzt. „Max, guter Freund, nach dem, was ich nun gehört habe, tust du mir leid. Du bist wirklich gestraft. Wann wirst du deine Herrin ehelichen?“
Ich schüttelte den Kopf. An Entkommen war nicht mehr zu denken.
„Erst kommt das Abi, dann die OP und danach das Studium. Vielleicht gehe ich noch für ein Jahr in die Staaten oder nach England, wie Hubertus. Wir haben viele britische Geschäftspartner. Mein Vater hat Kontakte zu englischen Bierbrauern und meinte, es könnte nicht schaden, wenn ich den Beruf zusätzlich lerne und mich im Geschäft umschaue. Also, Süße, vor Mitte zwanzig brauchst du dir kein weißes Kleid zu kaufen. Ich muss mir als Mann erst in der Fremde die Hörner abstoßen, wie mein alter Herr zu sagen pflegt.“
Ich beugte mich zu Jenny und gab ihr einen Kuss. Sie kannte meine Pläne. Ihre eigenen Berufswünsche lagen im Bereich Pferdewirtschaftsmeisterin und wenn es ihr Abiturzeugnis erlaubte, wollte sie noch zusätzlich Tiermedizin in Hannover studieren.
„Du weißt doch, wie ich darüber denke. Es ist alles besprochen. Ich will ebenfalls meine berufliche Karriere vorbereiten. Als Tierärztin kann ich unsere Pferde selbst behandeln. Du wirst mit mir eine Menge Geld sparen. Ich bin eine gute Partie für dich“, meinte sie und erwiderte meinen Kuss.
Melanie seufzte hinten im Wagen laut auf. „Und was soll ich jetzt machen? Kerrin ist mit Rene zusammen, Andy ist schwul und Conny nimmt keine Notiz von mir. Ich werde den Rest meines jungen Lebens eine alte Jungfer bleiben müssen. Wer bedauert mich nun?“ Sie tat, als schluchzte sie.
Conny legte ganz vorsichtig den Arm um sie. „Vielleicht bin ich ja bi. Wir können es mal versuchen.“
„Herzlichen Glückwunsch, Melli. Ich glaub, deine Wahl war nicht schlecht. Aus Conny könnte etwas werden. Er muss nur in die richtigen Hände.“ Jenny hatte wie immer das letzte Wort.
Die Pferde fielen in gemächlichen Schritt zurück. Ich lenkte sie zu einer Abkürzung und ließ sie die kleine Steigung in ihrem eigenen Tempo hochlaufen. Die Fahrt entspannte unsere beiden Kaltblüter sichtlich. Wir brauchten die Kutsche viel zu wenig. Jenny hatte Recht. Vielleicht würde ich sie nach der OP mehr nutzen und im Sommer regelmäßige Waldfahrten unternehmen.
Zwischen den Tannen tauchte plötzlich in der Ferne unser Schloss auf. Kerrin bemerkte es als erste und stieß einen Schrei aus.
„Nein, das ist ja Wahnsinn. Max, das gehört alles dir?“
Ich lachte. „Nein, meinen Eltern. Mein Vater gehört dem Grafengeschlecht der Wildensteins an. Unser Dorf ist nach uns benannt. Meine Ahnen waren Raubritter. Einer wurde sogar auf dem Schloss ermordet. Man warf ihn ohne Essen und Trinken in den Burgturm und ließ ihn dort verhungern. Sein Skelett liegt noch heute da. Er hatte seinem Bruder, dem Schlossherrn, die Frau geklaut. Sie wurde dafür lebendig im Keller eingemauert. Beide erscheinen jedes Jahr am Tag des Urteilsspruchs, dem 05. August, pünktlich um Mitternacht, um durch lautes Seufzen und Weinen auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Manchmal melden sie sich auch zwischendurch. Oft, wenn wir Feste feiern. Am Geburtstag meines Vaters sind sie schon ein paarmal aufgetaucht und haben die Gäste, die über Nacht bei uns blieben, zu Tode erschreckt. Und das seit 1677. Meistens lachen alle, wenn sie von unseren Schlossgespenstern hören. Aber wenn die sich wirklich im Turmfenster zeigen und laut klagen, zittern alle vor Angst. Vielleicht sind sie heute Nacht wieder da. Sie wissen, dass einer ihrer Nachfahren volljährig wird.“
Conny grinste. Andy auch. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen.
„Das ist kein Scheiß. Das stimmt wirklich. Das Skelett von Ritter Siegbert besuche ich regelmäßig und werfe ihm Naschis runter. Er mag am liebsten Gummibärchen. Gräfin Barbara schmachtet im Keller. Die Mauer, hinter der sie liegt, haben Max und ich inzwischen gefunden. Wir mussten alle alten Baupläne studieren und wühlten uns durch uralte Chroniken. Wie alt waren wir damals eigentlich, Max? So um die elf oder zwölf Jahre?“, erzählte Andy.
Ich überlegte kurz. „Ja, stimmt. Da haben wir angefangen, nach ihr zu suchen. Gefunden haben wir die Unglückliche erst zwei Jahre später. Wir hatten systematisch alle Kellergänge durchkämmt. Mann, war das unheimlich da unten und kalt. Ich hatte immer Angst, gleich würde sich die Wand auftun und Barbara ihre Ketten um meinen Hals legen, um sich an mir zu rächen. Uns fiel auf, dass eine Wand anders aussah als die anderen und da haben wir dran geklopft. Es war tatsächlich ein Hohlraum dahinter. Und mit einem Gerät, das durch Mauern sehen kann, haben wir sie geröntgt. Das Skelett zeichnet sich deutlich ab. Ich hab ein Foto davon in meinem Zimmer. Das Gerät gehörte dem Bauamt und mein Vater hat es zurück bringen müssen. Unser Schloss steht seit dem unter Denkmalschutz.“
Andy nickte. „Ja, genauso war es. Max durfte nicht mehr ins Gewölbe unter dem Schloss steigen. Das hatte ihm seine Mutter verboten. Es wäre zu gefährlich, meinte sie. Ich denke, dass die beiden Liebenden heute Nacht erscheinen. Allein schon deshalb, weil hier so viele Paare zu Gast sind. Die zwei wollen sich nicht mehr verstecken. Jetzt sind sie ja tot und können nur noch als Geister auftreten.“
Andys ernste Erläuterungen schienen noch nicht ganz zu unseren Gästen durchgedrungen zu sein. Nun sie würden um Mitternacht selbst erfahren, ob es Gespenster gab. Da war ich mir sehr sicher. Als wir auf den Schlosshof rollten, hielt ich meinen üblichen Vortrag über Gebäude, Geschichte, Bewohner und Hintergründe.
Meine Eltern, Hubertus und Beatrix waren zu uns hinunter gekommen und hörten wie meine Besucher aufmerksam zu. Mein Vater warf hin und wieder einige Bemerkungen ein. Am Schluss meldete sich Beatrix mit dem wohl wichtigsten Thema.
„Hat euch mein vergesslicher Vetter denn schon das bedeutsamste Ereignis des Wildensteiner Schlosses erzählt?“ Alle schauten sie an.
„Hier hat sich 1677 ein fürchterliches Drama zugetragen. Ritter Siegbert ging mit der Gattin seines Bruders Max Ferdinand, der schönen und anmutigen Gräfin Barbara, fremd. Zur Strafe wurde er in den Turm geworfen und musste verhungern. Die Gräfin starb im Keller, bei lebendigen Leib eingemauert. Sie spuken seitdem und erscheinen immer wieder an ihrem Todestag, manchmal auch an Geburtstagen ihrer Nachfahren. Mein Onkel musste sehr oft Gäste beruhigen, die zu seinem Geburtstag angereist waren und hier im Schloss übernachteten. Ich weiß noch, wie ich jedes Mal von dem Gekreische der Frauen wach wurde. Und Max ist der Erbe des Hauses und wird heute um Mitternacht achtzehn Jahre alt. Das ist natürlich für die zwei unglücklich Liebenden die beste Gelegenheit, sich in den Mittelpunkt zu stellen.“
Conny grinste wieder. „Ich bin in Hamburg schon mit ganz anderen Sachen fertig geworden, die sollen nur kommen.“
Mutter lachte und bat uns herein. Sie hatte den Kaffeetisch decken lassen. Meine Freunde kamen im Inneren des Schlosses aus dem Staunen nicht mehr heraus. Andy und Rene erzählten von ihren Erlebnissen bei mir und Jennys Vorträge konnten sich hören lassen, während Kuchen und Tee herumgereicht wurde.
„Wahr ist, dass sich heute sehr wenige Leute über ein derartiges Erbe noch freuen können. Die Unterhaltung des Gebäudes kostet Unsummen. Wenn wir nicht die Brauerei und die Schnapsbrennerei hätten, wäre das hier nicht zu stemmen. Allein mit Holzwirtschaft und ein paar Wildköstlichkeiten im Verkauf kann man dies Anwesen nicht erhalten. Ich bin froh, dass Max ins Geschäft einsteigen will und werde alles tun, um ihm eines Tages eine intakte Firma übergeben zu können“, erklärte mein Vater und stieß auf rege Zustimmung.
Die meisten ahnten, dass es Schlösser mit Prinzen und Prinzessinnen nur im Märchen gab und die Realität heute anders aussah.
Nach dem Kaffee brachte Beatrix die Mädchen auf ihre Zimmer. Natürlich thematisierte der kleine Frechdachs wieder unsere Gespenstergeschichte. Melanie und Kerrin lächelten erst und ließen sich ihre Ängste nicht anmerken. Aber sie gingen nicht so leicht damit um, wie Conny.
Ich hatte zusammen mit Hubertus in meinem Zimmer ein zweites Zelt aufgebaut und beide so ineinander gestellt, dass eine große Schlaffläche zur Verfügung stand und wir zu fünft hineinpassten. Hubertus wollte auf jeden Fall noch eine Weile bei uns bleiben, wenn wir am frühen Morgen zu Bett gingen. Er konnte sonst im Gästezimmer nebenan schlafen.
Aufgekratzt schlug der männliche Anhang nach dem Kaffee und der ersten Schloss- und Schlafplatzbesichtigung unter den schmunzelnden Blicken meines Vaters den Weg zum Bootshaus ein. Ich hatte Conny bereits das Wichtigste darüber erzählt. Hubertus nahm sofort unser Hausbier aus seinem Rucksack heraus und reichte die Flaschen herum. Gemütlich saßen alle vereint in der Runde. Es war wie immer, wenn wir hier zusammen kamen. Sanft schlugen die Wellen an den überdachten Bootssteg und bewegten Vaters Jolle und das Ruderboot, mit dem wir immer zum Angeln auf den See fuhren. Das plätschernde Wasser hörte sich in meinen Ohren wie Musik an. Manchmal klatschte ein Fisch beim Luftschnappen auf den See. Vögel zwitscherten, Schwalben hatten ihre Nester unter das Dach gebaut und flogen emsig über unsere Köpfe hinweg. Was für ein schönes Gefühl, jetzt nach sechs Jahren im Kreise aller neuen Hamburger Freunde dieses Paradies erleben zu dürfen, dachte ich bei mir. Die Erinnerung an das erste Mal, damals, als ich endlich ein Junge sein durfte, übermannte mich so heftig, dass sich eine kleine rührige Träne im Auge löste.
„Entschuldigung, aber ich bin so überwältigt und freu mich wahnsinnig, dass ihr nun alle bei mir seid. Ich denke an damals, Hubi. Andy erinnert sich bestimmt. Hubertus, Martin und Carsten tischten uns Märchen über ihre Erfahrungen mit Frauen auf. Wir Kleinen zitterten geradezu vor Ehrfurcht. Aber ich glaube, das meiste war wohl etwas übertrieben, oder Hubi? Sei ehrlich.“
Er nickte. „Also, ein bisschen dick aufgetragen hatten wir schon. Aber die kleinen Burschen wollten ja immer mehr wissen und glaubten uns fast alles.“
„Nun, wenn wir das nächste Mal Schniedel messen machen, könnt ihr zwei endlich mithalten“, sagte Andy zu Rene. Und zog das alte Lineal hervor, welches einen Ehrenplatz hatte und in einer besonderen Spalte im Boden steckte.
Er zeigte an die gegenüberhängende Holztafel. Wir hatten seit damals alle unsere Namen und Längen eingeritzt. Keiner, der nicht wusste, um was es sich bei der Aufstellung handelte, käme auf die richtige Lösung. Mein und Renes Name standen noch abseits. Wir durften uns erst nach der OP verewigen. Conny las sich die Ergebnisse durch. Selbstbewusst wollte er seine Hose öffnen.
„Halt, Stopp, Kollege. Hierher, zu uns kommen. Wir lesen stets alle gemeinsam ab. Schummeleien gibt es bei uns nicht“, befahl Andy und erhielt ausnahmsweise von mir Rückendeckung. Nein, es musste alles seine Ordnung haben.
„Richtig, die Messung geschieht nur unter strengster notarieller Aufsicht“, erklärte ich.
Conny gehorchte lässig. Er wurde allerdings nur zweiter in der ewigen Bestenliste. So sehr er sich auch um jeden Millimeter mehr abmühte, Martin hatte und behielt den Längsten. Wir prosteten Conny zu.
Interessiert hatte der sich Vaters alter Jolle zugewandt und fragte, ob sie seetüchtig wäre.
Andy nickte. „Natürlich, auch das Ruderboot ist startklar. Wir fahren oft damit zum Angeln auf den See. Wollen wir noch etwas aufs Wasser?“ Hubertus stand auf und öffnete die Takelagekammer. Wir nahmen unser Segel und alles, was sonst noch für die Jolle benötigt wurde, heraus. Andy und Rene machten das Ruderboot startklar. Conny durfte als erster einsteigen und setzte sich wie ein Prinz ans Ende. Rene stieß schnell ab, als Andy saß und die Ruder in die Hand nahm. Hubi und ich mussten uns beeilen. Bei einer Jolle dauerte es etwas länger, bis man damit in See stechen konnte.
Elegant glitten wir über die glitzernde Fläche, wendeten ein paar Mal und genossen den leichten Wind, der uns mühelos übers Wasser fliegen ließ. Hubertus und ich waren geübte Segler. Am frühen Abend lagen beide Boote wieder vertäut im Bootshaus.
„Leute, es ist gleich sieben Uhr. Wir sollten nach Hause und Rudelduschen. Das Haus wird heute Abend voll werden. Meine Abiklasse kommt vollständig, teilweise mit Frauen, Kampfsportgruppe, Fußballelf mit Trainer und die meisten Lehrer inklusive Direx sind eingeladen. Meine Oma fährt im Rollstuhl und hat einen Ehrenplatz neben mir. Die alte Dame ist hochbetagt, lässt sich aber nichts anmerken. Das wird die geilste Party, die Wildenstein je gesehen hat. Der Reitverein wird ebenfalls da sein. Die haben sogar eine Überraschung für mich. Ich denke, die Kleinen führen etwas mit ihren Ponys auf.“
Wir liefen um die Wette und kamen verschwitzt und schnaufend auf dem Schlosshof an. Robert winkte uns zu. 

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