Kamenz in Schlesien, die unvergessene Heimat  / Mein Riesengebirge     45625

Nach den Erzählungen und zur Erinnerung an meinen Vater Wilhelm

geb. am 06.Mai 1927 in Kamenz /Schlesien  gest. am 01.Sept.2005 in Flensburg

Mit elf Jahren sieht der kleine Willi zum ersten Mal begeistert den Führer. Als siebzehnjähriger zieht er für ihn in den Krieg. An der Front schwindet die Begeisterung schnell und er erkennt, welche Katastrophe durch Hitler ausgelöst wurde. Die Heimat Niederschlesiens bleibt für immer verloren und von hundertfünfzig jungen Soldaten kehren nur siebzehn zurück.

   Willi, komm, der Zug fährt gleich ein. Wir wollen den Führer sehen!“

Aufgeregt winkte mir meine sechzehnjährige Tante Elisabeth zu. Ich sah noch einmal auf die friedlich dahinfließende Glatzer Neiße.

Dann drehte ich mich um und rannte so schnell mich meine elfjährigen Beine tragen konnten zum Bahnhof.  Auf den Straßen wimmelte es von Menschen. Die Leute beeilten sich, einen Platz mit Blick auf die Bahngleise zu erhaschen. SS Männer in Uniform marschierten an mir vorbei. An den Gebäuden hingen die Fahnen mit den Hakenkreuzen.

Ich lief wie üblich zum Bahnhofsschuppen und kletterte flink auf die alte knorrige Eiche.  Von hier oben hatte man den besten Ausblick. Meine Freunde Georg und Heinz aus dem Jungvolk waren schon da. Heinz rückte etwas zur Seite und zeigte plötzlich in die Richtung, aus der sich langsam schnaufend die Lokomotive näherte.  Wie elektrisiert rissen die Menschen die Arme hoch. Aus tausenden Kehlen riefen sie ihrem Führer zu. Auch wir wurden von der allgemeinen Begeisterung angesteckt. Wir streckten unsere Arme soweit es nur möglich war nach vorne und schrieen mit Leibeskräften seinen Namen.

Das Erlebnis ist nun zwölf Jahre her. Zwölf Jahre Albtraum, die meine heile Kinderwelt völlig veränderten!

Ich sitze am Tisch, schaue die alten Bilder an und blicke dann auf meine Lebensmittelmarken für Januar und Februar 1950.  250g Fett, 500g Brot, 500g Zucker und 125g Fleisch steht aufgedruckt auf dem Papier. Was ist bloß aus unserem Land geworden?  Meine Gedanken wandern zurück und ich sehe alles vor mir, als wenn es gestern gewesen wäre.

Ich wurde am 06. Mai 1927 in Kamenz in Niederschlesien geboren. Meine Mutter war eine von sieben Schwestern einer Ofensetzer Familie.

Großvater Gustav war nach Urgroßvater Rudolf bereits in zweiter Generation Ofensetzermeister gewesen und starb im Oktober 1930. Meine beiden Onkel fielen in diesem sinnlosen furchtbaren Krieg. Mein Vater war Schlosser von Beruf, aber ich habe ihn leider nie richtig kennengelernt.

Warum meine Eltern in unserer katholischen Familie nicht heirateten, hing wohl mit Eifersüchteleien und persönlichen Differenzen zwischen meinem Vater und meinen Großeltern zusammen. Aber als kleiner Junge merkte ich davon nicht viel. Nach den sieben Töchtern war ich der erste männliche Nachkomme und wurde entsprechend verhätschelt. Über meine Kindheit im Riesengebirge konnte ich mich nicht beklagen.  Meine acht Jahre ältere Tante beschwerte sich dann auch später, ich hätte von Schlittschuhen über Skier alles bekommen, was sie sich ein Leben lang sehnlichst gewünscht hatte.

Es war wirklich eine schöne Kindheit. Ich wurde im Jahr der Machtergreifung eingeschult und konnte am ersten Schultag eine riesige Schultüte mein eigen nennen.

Am Führergeburtstag, dem 20.04.1933, gab es in der Schule Würstchen.  Natürlich nahm ich unkritisch alles hin, was man uns beibrachte.

Aber ich war ja auch ein kleines Kind und wer konnte ahnen, dass wir für eine Ideologie missbraucht wurden, die uns nur zwölf Jahre später den Untergang des ganzen Landes bescheren würde!  In der Schule kam ich recht gut mit.

Das war wichtig, denn die Lehrer hatten wesentlich mehr Freiheiten als heute. Der Rohrstock gehörte obligatorisch zur Ausstattung eines Klassenzimmers dazu. Man musste zur Bestrafung die flache Hand ausstrecken und der Stock sauste darauf. Es handelte sich um eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit und wohl dem, der davon verschont blieb.  Ich fing wie jeder andere Junge im Alter von zehn Jahren im Jungvolk an. An den Nachmittagen hatten wir unsere Gruppentreffen. Sport wurde natürlich sehr groß geschrieben.

Auch hier war ich mehr oder weniger erfolgreich, sodass ich zumindest nicht unangenehm auffiel. Laufen konnte ich gut.  Die Bälle und Keulen zum Werfen hatten bereits exakt das Gewicht und die Größe von Handgranaten sowie Panzerfäusten.

Wir wurden ganz gezielt auf unseren Einsatz als Soldaten ausgebildet. Es gab nur den Führer und die Nationalsozialistische Gesinnung. Bevor man allerdings Jungvolkjunge wurde und ins Jungvolk aufgenommen werden konnte, musste die sogenannte „Pimpfen“-Probe bestanden werden. Diese bestand sportlich aus einem Sechzigmeterlauf, Schlagballweitwurf  und Weitsprung.

Zusätzlich  musste  man an einer eintägigen Fahrt teilnehmen und den Aufbau des Fähnleins (so hieß der Aufbau der gesamten Organisation aller Gruppen und Züge) kennen.

Natürlich gehörte das Wissen um den Lebenslauf des Führers genauso dazu, wie das Singen des Horst-Wessel-Liedes, des Deutschlandliedes und unseres HJ Fahnenliedes.

Daneben gab es das Motto oder wie man heute sagen würde, den Slogan aller Pimpfe, wie wir Jungvolkjungen auch genannt wurden.

‘Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu. Jungvolkjungen sind Kameraden.  Des Jungvolkjungen Höchstes ist die Ehre. ‘

Den Sinn verstanden die wenigsten, gelernt haben wir es natürlich alle.

Es war allerdings auch gar nichts anderes möglich gewesen. Keiner konnte sich ausschließen. Die Teilnahme war Pflicht und die Eltern riskierten eine Menge Ärger, wenn sie ihre Kinder nicht ins Jungvolk schickten. Wir waren zuhause seit jeher katholisch und so war meine Erziehung stets christlich geprägt geblieben.

Die späteren Leistungsabzeichen und Prüfungen habe ich nicht mitgemacht, weil die Schule Vorrang hatte. Darauf legte meine Mutter großen Wert.

Weil ich zum Besuch der Handelsschule mit dem Zug nach Glatz und zum Aufbaugymnasium nach Münsterberg fahren musste, wurde ich durch die langen Schulwege der HJ Organisation etwas „entrissen“.  Ich nahm allerdings an Freizeiten teil. Einmal fuhr ich ins Skilager, welches von der SS geleitet wurde. Durch mein eigentliches Hobby, dem Segelfliegen, war ich hinsichtlich Kameradschaft und Unterbringung verwöhnt. Ich dachte, so eine Skifreizeit wäre eine kleine Abwechslung in den Ferien.  Weit gefehlt!  Es ging gleich mit militärischem Drill zur Sache und morgens um halb sechs Uhr hieß es, alle Mann in Unterhosen raus zur Schneeballschlacht.

Ich meinte dann nur, was mich nicht umbringt, macht mich vielleicht härter und bemühte mich, diese Freizeit so gut es ging, schnellstens hinter mich zu bringen. Es war allerdings das erste und letzte Mal, dass ich mich für so etwas anmeldete. Zukünftig blieb ich bei der Fliegerei.

Dort war nicht nur die Unterbringung besser, sondern auch der harte Drill fehlte. Flieger sind eine Spezies für sich und das vermittelten uns auch die Ausbilder. Natürlich mussten wir viel lernen. In den Schulungsräumen paukten wir stundenlang theoretische Grundlagen und Wetterkunde. Am Anfang ging es dann im offenen Gleiter über die Wiese. Es gab den A, B, und C Schein. Ich habe sie alle gemacht und ein Hakenkreuz ziert die Prüfungszeugnisse.

Die Segelflugschule in Grunau bei Hirschberg wurde mein zweites zu Hause. Ich verbrachte dort jede freie Minute. Nach den ersten erfolgreichen Starts und Landungen ging es dann natürlich auch bald in die „richtige“ Maschine und man wurde mit der Winde hoch gezogen. Zuerst flog noch ein Ausbilder mit. Später kam dann der große Moment, als wir auf uns allein gestellt, im wahrsten Sinne des Wortes über den Wolken schweben durften. ‚Schnitzer‘ konnten wir uns allerdings keine erlauben!  Einer der Jungen schaffte es nicht rechtzeitig, die Winde wieder auszuklinken, sodass er im Flugzeug mit der Nase vorneüber abgestürzt wäre, hätte der Ausbilder diese nicht gekappt.

Der arme Bursche konnte gleich seine Sachen packen und nach Hause fahren. Hirschberg war natürlich auch die Heimat unserer großen Fliegerin Hanna Reitsch. Ich sah sie ein paar Mal. Wir Jungen vergötterten sie und schlugen uns fast um die Plätze an ihrer Maschine, wenn es darum ging, ihr Flugzeug während ihrer Besuche bei uns, wieder in den Hangar zu schieben.

Dass sie vor hatte, Jungen wie uns zu Kamikaze Fliegern auszubilden, treibt mir noch heute eine Gänsehaut über die Arme. Ich wollte ja eigentlich auch zur Fliegerstaffel. Doch für diese Ausbildung kam der Krieg zu schnell.

Mit sechzehn ging ich zum Reichsarbeitsdienst und meldete mich dann mit siebzehn freiwillig an die Front. Mein Vorgesetzter wollte mich nicht gerne gehen lassen. Durch die Handelsschule und das Aufbaugymnasium konnte er mich in der Schreibstube gut gebrauchen. Er bot mir einen gesonderten Lehrgang an, wenn ich bliebe. Doch ich war genauso verblendet wie die anderen und lehnte ab.

Erst wollte ich für den Führer und das Vaterland kämpfen. Mir wäre sicher vieles erspart geblieben, wenn ich klüger gewesen wäre und das Angebot angenommen hätte. Er sah mich sehr merkwürdig an, als ich ihm Bescheid sagte. Heute weiß ich natürlich, warum. Aber damals ahnten wir nichts von Tod, Leiden und Entbehrung. Auch ich dachte nur noch an Heldentum, Ruhm und an die Ehre des Vaterlandes, die es zu verteidigen galt. So hatte man es uns von klein auf beigebracht. An etwas anderes zu denken, kam mir nicht in den Sinn. Wie auch!  Wir waren hundertfünfzig gesunde junge Männer zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Jahren, die nun ihre Grundausbildung in der Kaserne ‚Hermann Göring‘ zu Berlin erhielten.

Der riesige imposante Reichsadler am Eingang ist mir noch gut in Erinnerung geblieben. Wir hatten alles. Warme Kleidung, gutes und reichliches Essen und jede Menge Spaß mit den Kameraden.

Die Front war weit weg und kaum einer wusste, was wir dort vorfinden würden. In den Wochenschauen wurde natürlich nur von den Eroberungen und von den Siegeszügen der Deutschen Wehrmacht berichtet. Die Propaganda gestaltete sich genauso effektiv, wie der schon an Größenwahn grenzende Enthusiasmus, der uns als Kinder in Jungvolk und HJ beigebracht wurde. Wir genossen unsere Grundausbildung und fühlten uns als erwachsene Männer und zukünftige Helden, die das Deutsche Vaterland erretten und ihm wieder zu höchstem Glanze verhelfen würden. Manch einer träumte schon insgeheim vom Eisernen Kreuz und der feierlichen Zeremonie, wenn es vom Führer persönlich überreicht wird. Eines Tages dann war unser Glück fast perfekt. Hermann Göring kam mit seinem Gefolge in die Kaserne und aß mit uns einfachen Soldaten in der Kantine. Er saß nur wenige Meter vor mir am Tisch. Wir konnten es kaum fassen, dem Reichsmarschall des Großdeutschen Reichs so nahe gegenüber sitzen zu dürfen.

Meine Begeisterung damals war grenzenlos!   Weil ich ja später selbst Förster werden wollte, stellte Göring als Reichsforstmeister und Reichsjägermeister natürlich eine zentrale Figur für diesen Berufswunsch dar. Dass es hinter den Kulissen für ihn nicht gerade zum Besten stand, wussten wir natürlich nicht.

Wir wussten damals im Spätsommer 1944 eigentlich überhaupt nichts.

Dass der Krieg bereits verloren war, ist zwar den Generälen schon bekannt gewesen, aber die haben selbstverständlich nichts gesagt. So wurde auch uns die Wahrheit verschwiegen und wir fuhren völlig blauäugig und ohne auch nur den geringsten Schimmer zu haben, was uns erwartete, an die Ostfront. Dort folgte auf unsere anfängliche Begeisterung relativ schnell Ernüchterung.  Zu allem Übel bekam ich auch noch die Krätze und musste ins Feldlazarett. Wir konnten uns wochenlang nicht ordentlich waschen und das Ungeziefer richtete entsprechenden Schaden an. Der Winter 1944/45 war bitterkalt und wir hatten kaum Unterstände, geschweige denn eine Hütte oder Scheune, um der schlimmsten Kälte entgehen zu können. Ich dachte manches Mal an die Schneeballschlacht im Skilager. Durch diese „Spielerei“ sollten wir abgehärtet werden.

Nicht alle von uns überstanden denn auch die eisigen Nächte. Wir mussten uns im Zickzack von Warschau nach Westen zurückziehen. Der Russe kam immer näher und die Gefechte nahmen kein Ende. Als ich das erste Mal aus dem Feldlazarett zurückkam, fehlte bereits die Hälfte der Kameraden. Es waren einige sehr gute Kumpels darunter gewesen. Nachts, wenn es keiner sah, weinte ich um sie, dachte auch an Mutter und meine kleine Schwester zu Hause in Schlesien. Irgendwie hatte ich Glück.  Im Schützengraben schlief ich einmal völlig entkräftet und übermüdet ein. Als ich erwachte, gab es den Wald um mich herum nicht mehr. Staunend blickte ich mich um. Das nächtliche Sperrfeuer hatte ich nicht mitbekommen und wie tot geschlafen. Anscheinend glaubten auch die Kameraden, dass ich nicht mehr am Leben sei.

 „Willi, bist du noch da?“ hörte ich einen meiner Landser Freunde leise rufen. „Ja“, antwortete ich nach der ersten Schrecksekunde. Ich musste austreten, doch wohin sollte ich gehen? Es machte wenig Sinn, den schützenden Graben zu verlassen. Der Feind stand draußen und wartete wahrscheinlich nur auf einen unvorsichtigen Jungen, der mal eben nur pinkeln wollte. Ich hätte das allzu menschliche Bedürfnis sicher mit dem Leben bezahlt. Also machte ich es wie die anderen. Zu essen hatten wir auch nichts mehr und es wurde Zeit, über einen weiteren Rückzug nachzudenken. In der nächsten Nacht kam der entsprechende Befehl. Die Kälte durchdrang die Kleidung, die uns verdreckt und stinkend keinen wärmenden Schutz mehr bot. Beim Reichsarbeitsdienst hatte ich mich immer über unsere Fußlappen mokiert.

Damals lachte ich nicht mehr und hätte gerne ein ganzes Königreich dafür gegeben, wenn ich welche gehabt hätte. Wir zogen uns immer weiter vor den angreifenden Truppen der Roten Armee zurück. Viele waren wir nicht mehr. Später erfuhr ich, dass nur siebzehn von den einstigen hundertfünfzig jungen Männern zurückgekommen waren.

Ich war einer davon, aber was machte das schon, wenn man an die Freunde dachte. Sie waren die Jugend und der Nachwuchs unserer ganzen Nation,  lagen nun häufig nicht einmal ordentlich begraben irgendwo im Feindesland bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschossen herum, mussten anonym ihre letzte Ruhe finden. Zuhause warteten die Freundinnen, Mütter und Ehefrauen vergeblich auf ihre Heimkehr. Eventuell würden sie irgendwann ein Schreiben von der Wehrmacht erhalten, in dem ihnen mitgeteilt würde, dass der geliebte Sohn, Freund, Ehemann und Vater ihres Kindes gefallen und den Heldentod gestorben sei. Dafür konnte sich keiner etwas kaufen. Das Leben ohne den geliebten Partner weiter führen zu müssen, den unsäglichen  Schmerz und die Trauer aushalten, all das müssen die Angehörigen selbst bewältigen. Niemand kann ihnen dabei helfen.

In mir kam während dieser Tage mehr als einmal der Verdacht auf, dass die Ideale, die man uns als Kinder eingetrichtert hatte, gar nicht so ideal waren. Ich ertappte mich daran zu denken, dass lieber fünf Minuten feige im Leben besser wären, als den Rest des Lebens mit dem Heldentod zu verbringen.

So beschloss ich, künftig weniger Gedanken an das Eiserne Kreuz sowie Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld zu verschwenden, als vielmehr darauf hinzuarbeiten, diesen verdammten Krieg zu überleben.

Irgendwann standen wir dann auf den Seelower Höhen am Oderbruch. Der Russe folgte uns unbarmherzig. Unsere Einheit gab es faktisch nicht mehr. Nur sehr wenige sollten zurückkommen. Ich hatte mich zwei älteren Soldaten angeschlossen. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich mit meinen siebzehn Jahren sicher. Allerdings war ich ja trotzdem schon ein „alter“ Frontkämpfer. Darauf legte ich großen Wert, wenn ich ältere Jungen traf, die gerade aus der Kaserne kamen und noch keine „Kampferfahrung“ besaßen. Einer der älteren Kameraden war Melder und schon Anfang fünfzig. Für mich verkörperte er gleich so etwas wie eine Vaterfigur. Ich hörte ihm deshalb gerne zu, wenn er von seiner Familie sprach. Und der andere lachte in der Scheune, in die wir uns über Nacht schlafen gelegt hatten. „Die Kugel für mich ist noch nicht gedreht“, meinte er. 

Am frühen Morgen dann  hörten wir das Artilleriefeuer. Es kam näher, zu nahe! Wir mussten aus der Scheune ‘raus. Plötzlich war da nur noch Rauch. Ich warf mich instinktiv auf den Boden und schloss die Augen.

Kein Geräusch mehr, nichts. Beängstigende Stille.

Nur dichter Rauch. Ich lag eine ganze Weile eng an den Boden gepresst und wartete. Nach einiger Zeit konnte ich wieder etwas sehen und begann, nach vorne zu kriechen. Langsam arbeitete ich mich Stück für Stück weiter.

Immer auf der Hut, rechtzeitig die zischenden oder heulenden Geräusche einer herannahenden Granate wahrzunehmen. Ich hatte inzwischen ein gutes Gespür für die todbringenden Dinge des Lebens entwickelt. Die damals erlernte Vorsicht sollte meine Persönlichkeit für die ganze Zukunft prägen.

Und dann erblickte ich sie.

Erst lag da der Kopf meines Melder “Vaters“. Einige Meter weiter sah ich weitere Teile seines Körpers. Der andere Kamerad lag in einer Mulde.  Er hatte die Augen geschlossen, als wenn er nur schliefe. Seine Gedärme quollen aus dem Bauch hervor. In mir war nur tiefste Leere, die in diesem Moment nicht einmal Grauen oder Trauer zuließ. Fassungslosigkeit und die Hoffnung, dies alles nur zu träumen und im nächsten Augenblick in meinem Zimmer in Kamenz aus einem furchtbaren Albtraum erwachen zu dürfen, machten sich breit. Ich duckte mich, stand dann langsam auf und lief. Und wieder rannte ich. Aber diesmal nicht mehr, um den Führer zu sehen, sondern um mein Leben!

Ich konnte mich einer anderen Gruppe versprengter Landser anschließen. Wir waren nun zu viert. Einer war früher Fallschirmspringer gewesen und bereits in Frankreich hinter den feindlichen Linien abgesprungen. Seine Geschichten riefen natürlich Bewunderung in mir hervor. Er war ein feiner Kerl, mit dem ich mich gut verstand.  Wenn unsere Erziehung etwas erreicht hatte, dann war es die Kameradschaft, die uns Jungen und Männer in diesen schweren Zeiten zusammen schweißte. Jeder half dem anderen völlig uneigennützig und stand für den Kollegen ein. Ich habe später nie wieder einen solchen Zusammenhalt unter Männern erlebt. Während unseres Marsches Richtung Westen überholte uns plötzlich ein Wagen mit zwei Feldjägern darin. Sie stiegen aus und fragten, was wir hier machten. So genau wusste das natürlich niemand. Der Russe war ja nur einen halben Tag hinter uns.

Sie meinten, wir wären Deserteure, nahmen uns die Gewehre ab und wollten uns kurzerhand aufhängen. Entsetzt und erstaunt bemerkte ich, dass sie es ernst meinten.

Ich war doch erst siebzehn und hatte, sollte ich den Krieg heil überstehen, noch mein ganzes Leben vor mir! Zweimal war ich nun schon im Feldlazarett gewesen. Das erste Mal kurz nachdem wir an die Ostfront gekommen waren. Ich hatte Krätze und Juckreiz am ganzen Körper. Wir konnten uns ja nicht waschen und sauber halten. Gegen die Läuse und das Ungeziefer waren alle machtlos. Und ein paar Wochen später verfehlte mich eine Granate nur um  wenige Millimeter. Doch die kleinen Splitter drangen in meinen Nacken ein und ich musste operiert werden.

Zweimal konnte ich also wieder genesen an die Front zurückkehren. Dann fand ich während eines Gefechts neben einem toten Soldaten eine Pistole. Er konnte sie gewiss nicht mehr brauchen und mir würde sie vielleicht noch gute Dienste leisten. Es war eine nahezu neuwertige ‘Mauser‘. 

Noch bevor ich sie neugierig untersuchen konnte, wurde sie mir von einem zweiundzwanzigjährigen Unteroffizier bereits wieder abgenommen.

Er fragte mich, ob sie geladen wäre und ich antwortete, dass ich das nicht wüsste. Ich hätte sie mir noch nicht ansehen können. Unvermittelt drückte er ab und schoss einem Kameraden in den Fuß. Selbstverständlich bekam ich die Schuld an dem Unglück und musste ihn zum Vorgesetzten begleiten.

Das Unfassbare geschah: Ich sollte vors Kriegsgericht.

Ich erklärte unserem Hauptmann, dass ich die Waffe gerade erst gefunden hätte und nicht wissen konnte, ob sie geladen sei. Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und erzählte, dass ich im Übrigen erst siebzehn wäre und der Unteroffizier im Gegensatz zu mir bereits ein erfahrener Soldat, der doch wesentlich besser wissen müsste, wie man sich in einem solchen Moment verhielte. Der Kommandeur schien beeindruckt zu sein und stimmte mir zu. Ich konnte gehen und war dem sicheren Tod entgangen.

 

Und nun sollte ich schon wieder unschuldig durch die Hand unserer eigenen Leute sterben!  Diesmal sah es allerdings sehr ernst aus. Wir hatten keine Waffen und konnten uns nicht mehr verteidigen. Es war somit auch egal, dass wir vier und die anderen nur zwei waren. Ich hatte dem Führer stets treu und enthusiastisch gedient und war mehr als enttäuscht, nun doch noch sterben zu müssen. So schloss ich mit meinem Leben ab. Die Bilder in meinem Kopf wanderten schnell nach Hause.

Ich dachte noch einmal an meine Mutter, die kleine Schwester, meine Onkels und Tanten und an Kamenz in Schlesien. 

Wir gehörten zum Kreis Frankenstein. Die Glatzer Neiße floss am Ort vorbei und das Riesengebirge mit dem alten Rübezahl lag vor der Haustür. Kamenz war eine sehr alte Gemeinde, die sich bereits 1096 im Schutz eines Klosters entwickelt hatte. Das Kloster wurde später berühmt, als am 27. Februar 1741 König Friedrich II, also Friedrich der Große, dort auf der Flucht vor den Österreichern Schutz fand. Ich sah das Schloss vor mir, in dem mein Großvater als Ofensetzer Meister die großen alten Kachelöfen reparierte. Wie oft war ich dorthin gelaufen, um den Männern ihr Vesperbrot zu bringen und hatte stundenlang in den vielen Räumen gespielt.

Es gehörte natürlich den Hohenzollern und wenn der Prinz anwesend war, wurde immer geflaggt. Als 1812 das Kloster Kamenz säkularisiert wurde, kaufte die Prinzessin Friederike von Oranien den Ort Kamenz. Ihr Sohn, der später im Jahre 1840 als Wilhelm II König der Niederlande wurde, lebte längere Zeit hier. Die Herrschaft Kamenz ging dann 1830 an dessen Schwester Marianne und wurde Mitgift bei ihrer Hochzeit mit dem Preußen Prinzen Albrecht.  Weil das Kloster zwischenzeitlich teilweise abgebrannt war, beauftragte Marianne den Baumeister Schinkel mit dem Bau eines Schlosses, welches dann 1873 fertiggestellt wurde und im Besitz der Hohenzollernfamilie verblieb. Kamenz wurde Ende des neuzehnten Jahrhunderts ein Eisenbahnknotenpunkt. Der Ort zählte im Mai 1939 knapp 2500 Einwohner. Breslau liegt etwas nördlich und war mit der Bahn gut und schnell erreichbar.

Dann erinnerte ich mich an unseren Mühlgraben, in dem meine Freunde im Sommer immer badeten. Auf den Schulausflügen wanderten wir regelmäßig ins Riesengebirge. Ich bekam stets eine Zitrone von meiner Mutter mit, die ich in einer Flasche ausdrückte und mit herrlichem Bergquellwasser auffüllte. Keine gekaufte Limonade konnte diesen wunderbaren Geschmack ersetzen. Mutters Klöße und das selbst hergestellte Sauerkraut ließen mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ich war ja im Jahr der Machtergreifung des Führers zur Schule gekommen und zum Führergeburtstag am 20. April gab es damals Würstchen. Was hätte ich jetzt für ein schönes Würstchen mit Senf gegeben! Das Jungvolk und die HJ hatte ich wie jeder Junge im Dorf durchlaufen und war stolz gewesen, als ich mein Fahrtenmesser bekam. Es ging uns Kindern gut. Wir hatten sogar Witze über den Führer gemacht und nichts passierte. Die Lehrer waren natürlich sehr streng gewesen. Wer sich nicht fügte, bekam schnell etwas mit dem Stock über die Hände. Ich hatte immer Glück gehabt.

In Glaz ging ich zur Handelsschule und danach in die Schlageterschule zu Münsterberg ins Aufbaugymnasium. Dort wollte ich das Abitur machen und danach Förster werden! Mit meiner Großmutter ging ich als kleiner Junge oft in den Wald zum Pilze sammeln. Sie war sehr erfahren darin gewesen und fand schnell die besten Plätze mit den schönsten Pfifferlingen. Die schlesischen Wälder sind ohnehin ein Naturwunder für sich. Häufig begleitete uns meine sechzehnjährige Tante, die mir eigentlich mehr eine große Schwester war. 

Im November liefen wir Schlittschuh und pünktlich mit dem ersten Schnee, meistens Anfang Dezember, wurden dann die Skier hervorgeholt. Es gab wunderschöne Berge, die wir hinunter sausten und natürlich hatten wir uns auch einige kleine Sprungschanzen gebaut. Es verging kein Wintertag ohne Blessuren und blaue Flecke, aber das schreckte mich nicht ab. Im Gegenteil. Ich ließ mich immer wieder hinuntergleiten, presste dann die Arme fest an den Körper und stellte die Füße zusammen, um soweit wie nur möglich zu fliegen.

Wie in Zeitlupe lief mein Leben in diesem schrecklichen Augenblick an mir vorbei. Doch was dann geschah, übertraf alles, was ich bisher erlebt hatte. Der Fallschirmspringer entriss einem der Feldjäger das Maschinengewehr und plötzlich lagen beide erschossen am Boden.

Und dann liefen wir los. Wieder rannte ich um mein Leben.  Ein LKW hielt neben uns an. Darauf saßen die wenigen Kameraden, die übrig geblieben waren. Unser Hauptmann wusste schon lange, dass wir den Krieg verloren hatten. Er wollte nicht auch noch die letzten seiner Soldaten verheizen. Wir fuhren nicht mehr nach Berlin, sondern in Richtung Ostsee. So konnte ich dem ‚Kessel‘ entfliehen.

Ich kam nach ‚Himbergen’ in Niedersachsen in englische Gefangenschaft und erlebte dort mit hunderten Kameraden hinter einem hohen Stacheldrahtzaun hungernd und ausgezehrt meinen achtzehnten Geburtstag am 06. Mai 1945. Gemessen an den Lebensmitteln, die wir in der Gefangenschaft erhielten, kann ich mir mit dem, was ich mir heute für die Lebensmittelmarken holen darf, tagelang den Bauch vollschlagen. Nicht einmal an der Front mussten wir so hungern, wie in der Gefangenschaft.

Der Führer war inzwischen in Berlin den Heldentod gestorben. Er hatte sein Land in Trümmern zurückgelassen. Ich wusste nicht mehr an wen oder an was ich noch glauben sollte! Irgendwann konnten wir dann nach Hause gehen. Aber wo war mein zuhause?

Ich erfuhr natürlich, dass Schlesien nun von Polen besetzt war und sie alle Bewohner aus ihren Häusern vertrieben hatten. Meine Mutter und meine Schwester waren mit der Großmutter und den Tanten sicher auch geflohen. Aber wie sollte ich sie in dem zerbombten Land je wieder finden?

Der Russe stand an der Elbe. Auf der anderen Seite teilten sich die Amerikaner unser tausendjähriges Reich nun mit den Engländern und den Franzosen. Siegermächte nannten sie sich. Und ich wollte doch nur meine Mutter und die kleine vierjährige Schwester wiedersehen!  Hatten wir unsere Heimat wirklich für immer verloren?  Ich war so sehr ausgemergelt und verhungert, dass ich dankbar das Angebot eines Kameraden, eines hessischen Bauern, annahm und ihn zu sich nach Hause begleitete. Dort in Hessen konnte ich mich wieder etwas „aufpäppeln“. Dann fuhr ich im Güterwagen quer durch Deutschland bis nach Österreich und zurück, suchte verzweifelt meine Familie und schlief dabei draußen unter Brücken, wie die meisten anderen, die ich unterwegs traf.

Das Leiden der Menschen im zerstörten Deutschland war unvorstellbar. Ständig kamen auch neue Flüchtlingsströme aus dem Osten an. Meine Mutter war aber nie dabei. Die Männer erzählten von Gräueltaten der Sieger an der Bevölkerung. Zu grausam, um sie niederzuschreiben. Ich hörte ihnen zu und dachte dann auch an die eigenen Erlebnisse mit unseren Leuten. Es klingt hart, aber wir waren nicht besser gewesen. Es bewahrheitete sich nur ein altes Sprichwort: ‚Wie du mir, so ich dir.‘ Ich musste hilflos zusehen, wie Kameraden kaltblütig unschuldige Zivilisten und unsere Kriegsgefangenen töteten.

Meine katholische Erziehung war tief mit meinem Gewissen verwurzelt und ich flehte den Herrn an, mich nicht solchen furchtbaren Erlebnissen auszusetzen. Ich werde diese Bilder mit Sicherheit nie vergessen. Als es dann die dafür verantwortlichen Kameraden traf, konnte ich wenig Mitgefühl mehr für sie aufbringen.

 

Nach dem Krieg heuerte ich als Matrose auf einem Minensuchboot an und versah meinen Dienst als Steward beim Kapitän. Vom 11.02.1946 bis zum 18.12.1947 räumten  wir Minen in Norwegen.  Es war alles in allem keine schlechte Zeit. Ich hatte Arbeit und genug zu essen. Der Kapitän war ein guter Vorgesetzter und auch mit den Kameraden an Bord verstand ich mich bestens. Da ich nicht schwimmen konnte, lag meine Rettungsweste stets griffbereit. Sehr zur Freude der Kollegen, die immer wieder lachten, wenn sie mich in Schwimmweste auf dem Schiff herum laufen sahen.

Doch meine Gedanken wanderten vor allem nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, weit weg zu meiner Familie.

Ich hatte noch kein Lebenszeichen von meiner Mutter erhalten und auch sonst nichts von Bekannten oder Verwandten aus dem Dorf erfahren.  Als wir wieder nach Kiel Friedrichsort kamen und das Schiff  eine Zeitlang auf der Werft überholt werden musste, hörte ich plötzlich, dass jemand auf dem Flaggschiff Kontakt zu Leuten aus Kamenz hergestellt hatte. So erfuhr ich endlich den Aufenthaltsort meiner Mutter. Sie hatte das Elternhaus bei Nacht und Nebel mit nur wenigen Habseligkeiten verlassen müssen und war mit vielen anderen zusammen mit meiner kleinen Schwester im Güterwaggon in den Westen geflohen.

Der Flottenkommandant gab mir sofort frei und mit einem Seesack voller Lebensmittel konnte ich ihnen etwas aus der schlimmsten Not helfen. Bleiben wollte ich jedoch nicht, denn es war ohnehin viel zu wenig Platz in der Notunterkunft im niedersächsischen Dinklage. Aber wir hatten überlebt und waren wieder zusammen.  Mutter meinte, wir müssten dem Herrgott dafür dankbar sein. Durch ihren starken Glauben konnte sie sich mit der Situation arrangieren.  Doch die Heimat sah sie nie wieder!

Langsam fing ich an, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Ich kannte ja nur die Nazidiktatur und war wie selbstverständlich damit aufgewachsen. In der Familie gab es zwar keine übermäßige Sympathie, aber andererseits auch keine Ablehnung. Wir fügten uns in das System, das die Regierung vorgab. Von den Gräueltaten in den Konzentrationslagern wurde nichts in der Wochenschau berichtet. Erst nach dem Krieg hörte ich, was man dem jüdischen Volk und all den anderen, die nicht ins Regime passten, dort angetan hatte. Fassungslos und ungläubig las ich voller Entsetzen die Zeitungsberichte und schämte mich einmal mehr, damals dem Führer so begeistert wie die anderen Kinder und Erwachsenen zugewunken zu haben.

Vor mir liegt das Foto des Schlosses Kamenz. Es ist eines der wenigen Bilder, die mir von zu Hause geblieben sind. Ob ich es je wiedersehen werde? Unsere Begeisterung haben wir mit dem Verlust der Heimat teuer bezahlt. Und wie viele Menschen sind in diesem sinnlosen Krieg gestorben! In meinem Kopf sehe ich gefallene Kameraden und verbrannte Erde.

Nachdenklich schaue ich auch auf meine Lebensmittelmarken.  Wir hatten uns als die Herren der Welt aufgespielt und uns über andere Völker erhoben. Gott lässt nichts ungestraft geschehen. So war es mir im Kommunionsunterricht und im Elternhaus beigebracht worden. Wir wurden für unseren Hochmut bestraft. Es ist beruhigend zu wissen, dass es auch die Verantwortlichen getroffen hat. Bis zum 11. April 1949 dauerten die Nürnberger Prozesse. Fast alle wurden zur Rechenschaft gezogen.  Nur das macht all das Leid und Grauen leider nicht ungeschehen. 

Im August 1949 habe ich nun meinen ersten Zollgrenzschutzlehrgang in Cuxhaven absolviert. Das Gruppenfoto vor mir zeigt die Klasse 7 mit den Kollegen.

Und jetzt bin ich hier in Groß Saarau an der Zonengrenze und versehe meinen Dienst. Unser Zollhaus ist alt und es gibt nur einen Ofen.  Wir sind vier Kollegen, die sich zwei feuchte kleine Schlafräume teilen. Wer ein Geschäft zu verrichten hat, muss in den angrenzenden Wald gehen. Am Ende des Monats fahre ich mit dem Rad nach Lübeck. Ich muss dann monatlich mit 5 DM meinen schwarzen Anzug abbezahlen und kann mich in einem Badehaus für 50 Pfennige baden.  Es ist wieder bitterkalt und doch fühle ich etwas Wärme in mir.

Mutter und die kleine Schwester leben. Es geht ihnen zwar nicht übermäßig gut, aber sie haben ein Dach über dem Kopf und sie sind am Leben. Nur das allein zählt im Augenblick. Und ich habe nun einen Beruf, der mir ein, wenn auch sehr bescheidenes Einkommen gewährleistet. Meinen Traum konnte ich nicht verwirklichen. Für die Ausbildung zum Forstgehilfen war ich zu jung und für den Polizeidienst zwei Zentimeter zu klein. Aber die Zollprüfung habe ich mit guten Noten bestanden.

Am Schlagbaum stehen wir uns mit den russischen Soldaten Aug in Aug gegenüber. Einer schenkte mir gestern eine kleine Friedenstaube in Form einer Anstecknadel. Ein gutes Omen? Es war eine sehr gefährliche Situation. Er hatte sie mir gezeigt und dann auf den Grenzstreifen gelegt, den wir eigentlich nicht betreten durften. Ich sah mich kurz um und sprang schnell über den Schlagbaum. Es ist ein schönes Andenken. Ich habe versucht, mich auf Russisch bei ihm zu bedanken.  Vielleicht bringt das unsere Völker ja eines Tages wieder etwas näher. Wir Bürger werden nicht gefragt. Wir sind abhängig vom Handeln der Politiker und es bleibt nur zu hoffen, dass diese auch weise und gut für unser Land entscheiden.

Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft und seit dem 14. August gibt es in Deutschland eine demokratisch vom Volk gewählte Regierung. Kurz nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland mit unserem neuen Präsidenten Theodor Heuss, entstand drüben im anderen Teil ebenfalls ein neuer Staat. Die Ereignisse haben sich eigentlich für uns fast überschlagen.  Wird die ganze Welt denn jetzt in zwei Hälften geteilt? Ich fühle mich hier westlich der Elbe recht sicher, aber was ist, wenn es wieder einen neuen Krieg gibt? Wir haben uns doch von dem Letzten noch gar nicht erholt. Überall liegen die Städte in Trümmern. Die Menschen suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen und viele meiner Kameraden sind in russische Gefangenschaft nach Sibirien verbracht worden.

Ob die Menschheit jemals vernünftig wird und die Völker lernen werden, in Frieden miteinander zu leben?