Manuel Magiera

 

Ihr Pharisäer!

 

Siegertitel aus dem Tredition—Bookrix Schreibwettbewerb September 2009

„Kurioses aus meinem Bundesland“ erschienen als Sammelband im Verlag Tredition

ISBN 978-3-86850-450-7    www.tredition.de

 

Pastor Johannes kniete vor dem Kreuz seines Herrn. Voller Demut sah er den geschundenen Körper Christi an und streckte ihm flehend die Hände entgegen.

„Herr hilf mir! Der Alkohol ist des Teufels Werk! Lass nicht zu, dass meine Gemeinde daran zugrunde geht.“

In gut zwei Stunden wird sich die alte Nordstrander Seefahrerkirche mit den Gläubigen gefüllt haben. Er wird ihnen am diesjährigen Reformationstag eine Predigt halten, die sie sobald nicht wieder vergessen werden. Und heute, am 31. Oktober 1870 soll die Gemeinde Nordstrand endlich für alle Zeiten dem Alkohol abschwören! Nachdenklich bestiegen die Kirchgänger denn auch an diesem Sonntag wieder ihre Pferde- und Ochsenfuhrwerke. Was der Herr Pastor da von ihnen verlangte, beschäftigte die Bürger doch in den nächsten Tagen und Monaten sehr. Eine Kindstaufe oder gar eine Hochzeit ohne einen Tropfen Alkohol, das war einfach unvorstellbar! Aber wenn es denn der Pastor so möchte und es auch der Wunsch ihres Herrn Jesus ist, so wollten sie es doch wenigstens versuchen.

Eine Woche später heiratete Bauer Thomsen seine junge Magd Gertrude. Was soll ich euch sagen---------das Fest wurde eine einzige Katastrophe! Es gab nur Tee und Kaffee. Die Kinder bekamen Saft und die Erwachsenen verabschiedeten sich allesamt sehr frühzeitig vom Brautpaar. Nur der alte Pastor Johannes war mit sich zufrieden.

Aber so konnte es nicht weitergehen! Die Bürger beratschlagten, was man tun könne. Marie, eine sehr alte erfahrene Dienstmagd wusste Rat. Die Frauen füllten Rum in die Tasse und gossen Kaffee darauf. Damit man aber den Alkohol nicht roch, setzten sie ein Sahnehäubchen oben auf. Natürlich bekam der Herr Pastor nur eine normale Tasse Kaffee. Darauf achteten die Nordstrander Frauen sehr genau.

Im November gab es eine Kindstaufe.

Und dieser Tag, an dem die kleine Clara Johanna Hansen vom Herrn bei ihrem Namen gerufen wurde, rückte die Welt auf Nordstrand wieder gerade. Es wurde ein fröhliches Fest. Alle Einwohner feierten unbekümmert und ausgelassen bis zum nächsten Morgen. So vergingen die Wintermonate. Die Nordstrander Bürger genossen wieder ihre Dorffeste und Pastor Johannes kniete in seiner Kirche und dankte dem Herrn. Dann nahte das Frühjahr. Aber vorher, am 22.Februar, feierte man traditionell seit dem 17. Jahrhundert den Petritag. Petrus war der Schutzpatron aller Fischer und am Abend wurden die Walfänger mit einem großen Feuer, der Biike, sowie einem Fest verabschiedet. So geschah es auch am 22. Februar 1871.(Heute hat man den Brauch auf den 21.Februar verlegt.)

Dete Clausen war eine junge hübsche sechzehnjährige Deern aus Husum und zu Weihnachten zu Onkel und Tante auf den Hof nach Nordstrand in Stellung gekommen, wie man damals sagte. Die gefüllten Kaffeetassen standen auf dem Tisch und die flachsblonde Dete nahm behände das Tablett auf. Natürlich bediente sie als wohlerzogenes Mädchen zuerst den Herrn Pastor. Der wunderte sich auch des Öfteren, wie leicht sich die Nordstrander Bürger von den alkoholischen Getränken losgesagt hatten, aber er war ein sehr frommer und gottesfürchtiger Mann und schrieb es der grenzenlosen Güte und Gnade seines Herrn Jesus Christus zu. Während er an seine nächste Sonntagspredigt dachte, nahm er einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Dann noch einen und seine Stirn hob sich in derselben Weise wie er gleichzeitig tief einatmete und seine Augen weit öffnete. Wutentbrannt setzte er die weiße Tasse mit dem hübschen blauen Friesenmuster auf dem Tisch ab.

Er erhob sich schwerfällig von seinem Stuhl und im großen Saal des Pharisäerhofes, der damals noch „Zum Seehund“ hieß, wurde es  plötzlich ganz still. Pastor Johannes war nämlich eine stattliche Erscheinung mit einer Körpergröße von etwa 1,80 m.

„Ihr Pharisäer!“, rief er erbost seiner Gemeinde zu.

 

„Und was geschah dann?“

Die sechsjährige Claudia sieht Hans Hansen aufmerksam an. „Nichts!“, antwortet der alte grauhaarige Mann in dem gestreiften Polohemd. „Aber von dem Tag an, hatte das Getränk einen Namen.“

„Was ist denn nun das Geheimnis dieses Zaubertranks und warum stand der Pastor so böse auf?“, will Roman Kaiser wissen. Der Berliner Lehrer macht gerade zusammen mit seiner Frau Gisela und den Kindern Claudia und Timmi Urlaub auf Nordstrand.

„Uwe, giv uns mol dree Pharisäer vun din Husmarke!“ Hans Hansen nickt dem Kröger auffordernd und freundlich zu. „Probeeren geiht över stodeeren, seggn wi hier an ne Küste!“

Gisela hat den auf dem Tisch liegenden Prospekt gelesen, während sie ihrem zweijährigen Sohn einen Löffel Eis in dessen weit geöffneten Mund schiebt. „Hier steht, unten kommt ein Stück Zucker in die Tasse und dann gießt man Rum darauf. Danach wird das Ganze mit Kaffee aufgefüllt und damit man den Rum nicht riecht, kommt noch ein Sahnehäubchen obendrauf!“ Hans Hansen verteilt die drei Tassen auf sich und das junge Lehrerehepaar aus Berlin.

„Na denn! Natürlich sagt kein Küstenbewohner „Prost“, denn das würde ja dem Herrn Pastor alles verraten haben. Es heißt bei uns nur schlicht: „Na denn!“ Außerdem gibt es eine Regel: Wer sechs Pharisäer getrunken hat, bekommt den Siebenten umsonst und den Anruf fürs Taxi.“

„Wissen Sie“, meint Gisela, „unsere Kollegen fahren alle mit den Kindern ins Ausland. Aber wir haben uns entschlossen, unseren beiden die Schönheit Deutschlands zu zeigen!“

Es wurde ein kurzer aber sehr vergnüglicher Abend.

„Papa hat gestern Abend die Schönheit Deutschlands gesehen, er ist krank und kann jetzt nicht ans Telefon kommen und Dete hat die Tassen vertauscht“, meldet die kleine Claudia am nächsten Morgen den überraschten Großeltern nach Berlin.

Viele Jahre später erfuhr sie auch, dass die Pharisäer eine Gruppe Menschen in der jüdischen Religion waren und  bereits 135 Jahre vor Christi Geburt lebten. Übersetzt heißt Pharisäer die „Abgesonderten.“ Der Name kam daher, weil sich die Gruppe sehr intensiv um die Einhaltung der Regeln aus den Büchern Mose bemühte und überaus fromm lebte. Zu fromm, wie Jesus später wohl meinte und sie als überheblich und selbstgerecht bezeichnete. Durch diese Kritik, die eigentlich, weil aus dem Munde Jesu gekommen gar keine war, benutzten viele Christen das Wort später als eine Art Schimpfwort. Jedoch waren und blieben die Pharisäer, die auch als Schriftgelehrte bezeichnet wurden, eine vom Volk sehr geschätzte Laienbewegung.